Neue Studie: Repräsentativität in der Antidepressiva-Forschung lässt zu wünschen übrig

Bild: Marco Verch/ccnull.de/CC BY-2.0

Obwohl psychische Störungen immer häufiger und intensiver behandelt werden, nimmt deren gesellschaftliche Krankheitslast immer weiter zu. Wie kann das sein?

Es wird schon seit längerer Zeit kritisiert, dass die klinische Forschung zu Psychopharmaka nicht repräsentativ genug ist. Zum Beispiel würden aus den Medikamentenstudien Personen mit mehreren Diagnosen ausgeschlossen. Sie seien „zu komplex“ und würden die Ergebnisse verzerren.

In der Praxis haben die Patientinnen und Patienten aber oft mehrere psychologisch-psychiatrische Störungen, Stichwort „Komorbidität“ oder körperliche Erkrankungen. Die Realität ist eben oft komplexer, als das für die Datenauswertung wünschenswert ist. Eine neue Studie gibt nun Hinweise darauf, wie groß das Problem ist.

Zunächst soll aber kurz – auch aus eigener Erfahrung – erklärt werden, warum Komplexität ein Problem für die Forschung ist. Denn dann versteht man besser, warum es gerade in Studien mit finanziellen Interessen ein Bedürfnis nach Einfachheit gibt.

Nicht zu viel Variabilität

In der experimentellen Forschung mit Menschen braucht man neben guten Ideen natürlich vor allem eins: viele Versuchspersonen. In meiner Zeit als Doktorand in zwei psychiatrischen Universitätskliniken war es üblich, dass man einander hilft. Da legte man sich für die Tests der anderen zum Beispiel in die Röhre des funktionellen Magnetresonanztomografen (fMRT). Umgekehrt halfen die anderen einem, wenn man selbst einen Versuch entwickelte.

Es gibt im Leben aber auch Schöneres, als oft in so einer engen Röhre zu liegen. Wohlgemerkt, während mit elektromagnetischen Feldern das Körpergewebe (hier: des Gehirns) in kleine Scheiben unterteilt wird. Damit misst man die magnetische Resonanz, die dem Verfahren den Namen gibt. Die Geschwindigkeit, mit der das geschehen muss, erzeugt dabei viel Lärm.

Anders gesagt: Es wäre nicht ganz unpraktisch, eine sozial akzeptierte Ausrede zu haben, um an solchen Versuchen nicht teilnehmen zu müssen. Und da kam mir meine Veranlagung als Linkshänder zur Hilfe: Wenn ich also gefragt wurde, ob ich wieder an einem Versuch teilnehmen würde, hob ich die linke Hand und sagte: „Natürlich helfe ich dir gerne. Aber du weißt schon, dass ich Linkshänder bin und das deine Varianz erhöht?“ Damit war die Sache in 80 Prozent der Fälle erledigt.

Bei der Untersuchung von Frauen gab es eine Vorliebe für diejenigen, die hormonell verhüteten, also „die Pille“ nahmen. Denn auch mit dem Hormonzyklus gehen Veränderungen in den Messungen einher, die die Variabilität erhöhen.

Sogar in der Tierforschung mit Mäusen und Ratten gibt es eine Vorliebe für die Männchen. Diese sind günstiger in der Haltung – und haben nicht die hormonellen Schwankungen der Weibchen. In den letzten Jahren wird diese Einseitigkeit aber immer stärker kritisiert, auch zu Recht.

Repräsentativität

Für Grundlagenforschung und zur Gewinnung neuer Hypothesen mag man solche Vereinfachungen noch akzeptieren. Mich wunderte, dass man in der Öffentlichkeit diesen Mythos verbreitete, mit der fMRT „dem Gehirn beim Denken zuzuschauen“, während tatsächlich schon Linkshänder oder Frauen ohne hormonelle Verhütung eine Gefahr für die Messergebnisse darstellten.

Man sucht in der Forschung spezifische Effekte zu seiner Hypothese. Da stören Faktoren wie die Händigkeit oder Hormonschwankungen nur – sofern es im Experiment nicht genau darum geht. Streng genommen müsste man solche individuellen Unterschiede zwischen den Versuchspersonen in das statistische Modell aufnehmen, um unerklärte Variabilität zu vermeiden. Denn diese verschlechtert die Ergebnisse. In der Praxis bevorzugt man aber lieber eine gleichförmige Gruppe von Versuchspersonen.

Das führt dann zu der häufigen Kritik, dass in der psychologischen oder experimentell-medizinischen Forschung zu oft die eigenen Studierenden untersucht werden. Daher würden die Ergebnisse nur eine kleine, in diesem Fall auch noch privilegierte Gruppe widerspiegeln, die „WEIRD People“ (im Englischen für: westlich, gebildet, industrialisiert, reich und demokratisch). Zum Vergleich: Bei Wahlumfragen wäre es zwar praktisch, einfach bei den Nachbarn zu klingeln. Aber das würde eben keine zuverlässigen Ergebnisse für das ganze Land liefern.

Deshalb ist die Frage der Repräsentativität bei klinischer Forschung besonders wichtig. Denn die Therapien werden ja nicht nur „idealen Personen“ verordnet. Sowohl in der Ärzteschaft als auch für Patientinnen und Patienten sollten daher zuverlässige und aussagekräftige Daten zur Verfügung stehen. Wir wissen außerdem, dass jede Behandlung mit bestimmten Risiken einhergeht. Diese muss man gegen den zu erwartenden Nutzen abwägen. Und hierfür muss man richtig informiert sein.

Neue Studie

Um das Problem besser zu verstehen, hat ein internationales Forschungsteam jetzt die Daten von rund 210.000 Personen aus Finnland und Schweden mit einer depressiven Störung ausgewertet. Die Ergebnisse erschienen am 14. Januar vorab online in der wichtigen Fachzeitschrift World Psychiatry.

Demnach wurden etwas mehr als ein Drittel der Betroffenen – 33,5 Prozent in der finnischen und 35,3 Prozent in der schwedischen Gruppe – systematisch aus der Antidepressiva-Forschung ausgegrenzt. Die häufigsten Gründe hierfür waren: das Vorliegen einer körperlichen Erkrankung sowie einer anderen psychologisch-psychiatrischen Störung, darunter auch problematischer Drogenkonsum. Wenn man die körperlichen Erkrankungen etwas weiter fasste, verschwanden sogar fast 50 Prozent der Patientinnen und Patienten vom Radar der Forschung.

Mitunter wird hierauf erwidert, die Studien würden eben den spezifischen Effekt von Antidepressiva bei Depressionen untersuchen. Um Wechselwirkungen mit anderen Erkrankungen zu vermeiden, müsse man die komplexeren Fälle ausschließen.

Diesen Einwand könnte man meiner Meinung nach in einer experimentellen Anfangsphase gelten lassen. Die Medikamente, um die es hier geht, werden aber seit über 40 Jahren verschrieben. Und sogar heute noch steigt die Anzahl der Verschreibungen stetig, auf inzwischen über 1,8 Milliarden Tagesdosen allein in Deutschland.

 

Beschreibung: Im hier dargestellten Zeitraum hat sich die Verschreibung der sogenannten Antidepressiva (schwarze Linie) in Deutschland in etwa verelffacht. Die Verschreibung von Beruhigungsmitteln (graue Linie) nahm währenddessen ab. Heute werden die Antidepressiva – vor allem Serotonin- und Noradrenalin-Wiederaufnahmehemmer – nicht nur oft bei depressiven Störungen, sondern auch Angst- und Zwangsstörungen verschrieben. Datenquelle: Arzneiverordnungs-Report

Die schwersten Probleme

Der beschriebene Ausschluss hat aber – neben der geringeren Repräsentativität – noch eine andere Folge: Mit den komplexeren Fällen werden nämlich auch die Patientinnen und Patienten mit den schwersten Depressionen aus der Forschung ausgegrenzt. Die hatten laut der Studie nämlich eine zwei- bis dreimal so hohe Wahrscheinlichkeit für eine Krankenhausaufnahme, einen Suizidversuch oder gar den Tod innerhalb der nächsten sechs Monate.

Haben Sie Suizidgedanken? Zum Beispiel die Telefonseelsorge (0800 111 0 111) oder Nummer gegen Kummer (116 111) können helfen. Im Notfall können Sie auch den Notruf wählen.

Demnach gibt es gerade für diejenigen, die am meisten auf eine wirksame Therapie angewiesen sind, am wenigsten Daten. Dass die Wirksamkeit der Medikamente in der Praxis eher bescheiden ausfällt, überrascht dann nicht – und wurde in meinem Blog übrigens schon 2018 thematisiert.

Begriff der Antidepressiva

In den letzten Jahren wurde der Begriff „Antidepressiva“ auch aus pharmakologischer Sicht kritisiert. Die Mittel werden inzwischen nämlich für eine Vielzahl von psychologisch-psychiatrischen Störungen verschrieben. Im Arzneiverordnungs-Report ist sogar von einer „dramatischen Erweiterung“ die Rede:

„Ursprünglich wurden diese Arzneistoffe zur Therapie der Depression eingesetzt. In den letzten Jahren hat sich jedoch eine dramatische Erweiterung des Indikationsspektrums für die Antidepressiva entwickelt. Sie werden unter anderem auch zur Therapie von Angststörungen, Zwangserkrankungen, Panikstörungen, posttraumatischem Stress-Syndrom und neuropathischen Schmerzen eingesetzt. Also muss der Arzt bei diesen Indikationen, wenn er ein Antidepressivum verschreibt, dem Patienten unter Umständen klarmachen, dass er keine Depression habe, sondern die verschriebenen Arzneistoffe auch bei anderen Erkrankungen wirksam sind. Der Patient wird oft irritiert sein und dann beim Recherchieren im Internet feststellen, dass die Depression als Hauptindikation für Antidepressiva gelistet wird.“ (Arzneiverordnungs-Report 2021, S. 111f.)

Anders gesagt: Weil diese Mittel „Antidepressiva“ heißen und viele Patientinnen und Patienten lieber nicht mit depressiven Störungen in Zusammenhang gebracht werden, lehnen sie diese Medikamente häufiger ab. Als Alternative wird darum nun aus pharmakologischer Sicht vorgeschlagen, von „Serotonin- oder Noradrenalin-Verstärkern“ zu reden. Damit beschreibt man eher, wie die Substanzen im Körper wirken.

Darüber, was sie mit der Psyche der Betroffenen machen, ist übrigens erstaunlich wenig bekannt. In den Wirksamkeitsstudien wird untersucht, wie groß der Unterschied auf einer standardisierten Depressions-Skala ist. Damit wird zum Beispiel abgefragt, wie niedergeschlagen man sich fühlt oder wie aktiv man am Leben teilnimmt. Niedergeschlagenheit und Antriebslosigkeit sind die Kernsymptome der depressiven Störung.

Eine der wenigen mit kritischer Haltung in der psychiatrischen Forschung, Joanna Moncrieff, Professorin am University College London, wollte es genauer wissen. Nach jahrelangem Studium zieht sie das Fazit, dass die genannten Medikamente vor allem Gefühle unterdrücken und manchmal auch eine aktivierende Wirkung haben. In ihrem neuen Buch Chemically Imbalanced: The Making and Unmaking of the Serotonin Myth räumt sie mit so manchem Mythos auf, wie zum Beispiel dem, die Substanzen würden ein neurochemisches Ungleichgewicht im Gehirn korrigieren.

In der Summe

Das wäre vielleicht alles halb so wild, ging es nicht um so viele Personen. Die 1,8 Milliarden Tagesdosen reichen für die tägliche Behandlung von 5 Millionen Menschen. In machen Ländern, allen voran die USA, werden pro Kopf noch viel mehr Psychopharmaka verschrieben. Dort ist der Pharma-Markt weniger streng reguliert und dürfen die Unternehmen ihre Medikamente sogar öffentlich bewerben,

Und es wäre auch nur halb so wild, würden die psychischen Probleme nicht immer größer: Obwohl wir immer mehr für die mentale Gesundheit tun, ausgeben und therapieren, nimmt die mit ihnen verbundene Krankheitslast zu; es gibt zum Beispiel immer mehr Krankheitstage und längerfristige Arbeitsunfähigkeiten im Zusammenhang mit psychologisch-psychiatrischen Störungen. Zu glauben, dass immer mehr Aufmerksamkeit, Stichwort Influencer und „Mental Health Awareness“, die Probleme verringern, ist naiv.

Leider zeichnen sich in den letzten Jahren auch die Schattenseiten der Medikamente immer deutlicher ab. Aber die Nebenwirkungen und das Abhängigkeitsrisiko sind ein komplexes Thema für sich. Zur Orientierung ist die ARD-Dokumentation Tabletten gegen Depressionen – helfen Antidepressiva? aus dem Jahr 2022 immer noch zu empfehlen. Mir bleibt vor allem die Psychotherapeutin in lebhafter Erinnerung, die die kritischen Berichte ihrer Patientinnen und Patienten lange Zeit nicht ernst nahm. Vor laufender Kamera gesteht sie ihre eigene Abhängigkeit, dass sie selbst gerne die „Antidepressiva“ absetzen würde, doch es ihr nicht gelingt.

Mit der neuen Studie der finnischen und schwedischen Daten wird konkreter, wie verzerrt die Datenlage zu den sogenannten Antidepressiva ist. In den Worten der Forscherinnen und Forscher:

„Wir kommen zu dem Schluss, dass umfassendere Einschlusskriterien für randomisierte kontrollierte Studien (RCTs) und deren Integration mit Daten aus der realen Welt erforderlich sind, um die Verallgemeinerbarkeit der Ergebnisse von Antidepressiva-Studien und der klinischen Behandlungsleitlinien für depressive Störungen zu verbessern. … Unsere Ergebnisse bestätigen die Bedenken über die mangelnde Übertragbarkeit der Ergebnisse von klinischen Versuchen in der Psychiatrie auf die Situationen und Individuen in der wirklichen Welt.“ (Hamina et al., 2026, S. 117 & 123)

Alternativen

Nach über 40 Jahren zunehmender Verschreibung ist das ein ernüchterndes Fazit. In diesem Zeitraum stieg übrigens der Aktienkurs der Pharmafirma Eli Lilly von rund 5 US-Dollar Mitte der 1980er-Jahre auf heute satte 1000 Dollar, also um den Faktor 200. Das ist nur ein Beispiel für eines der globalen Unternehmen, das mit den neuen „Antidepressiva“ groß geworden ist. In jüngerer Zeit verdient Lilly allerdings auch sehr gut an Medikamenten zum Abnehmen, einem anderen Massenmarkt.

Das Thema „Abnehmen“ wäre eine interessante andere Fallstudie für ein Problem unserer Zivilisation, das gleichzeitig einen Milliardenumsatz auf dem Gesundheitsmarkt ermöglicht. Das zeigt einmal mehr, dass wichtige Akteure dieses Markts gar kein Interesse an nachhaltiger Gesundheit, sondern an beherrschbarer, chronischer Krankheit haben:

Erst verdienen große Nahrungsmittelkonzerne am massenweisen Verkauf hoch industriell verarbeiteten und damit billigen Essens mit viel Fett, Salz, Zucker und Geschmacksverstärkern. Und dann verdienen große Pharmafirmen mit dem massenweisen Verkauf von Mitteln zum Abnehmen. Auch die Ärzteschaft verdient dabei mit. Dabei ist sehr praktisch, wenn diese Mittel das Leiden nur lindern, so lange man sie nimmt. Durch eine nachhaltige Änderung des Lebenswandels mit besserer Nahrung, Zeit für Bewegung und einer guten Balance wichtiger Lebensziele würden diese Milliardenmärkte wegbrechen.

Wie man gesund lebt, sowohl körperlich als auch geistig, ist natürlich ein komplexes Thema, das man nicht in einem Satz behandeln kann. Aber dass sehr viele Ursachen der Probleme in unserer Umwelt liegen, sei an dieser Stelle mit auf den Weg gegeben.

Der große Schwerpunkt auf das Individuum und dessen Gehirn durch die Dominanz der biologischen Psychiatrie seit den 1980er-Jahren geht mit einer immer größeren Krankheitslast einher. Ausführlicher erklärt ist das in meinem neuen Buch, Perspektiven aus der Depressions-Epidemie. Wenn aber die Medikamentenforschung auch Jahrzehnte später noch so wenig aussagekräftig ist, wie in der hier besprochenen neuen Studie beschrieben, dann gibt es auf jeden Fall einen großen Verbesserungsspielraum.

Quelle:

Hamina, A., Pinzón‐Espinosa, J., Taipale, H., Schneider‐Thoma, J., Radua, J., Efthimiou, O., … & Luykx, J. J. (2026). Representation and outcomes of individuals with major depression in routine care who are ineligible for randomized controlled trials: a nationwide register‐based study. World Psychiatry, 25(1), 117.

Der Artikel wurde zuerst auf dem Blog „Menschen-Bilder“ des Autors veröffentlicht. Zuletzt erschien von ihm das BuchPerspektiven aus der Depressions-Epidemie. Was Depressionen sind und wie man sie behandelt“.

Stephan Schleim

Stephan Schleim ist studierter Philosoph und promovierter Kognitionswissenschaftler. Seit 2009 ist er an der Universität Groningen in den Niederlanden tätig, zurzeit als Assoziierter Professor für Theorie und Geschichte der Psychologie. Sein Schwerpunkt liegt in der Erforschung von Wissenschaftsproduktion und –kommunikation. Schleim ist Autor mehrerer Bücher zu Neurowissenschaften, Psychologie und Philosophie.
Bild: Elsbeth Hoekstra
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10 Kommentare

  1. Nicht nur Antidepressiva… Vermutlich hat die Pharmamafia so gut wie jede Studie zu „Medikamenten“ zu ihren Gunsten manipuliert. Und die Medizinerzunft entsprechend „beeinflusst“….

  2. Ich fände es ja sinnvoll, wenn jeder Psychiater für mindestens 3 Wochen je ein gängiges Antidepressivum und ein Neuroleptikum einnehmen müsste, sowie mindestens 3 mal ein Beruhigungsmittel. Ausserem müssten 3 Sitzungen mit Psychedelica Pflicht sein.

    Natürlich kann man so nicht erleben wie das Medikament bei Depression usw wirkt, aber zumindest kann man die Wirkungsweise erahnen und die Nebenwirkungen erleben.

    Ich bin sicher, die Verschreibungen würden um mehr als 2/3 zurückgehen.

    Ich habe schon Psychiater erlebt die bei der blosen Idee, sie könnten ohne Indikation ein Neuroleptikum einnehmen, Anflüge von Panik zeigten, und sich sehr vehement dagegen geäussert haben. Fast lustig.

    1. Ich hörte mal, dass es – zumindest früher – ein inoffizieller Teil der Richterausbildung war, dass die (auf Kosten des Steuerzahlers) einen fröhlichen Abend mit alkoholischen Getränken hatten; damit sie zumindest einmal selbst erlebt haben, wie das ist, bevor sie andere wegen Vergehen im Zusammenhang mit Alkohol verurteilen.

      An Ihren ähnlichen Vorschlag für die Psychiatrie habe ich noch nie gedacht.

      (Man sollte aber bei aller Kritik nicht vergessen, dass nicht alle in dem Fach der verlängerte Arm der Pharmalobby sind und einige auch sozial wirklich wichtige Arbeit machen.)

      1. Das wollte ich damit auch nicht sagen, aber Anästhesisten sagt man ja nach das sie alles ausprobieren.., zumindest kennt jeder Schmerzen und wohl auch Schmerzmittel. Bei Antibiotika ist es ähnlich und dort kann man ja die Wirkung recht objektiv feststellen.
        Was an der Psychiatrie im Gegensatz dazu auffällt ist eben dass es hypothetisches und oft nur vermeintliches Wissen ist, das zur Entscheidung für einen bestimmten Wirkstoff vs eines anderen aus der selben Wirkstoffklasse führt.
        Und da sind wir dann auch beim Thema des Artikels, und den ganzen off-label Anwendungen wo das zT recht fraglich ist und man den Verdacht hat dass da zT Marketingabteilungen an den Indikationen mitwirken.
        Letztlich braucht man um das Anwendungsgebiet zu erweitern nur eine zusätzliche Studie anschieben wenn das Medikament bereits zugelassen ist, um einen Marketingeffekt zu erzielen.
        Ich glaube dass so ein Selbstversuch zu einer realistischeren und besseren Einschätzung führen würde was solche Medikament überhaupt bewirken und bewirken könnten.

  3. Im Kapitalismus wird alles zum Geschäft. Auch die Gesundheit.
    Merke: Die Gesundheit und der Tod sind dem Doktor seine Not. Drum hält er Dich auf das er lebe zwischen den beiden in der Schwebe.
    Außerdem, nicht das Thema hier, gehört aber zum Gesamtbild. Ein großer Teil der psychischen Störungen sind Folge der kaputten gesellschaftlichen Verhältnisse und würden in einer normalen Gesellschaft verschwinden oder besser therapierbar sein.

  4. Die sogenannten Serotonin-Wiederaufnahmehemmer sind doch das Geschäft schlechthin für die Pharmaindustrie. Ich bekam sie immer wieder verschrieben, obwohl sie bei mir außer unangenehmen Nebenwirkungen absolut nichts bewirkten. Ich hoffe, dass mir jetzt der von mir viel zu lange hinausgezögerte Arztwechsel im Frühjahr endlich mal hilft, denn dieser Zustand ist unerträglich.

    Und das Ganze ist ja so schön bequem: Bloß nicht die sozialen und gesellschaftlichen Gründe für die Tatsache, dass chronische Depressionen mittlerweile zu einer Volkskrankheit geweorden sind, antasten, das würde ja eventuell an den Fundamenten dieses großartigen Systems, in dem wir leben, rütteln. Außerdem auf keinen Fall alternative Methoden, auch im Falle unumgänglicher medikamentöser Behandlung, unterstützen, damit nur nicht, wie oben von mir angedeutet, das eingefahrene, profitable Geschäftsmodell mit den klassischen Psychopharmaka ins Wanken gerät.

    Garniert wird das Ganze politisch dann immer wieder mal mit allgemeinen Hetzkampagnen gegen kranke Arbeitnehmer, die sich einfach nicht genug zusammenreißen, wie’s der Blackrock-Dullie aus dem Sauerland gerade getan hat, damit die Ressentiments des typischen BILD-Konsumenten etwa ausreichend bedient werden.

  5. Zum neurochemischen Ungleichgewicht:
    Angenommen ein Mensch läuft nicht.
    Ein Blick würde genügen um festzustellen ob er überhaupt Beine hat.
    Auch die Funktion des Gehapparats lässt sich vergleichsweise einfach prüfen.

    Wie verhält es sich aber mit dem neurochemischen Ungleichgewicht des Gehirns?
    Klar, ein Gehirn benötigt Neurotransmitter um richtig zu „laufen“.
    Ein Mangel oder eine Dysbalance dieser Stoffe muss zu Störungen führen.
    Soweit so gut.
    Nur der Umkehrschluss ist komplett ungültig.
    Für ein anhaltendes Stimmungstief und Antriebsarmut kann es recht vielfältige Ursachen geben.
    Was hier fehlt ist ein Nachweis zu erbringen, eine Messung am konkreten Patienten, dass seine Fähigkeit der Eigenregulation die nötigen Stoffe adäquat zu bilden unterbunden ist, bevor man substituiert und den Patienten damit Drogenabhängig macht. Eine schlichte Messung geht jedoch nicht, weil man nicht jedem Patienten im Gehirn herumstochern möchte. Aber das was ginge, wäre es Tests zu entwickeln, die bei der Unterscheidung helfen ob dieser Patient gar nicht mehr in die Gänge kommen kann oder sehr wohl die „richtige Gehirn Chemie“ selbst ausbilden kann, wenn dazu der richtige Anlass besteht. Aber daran ist man gar nicht interessiert.
    Man behandelt blind unter dem Mythos einer neurochemischen Dysbalance ohne beim Patienten jemals geprüft zu haben ob sie tatsächlich vorliegt, mit Drogen die die Selbstregulation des Patienten aushebeln.
    Aber an Patienten die gesund werden und keine Medizin mehr brauchen lässt sich auch nichts mehr verdienen.

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