Nato-Kommandeur Grynkewich: „Russland ist nicht auf einen Konflikt aus“

Supreme Allied Commander Europe , General Alexus G. Grynkewich, mit Nato-Generalsekretär Mark Rutte im September 2025 zum Beginn der Operation Eastern Sentry. Bild: Nato

 

Immer wieder wurde von der Nato, europäischen Regierungen, Geheimdiensten und Militärs behauptet, Russland bereits sich darauf vor, EU- und Nato-Länder anzugreifen. Gehandelt wurde, ob der Sommer 2025 bereits der letzte vor dem Krieg sein könnte. Ansonsten geisterten Jahresangaben durch den Raum von jetzt bis 1930. Jeder, der für Aufrüstung und die militärische Unterstützung der Ukraine, die als Bollwerk bezeichnet wird, gab Vermutungen ab, bis wann die Nato-Staaten sich so stark aufrüsten müssten, um einen Angriff abzuschrecken – oder Russland selbst bedrohen zu können.

In Deutschland rief der damalige Kanzler Scholz die Zeitenwende aus und spendierte ein Sondervermögen über 100 Milliarden für die Aufrüstung. Das konnte der nachfolgende Bundeskanzler Merz, der die Bundeswehr zur größten konventionellen Armee Europas aufbauen will, nicht auf sich beruhen lassen, zumal US-Präsident Rüstungsausgaben von 5 Prozent des BIP einforderte. Er öffnete die Staatskassen noch weiter und ließ für die Aufrüstung die Schuldenbremse für alle Ausgaben, die über ein Prozent des BIP hinausgehen, aussetzen. Es kann also unbegrenzt Geld ausgegeben werden. Gleichzeitig soll das Personal der Bundeswehr um 80.000 Soldaten und Soldatinnen von jetzt etwas mehr als 180.000 auf 260.000 angehoben werden. Dazu dürfte demnächst die Wiedereinführung der Wehrpflicht notwendig werden.

Zuletzt hatte der britische Regierungschef Keith Starmer im Vorblick auf den Nato-Gipfel Anfang Juli und zur Begründung der steigenden Rüstungsausgaben 2030 als Zeitpunkt genannt, an dem Russland angreifen könnte: „Laut unseren Geheimdiensten und denen anderer Nato-Staaten könnte ein russischer Angriff auf die Nato bereits im Jahr 2030 erfolgen.“ Und um das zu unterstreichen, behauptete er auch: „Es ist keine Übertreibung zu sagen, dass wir in gefährlicheren und unbeständigeren Zeiten leben als jemals zuvor in meinem oder Ihrem Leben. Genau das erleben wir gerade.“

Carsten Breuer, Generalinspekteur der Bundeswehr, hat es ein wenig eiliger und macht sich für 2029 stark. Generalleutnant Christian Freuding meinte in einem Interview am Donnerstag mit Berufung auf alle Nato-Mitglieder auch, dass ein Angriff 2029, aber auch früher erfolgen könne: „Wir müssen bereit sein zu kämpfen.“ Natürlich schnell. General Kaspars Pudāns, Kommandeur der lettischen Streitkräfte, ist da eher für 2028 und führt die angebliche Überlegenheit Russlands bei den Drohnen an, die doch sonst gerade gerne den Ukrainern attestiert wird. Das alles paradoxerweise mit den Beteuerungen, dass die Ukraine militärtechnisch überlegen sei und Russland schwächele. Wahrscheinlich wird bald prophezeit, dass besonders ein geschwächtes Russland angreifen werde.

Jetzt widersprach US-General und Nato-Kommandeur (SACEUR) Alexus Grynkewich auf der Luft- und Raumfahrtmesse ILA dem in Europa herrschenden Narrativ auf einem Panel zusammen mit dem Generalinspekteur der Bundeswehr, Carsten Breuer, Airbus-Defence-and-Space-CEO Michael Schöllhorn und OJ Sanchez von Lockheed Martin. Thema war die Aufrüstung Europas und der teilweise Rückzug der USA. Grynkewich war es, der den Abzug von 5000 US-Soldaten aus Deutschland und die Absage verkündet hatte, Mittelstreckenraketen in Deutschland zu stationieren. Dabei wird es nicht bleiben. Der US-General machte auf dem Panel auch den Grund deutlich, so die Financial Times. Luftwaffen- und Marineverbände müssten in den Pazifik verlegt werden. Das brauche man im Falle eines „Ereignisses“ dort.

Breuer betonte, dass es für die europäischen Nato-Länder einen Termin gibt, der mit dem propagierten für einen möglichen russischen Angriff verbreitet wird: „2029, darauf kommt es an. Und das ist der Grund, warum ich allen unseren Zeitplänen im Verteidigungsministerium eine rote Linie gesetzt habe.“ Es muss also schnell aufgerüstet und Geld in die Rüstungsindustrie gesteckt werden, was bei den Airbus- und Lockheed-Chefs die Kassen klingeln lässt. Im Augenblick ist die Rüstungsindustrie eine Bonanza, da hört man gerne, wie groß die Bedrohung ist und wie schnell das Geld ausgegeben werden soll.

Offenbar standen nicht Drohnen und Drohnenabwehr, sondern weitreichende Präzisionswaffen im Vordergrund, mit denen sich strategisch wichtige militärische und politische Ziele weit im Inneren des gegnerischen Landes, also etwa in Moskau oder St. Petersburg, treffen lassen. Dabei bleibt ambivalent, ob es sich um Waffen handelt, um einen angreifenden Gegner abzuschrecken und zu schwächen oder um ihn präventiv anzugreifen.  Breuer erklärte, es müssten bis zur Deadline 2029 zunächst US-Waffensysteme genutzt, dann diese von den USA gekauft und schließlich europäische Systeme hergestellt werden. Grynkewich meinte: „Langstreckenwaffen helfen dem Bündnis kurzfristig, Abschreckung herzustellen. Mittel- und langfristig müssen die weitreichenden Präzisionswaffen durch Cyber- und Weltraumfähigkeiten ergänzt werden. Dazu muss die Forschung und Entwicklung angepasst werden.“ Langstreckenwaffen wären aber, so sagte er zum Abzug von Truppen, auch schnell zu produzieren und zu verlegen.

Grynkevich versicherte aber auch gegen die 2029-Panik von Breuer, dass Russland nicht auf einen Konflikt mit Europa oder der Nato aus ist, auch wenn die USA Kapazitäten abziehen. Das kann natürlich Lavieren sein, den Abzug zu verkaufen, indem Ängste, die auch systematisch und interessengeleitet geschürt werden, kleingeredet werden. Auffällig ist, dass das im Bericht der Atlantik-Brücke lieber verschwiegen wird. Man sei aber weiterhin bereit, auf Angriffe zu reagieren: „Selbstverständlich sind wir bereit, heute Nacht zu kämpfen. Wir sind bereit, heute Nacht zu kämpfen, über alle 32 Nationen hinweg.“ Breuer unterdrückte jede Kritik am Pentagon mit dem Verweis auf den angeblichen Feind, den allerdings eben Grynkevich nicht aufbauschen wollte: „Unser Problem liegt nicht innerhalb des Bündnisses. Unser Problem sitzt in Moskau, und deshalb müssen wir etwas dagegen tun.“

Dagegen sagte Grynkevich: „Ich verfolge die Geheimdienstberichte sehr aufmerksam […] Russland ist nicht auf einen Konflikt aus. Man ist sich dort bewusst, dass wir ein Verteidigungsbündnis sind, und man weiß, dass wir über eine Reihe asymmetrischer Vorteile verfügen, mit denen man dort einfach nicht mithalten kann.“

Da dürfte der General recht haben. In der Ukraine gibt es zwar auch eine Front, aber gegenüber der Nato ist das nur ein vergleichsweise kleines Gebiet. Ein Krieg würde sich nicht an der Front abspielen, sondern tatsächlich mit weitreichenden Waffen überall im Territorium Russlands und Europas und vor allem unter dem ständigen Risiko, dass Russland Atomwaffen einsetzen könnte. Eine Dimension, die man bei all den Aufrüstungsplänen gerne beiseitestellt, die aber bei einem Krieg mit Russland berücksichtigt werden muss.

Florian Rötzer

Florian Rötzer, geboren 1953, war Gründer des Online-Magazins Telepolis und von 1996 bis 2020 dessen Chefredakteur. Seit 2022 ist er Redakteur beim Overton Magazin. Er ist Autor mehrerer Bücher, zuletzt In der Wüste der Gegenwart, das er zusammen mit Moshe Zuckermann geschrieben hat.
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5 Kommentare

  1. Zu dem was in Gaza passiert (Juni 2026):
    Die Nahrungsmittelpreise wie die von Tomaten kosten das fünffache aber die Lebenshaltungskosten haben sich sich insgesamt verdoppelt. Seit den letzten Angriffen auf den Iran werden auch weniger Hilfslieferungen reingebracht. Es erhält jeder Empfängerhaushalt im Monat zwei Hilfspakete, ein Sack Mehl und 2,5 Kg mit Nährstoffen angereicherte Kekse. Es stehen die Menschen mit leeren Töpfen in Gemeinschaftsküchen an. Es haben im Mai 1.354.322 Palästinenser eine Hilfsleistung erhalten aber geplant ist dass 1.600.000 Menschen die Hilfsleistungen erhalten. Es herrscht eine hohe Nahrungsmittelunsicherheit. Es wurden im April 51 Millionen US-Dollar als digital cash an 666.915 Menschen bezahlt (mit e-wallets). Es wurden im Mai 42 Millionen US-Dollar als digital cash an 517.481 Menschen bezahlt.

    Es werden die Hilfslieferungen der Vereinten Nationen nicht reingelassen(!). Es waren 441 (letzten Dienstag) oder 578 (letzten Samstag) Lastwagen pro Woche anstatt 600 Lastwagen am Tag. Es wird eine Anzahl von kommerziellen Lieferungen reingelassen (Snacks, Erfrischungsgetränke, wenig oder kein Gemüse aber auch verdorbene Nahrungsmittel). Es wurden vor einer oder zwei Wochen 750 Kg verdorbene Nahrungsmittel von einer Aufsichtsbehörde zerstört. Wo der Rest der 40 Tonnen verdorbenes Huhn ist ist nicht klar. Einiges scheint bei Pallywood aufgetaucht zu sein wo gebratenes Huhn von Kellnern herumgetragen wurde. Solche Videos werden produziert oder verbreitet um zu zeigen dass es den Palästinensern nicht schlecht geht. Fleisch gibt es weniger als 1x pro Woche. Über die Hälfte der Haushalte verbrennt Müll um zu kochen. Es wird wenig Gas zum Kochen reingelassen und auch Schmierstoffe für Geräte oder Bauteile für die Entsalzungsanlagen werden vorenthalten. Die Hälfte der Bevölkerung leidet an Hautkrankheiten. Dies ist auf Bakterien zurückzuführen, die Abwasser mit den Fäkalien fliessen nicht ab. Soll der Anschein einer funktionieren Wirtschaft erzeugt werden? Wird die „Kollaboration“ belohnt (jüngere Palästinenser die mit rauchenden Reifen ihre Autos vorzeigen waren in einem Video zu sehen)?

    Verdient die Besatzung an den kommerziellen Waren? Es war„Produced in Israel“, zu sehen auf den Waren in den Paketen die von den Amerikaner angeliefert wurden. Die hungrigen Palästinenser wurden dann zu hunderten erschossen. Anstatt die Hilfslieferungen an die Verteilungszentren von UNRWA in Gaza zu liefern und die Empfänger per SMS darüber zu informieren dass die Pakete abgeholt werden können.

    Werden die Hilfslieferungen der Vereinten Nationen dagegen aus den Ländern importiert? Das Militär kassiert eine Gebühr für das Reinlassen der kommerziellen Lieferungen (evtl. 300,- Dollar je Lastwagen). Zur Erinnerung: 77% der Bevölkerung benötigen die Hilfslieferungen, 81% sind arbeitslos und 100% werden als arm geführt. Kranke warten zu tausenden auf eine Ausreise um eine medizinische Behandlung zu bekommen.

    Die „angereicherten Kekse“ werden für das World-Food-Programme (WFP) produziert, in die Krisengebiete gebracht und sind „Nicht für den Weiterverkauf oder Tausch“ gekennzeichnet.
    „Angereicherte Kekse sind für die allgemeine Nahrungsmittelverteilung […] und den Einsatz in Notfällen bestimmt. Dieses verzehrfertige Lebensmittel dient dazu, den dringenden Bedarf in der akuten Phase eines Notfalls zu decken, in der die Bevölkerung aufgrund fehlenden Zugangs zu grundlegenden Einrichtungen (sauberes Wasser, Kochutensilien usw.) nicht in der Lage ist, selbst zu kochen.“ Es enthalten 100g dieser Kekse mindestens 15g Fett, mindestens 10g Protein, mindestens 430kcal/1799kj, die Vitamine A, B1, B2, B6, B12, D, E und Kalzium, Eisen, Zink und anderes.

    Mitmachen bei der Einforderung der Menschenrechte für Palästina.
    https://eci.ec.europa.eu/055/public/?lg=de

    1. @Kommentarium: Können mir die Overton-Macher, die doch so stolz auf ihr neues Forum und dessen Regeln sind, bitte mal erklären, warum dieser elendigen Gaza-Ticker-Trollerei nicht endlich Einhalt geboten wird??!!

  2. Bisher hat nur der barbarische Westen Atomwaffen eingesetzt. Warum sollte Russland als erstes Atomwaffen einsetzen? Das ist eine Unterstellung. Wenn ich diese Kriegsgeilen Strategen höre wird mir Kotzübel. Mir wird immer mehr bewusst das es sich nur um Geld dreht. Das ist alles so widerwärtig und wird wahrscheinlich nicht ewig gut gehen. Der Westen ist leider das Übel der Welt.

  3. Der Stellvertreter Krieg den die NATO in der Ukraine führt, funktioniert ja nur deshalb, weil Russland gegenüber der NATO konventionell weit unterlegen ist und es sich nicht leisten kann, auf die Angriffe der NATO direkt zu antworten. Über alles kalkuliert stehen 140 Millionen Russen, 1 Milliarde Menschen auf der Seite der NATO-Staaten gegenüber.
    Russland kann sich erfolgreich verteidigen, solange es defensiv vorgeht und dabei die eigenen Truppen schont, aber ein Angriff Russlands auf die NATO würde Russland bei weitem überfordern und hätte den baldigen Untergang Russlands zur Folge.
    Das westliche Gerede von einem Angriff Russlands bis 2029 ist deshalb reine Propaganda. Das hätte der Westen gerne, aber den Gefallen wird Russland trotz zunehmender Eskalation und Provokation dem Westen nicht machen.
    Die große Gefahr liegt eher darin, dass Russland atomar reagieren wird, wenn es zu viel einstecken muss. Es läuft also darauf hinaus, dass die Europäische-NATO weiter provoziert, bis dann der atomare Vernichtungsschlag erfolgt.

  4. Noch eine kleine aber wichtige Korrektur:
    Im Original sagte Keith Starmer: „And if you needed any reminder about the importance of this, it is our intelligence assessment, and the assessment of other countries in NATO, that there could be an attack by Russia or NATO as soon as 2030.“
    Ob das nun auf reale Planungen der „Koalition der Willigen“ zurückgeht oder feuchte Träume der Britischen Regierung zurückgeht, ist zwar unklar, aber tatsächlich hat er gesagt, dass Russland (uns) ODER die NATO (Russland) bis 2030 angreifen könnte. Und leider ist das ich immernoch der Wortlaut im Original (siehe dort!), und wurde m.W. bisher auch von niemandem z.B. als Versehen oder sonstwie erklärt.

    PS. So wichtig die Botschaft von @Kommentarium auch ist, hat sie in diesem Zusammenhang gar nichts verloren!

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