Nach New START werden Russland und die USA stärker auf Worst-Case-Szenarien setzen

Test einer strategischen Rakete des Typs Trident II D5 Life Extension von einem U-Boot 2025. Bild: U.S. Navy

Am 5. Februar ist mit dem 2020 vereinbarten New START-Abkommen (New Strategic Arms Reduction Treaty) das letzte Abkommen über die Begrenzung von Atomwaffen abgelaufen. Vereinbart war zwischen Russland und den Vereinigten Staaten, nicht mehr als 1500 aktive Sprengköpfe und nicht mehr als 800 Trägersysteme einsatzbereit zu halten.  Durch Abkommen war die Zahl der Sprengköpfe von wahnsinnsweisen mehr als 70.000 (1986) auf 12.500 reduziert worden. Jetzt könnten beide Länder, die über 90 Prozent aller Atomwaffen verfügen, ihre Arsenale aufstocken, während viele Länder darin bestärkt werden, selbst Atomwaffen zu erwerben oder zu entwickeln. Das hat sich bislang, siehe Nordkorea versus Iran, Irak oder Ukraine, als Schutz vor Angriffen bewährt.

Seit 2020 gab es schon keine Vor-Ort-Inspektionen mehr, nur noch eine gegenseitige Überwachung durch Satelliten- oder Fernaufklärung. Die strategischen Bomber mussten nach Protokoll beobachtbar und nicht abgedeckt sein, was etwa die Ukraine 2025 ausnutzte, um russische Bomber auf dem Luftwaffenstützpunkt Engels mit Drohnen anzugreifen und zu beschädigen. Russland hatte 2023 die Teilnahme am Vertrag ausgesetzt, aber sich an die Vorgaben gehalten, u.a. dadurch, die  strategischen Bomber nicht zu tarnen und nicht durch einen Hangar zu schützen (Der asymmetrische ukrainische Drohnenangriff auf strategische Bomber weckt Ängste).

Das beidseitige Misstrauen wurde zu groß, mit dem Ukraine-Krieg rückte das Szenario eines Nuklearkrieges näher, Washington und insbesondere Trump wollten sich nie gerne durch Verträge verpflichten. Nachdem die USA einseitig den ABM-Vertrag gekündigt und einen Raketenabwehrschirm auch in Polen und Rumänien aufgebaut haben, hat Russland nach Techniken gesucht, die Raketenabwehr mit Hyperschallraketen wie Oreshnik, Awangard-Gleitflugkörper oder Unterwasserdrohnen mit Nuklearsprengköpfen auszutricksen. Dazu kam, dass ein bilaterales Kontrollabkommen durch weitere Atomstaaten und vor allem durch die Aufrüstung von China obsolet wird.

Washington wollte zumindest China in einem trilateralen Abkommen einbeziehen, da winkte man aber ab, vermutlich weil man erst mit den beiden großen Atomwaffenstaaten gleichziehen will, aber auch nicht von Trump ausgetrickst werden will. Zudem ist angesichts von sieben weiteren Atomstaaten die Begrenzung auf drei auch nicht vielversprechend. Trump will in der Nachfolge von Ronald Reagan und George W. Bush wiederum die USA mit dem neuen Raketenabwehrschirm Golden Dome schützen.

Die große Frage ist jetzt, wie es weitergehen wird. Mit dem Ukraine-Krieg und Trumps Abrücken von Europa verspüren manche Regierungen den Druck, den amerikanischen nuklearen Schutzschild durch einen eigenen europäischen zu ersetzen, dazu zählen die deutsche, die polnische, aber auch die schwedische Regierung. Das würde bedeuten, den Atomwaffensperrvertrag den entscheidenden Schlag zu versetzen und die Welt noch unsicherer zu machen, da mehr Staaten wie Saudi-Arabien, Südkorea und Japan, vielleicht auch die Türkei oder Ägypten über Atomwaffen verfügen wollen. Im Kalten Krieg war die Situation noch überschaubar, jetzt gibt es bereits neun Atomwaffenstaaten, in Zukunft könnten es 20 oder mehr werden. Das erhöht die Risiken enorm auch für einen nicht beabsichtigten Atomkrieg.

Zuerst aber werden vermutlich Russland und die USA schnell aufrüsten, es sind ja seit Jahren Modernisierungsprogramme gelaufen. Russland dürfte fürchten, von den USA ausgebootet zu werden, da es durch den Krieg in der Ukraine auch finanziell unter Druck steht und Trump bereit sein dürfte, nuklear die Oberhoheit zu gewinnen, auch wenn es letztlich nur darum geht, das menschliche Leben noch massiver auslöschen zu können. Trump hatte bereits im Oktober 2025 den Beginn neuer Atomwaffentests angekündigt. Jetzt wird auf beiden Seiten das wechselseitige Misstrauen wachsen und Worst-Case-Szenarien über die nuklearen Kapazitäten gedeihen.

Beide Länder verfügen über jeweils über 5000 Nuklearsprengköpfe, d.h. es gibt jeweils um die 4500 Reserve-Nuklearsprengköpfe, die einsatzbereit gemacht werden könnten. So sind derzeit wegen des New START-Abkommens die 400 landgestützten Interkontinentalraketen nur mit einem Sprengkopf ausgestattet. Etwa die Hälfte sind Minuteman III- Raketen, die mit jeweils drei W78-Gefechtsköpfen ausgestattet werden können. So ließe sich relativ schnell die Zahl der Sprengköpfe von jetzt 400 auf 800 erhöhen. Abgelöst werden die Minuteman-Raketen Ende des Jahrzehnts durch MIRV-Sentinel-Interkontinentalraketen, die 10 oder mehr Sprengkräfte tragen können. Auch auf den U-Booten könnten zusätzlich mehrere hundert Sprengköpfe hinzugefügt werden. Am leichtesten wäre dies bei den B-2 und B-52-Bombern, deren Atomwaffen 1992 eingelagert wurden, aber schnell wieder zu hunderten einsetzbar wären.

Ähnlich sieht es in Russland aus, wo die wegen New START reduzierten Sprengköpfe bei Interkontinentalraketen, U-Booten und Bombern schnell aufgestockt werden könnten. Die einsatzbereiten Atomwaffen könnten im Prinzip verdoppelt werden, so dass jede Seite 3000 oder mehr Sprengköpfe startbereit haben würde.

Matt Korda, Eliana Johns, Mackenzie Knight-Boyle und Hans Kristensen gehen in ihrem FAS-Bericht über die Folgen des Auslaufens von New START davon aus, dass die Risiken damit zunehmen würden und ein massives Wettrüsten die Folge wäre: „Während militärische Falken in Russland und den Vereinigten Staaten behaupten, dass für die nationale Sicherheit mehr Atomwaffen erforderlich sind, würde dies unweigerlich dazu führen, dass jedes Land zum Ziel von Hunderten zusätzlicher Atomwaffen würde. Ohne die Transparenz und Vorhersehbarkeit, die sich aus dem Verifikationssystem und dem regelmäßigen Datenaustausch im Rahmen des New-START-Vertrags ergeben, würden zudem die nukleare Unsicherheit – und damit möglicherweise auch Verwirrung und Missverständnisse – zunehmen. Die Planer in Russland und den USA würden sich in ihren Nuklearprogrammen stärker auf Worst-Case-Szenarien stützen, und beide Länder würden wahrscheinlich mehr in Maßnahmen investieren, die ihrer Ansicht nach ihre Entschlossenheit demonstrieren und ihre allgemeine Sicherheit erhöhen, darunter nichtstrategische Nuklearstreitkräfte, konventionelle Streitkräfte, Cyber- und KI-Fähigkeiten sowie Raketenabwehr.“

Nach Axios scheint es noch eine Restvernunft zu geben. Informanten hätten gesagt, dass noch Verhandlungen in Abu Dhabi zwischen Russland und den USA stattfinden, um trotz der Beendigung des Abkommens die dort vereinbarte Begrenzung der Atomwaffen ein halbes Jahr fortzuführen, bis ein neues Abkommen vereinbart würde. Nach Donald Trump war New START ein schlecht ausgehandeltes Abkommen, es brauche ein neues Abkommen, keine Verlängerung.

Russland hatte für eine Verlängerung des Abkommens um ein Jahr plädiert, Frankreich und Großbritannien müssten dann einbezogen werden, China müsse sich selbst entscheiden.  Trump ist darauf nicht eingegangen. Medwedew: „Das US-Außenministerium hat das neue START-Abkommen als ‚mangelhaft‘ bezeichnet, da es weder taktische Atomwaffen abdeckt noch China einbezieht. Wirklich? Was ist mit Großbritannien und Frankreich? Was ist mit Hyperschallwaffen? Die Erklärung Washingtons bedeutet nur eines: Unter diesen Bedingungen wird es niemals einen Vertrag geben. Seien Sie ehrlich!“

Eigentlich haben sich die fünf Atommächte im Atomwaffensperrvertrag dazu verpflichtet, im Gegenzug zu ihrem Sitz im UN-Sicherheitsrat mit Veto-Recht alle Atomwaffen abzuschaffen. Dazu wurde kein Schritt unternommen. Dem Vertrag erst gar nicht beigetreten sind Indien, Pakistan, Israel und der Südsudan, Nordkorea ist ausgestiegen. Dem 2021 in Kraft getretenen Atomwaffensperrvertrag haben 74 Staaten ratifiziert, darunter nur Malta, Österreich, Irland und Luxemburg.

Florian Rötzer

Florian Rötzer, geboren 1953, war Gründer des Online-Magazins Telepolis und von 1996 bis 2020 dessen Chefredakteur. Seit 2022 ist er Redakteur beim Overton Magazin. Er ist Autor mehrerer Bücher. In diesen Tagen erschien sein Buch In der Wüste der Gegenwart, das er zusammen mit Moshe Zuckermann geschrieben hat.
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4 Kommentare

  1. Atombomben sind eigentlich als Waffen überholt. Jede Partei weiß, wenn ich Atombomben einsetze
    ist das das Ende. Keiner hat daraus einen Vorteil. Allerdings gibt es auch völlig unberechenbare
    Länder mit Atomwaffen. Völlig unberechenbar ist Israel. Ich halte es für nicht unmöglich, dass
    der Verbrecher Netanjahu, der jetzt schon bestimmt eine Million Palästinänser auf dem Gewissen,
    nein auf dem Kerbholz hat, auch noch mit Atomwaffen um sich schießt um seine Haut retten zu versuchen.
    Russland hat mit seinen neuen Waffen ganz andere Möglichkeiten ggf. Atomsprengköpfe einzusetzen.
    Der Atomtorpedo soll ja einen riesigen Zunami auslösen können. Durch die neuen Atom-betriebenen-Raketen
    sind die Strategischen Bomber überflüssig geworden. Ich persönlich würde mir wenn überhaupt Waffen
    wünschen, die nur Menschen töten. Warum müssen die Tiere und Pflanzen in Mitleidenschaft gezogen werden?
    Ein Mittel, was die ges. Menschheit unfruchtbar macht z. B. Der Mensch stirbt einfach aus und fertig. Kein
    unnötiges Leiden und der Planet wird dann mal wieder so richtig durchathmen.

  2. Ich glaube, es war John Mearsheimer, der neulich in einem YouTube-Interview sinngemäß gesagt hat, dass es egal sei, ob die Menschheit nun dreimal oder fünfmal vernichtet werden könne – oder zukünftig dann halt siebenmal, wenn jetzt wieder weitere Atomsprengköpfe hinzukommen. Die wirklich sinnvolle Auswirkung der Verträge habe darin bestanden, dass nicht weiter Unsummen Geld für die atomare Aufrüstung bereitgestellt wurden.

    Ich persönlich denke, dass der Wegfall aller Beschränkungen aber auch allgemeine psychologische Effekte haben wird. Neue Begehrlichkeiten werden geweckt. So gehe ich beispielsweise davon aus, dass zukünftig die Stimmen, die die deutsche Atombombe fordern, lauter werden. Hat ja schon angefangen.
    Irgendwann wird dann ein tragischer Unfall, ein Missverständnis, eine Fehlinterpretation oder eine falsch entscheidende KI das Ende der Moderne besiegeln. Bleibt zu hoffen, dass auf irgendeiner Südseeinsel ein paar Individuen des Menschengeschlechts überleben.

  3. @F. Rötzer:

    Nordkorea versus Iran

    Wirklich? »versus«?

    So traurig die anderen Fakten des Artikels sind, so vorhersehbar waren und sind sie.

    Bleibt die Frage, ob sich Russland wieder (wie die SU) in einen ruinösen Rüstungswettlauf ziehen lässt?

    Zwischenzeitlich muss ich wohl in Erwägung ziehen, dass es doch einen Gott gibt: Evolution kann eigentlich nicht so dämlich sein, dass sie etwas wie den Menschen hervorbringt…

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