
Von der Truman-Doktrin zu Trumps eigener Moral.
„The American system can survive in America only if it becomes a world system“ (Das amerikanische System kann in Amerika nur überleben, wenn es das System der ganzen Welt wird.) – Harry S. Truman, 12. März 1947
„’I don’t need international law’. … ‘my own sense of morality’ and ‘my own mind’ are the only things that can hold him back.“ (Ich brauche kein internationales Recht. … Mein eigener Sinn für Moral und mein eigener Verstand sind das Einzige, was mich zurückhalten könne.) – Donald Trump, 11. Januar 2026)
1. Trumans Weltherrschaftsanspruch
Am 6. März 1947 hielt der 33. US-Präsident, Harry Truman (1945-1953), im Baylor College (Texas) eine Rede, in der er über die wirtschaftlichen Hintergründe seiner Außenpolitik sprach. Die Rede fand fast auf den Tag ein Jahr nach Churchills berühmt-berüchtigter Fulton-Rede und knapp eine Woche vor seiner Kongress-Rede vom 12. März 1947 statt, in der er seine Doktrin – die „Truman-Doktrin“ – verkündete.
Die wenig beachtete Rede vom 6. März kann als Kommentar zu Churchills Fulton-Rede und zugleich als Präludium zur Truman-Doktrin gedeutet werden. Darin erklärte Truman ganz offen die Gründe, die ihn dazu veranlasst haben, mit dem sowjetischen Bündnisgenossen im Krieg gegen Nazideutschland zu brechen.
Der Grund war weder die Furcht, dass „Stalin einen Dritten Weltkrieg vom Zaun brechen (wollte)“1, noch die Angst vor dem sowjetischen Expansionismus in Europa und Asien oder systemideologische Konfrontation. Der eigentliche Grund war vielmehr die Angst, dass die sowjetische Planwirtschaft erfolgreich sein könnte.
Zwar sei diese Planwirtschaft „antiquiert“ und gehöre ins 18. Jahrhundert, in das Zeitalter des Merkantilismus, aber dieses Zeitalter könne wiederkehren und ein Vorbild für zukünftige Wirtschaftssysteme hergeben.
Wörtlich sagte Truman: „Wenn wir nicht handeln und zu ganz entscheidenden Maßnahmen greifen, wird sie (die Planwirtschaft) das Vorbild für das nächste Jahrhundert hergeben.“ Denn „früher oder später würden wir gezwungen sein, das gleiche System zu übernehmen, um Märkte und Rohstoffe zu gewinnen“.
Das freie Unternehmen würde dann verschwinden. Wenn das aber geschieht, so würde die ganze Welt „unserer Freiheiten und Ideale zusammenbrechen.“ „Die ganze Welt sollte daher das amerikanische System übernehmen.“ Denn „the American system can survive in America only if it becomes a world system“ (Das amerikanische System kann in Amerika nur überleben, wenn es das System der ganzen Welt wird).2
„Mit anderen Worten: Wir Amerikaner müssen unser System der ganzen Welt oktroyieren oder wir werden zugrunde gehen. Die Herrschaft, die wir über andere ausüben, ist die Voraussetzung unserer eigenen Existenz“, kommentiert Matthias (ebd.) die Truman-Doktrin.
Bemerkenswert an Trumans Auslassungen ist nicht so sehr ihre verfehlte Beurteilung der Konkurrenz- und Überlebensfähigkeit der sowjetischen Planwirtschaft, als vielmehr der sich daraus ergebende Weltherrschaftsanspruch des „amerikanischen Systems“.
Der amerikanische „Way of Life“ kann ohne die Weltherrschaft nicht überleben! Das ist auch die Quintessenz der Truman-Doktrin, die bis heute ungeachtet der Irrungen und Wirrungen der vergangenen achtzig Jahren und zahlreichen Metamorphosen der Weltgeschichte quicklebendig ist und mit Trumps zweiter Amtszeit ihren endgültigen Höhepunkt feiert.
Nur die Zeiten haben sich geändert. 1946 waren die USA eine unangefochtene ökonomische und militärische Supermacht, die dazu noch als die einzige Weltmacht im Besitz der Atomwaffen war. Nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs trug die amerikanische Wirtschaft mit ca. 227,5 Milliarden US-Dollar etwa die Hälfte zur weltweiten Wirtschaftsleistung bei, wohingegen der US-amerikanische Anteil am kaufkraftbereinigten globalen Bruttoinlandsprodukt (BIP) im Jahr 2026 lediglich bei rund 14,5 Prozent liegt.
Europa lag nach dem Kriegsende in Ruinen und die Sowjetunion war in die Steinzeit zurückgebombt worden. Die kolossalen Zerstörungen des Landes waren beispiellos: „1.710 Städte waren vernichtet, mehr als 70.000 Dörfer, 70.000 Kilometer des Eisenbahnnetzes, 4.100 Eisenbahnstationen, 427 Museen (von insgesamt 992), 40.000 Krankenhäuser, 43.000 Bibliotheken, 44.000 Theater, Klubs und Kulturräume, 84.000 Schulen und Forschungsinstitute; zusammen wurden 6 Millionen Gebäude verbrannt oder zerstört und 25 Millionen obdachlos“3, von Millionen Opfern ganz zu schweigen.
Die Ausgangspositionen der beiden Siegermächte und ehem. Bündnispartner, die beim Eintritt in die Friedenszeit ideologisch feindselig gegenüberstanden und völlig zerstritten waren, konnten darum kaum ungleicher sein. Die Eskalations- und Konfrontationsdominanz war eindeutig auf der Seite eines geoökonomisch viel mächtigeren US-Gegenparts, von der atomaren Monopolstellung der USA (bis 1949) ganz zu schweigen.
Truman suchte nun in den eingebrochenen Friedenszeiten im Bewusstsein der eigenen ökonomischen und militärischen Überlegenheit die Spielregeln des Friedens zu diktieren, kam aber mit seinem Weltherrschaftsanspruch über die westliche Hemisphäre nicht weit genug und konnte darum seine Doktrin nicht vollumfänglich umsetzen.
Vor dem Hintergrund des ausgebombten, ausgeplünderten und ökonomisch daniederliegenden Landes war die Sowjetunion ihrerseits ungeachtet der anderslautenden Anschuldigungen weder zum Expansionismus noch zur Weltherrschaft fähig und willig. Trumans Frustration über die sowjetische Expansion in Osteuropa war darum unbegründet. „I’m tired of babying the Soviets“, äußerte er seine Verärgerung im Januar 1946 in einem persönlichen Schreiben an seinen Außenminister James F. Byrnes.
Natürlich sind in Denken und Handeln Stalins wie Trumans ideologische und imperiale, offensive und defensive Antriebe unentwirrbar vereint gewesen. Es wäre aber fahrlässig und unverantwortlich, von Stalin seitens Truman zu erwarten gewesen, dass dieser nach einem solchen grausamen Krieg und in Anbetracht der Vorgeschichte der 1930er-Jahre – um mit Golo Mann zu sprechen – „brav zu den Grenzen von Brest-Litowsk oder Riga“ zurückkehren würde4.
„Ein zaristischer Sieger“ – meint Golo Mann (ebd.) 1964 zu Recht – „hätte Polen wieder geschluckt. Stalin hat das, der Ideologie zuliebe, nicht getan, Chruschtschow erst recht nicht. Darum ist, nationalpolitisch betrachtet, Polen heute besser dran als je seit 1772. Und der Wille, die Früchte des Sieges zu sichern, die grauenvolle Prüfung von Hitlers Krieg nicht noch einmal zu erleben, sollte in der russischen Politik der Nachkriegszeit keine Rolle gespielt haben? Der Wille, in den Randstaaten, die im Niemandsland zwischen den beiden Kriegen sich als so schwach, wetterwendisch und dem Feind Gelegenheiten bietend erwiesen haben, eine feste, ihm günstige Ordnung zu schaffen, sollte die Hand Russlands nicht auch geführt haben? Die russische Position in der DDR, die Polen und Böhmen von Westen her kontrolliert, das wiederauferstandene Deutschland und seinen amerikanischen Bundesgenossen von der Oder fernhält, sollte nicht auch eine militärische Rolle spielen? Russland sollte den Krieg, begonnen von einem Gegner, in dessen Seele es nicht blicken kann … und dessen militärische Repräsentanten nur zu gern bramarbasieren, nicht auch fürchten, für den Ernstfall sich nicht bessere Ausgangsstellungen sichern wollen, als jene waren, die es 1941 besaß? Man muss ein stark ideologischer Anti-Ideologe sein, um solche Fragen glatt zu verneinen.“
Besser als Golo Mann könnte man kaum noch den Sinn und Widersinn dieser „ideologischen Anti-Ideologen“ des „Kalten Krieges“ entlarven. Da kann man nur vom Glück sprechen, dass der „Kalte Krieg“ nicht in einen Dritten Weltkrieg ausartete.
Erst der Untergang des Weltkommunismus hat es den USA ermöglicht, die Truman-Doktrin mit der Entstehung der unipolaren Weltordnung zumindest vorübergehend zu verwirklichen. Und nun steht diese dreißig Jahre lang andauernde Unipolarität zu Disposition und Trump ist ihr letzter Mohikaner.
2. Von Trumans Traum zu Tramps Alptraum
Die USA befinden sich heute geopolitisch, geoökonomisch und militärisch auf dem Rückzug. Russland hat die unipolare Weltordnung unter Führung des US-Hegemonen am 24. Februar 2022 geopolitisch und militärisch in Frage gestellt. China höhlt die US-Hegemonie bereits seit Jahren geoökonomisch und technologisch aus.
Und nun ist der Iran an der Reihe! Der Iran hat die US-Militärmaschinerie endgültig entzaubert. Laut einem Bericht der iranischen Nachrichtenagentur Tasnim, die sich auf eine Analyse von Daten der Islamischen Revolutionsgarde (IRGC) über zerstörte und beschädigte US-Militärausrüstung stützt, könnten die Gesamtschäden für das US-Militär allein in den ersten zwei Wochen seit dem Bruch der am 18. Juni unterzeichneten Absichtserklärung zwischen den USA und dem Iran („Memorandum of Understanding“) 20,6 Milliarden Dollar erreichen.
Laut Tasnim entstanden die größten Verluste bei US-Luftverteidigungssystemen und Radaranlagen mit rund 7,5 Milliarden US-Dollar. Logistik, Lager und Infrastruktur folgten mit 6,8 Milliarden US-Dollar. Die Schäden an der Flugzeugflotte, einschließlich Flugzeugen, Drohnen und Hubschraubern, wurden von der Publikation auf 3,5 Milliarden US-Dollar geschätzt. Kommando- und Kommunikationszentren erlitten Verluste in Höhe von insgesamt 2,8 Milliarden US-Dollar.
Die Schadensliste der IRGC umfasst vier Patriot-Luftverteidigungssysteme, sechs Patriot-Radargeräte, zwei F-15-Kampfjets, ein P-8-Flugzeug, ein C-17-Transportflugzeug, acht Tankflugzeuge, 17 Drohnen, 17 Munitionsdepots und sechs Raketenlager sowie Dutzende von Kommando-, Radar- und Logistikzentren. Eine ziemlich ansehnliche Schadensbilanz, die die Iraner den „siegreichen“ US-Streitkräften in den vergangenen zwei Wochen zugefügt haben.
Da erscheinen die Beteuerungen des US-Kriegsministers, Pete Hegseth, dass die Gesamtkosten des Irankrieges für die USA lediglich auf 37,5 Milliarden Dollar belaufen, geradezu grotesk. Manche Beobachter sprechen schon jetzt von entstandenen Kriegskosten in Höhe von bis zu 100 Milliarden Dollar.
Am 25. Juli erklärte Hossein Mohebi (Brigadekommandeur der Revolutionsgarden), dass die Zahl der gefallenen US-Soldaten seit dem Scheitern der Waffenruhe 200 überschritten habe, und bezeichnete die von den USA veröffentlichten Opferzahlen als unglaubwürdig. CNN berichtete ebenfalls, dass die Website des Pentagons die Zahl der im Iran getöteten Kämpfer „zu niedrig“ angegeben habe. Washington hatte zuvor offiziell nur 18 gefallene US-Soldaten gemeldet.
Am selben Tag ordnete Trump laut Axios eine Aussetzung weiterer Luftangriffe an und beendete damit eine 13-tätige Serie der Luftangriffe. Die New York Times berichtete, Washington habe aufgrund schwindender Munitionsvorräte von einer weiteren Eskalation abgesehen.
Dass Trump ein unsicherer Kantonist ist, ist hinlänglich bekannt. Dass er einen Vertragsbruch nicht nur billigend in Kauf nimmt, sondern auch darauf stolz ist, alle Konventionen und Spielregeln der internationalen Ordnung nach seinem Gutdünken kurzerhand außer Kraft setzt; dass Trump wie ein gewöhnlicher und brutaler Schläger von der Straße agiert und über Leichen geht – all das ist mittlerweile nicht mehr überraschend.
Überraschend war höchstens das Timing des Kriegsausbruchs gegen den Iran. Am wenigstens ist Trumps Gehabe überraschend. Bereits im Januar 2026 erklärte er in einem Interview mit der New York Times, dass das internationale Recht seine weltweite Macht nicht einschränke. Gefragt nach Grenzen seiner Autorität, antwortete Trump, wie gesehen, dass nur sein eigener Verstand und sein eigener Sinn für Moral ihn stoppen könnten.
Ein solches Gehabe ist nicht zuletzt durch Trumps Machtverständnis bedingt. Dieses Machtverständnis hat Noah Rosenblum (Prof. an der New York University School of Law), wie folgt, definiert: „Ich wurde von euch zum Anführer gewählt, also habe ich das Sagen. Ich kann tun, was ich will“ (Rosenblum said. „He’s saying, ‘I was chosen by you to be the leader, so I’m in charge. I can do whatever I want‘”).5
Recht geht hier in Macht und Macht in Recht auf. Es ist darum nur konsequent, wenn die Trump-Administration auch offen damit droht, die Befugnis des Gerichts zu ignorieren, die Handlungen der Regierung auf ihre Rechtmäßigkeit zu überprüfen, wie Vizepräsident JD Vance Anfang Februar 2025 erklärte: „Richter dürfen die legitime Macht der Exekutive nicht kontrollieren“ (Judges aren’t allowed to control the executive branch’s legitimate power).6
„Am brisantesten war Trumps Aussage vom 15. Februar 2025, als er mit Napoleons Behauptung ‚Wer sein Land rettet, verstößt gegen kein Gesetz‘ die Rechtsstaatlichkeit – die Grundlage unserer verfassungsmäßigen Ordnung – unter die Guillotine legte“ (Most incendiary, Trump on Feb. 15 put the rule of law — the foundation of our constitutional order — under the guillotine with a Napoleonic assertion that „He who saves his Country does not violate any Law“), empörte sich Knutson (ebd.).
Was die US-amerikanischen Verfassungsrechtler hier kritisieren, ist ein Machtverständnis, dem allein direktdemokratische Vorstellungen von der Machtausübung zugrunde liegen.7
Ein solches Machtverständnis nannte Karl Loewenstein einst „demoautoritär“8. Die darauf gegründete Machtausübung der Exekutive bedeutet in letzter Konsequenz eine rechtlich entbundene Herrschaftsmacht, die auf die Mitwirkung weder des Einzelnen noch der Gesellschaft angewiesen ist.
Hier geht es um ein entgrenztes Machtverständnis im Sinne der potestas legibus absoluta und nicht im Sinne einer verfassungsmäßigen Bindung der Exekutivgewalt.
Kurzum: Wer mit dem Teufel Geschäfte macht, muss teuflisch aufpassen, dass dieser ihm bei nächster sich bietenden Gelegenheit nicht in den Rücken fällt.
Das „Schicksal“ wollte es, ein solches Ungeheuer zum mächtigsten Mann der Welt zu wählen, was nicht so sehr Zeichen der Stärke, als vielmehr Zeichen der imperialen Schwäche ist.
Wenn eine imperiale Macht mit ihrer Big Stick“-Diplomatie9 in eine imperialistische ausartet und dazu noch alle zivilisatorischen Errungenschaften der Menschheitsgeschichte mit Füßen tritt, dann desavouiert sie ihren eigenen globalen Führungsanspruch und verwirkt jedes Recht darauf, den anderen vorzuschreiben, wie sie zu leben, zu denken und zu handeln haben.
Trumps Amerika ähnelt immer mehr dem Heiligen Römischen Reich Deutscher Nation im Endstadium seiner Existenz, das der große Rechtsgelehrte der Aufklärung, Samuel Pufendorf (1632-1694) einst als „irregulare aliquod corpus et monstro simile“ (ein unregelmäßiger und einem Monstrum ähnlicher (Staats)Körper) bezeichnete.
Trumans Traum vom amerikanischen System, welches „das System der ganzen Welt“ werden soll, ist zu Trumps Albtraum für die ganze Welt geworden.
3. Trumps Allmachtfantasien
„Der Traum der Vernunft gebiert Ungeheuer“ (El sueño de la razón produce monstruos) steht auf einer berühmten Aquatinta-Radierung des spanischen Malers, Francisco José de Goya, geschrieben. Das Bild zeigt einen Künstler im Schlaf an der Tischkante versunken. Hinter und neben ihm erscheinen unheimliche, fliegende monströse Fabelwesen wie eulenartige Ungeheuer, riesige Fledermäuse und ein katzenähnliches Wesen. Ein größeres der eulenähnlichen Monstren hat mit seinen Krallen eine der Schreibfedern gegriffen, scheint sie ihm reichen zu wollen und ihn anzusprechen. Ein schauriges Bild!
Der Traum wird zum Alptraum und der schlafende Künstler wird von der Monstrosität der im Schlaf träumenden „Vernunft“ erschlagen. Diese Monstrosität des Traumes ähneln Trumps Allmachtfantasien, die ihm im Iran, in der Ukraine und anderswo übel mitspielen.
Diese Allmachtfantasien werden von seiner Megalomanie erdichtet – jenem Daueragenten der Täuschung und Selbsttäuschung und jenem Träumer, der träumt, keiner zu sein und daher versagt, ohne sich sein Versagen einzugestehen. Dieser sich selbst täuschende und träumende Versager, der auf der ganzen Linie versagt, versagt selbst darin noch, dass er nicht einmal um die große Stärke weiß, die in seiner Schwäche liegt: dass nämlich Täuschung Erfindung, Erfindung aber Erdichtung und Erdichtung der Inbegriff der Selbstverblendung ist.
Und in dieser Welt der Täuschung, Erdichtung und Verblendung befindet sich heute Trumps Amerika mit seinem nie vergehen wollenden Hegemonialanspruch, selbstlegitimiert durch den die ganze Zeit hindurch vorherrschenden und immer noch unausrottbaren US-amerikanischen Exzeptionalismus (American exceptionalism).
So verkündete die US-Außenministerin, Madeleine Albright (1997 – 2001), einst unumwunden und mit Hingabe einer zur einzig wahren Gewaltreligion Bekehrten: „Wenn wir Gewalt anwenden müssen, dann weil wir Amerika sind; wir sind die unverzichtbare Nation. Wir stehen aufrecht und blicken weiter in die Zukunft als andere Nationen.“ Dem pflichtete auch Obama bei, als er pathetisch sein Glaubensbekenntnis ablegte: „Ich glaube an die Sonderstellung Amerikas mit jeder Faser meiner Existenz“ (in einer Rede an der Militärakademie West Point 2014).
Nicht anders verhält es sich auch mit Trumps Amerika. Es merkt nur nicht, dass „die Sonderstellung Amerikas“ nichts weiter als ein Produkt der Imagination ist, die verklärt, ohne aufzuklären, dichtet, ohne zu begreifen, und träumt, ohne sich der Realität stellen zu wollen.
Offenbar ist Trump aus einem monströsen Alptraum erwacht und merkt allmählich, dass er im Iran mit seiner Gewaltanwendung nicht weiterkommt, von der Ukraine ganz zu schweigen. Laut Axios-Bericht „Top U.S. military commander in Middle East advised halting Hormuz bombing“ vom 26. Juli 2026 habe der oberste US-Befehlshaber im Nahen Osten, Admiral Brad Cooper, empfohlen, die Luftangriffe in der Straße von Hormus zu beenden, da deren Wirksamkeit an ihre Grenzen gestoßen sei.
Zum ersten Mal seit zwei Wochen ordnete Trump dem Militär an, das Feuer einzustellen und keine Ziele vor der iranischen Südküste und in der Straße von Hormus anzugreifen. Zuvor hatte Admiral Cooper dem Pentagon, dem Vereinigten Stabschef und dem Weißen Haus seine Empfehlungen für das weitere Vorgehen vorgelegt, berichtet Axios.
Der Vorsitzende der US-Stabschefs, General Dan Kaine, soll zudem den Kriegsminister Pete Hagseth und Trump unter vier Augen gewarnt haben, dass der Mangel an Abfangraketen für Luftverteidigungssysteme die Fähigkeit einschränken könnte, amerikanische Truppen und Verbündete in der Region zu schützen.
Dessen ungeachtet darf man sich nicht täuschen lassen: Trump kann jederzeit die Bombardements wiederaufnehmen. Trumps Allmachtphantasien, die er für realisierbar hält, bleiben voll intakt. Trump ist ja samt der US-Machteliten immer noch von Trumans fixer Idee besessen, dass nämlich „das amerikanische System in Amerika nur überleben kann, wenn es das System der ganzen Welt wird“.
Trump hat nur noch nicht gemerkt, dass er der letzte Mohikaner ist, der sich vergeblich um die Aufrechterhaltung der US-Hegemonie bemüht, da der US-Hegemonialzug langsam, aber unaufhaltsam auf ein Abstellgleis rangiert wird, um dort verschrottet zu werden.
Anmerkungen
- Silnizki, M., Wollte Stalin einen Dritten Weltkrieg vom Zaun brechen? Stellungnahme zu Goguns Werk „Продуманное Светопреставление“. 25. Juni 2025, www.ontopraxiologie.de.
- Zitiert nach Matthias, L. L., Die Kehrseite der USA. Rowohlt 1964, 127.
- Deschner, K., Der Moloch. „Sprecht sanft und tragt immer einen Knüppel bei euch!“. Zur Amerikanisierung der Welt. Stuttgart und Wien 1992, 283.
- Mann, G., Wenn der Westen will, in: Neue Rundschau 75 (1964), 592-610 (600).
- Zitiert nach Jacob Knutson, What Is Unitary Executive Theory? How is Trump Using It to Push His Agenda? Democraty Docket, February 20, 2025. Näheres dazu Silnizki, M., „Von imperialer zu autoritärer Präsidentschaft“? Cheney, Trump und die Eigengesetzlichkeit des politischen Handelns. 16. November 2025. www.ontopraxiologie.de.
- Zitiert nach Knutson (wie Anm. 5).
- Vgl. Maier, H., Können Begriffe die Gesellschaft verändern? In: Sprache und Herrschaft. Die umfunktionierten Wörter. Herderbücherei 1974, 55-68 (59).
- Zitiert nach Fraenkel, E., Deutschland und die westliche Demokratie. Stuttgart 1964, 16.
- Silnizki, M., Trumps „Big Stick“-Diplomatie. Auf dem Wege zum postmodernen Imperialismus? 26. März 2026, www.ontopraxiologie.de.
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