Nichts wissen macht auch nichts

Bild: pixy.org/CC BY-NC-ND-4.0

Oder ganz grundsätzlich: Was ist Wissen?  Zweifelhaft erscheint, ob die Wissenschaft heute noch Wissen schafft.

 

Dass ich das einmal schreiben würde! Noch vor wenigen Jahren hätte ich es für unmöglich gehalten. Academia ist meine Heimat, Wissenschaft meine Leidenschaft. Viele Jahre lang habe ich in loser Folge für Telepolis über Hirnforschung geschrieben. Ständig und zuverlässig gab es Themen, die mich begeisterten: Sei es die verkörperte Kognition und ihre Bedeutung für Autismus, sei es die Wirkung von Licht auf das Gehirn, sei es die Rechenleistung des Einzelneurons oder die Möglichkeit, Erinnerungsnetze optogenetisch – also mit lichtgesteuerten Ionenkanälen – experimentell aufzurufen.

So beeindruckend fand ich diese Erkenntnisse, dass ich auf Telepolis und auch anderswo öffentlich eine Lanze für Tierversuche brach. Und zwar grundsätzlich: nicht mit dem üblichen verschämten Gedruckse, dass die Forschung ja vielleicht irgendwie, irgendwann eines Tages auch mal Menschenleben retten könnte. Sondern mit der Überzeugung, dass die weltzugewandte Neugier des Menschen einer seiner heiligsten Triebe sei. Und dass dafür auch Tiere sterben müssen, solange es – gemäß den reichlich vorhandenen Vorschriften – schmerzlos geschieht.

Doch seitdem wir zu Overton umgezogen sind, habe ich kaum noch populärwissenschaftliche Artikel verfasst. Das hat sicherlich viele Gründe, von denen die meisten hier nicht interessieren. Der eine Grund aber, der mich zweifeln lässt, lautet: Ich finde keine Themen mehr.

Wer will das wissen?

Noch immer bekomme ich die table of contents-Alerts der großen wissenschaftlichen Zeitschriften in meine Inbox. Noch immer lese ich sie alle getreulich durch auf der Suche nach einem Forschungsartikel, der mich mitreißt. Irgendwas, das man der Welt erzählen müsste.

Aber da ist nichts.

Vielleicht liegt es daran, dass die Neurobiologie insgesamt etwas aus der Mode gekommen zu sein scheint. Es gibt ganze Ausgaben von Nature und Science ohne einen einzigen Artikel aus dem Feld. Bestimmt liegt es auch daran, dass ich selbst nicht mehr forsche, und dann sind die Trauben der Anderen natürlich sauer.

Doch aus meiner Sicht als Wissenschaftsjournalist liegt es auch daran, dass es zu den aufwendigen, hochrangig publizierten Forschungsarbeiten nichts zu erzählen gibt. Bestenfalls noch werden Schaltkreise aufklamüsert, die für ganz isolierte Verhaltensfunktionen zuständig sind. (Die Arbeit von Ende Januar, die zeigte, dass lokale Azetylcholinausschüttung im sog. Belohnungssystem dafür verantwortlich ist, dass wir Ziele, in die wir viel investiert haben, wertvoller finden, hat mich tatsächlich mal fast schwach gemacht.) Häufiger geht es aber um irgendwelche Ionenkanäle irgendwo, um esoterische Fragen der Entscheidungsbildung oder um Neuentdeckungen in der frühen Embryonalphase. Und ganz viel um Funktionen im Fruchtfliegengehirn. Würden Sie, liebe Leserin, lieber Leser, das lesen wollen? Wenn ja, dann schauen Sie sich die Publikationen bitte an und erklären sie mir. Ich müsste sie erst mal verstehen, ehe ich darüber schreiben könnte.

Verloren auf der unendlichen Oberfläche

Das kann selbstverständlich an mir liegen. Ich bin halt – s.o. – ein bisschen raus. Aber ich schiebe es lieber auf den unvermeidlichen Gang der Wissenschaft.

Wie ich schon vor gut elf Jahren feststellte, steigt die Zahl publizierter wissenschaftlicher Arbeiten Jahr für Jahr exponentiell. Dafür mag es wirtschaftliche und soziale Erklärungen geben, aber möglich ist es m.E. nur deshalb, weil die „Oberfläche“ der Welt, die wir beschreiben, selbst fraktal ist, und mithin auch ihre Beschreibung. Und fraktale Kurven wachsen exponentiell: Mit jedem linearen Vergrößerungsschritt erhöht sich die Länge der Kurve um denselben Faktor.

Benoit Mandelbrot – der mit dem Apfelmännchen – hat das 1967 mal an der Küste Englands durchexerziert. Deren Länge ist unmöglich zu bestimmen, denn auf je kleinerem Maßstab man misst, desto mehr Kurven und Nischen nimmt man mit, und desto länger wird sie. Bei unendlich genauer Messung wird sie unendlich lang. Dasselbe gilt für die wissenschaftliche Forschung: Längst schon betrachten wir nicht mehr nur Hirne, nicht mehr nur Hirngebiete, nicht mehr nur Schichten in Hirngebieten, nicht mehr nur Zellen in Schichten, sondern Subpopulationen von Zellen, die Organellen darin und die Kanäle und Rezeptoren darauf.

Die offensichtliche Folge ist, dass der Überblick verloren geht. Heute forscht der Eine in einer Felsnische an der schottischen Küste, die Zweite in der Arschfalte des Apfelmännchens, und die Dritte unter einem Knubbel der Koch-Kurve. Aber welche Form ihre jeweilige Kurve hat, wüssten sie alle nicht zu sagen. Und auch von außen, für den Schreiberling, wird es immer schwieriger, das mikroskopische Gekräusel als bedeutsame Änderung der Gesamtform zu erklären.

Erfundene Wirklichkeiten

Das ist auf den ersten Blick besorgniserregend. Welchen Sinn und Nutzen hat Wissen, das nicht in einen Zusammenhang gebracht werden kann? Ist es überhaupt Wissen? Unterscheidet sich Wissen von Information nicht vielleicht gerade dadurch, dass es lebendige Bedeutung für das Subjekt hat?

Es ist aber auch problematisch für die Wissenschaft selbst. Das Laborjournal entdeckt in seiner aktuellen Ausgabe „Risse im Elfenbeinturm“ und warnt im Leitartikel vor der „größten wissenschaftlichen Krise aller Zeiten“: wegen der großen und wachsenden Zahl von gefälschten Artikeln in der wissenschaftlichen Literatur. Die ihrerseits damit zusammenhängt, dass in verschiedenen Untersuchungen nur ein Bruchteil der publizierten Studien reproduzierbar war. Ein beachtlicher Teil der exponentiell wachsenden Publikationsmasse, so scheint es, beschreibt gar nicht mehr die Oberfläche der Welt.

Und das ist eine Folge der fraktalen Publikationsvermehrung: Ergebnisse sind zu speziell und Methoden zu aufwendig, um noch eine Reproduktion zu erlauben. Kaum jemand forscht in derselben Nische wie sein Kollege und könnte dessen Studien auch nur nachkochen – selbst wenn Geld und Antrieb da wären. Gleichzeitig ist ein wichtiges Korrektiv verlorengegangen, nämlich das persönliche Vertrauen. Noch vor wenigen Jahren wäre eine Schwemme von KI-generierten Fake-Artikeln undenkbar gewesen, denn: Man kannte sich. Man wusste, aus welchem Stall eine Studie kam. Auch das ist vorbei.

Wozu soll das gut sein?

So kommt es, dass ich mich zum ersten Mal dabei ertappe, am Sinn und Wert der Wissenschaft zu zweifeln. Ich bin Mitglied einer Tierversuchskommission, ich lese die Anträge der lieben Kollegen, und ich denke mir im Stillen: Das ist Cargo Cult-Wissenschaft. Da werden die immer selben Methoden auf wieder noch ein paar konditionelle Knock-Out-Mausstämme angewandt, um irgendwelche Einflüsse irgendwelcher Gene auf irgendwas zu zeigen – aber wie groß diese Einflüsse sind, welche Rolle sie im Bezug zu tausend anderen Größen spielen, und wie die Physiologie dazu ist: Das interessiert nicht.

Bestimmt kann man das toll publizieren. Aber der Erkenntnisgewinn ist nahe Null. Der Philosoph Ludger Lütkehaus brachte vor rund dreißig Jahren in einem Radioessay den wunderbaren Satz: „In den Geisteswissenschaften treten Probleme immer zeitgleich mit ihrer Lösung auf.“ Mittlerweile ist es auch in den Naturwissenschaften soweit.

So fällt es mir nun auch schwer, Tierversuche rundheraus zu rechtfertigen. Nein, Wissen muss nicht nützlich sein. Grundlagenforschung ist und bleibt eine großartige kulturelle Tätigkeit. Aber es muss doch wenigstens Wissen dabei entstehen. Nicht bloß Information. Ich kann alles rechtfertigen, wenn es entweder zu etwas nützt, oder mein Bild der Welt erweitert. Aber immer tiefer in den Arsch des Apfelmännchens zu kriechen, erweitert mein Bild nicht, sondern verengt es.

Wieviel Wissen braucht Können?

Brauchen wir Wissenschaft – diese Art von Wissenschaft – noch? Wenn es uns Wissenschaftsjournalisten immer schwerer fällt, etwas darüber zu erzählen, weil es einfach keine relevante Geschichte mehr ergibt – weil es uns nichts über die Welt erzählt, das uns beträfe –, wenn obendrein ein Großteil der Effekte nicht reproduzierbar ist – sollte man es dann nicht bleiben lassen? Oder jedenfalls grundsätzlich anders machen?

Zu denken gibt der Kontrast mit Russland. Spaßeshalber habe ich mal in PubMed (der größten Datenbank für Zeitungsartikel in den Lebenswissenschaften) nach sehr allgemeinen neurowissenschaftlichen Keywords (brain, cortex, hippocampus) gesucht, jeweils gekoppelt mit einer deutschen oder einer russischen Arbeitsstätte (affiliation). Für alle Suchbegriffe gab es auffallend genau zehnmal so viele Artikel mit deutscher wie mit russischer Beteiligung. Zehnmal! Allein aus Deutschland! Und nein, die russischen Arbeiten waren nicht alle Spitzenqualität in Nature und Neuron. Beim ersten Überfliegen war das alles eher medioker. Die russische Neuroforschung kann man – извините, друзья! – ziemlich in der Pfeife rauchen.

Aber: Russland hatte als erstes Land einen CoViD19-Impfstoff. Es ist eines von zwei Ländern, die ein vollständiges Flugzeug bauen können. Es bringt in Sachalin Wasserstoffzüge auf die Schiene. Es hat ein ambitioniertes Raumfahrtprogramm. Es ist führend in der Kernkrafttechnik. Und auch in der Waffentechnik der NATO um etliche Jahre voraus.

Die große Ursula LeGuin macht in „The Dispossessed“ den Unterschied zwischen Wissenschaft und Technik. Das mag auf den ersten Blick verwirren, denn wir denken sie immer zusammen. Und tatsächlich befruchten sie sich im Idealfall. Aber sie sind nicht dasselbe. Wissenschaft vermutet, Technik kann. Wissenschaftler wollen verstehen, Ingenieure wollen kontrollieren. Um die Welt zu verstehen, benötigen Wissenschaftler Techniken; um sie zu kontrollieren, brauchen Ingenieure ein gewisses Verständnis der Vorgänge. Dieses aber, so scheint es, vermögen sie sich oft zielgerichtet und eigenständig zu verschaffen.

Wissenschaft für (freie) Menschen

So scheint es zweifelhaft, dass heute noch die Wissenschaft Wissen schafft. Wenn ich humanistisch denke – und das tue ich freimütig und unverschämt; bin halt kein Nashorn -, dann sollte im Zentrum jedes menschlichen Tuns der Mensch stehen. Dann ist der Bezugspunkt des Umgangs mit der Welt das erlebende Subjekt. Dann also sollte jeder Erkenntnisgewinn dazu dienen, die Welt umfassender in sich zu repräsentieren, sie sich vertrauter zu machen, sie besser zu verstehen. Dann sollte es darum gehen, die Beziehung zwischen Subjekt und Welt zu stärken. Das wäre Wissen in einem engen Sinne. Alles Andere ist bloß Information, die mit dem Menschen nichts zu tun hat.

Nein, Lösungen kann ich keine anbieten. Aber ich wage eine Prognose: Der abendländische Wissenschaftsbetrieb wird sich in absehbarer Zeit totlaufen in seinem fraktalen Labyrinth. Unendliches exponentielles Wachstum ist unmöglich, und wenn es sich aus nichts mehr speist, dann endet es.

Und ich werde nicht weinen.

Konrad Lehmann

Konrad Lehmann studierte Biologie und Verhaltensforschung, promovierte in Neurobiologie und absolvierte seine Habilitation in Zoologie. Heute lehrt und forscht er an der Friedrich Schiller-Universität in Jena darüber, wie Umweltbedingungen die Formbarkeit des Gehirns beeinflussen. Als studierter Verhaltensforscher, promovierter und habilitierter Neurobiologe vermag er alle großen Themen der Hirnforschung lebendig und im Zusammenhang darzustellen. Wie Kreativität im Gehirn entsteht, hat er in seinem bei Springer erschienenen Buch „Das schöpferische Gehirn“ unterhaltsam verständlich gemacht, und in „Für mein Gehirn bin ich selbst verantwortlich“ dargelegt, wie die Gehirnentwicklung zeitlebens durch die Umwelt beeinflusst wird. Zuletzt erschienen: „Das Bewusstsein der Tiere.
Eine neurobiologische Exkursion zu den Gipfeln des Geistes“.
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5 Kommentare

  1. Es sei zweifelhaft, ob die Wissenschaft heute noch Wissen schaffe? – nein, ist es nicht ! Die Wissenschaft schafft Unmen -gen an Wissen, Unmengen an papers, die
    in irgendwelchen Ordner vor sich hin gam
    meln, bis eine ki Rechenmaschine sie für
    irgendwas verwurschtet. Ich empfehle die Bücher von Erwin Chargaff

  2. Danke Herr Lehmann für ihre Veröffentlichung, gute und m. E. ehrliche Gedanken!
    Was mich persönlich betrifft, ist ihre dargestellte ‚Illusion‘ vom Dasein, da ich selber in meiner persönlichen Selbstfindung stehe. Für mich persönlich, suche ich nach der Wahrheit, ich treffe sie an einigen Enden, aber selten in der Masse.
    Politisch betrachtet steckt der Mensch in einem Vakuum, da dieser nichts mehr real für sich bestimmen kann.

  3. Da möchte ich dem großen Proffessore mal widersprechen, er möge es mir verzeihen: seinen Pessimismus halte ich für unangebracht. Verstehen IST mehr Wissen erlangt haben, auch wenn es immer komplexer und umfangsmäßig größer wird, multidimensionaler, nichtlinearer.
    Ich will lieber keine Ferndiagnose stellen. Aber nur die Aussage des Artikels gestattet mir eine Schlussfolgerung: da scheint mir jemand die NEUGIER verloren zu haben.
    Schade.
    Altersgemäß?

  4. Ich finde keine Themen mehr. hmmm da hätte ich eines was perfekt in sein Fach passt. „Wie kann sich in einer KI ein Bewußtsein entwickeln?“ Nach einer eigenen Analyse kann sich ein solches nicht in einer LLM sondern nur in einem Embodied system einfach gesagt, in einem mit vielen sensoren ausgestattetem Roboter entwickeln, der allerdings nicht von einer CPU sondern abertausenden NPU angetrieben wird… Achja zum Thema hätte ich auch was… der Herr Autor verwechselt Forschung mit dem was ihr macht… ihr erforscht nur das was sich in Kapitalverwertung ummünzen läßt und was anderes werden ihr ausser in Nischen auch nicht bekommen. Dazu braucht es ein anderes System. trotzdem danke für den Artikel

  5. Eine Wohltat! Wäre schön, wenn man mehr Artikel von Herrn Lehmann hier lesen könnte. Die Wissenschaft fehlt halt doch noch ein wenig im Vergleich zu TP.
    Gut, dass dieser Niedergang bemerkt wurde. Ein Folge des Neoliberalismus, denn Wissenschaft ist heute das, wofür es Geld gibt. Und das gibt es für Geschwurbel, das dem Mäzen gefällt. Hier rechnet Sabine Hossenfelder mit ihrer Branche ab:
    https://www.youtube.com/watch?v=ZxxNENOBD6w&t=3s

    Dann aber die Ausfälle gegen Mandelbrot und die Fraktale. Tja Konrad, das ist eben Mathematik und die muss keinen Nutzen haben. Indes hat es das Potential, die Natur besser und verständlicher zu beschreiben. Da gibt es jetzt nicht nur Kreise und Rechtecke, sondern auch so etwas wie die Küste Englands, der man eine Dimension zuordnen kann. Üblicherweise wird diese mit 1,22 angegeben, aber ich ging davon aus, dass die Mathematiker, diese faulen Säckr, das nur geschätzt haben. Tatsächlich habe ich selbst mit Programmieren 1,18 herausbekommen.
    Es gibt nichts Neues mehr? So ist es nun ja auch nicht. Habe hier (als Artur57) etwas zum Saturn geschrieben.
    https://astrodicticum-simplex.at/2026/03/sternengeschichten-folge-694-das-sechseck-am-saturn/

    Die Astronomen haben irgendwie linke Hände und sehen das nicht. Leider ist das Forum bei Herrn Freistetter zunehmend verwaist, andere Seiten mitg Astronomie sind reihenweise verschwunden. Das ist es eben, den Jungen ist Wissenschaft zu schwer. Schon klar, wie das passieren konnte. Da schreibe ich ins Internet, dass es den Klimawandel und das Covid-Virus nicht gibt und ich bekomme jede Menge Likes. Was soll ich mich da anstrengen?

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