
Am 24. März 1976 hatten in Argentinien die Militärs die Macht ergriffen und ein Terrorregime errichtet. Tausende wurden verschleppt und ermordet. Monatelang bereiteten sich die Menschenrechtsgruppen auf diesen Tag vor, wollten mit einer großen Demonstration ein Zeichen gegen die Regierung des ultrarechten Javier Milei setzen. Journalisten aus dem Ausland waren angereist.
Auch die Regierung hatte sich vorbereitet, in ihren Augen hatten es ja die damaligen Opfer – rebellische Arbeiter und junge Leute – nicht anders verdient. Pünktlich zum Jahrestag veröffentlichte sie ein Video mit dem Titel „die komplette Geschichte“ – eine fast 80-minütige Peinlichkeit, die der „revanchistischen Kampagne“, finanziert mit Steuergeldern („Geldverschwendung“) der vorigen Regierungen, widersprechen will. Darin erzählt der Sohn eines Folterers über seine „Diskriminierung als Sohn eines Militärs“ und die Tochter eines ermordeten Ehepaars, die von einem Offizier großgezogen wurde, von ihrem Leiden, die ihr durch die Menschenrechtsgruppen und die Justiz angetan wurden. Statt Rache, so der Prolog, gehe es jetzt um „Versöhnung“, „die Vergangenheit ruhen zu lassen und den Blick in die Zukunft zu wenden“.
Massendemonstrationen in allen Städten
Von „Versöhnung“ war am Dienstag, dem 50. Jahrestag des Staatsstreichs, nichts zu spüren. Für „Wahrheit und Gerechtigkeit“ gingen in allen Städten Argentiniens die Menschen auf die Straße. Genaue Zahlen über die Teilnehmer liegen noch nicht vor, aber es war eine der größten Demonstrationen der letzten Jahre. Gekommen waren nicht nur Aktivisten, sondern Familien und Nachbarn, die „Nunca mas“, nie wieder, skandierten. Viele forderten die Amtsenthebung Mileis.

Der Protest war ein riesiger Sieg eines parteienübergreifenden Bündnisses. Gekommen war die UCR (die Partei von Raúl Alfonsín, der die Generäle verurteilen ließ), die Linke, die Gewerkschaften und die Menschenrechtsbewegung, allen voran die noch lebenden Mütter und Großmütter vom Maiplatz. Niemand nahm Anstoß daran, dass auch die Gewerkschaften dabei waren, die in den siebziger Jahren mit den Militärs bei der Bekämpfung von Basisaktivisten in den Betrieben zusammengearbeitet hatten – wie die Automobil-Gewerkschaft SMATA.
In den letzten Wochen vor dem Jahrestag hatten viele Gerüchte kursiert. Milei wolle, so wurde kolportiert, ausgerechnet am Jahrestag die noch in Haft sitzenden Folterer begnadigen – das wäre eine ungeheure Provokation gewesen! Seine Regierung wurde nicht müde, erneut die Zahl der Verschwundenen herunterzurechnen. Es seien nicht 30.000 Verschwundene gewesen, wie die Menschenrechtsgruppen behaupten, sondern „nur“ knapp 10.000. Dass die Militärs am Ende ihrer Herrschaft in Mafia-Manier ihre Archive vernichtet hatten, bzw. bis heute verstecken, verschweigen sie.
Die Tageszeitung „Clarin“ hatte zuvor über Pläne berichtet, die Gedenkstätte ESMA – die einstige Marineschule und ein berüchtigtes Folterzentrum – abzuwickeln. Bisher unterhalten dort mehrere Menschenrechtsgruppen Büros. Das Gelände der ESMA ist 17 Hektar groß, in bester Lage an der Libertador-Allee, und es sollen bereits Angebote für diese begehrte Immobilie vorliegen; unklar ist, ob es sich bei den Interessenten um die Familie Trump handelt.
Doch es kam alles anders. Milei verbrachte die letzten Wochen mit Reisen, flog auf Staatskosten zu seinem verehrten Donald Trump, zur spanischen Vox und dann zu Viktor Orbán, wo er sich im Kreise von Marine Le Pen, Matteo Salvini und Geert Wilders feiern ließ.
In Argentinien feiert ihn kaum noch jemand, dort werden unangenehme Fragen gestellt, die er nicht beantworten will. Nicht nur sein neoliberales Modell steht in der Kritik, die Armut war nie so schlimm wie im Moment. Die Staatsanwaltschaft ermittelt gegen ihn.
Kein Zweifel: Es hat sich etwas geändert auf den Straßen von Buenos Aires; Mileis Lack ist ab. Hatte er noch vor zweieinhalb Jahren die Wahlen mit dem Kampf gegen die „Kaste“ der Berufspolitiker gewonnen, hat sich inzwischen herausgestellt, dass er und seine Leute mindestens ebenso korrupt sind wie zuvor die Peronisten. Milei reagiert auf Enthüllungen mit Beschimpfungen; die Linke nennt er „Parasiten“ und „arbeitsscheu“, die Sozialisten „neidische Hurensöhne“, die Journalisten (auch die konservativen) „korrupte Söldner“ und die Unternehmer „Diebe“. Das mag am Anfang noch lustig geklungen haben, doch nach den letzten Skandalen steht er als zynischer Vertreter dieser Politiker-Kaste dar.

Der Fall Adorni
So hatte Kabinettschef Manuel Adorni den Präsidenten in die USA zur „argentinischen Woche“ begleitet, und natürlich war die Delegation bequem in der Präsidenten-Maschine gereist und in Nobelhotels an der Fifth Avenue untergebracht. Adorni wollte an seinem neuen Luxus seine Ehefrau Bettina teilhaben lassen und nahm sie, auf Staatskosten, auf die Reise mit. Als die Presse davon Wind bekam, verteidigte er sich mit den Worten, dass er sich in Miami und New York „zu Tode geschuftet“ („deslomado“) und seine Bettina zur Entspannung gebraucht hatte. Bisher schweigt sich die Regierung darüber aus, wie das mit ihrem eigenen Dekret zu vereinbaren ist, wonach die Mitnahme von Familienangehörigen bei Dienstreisen ausdrücklich verboten ist.
Dann kam heraus, dass das Ehepaar Adorni über Karneval im Privatjet mal eben nach Uruguay geflogen ist – bezahlt hatte den Ausflug ein Medienunternehmer, der wiederum lukrative Aufträge des Staatsfernsehens erhält. Der Presse gegenüber schweigt Adorni, und bislang hält Milei an ihm fest. Die Frage ist: wie lange noch? Denn der Kabinettschef wird demnächst den Staatsanwälten gegenüber erklären müssen, warum er in seiner Steuererklärung (die Politiker veröffentlichen müssen) „vergessen“ hat, sein Domizil im privaten Stadtteil Indio Cua Golf Club anzugeben, eingetragen auf Bettina. Die Abgeordnete Marcela Pagano hat Strafanzeige erstattet, einst Parteifreundin der regierenden LLA (die Freiheit schreitet voran), inzwischen Dissidentin.
Der Fall $Libra
Und dann ist da die Kryptowährung $Libra; sie kann Milei das Genick brechen. Inzwischen ermittelt eine Kommission des Kongresses und die Staatsanwaltschaft, letztere allerdings ausgesprochen lustlos. In den letzten Tagen sind neue Beweise aufgetaucht, nachdem auf dem beschlagnahmten Handy seines mutmaßlichen Mittäters Mauricio Novelli gelöschte Chats wiederhergestellt werden konnten. Sie lassen kaum einen Zweifel daran, dass „Mau“ an Milei und seine allmächtige Schwester Karina Millionen gezahlt hat, damit dieser seine neue Kryptowährung in den sozialen Medien anpreist. Die Werbung des präsidialen Influencers funktionierte. $Libra ging viral, die Betreiber der Plattform machten Millionen, aber die meisten verloren ihr Geld. Wo die Gewinne geblieben sind, wird ermittelt.

Die Details dieses Betrugsskandals sagen viel darüber aus, mit was für Personen sich Milei umgibt. Die konservative Tageszeitung La Nación recherchierte den Werdegang Novellis, einem der Jünger Mileis aus den Zeiten der Pandemie. Der hatte während des 7 Monate dauernden extremen Lockdowns eine Schar von jungen Männern um sich gesammelt, die sich über WhatsApp, Instagram und Facebook ihre Wut loswurden – nicht über Big Pharma, sondern über die repressiven Maßnahmen der peronistischen Regierung und, nicht zuletzt, über die erstarkte Frauenbewegung im Lande. „Der erst 25-Jährige (Novelli) verspürte einen unstillbaren Durst nach Reichtum. Der Lockdown brachte ihn 2020 dazu, sein Leben zu überdenken.“
Damals lernte der kleine Bankangestellte Milei kennen, und diese Begegnung – so La Nación – eröffnete ihm einen neuen (gewinnbringenden) Horizont.. Novelli gründete ein Institut für Investitionen und engagierte Milei als gelegentlichen Dozenten. Dieses Institut hatte keine eigenen Räume, sondern nur einen Platz in einem Coworking-Space. Daraus entstand eine Freundschaft, später überwies Novelli an Milei ein monatliches Gehalt für dessen Tätigkeit als „Influencer“, während der im Rahmen seines Wahlkampfes für das Präsidentenamt sein Abgeordneten-Gehalt als großen Propaganda-Gag gegen die „Kaste“ öffentlich verloste. Novelli wies per SMS seine Sekretärin an: „Okay. Wir bezahlen die Influencer monatlich. An Milei gehen 2.000 US-Dollar, jeden Monat. Das ist sein Lohn.“
Novellis Investition zahlte sich aus, er vermittelte fortan an interessierte Unternehmer den Kontakt zu seinem Kumpel, und das war besonders lukrativ, nachdem dieser Ende 2023 ins Präsidentenpalais umgezogen war. So brachte er ihn mit seinem in den USA lebenden Partner Hayden Mark Davis zusammen, gegen ein entsprechendes Honorar, versteht sich.
Die Ermittler stießen bei der Auswertung von Novellis Handy auf eine Zahlung von 300.000 US-Dollar, die Hayden Davis für die Unterstützung seiner neuen Kryptowährung als Anzahlung geleistet hatte, so La Nación. Insgesamt wurden auf dem Vertragsentwurf zwischen Hayden und Milei 5 Millionen Dollar erwähnt. Milei bestreitet den Erhalt dieses Geldes. Fakt ist, dass er am 14. Februar 2025 in seinen sozialen Medien die neue Kryptowährung anpries.
Laut der parlamentarischen Untersuchungskommission soll der US-Unternehmer für diese präsidiale Werbung insgesamt 13,5 Millionen Dollar ausgegeben haben, angewiesen in 87 Transaktionen über diverse Zahlungsdienstleister in Finanzparadiesen.
Laut der wiederhergestellten Handydaten hat Novelli am 14. Februar Milei um 18.44 Uhr und 18.54 Uhr aus den USA angerufen, wo er mit Hayden zusammen war. Zwei Minuten später rief ihn Milei zurück, und weitere zwei Minuten ein weiteres Mal. Unmittelbar danach hat Milei, um 19.01 Uhr, in den sozialen Medien die neue Kryptowährung als eine seriöse Investition weltweit angepriesen. Zwei Minuten nach dem Tweet wurde telefonisch Vollzug gemeldet. Investoren hatten gekauft und Millionen verloren.
Ein Engagement für die Kryptowährung kann Milei sein Amt kosten, inzwischen ermittelt auch die US-Justiz.
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Ergänzend ein etwas älterer Artikel zu dem bisherigen Ausverkauf des Landes:
https://tkp.at/2026/01/15/venezuela-boese-argentinien-gut/
Die Plünderung geht natürlich unverdrossen weiter.