Niemand ist eine Agarplatte

Die öffentliche (Nicht-)Debatte wird von einem anti-aufklärerischen Menschenbild bestimmt.

 

Ist der Mensch ein Hohlkörper, ein Speichermedium, eine Agarplatte?

Nun, da gibt es viele, von denen man sagen würde: Ja.

Darum fragen wir lieber konkreter: Sind Sie es?

Nicht? Kennen Sie denn jemanden, der das von sich zugeben würde?

Auch nicht?

Wie kommt es dann, dass die öffentliche Debatte dieses Bild so hartnäckig zeichnet?

Häufig offenbaren sich gesellschaftliche Veränderungen gleichzeitig in verschiedenen Systemen, so als ob eine tiefere, umfassende Strömung an unterschiedlichen Stellen durchbricht. Ich denke beispielsweise an die Parallele zwischen dem oft nur noch vorgetäuschten Wettbewerb in den Oligopolen unserer sogenannten Marktwirtschaft und der nur noch vorgetäuschten politischen Debatte im engen Meinungskorridor unserer sogenannten Demokratie. Es gibt keine oder nur schwache kausale Verbindungen zwischen den beiden Entwicklungen, und doch gehören sie, auch zeitlich, zusammen.

Ähnliches ist derzeit im Menschenbild zu beobachten. Der menschliche Körper, der menschliche Verstand und die menschlichen Sozialsysteme werden gleichermaßen entmündigt: auf ganz unterschiedliche Weise, und doch erstaunlich parallel. Protagonisten der öffentlichen Meinung verbreiten auf allen drei Ebenen des Organismischen das Bild, es handelte sich um passive Rezeptoren, um wehrlose Nährböden. Das ist nicht nur faktisch falsch, es ist auch ein Bruch mit dem Menschenbild der Aufklärung, auf dem jede Demokratie beruht. Es ist gefährlich.

Körper sind selbsterhaltende Systeme

Auf der Ebene des Körperlichen wurde das während der Coronapandemie deutlich. Als Abwehrmaßnahmen gegen das Virus wurden nur Mittel zwischen den Menschen propagiert: Masken, Abstände, Quarantäne. Das Virus – das nicht einmal ein lebendes System ist – wurde zum Handelnden erhoben, der wehrlose Opfer befällt. Und in gewissem – durchaus strittigem – Maße haben diese Präventionsmaßnahmen ja auch geholfen; es liegt mir fern zu bestreiten, dass Viren infektiös sein können.

Aber Körper sind nicht nur Virusbrutstätten, wie sie in den epidemiologischen Modellen erscheinen. Sie sind selbsterhaltende Systeme, die sich gegen Verletzungen ihrer Integrität zur Wehr setzen können. Dazu verfügen sie beispielsweise über ihr Immunsystem. Die verschiedenen Zellklassen unseres Immunsystems patrouillieren laufend unseren Körper und haben eine ganze Reihe von wirksamen Mechanismen parat, um Krankheitserreger zu erkennen und zu eliminieren.

Doch die einzige Coronamaßnahme, die dazu gedacht war, das Immunsystem zu stärken, war die Impfung – wiederum ein Eingriff von außen. Autonome Maßnahmen wie Sport, gesunde Ernährung und Kontakt mit anderen Menschen hingegen, die das Immunsystem im Ganzen stärken können, wurden entweder vernachlässigt oder gleich ganz verboten. Vermutlich nicht aus böser Absicht: Es kam den Politikern und medizinischen Experten wohl eher schlicht gar nicht in den Sinn, dass man die Menschen auch so betrachten könnte. Und das ist fast noch schlimmer.

Schöpfer der eigenen Innenwelt

Und auf der Ebene des Geistigen?

Auch hier hat sich in aller Stille ein Menschenbild etabliert, das dem Ideal der Aufklärung und des Humanismus diametral entgegensteht. Nein, explizit gesagt wird das nie. Aber implizit entdeckt man es überall.

Vor allem natürlich darin, wie Regierende und ihre Gehilfen mit Äußerungen umgehen. Sie werden behandelt wie Informationsviren, die einen passiven Wirt befallen. Falschmeldungen und Hetze – die man jetzt „Fake News“ und „Hate Speech“ nennt, um sie als etwas Neuartiges darstellen zu können – gelten als gefährlich und infektiös, und müssen daher mit allen Mitteln der Zensur an ihrer Verbreitung gehindert werden.

Wenngleich solches Vorgehen offensichtlich vom Machtwillen getrieben ist, ist der dahinterstehende Gedanke doch keine Erfindung der Politik. Die Idee, Informationen zu infektiösen Einheiten zu erklären, die sich von Mensch zu Mensch verbreiten wie ein Virus, feiert gerade ihr goldenes Jubiläum: Im Jahre 1976 erfand Richard Dawkins, der Lebewesen ansonsten als ebenso passive Verbreiter ihrer Gene ansieht, das „Mem“. In seinem Buch „The selfish gene“ erläuterte er die Theorie der Soziobiologie, derzufolge alle Evolution nur die Verschiebung von Allelhäufigkeiten im Genpool ist, und Genvarianten folglich erfolgreichere Körper konstruieren „wollen“, um sich stärker durchzusetzen, und dazu auch entsprechendes Verhalten hervorbringen. Selbstbestimmung und Handlungsfähigkeit verlagern sich bei ihm vom lebenden Individuum hin zu seinen Genen: „We are survival machines – robot vehicles blindly programmed to preserve the selfish molecules known as genes.“

Selbst Dawkins konnte aber nicht ignorieren, dass menschliches Verhalten allerhand Erscheinungsformen hat, die nicht genetisch bestimmt sind. So erfand er das Mem als kulturelles Gegenstück zum Gen – ohne es freilich sauber zu definieren. Ein Mem ist irgendeine Informationseinheit, sei es ein Bild, eine Melodie oder gleich eine ganze wissenschaftliche Theorie. Wie sie genau abzugrenzen sein soll, muss offenbleiben. Wichtig ist ohnehin nur: Sie wird weitgehend unverändert weitergegeben, kann aber mutieren, um eingängiger und infektiöser zu werden. Auch auf der Ebene des Geistigen ist für Dawkins nicht der Mensch der Handelnde, sondern das unbelebte Mem.

Eine vorsintflutliche Idee geht viral

In der Internetkultur hat sich dieser Gedanke tatsächlich epidemisch verbreitet. Hier ist das „meme“ zum geflügelten Wort geworden, und es „geht viral“. Das sollte aber nicht darüber hinwegtäuschen, dass es für die Kognitionswissenschaft ein Rücksprung in die Theoriesteinzeit ist. Dass das Wissen eines Menschen ein assoziativ vernetztes System von Glaubenssätzen ist, das sich durch rigorose Auswahl selbst erhält (Kognitivismus), und dass sich dieses System sogar aktiv ein eigenes Weltbild konstruiert, ohne dabei notwendigerweise auf äußeren Input allzu viel Rücksicht zu nehmen (Konstruktivismus) – das sind grundlegende und wirkmächtige Theorien des Fachgebiets. Dawkins ignoriert sie völlig; er tut einfach so, als wären Köpfe hohl.

Aber damit hat er leider Schule gemacht. Und das auch bei Leuten, die ihn vermutlich nie gelesen haben: Auch dies ist eine Strömung, die allenthalben zutage tritt. (Abschweifung: Sowieso war das Bittere an der Soziobiologie stets weniger ihre wissenschaftliche Schlichtheit, als vielmehr, dass Menschen sich tatsächlich so verhalten, wie sie es vorhersagt. Es gibt reiche Männer und junge Frauen, die ihren Fortpflanzungserfolg genauso maximieren, wie es im Buche steht. Und das dumme Mem der Memetik war tatsächlich für einige Zeit virulent – es gab sogar ein „Journal of Memetics“. Zumindest in der Wissenschaft aber hat mittlerweile das Immunsystem seinen Dienst getan. Weiter im Text:) Statt als autonome Schöpfer ihrer eigenen Innenwelt werden Menschen allenthalben als Replikatoren von Informationsviren betrachtet. Implizit – und mutmaßlich unbewusst – sogar in der Herzkammer der Aufklärung:  Im Korridor meines Instituts werben Plakate für Open Access. Unter anderem steht da: „Open Access baut Elfenbeintürme ab.“ Aber so sehr ich den freien Zugang zu Forschungsergebnissen zu schätzen weiß (wie die Verlage damit Reibach machen, sehe ich allerdings mit Widerwillen, doch das ist ein anderes Thema) – die Elfenbeintürme der Wissenschaft baut man nicht ab, indem man Informationen verfügbar macht, sondern nur, indem man möglichst viele Menschen befähigt, sie zu verstehen.

Ebenso bekämpft man missliebige Denkweisen wie Rassismus und Antisemitismus nicht, indem man sie verbietet und zensiert. „Hassrede“ infiziert niemanden, „Verschwörungstheorien“ haben nicht die Macht, ein Gehirn zu kapern. Wer meint, Zensur wäre wirksam, angemessen und sogar erlaubt, um unerwünschte Gedanken einzuhegen, offenbart damit nur sein eigenes totalitäres Denken. Er offenbart, dass er seine Mitmenschen (nicht hingegen sicherlich sich selbst) als unmündige, schutzbedürftige Brutkammern böser „Meme“ sieht, und nicht als selbstbestimmte Individuen, die ihre Interessen in einer Debatte vertreten können. Er verleugnet die humanistische Grundlage jeglicher Form von Demokratie. Dass die Zensurbefürworter zugleich meist leidenschaftlich überzeugt sind, „unsere Demokratie“ damit zu retten, ist bitter ironisch.

Wir brauchen eine neue Aufklärung!

Herrschende Menschenbilder formen auf subtile, aber unwiderstehliche Weise das politische Handeln, die gesellschaftliche Organisation. Und wenn das herrschende Menschenbild das Menschenbild der Herrschenden ist, dann ist Selbstbestimmung darin eher nicht vorgesehen. Die Mächtigen verbreiten gerne, dass die Masse Führung bräuchte. Aber die Masse macht das erst wahr, indem sie es glaubt. Wir haben es daher alle in der Hand, uns auszuliefern – oder nicht.

Während in den Sonntagsreden noch das Erbe der Aufklärung beschworen wird, ist sie in der gesellschaftlichen Realität längst entsorgt. Wer den „Ausgang aus der selbstverschuldeten Unmündigkeit“ sucht, ist ein Schwurbler und macht sich verdächtig. Kritisches Denken katapultiert stracks aus der Komfortzone, denn Mündigkeit verlangt immer Mut. Darum heißt es: „Sapere aude!“ – „Wage zu wissen!“ Dieses Wagnis müssen wir nicht nur eingehen, sondern unseren Mitmenschen tagtäglich abverlangen, wenn wir in einer freien Gesellschaft leben wollen.

Wir brauchen (wie übrigens auch Overton-Mitautor Bernd Schoepe fordert: PDF) eine neue Aufklärung. Wenn wir Demokratie und Selbstbestimmung erhalten wollen, müssen wir in unserem eigenen Handeln täglich das Menschenbild der Aufklärung bestätigen: Immer – auch gegen ungezählte Frustrationen – daran glauben, dass Debatten möglich sind. Dass unser Gegenüber sein Bestes tut, um mit der Welt klarzukommen – auch wenn es uns wie ein Schattenkampf erscheint. Dass Argumente Wert haben, und jede Ansicht geäußert werden darf. Dass Macht und Mehrheit keine Argumente sind, sondern meistens das Eingeständnis, keine zu haben.

Ja, die Anderen benehmen sich, wieder und wieder, so als wären sie Agarplatten. Aber wenn wir sie so behandeln, als hätten sie recht, haben sie gewonnen. Wir müssen ihnen zumuten, mündige Menschen zu sein.

Konrad Lehmann

Konrad Lehmann studierte Biologie und Verhaltensforschung, promovierte in Neurobiologie und absolvierte seine Habilitation in Zoologie. Heute lehrt und forscht er an der Friedrich Schiller-Universität in Jena darüber, wie Umweltbedingungen die Formbarkeit des Gehirns beeinflussen. Als studierter Verhaltensforscher, promovierter und habilitierter Neurobiologe vermag er alle großen Themen der Hirnforschung lebendig und im Zusammenhang darzustellen. Wie Kreativität im Gehirn entsteht, hat er in seinem bei Springer erschienenen Buch „Das schöpferische Gehirn“ unterhaltsam verständlich gemacht, und in „Für mein Gehirn bin ich selbst verantwortlich“ dargelegt, wie die Gehirnentwicklung zeitlebens durch die Umwelt beeinflusst wird. Zuletzt erschienen: „Das Bewusstsein der Tiere.
Eine neurobiologische Exkursion zu den Gipfeln des Geistes“.
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