Mordanschlag auf ukrainischen Oligarchen in Monaco. Stecken ukrainische Geheimdienste dahinter?

Vadim Yermolayev 2019 in einem Gespräch mit Andrii Ostapchuk. Screenshot von YouTube-Video

Der wie viele andere in den wilden 90er Jahren reich gewordene Vadym Yermolayev sah sich schon 2019 als bedroht an und verließ das Land. Er wurde von Selenskij 2023 mit Sanktionen wegen angeblicher Kollaboration belegt. Sollte dem „Bataillon Monaco“ eine Botschaft aus Kiew vermittelt werden, geht es um Korruption oder um organisierte Kriminalität?

Am Montagabend, den 29. Juni, wurde in Monaco ein Sprengstoffanschlag auf den ukrainischen Oligarchen Vadym Yermolayev aus Dnipro ausgeführt. Die Sprengladung in einer abgestellten Tasche ging hoch, als dieser mit seiner Begleitung die Wohnung in einer ruhigen Straße verlassen wollte. Dabei wurde er verletzt, eine Frau, die ihn begleitete, verlor beide Beine, auch sein 13-jähriger Sohn wurde verletzt, zudem zwei zufällig auf der Straße anwesende Personen. Der Täter flüchtete nach Frankreich, dann vermutlich nach Italien, wahrscheinlich mit dem Ziel, in der Ukraine unterzutauchen.

Aufsehen erregt das Attentat nicht nur deswegen, weil es in dem bislang sicheren Stadtstaat Monaco, wo sich die Superreichen niederlassen, verübt wurde, sondern auch weil es einen aus der größeren Gruppe der reichen Ukrainer betroffen hat, die sich in der Monaco vom Krieg zurückgezogen haben und ironisch als „Bataillon Monaco“ bezeichnet wird. Bekanntlich hatte kürzlich der ukrainische Oligarch Rinat Akhmetov ein Anwesen in Monaco für 471 Millionen Euro gekauft.

Ziel des Anschlags war der Bauunternehmer Yermolayev (Ermolaev), der auch im Alkoholgeschäft, in der Landwirtschaft, bei Bau- und Medizinmaterialien tätig ist, und schon 2019, als Selenskij Präsident wurde, die Ukraine verlassen, die ukrainische Staatsbürgerschaft aufgegeben und die zypriotische angenommen hat, weil er, wie er sagte, „internationalen Schutz“ suchte und das ukrainische Justizsystem fürchtete. Vermutet wird, dass er auch die israelische Staatsbürgerschaft besitzt. Tatsächlich wurde er Ende 2023 von Selenskij zusammen mit 200 weiteren Personen und Unternehmen mit Sanktionen belegt, angeblich weil seine Alkoholfirma auf der Krim noch tätig sein. Nach ihm sei diese aber schon 2014 von den Russen beschlagnahmt worden. Eine Anklage gegen Yermolayev wurde nie erhoben.

Der Politikexperte Volodymyr Fesenko sagte Kyiv Independent dazu: „Es ist durchaus möglich, dass einer seiner Rivalen ihm eine Falle gestellt hat. Sie wussten, dass er Vermögenswerte auf der Krim hatte, und haben sich entschieden, ihn ins Visier zu nehmen, indem sie kompromittierende Informationen über diese Vermögenswerte an die Öffentlichkeit brachten. Das ist eine gängige Praxis. In der Ukraine wurden Sanktionen sehr oft als Mittel in geschäftlichen Rivalitäten eingesetzt.“

Yermolayev soll sich politischen Stellungnahmen enthalten und keineswegs prorussische Äußerungen gemacht haben, aber er wird verdächtigt, wirtschaftliche Verbindungen mit Russland auch über die Krim hinaus zu haben. Trotz der verhängten Sanktionen hat er seine Geschäfte in der Ukraine aus der Ferne gesteuert, wie Figaro berichtet.  Nach der Sanktionierung hatte er einen Großteil seiner Tochter Sofia Kononenko übertragen, die die Firmen angeblich im August 2025 an den Deutschen Yevhen Steinberg übertragen hat. In Monaco ist er mit einem Bentley unterwegs, hatte natürlich eine Superjacht zbd Immobilien in Zypern und London.

Angenommen wird einerseits, dass der ukrainische Geheimdienst SBU hinter dem Anschlag auf den Unternehmer steht, der sich vom Land abgewandt hat, das ihn als russischen Kollaborateur bezeichnete. Der Anschlag könnte als Warnung an die ukrainischen Reichen verstanden werden, die sich und Teile ihres Vermögens aus dem Land zurückgezogen haben. Die ukrainische Staatsanwaltschaft hat zwar Ermittlungen wegen eines Mordversuchs aufgenommen, ob dabei etwas herauskommen wird, ist fraglich, sollte der SBU verwickelt sein, was die Ermittler nach Le Figaro vermuten.

Wenn es stimmt, was Claude Moniquet, ehemaliger DGSE-Agent und Mitbegründer des European Strategic Intelligence and Security Center, behauptet, könnte der Mordanschlag auch damit zu tun haben, dass Yermolayev in nächster Zeit über die Korruption in der Ukraine im Europäischen Parlament sprechen wollte. Das ist natürlich ein heißes Thema, da die Regierung wahrscheinlich bis hinaus zum Präsidenten, der schon mal die unabhängige Antikorruptionsbehörde auch mit der Hilfe des SBU ausschalten wollte, im Korruptionssumpf steckt, aber auf die Milliarden aus der EU angewiesen ist, wo man das Problem lieber nicht hochkochen will. Sollte womöglich der Oligarch als Insider beseitigt werden?

Für Anatolij Sharij, ein in Spanien lebender in der Ukraine bekannter regierungskritischer Journalist, auf den dort auch bereits ein Anschlagversuch ausgeübt wurde (Mordversuch  an ukrainischem Exil-Journalisten in Spanien), geht davon aus, dass es eine Botschaft der Selenskij-Regierung war. Das habe er einem Gespräch mit einem ukrainischen Oligarchen entnommen. Dafür spreche etwa, dass keine Schusswaffe, sondern ein Sprengsatz verwendet wurde: „Das ist eine Botschaft. Sie wurde auf die brutalste und lauteste Art und Weise übermittelt, damit alle anderen verstehen: Selenskij meint es ernst. Und jeder, der versucht, sich hart zu geben, wird in Stücke gerissen. Und es spielt keine Rolle, wo. In Monaco, an der Pariser Oper oder im Kolosseum. Verstehen Sie, wohin völlige Straffreiheit führt? Ich hoffe sehr, dass die Europäer aufhören, diese Banditen und Dreckskerle zu schützen.“

Möglicherweise hat, wie andere vermuten, der Mordanschlag, bei dem der Täter keine Rücksicht auf Nicht-Beteiligte nahm, etwas mit dem ältesten Sohn Artur Yermolayev zu tun. Er wurde auf Zypern festgenommen und Ende 2025 nach Estland ausgeliefert und dort angeklagt. Mit Komplizen in der Ukraine soll er ein Netzwerk betrügerischer Callcenter aufgebaut haben, die EU-Bürgern und Russen fiktive Investitionsmöglichkeiten versprachen. Zwischen 2019 und 2022 sollen sie über 100 Millionen Euro eingenommen haben, darunter 5,4 Millionen Euro von Esten. Im Mai 2026 schloss er einen Deal mit der Staatsanwaltschaft, erhielt eine Bewährungsstrafe und verließ Estland nach Zahlung von 8,5 Millionen Euro, ein Klacks für seinen Vater, vermutlich Richtung Israel. Sein Vater soll die besten Anwälte eingeschaltet haben, was offenbar bewirkte, dass sich der Sohn in Estland freikaufen konnte. Dass im Zusammenhang mit einem Konkurrenzkampf auf dem Markt der Call-Center-Betreiber der Anschlag aus kriminellen Kreisen erfolgt ist, scheint möglich. Der Anschlag auf den Vater wäre dann wohl eine Einschüchterungstaktik.

Für Monaco stellt der Mordanschlag auf jeden Fall ein größeres Problem dar. Bislang war der Stadtstaat an der Cote d’Azur scheinbar ein sicherer Ort für die Reichen dieser Welt, die in teure Immobilien dort investierten. Mit dem Anschlag zeigt sich, dass man sich darauf nicht verlasen kann, auch wenn der Täter von einer Überwachungskamera abgebildet wurde. Vermutlich wird man Ukrainern in Monaco mit größerem Misstrauen begegnen, weil ihre Anwesenheit die Sicherheit auch anderer Bewohner gefährden könnte.

Florian Rötzer

Florian Rötzer, geboren 1953, war Gründer des Online-Magazins Telepolis und von 1996 bis 2020 dessen Chefredakteur. Seit 2022 ist er Redakteur beim Overton Magazin. Er ist Autor mehrerer Bücher, zuletzt In der Wüste der Gegenwart, das er zusammen mit Moshe Zuckermann geschrieben hat.
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