
Seit die Partei Morena (Movimiento de Regeneración Nacional) die Regierung in Mexiko stellt – 2018 wurde Andrés Manuel López Obrador (AMLO) und 2024 die aus der gleichen Bewegung hervorgegangene Claudia Sheinbaum ins Präsidentenamt gewählt – haben die in diese Zeit fallenden beiden Trump-Regierungen Mexiko zum Feindesland erklärt. Alle Nasenlang ertönen Drohungen des US-Präsidenten: Aufkündigung des Freihandelsabkommens, Strafzölle, militärische Intervention zwecks Vernichtung der Drogenkartelle, Errichten eines unüberwindlichen Grenzzauns, landesweite ICE-Jagd auf mexikanische Einwanderer, usw.
Mexiko hat sich im Lauf seiner Geschichte an die Bedrohung durch die USA gewöhnt. Einen ihrer Höhepunkte erreichte die Bedrohung im Angriffskrieg der USA, der von 1846 bis 1848 dauerte. Ergebnis: Mexiko verlor etwa die Hälfte seines Staatsgebiets, darunter die heutigen Bundesstaaten Kalifornien, Utah, Nevada, Arizona und New Mexiko. Damit alles seinen korrekten rechtlichen Rahmen hat, zahlten die USA 15 Millionen Dollar an Mexiko als Entschädigung. Vorher hatten sich die USA bereits Texas angeeignet. Rechtfertigung des damaligen US-Präsidenten James K. Polk: Gemäß göttlichem Willen stände der gesamte nordamerikanische Kontinent den USA zu.
Die Unterwerfung Mexikos unter US-Interessen wurde dann vorübergehend durch die mexikanische Revolution (1919 – 1920) gestört, die der langjährigen Diktatur von Porfirio Díaz ein Ende setzte. Nach Ansetzen zu einer Landreform unter der Präsidentschaft von Lázaro Cárdenas (1934-1940) gewann die USA bald ihre Rolle als hegemoniale Macht zurück, gestützt auf eine 50-jährige Herrschaft der Partei PRI: Partei der institutionalisierten Revolution – den Namen muss man sich auf der Zunge zergehen lassen. Deren durchweg korrupte Präsidenten pflegten durch Wahlbetrug an die Macht zu kommen (ein Arbeitsaufenthalt in Mexiko während des Wahlkampfs von 1988 gab Gelegenheit zur Besichtigung des Wahlbetrugs aus nächster Nähe: Der PRI-Kandidat Salinas de Gortari trat gegen den Reformkandidaten Cuauhtemóc Cárdenas – Sohn von Lázaro Cárdenas – an, und dieser lag nach allen Umfragen weit vorn. Dann brach in der Wahlnacht das Computersystem zusammen, und nach einigen Tagen Schweigen wurde der PRI-Kandidat mit dem Plazet der US-Regierung zum Sieger erklärt. Später wurden zahlreiche Säcke mit Stimmzetteln in bergigen Schluchten gefunden).
Im Jahr 2000 verlor dann die PRI erstmals die Wahlen, und Vicente Fox von der Rechtspartei PAN wurde Präsident. In der gleichen Zeit begann der Aufstieg der Drogenkartelle, mit dem „Cartel de Sinaloa“ als mächtigstem, das in der Folge mit zahlreichen weiteren Drogenkartellen rivalisierte, darunter dem „Cartel Jalisco Nueva Generación“. Sehr schnell durchsetzten die Drogenkartelle den Staatsapparat auf politischer, administrativer. polizeilicher und militärischer Ebene. Ein Beispiel für die Vernetzung des Staates mit den Drogenkartellen ist die Kooperation mit dem Sinaloa-Kartell unter dem Präsidenten Felipe Calderón (2006-2012). Dessen Idee: das Sinaloa-Kartell zum dominierenden Kartell zu machen und mit dessen Hilfe die anderen Kartelle unter Kontrolle zu bringen. Erst 2017, am Ende der Amtszeit des Präsidenten Enrique Peña Nieto, wurde schließlich der Boss des Sinaloa-Kartells Chapo Gúzman an die USA ausgeliefert. Gegen Peña Nieto, inzwischen wie viele Ex-Präsidenten im Ausland, in diesem Fall in Madrid, ansässig, gibt es seitdem Ermittlungen wegen Geldwäsche und seiner Verwicklung in den Korruptionsskandal um den brasilianischen Baukonzern Odebrecht.
Um zu den aktuellen Drohungen der Trump-Regierung gegen Mexiko zurückzukehren: Dieser schreckt vor keiner Diskreditierung der Reformpolitik von AMLO und jetzt Claudia Sheinbaum zurück. Der letzte Coup: Nach US-amerikanischen Geheimdienstberichten, darunter die DEA (Drug Enforcement Administration), soll das Sinaloa-Kartell 2018 den Wahlkampf von AMLO finanziell unterstützt haben. Ein weiteres Beweisstück: Auf einem Video reicht AMLO der Mutter von Chapo Gúzman die Hand.
Im Unterschied von Trump ist das Kommunikationsinstrument von Claudia Sheinbaum nicht „Truth Social“, sondern die „Mañaneras del Pueblo“ (morgendliche Versammlung des Volks): von Montag bis Freitag ab 7 Uhr früh. An ihr nimmt eine Gruppe per Los ausgewählter Journalisten teil, die unzensiert und frei Fragen stellen können. Auf diesen Versammlungen hat Claudia Sheinbaum wiederholt anhand von Fakten die Vorwürfe gegen ihren Vorgänger zurückgewiesen und entkräftet. Das hindert die „Deutsche Welle“ nicht daran, über den der AMLO-Partei Morena zugehörigen Gouverneur von Sinaloa Rocha Moya zu berichten, dem die US-Regierung vorwirft, mit dem Sinaloa-Kartell zusammenzuarbeiten, weshalb sie seine Auslieferung verlangt. Alles das wird von der „Deutschen Welle“ unhinterfragt wiedergegeben. Dabei wissen nicht nur Mexiko-Experten, wie kompliziert die Beziehungen zwischen dem Staatsapparat und den Drogenkartellen in diesem Land sind. Diese haben ja bei verschiedenen Gelegenheiten dem Staat regelrecht den Krieg erklärt.
Ein Beispiel dafür ist der „Fall Iguala“ der „43 Verschwundenen“: 43 Studenten eines Ausbildungszentrums für Dorflehrer hatten am 29.9.2014 einen Bus gekapert (in Mexiko eine nicht ungewöhnliche Praktik mittelloser Studenten, um etwa zu einer Demo zu gelangen). Unter den Augen der lokalen und Staatspolizei, von Land- und Marinesoldaten verschwand der Bus dann für immer und spurlos, zusammen mit den 43 Studenten. Trotz geballter Aufklärungsanstrengungen, argentinische Spezialisten zum Auffinden von Verschwundenen unter der Militärdiktatur eingeschlossen, gibt es zwar zahlreiche Theorien – darunter, dass der Bus Drogen im Wert von zwei Millionen Dollar an Bord hatte – aber bis heute keine Aufklärung der Horrorgeschichte. Claudia Sheinbaum kann nur fast täglich in ihrer „Mañanera del Pueblo“ um Geduld bitten, die Ergebnisse weiterer Ermittlungen abzuwarten. Die Protestaktionen zu diesem monströsen Verbrechen haben gerade erst wieder die WM-Spiele in Mexiko überschattet.
Bei alledem sollte nicht vergessen werden und auch die Kollegen der „Deutschen Welle sollten mal auf die Landkarte gucken: Mexiko ist im Wesentlichen ein Transitland für die Drogenversorgung der USA. Würde das Land sein Drogenkonsumproblem in den Griff kriegen – man denke etwa an die Fentanyl-Zombies in bestimmten Gegenden der US-amerikanischen Großstädte – wäre das wohl der wirkungsvollste Schlag gegen die mexikanischen Drogenkartelle
Ähnliche Beiträge:
- »Wir brauchen Politiker, die nicht versuchen, Menschen zu regieren, sondern die sie sich selbst regieren lassen«
- Fußball-WM 2026: Das Fest des Nationalismus lässt sich von Skandalen nicht erschüttern
- Ein amerikanischer New Deal für einen ganzen Kontinent?
- Unser Boykottbrauchtum
- USA gegen Kanada: Der Krieg von 1812



Was mich zunächst wirklich interessieren hätte: Warum macht diese Frau – promov. Phyikerin (Berkeley!) – eigentlich diesen Job? Der Autor ist doch Psychotherapeut!?
Die Suche nach einer Vereinigungstheorie von Quanten- und ART hielte ich für weniger kompliziert, als Mexiko zu regieren.
Sie ist wohl der/die einzige Präsident(in) des Planeten, mit der ich gerne mal plaudern würde…
Die größte Drogenkartell weltweit dürften die USA sein. CIA und US-Army sind groß im Geschäft. Afghanistan und Kosovo. Wo die US-Army ist, da blüht der Drogenhandel auf. Ganze Kriege werden mit Drogengeld finanziert. Man denke an die Iran Contra Affäre. Kein Wunder, dass Donald sauer ist, wenn die Konkurrenz aus Mexiko mitverdienen möchte.
Nicht vergessen den Einsatz amerikanischer Truppen in Laos. Stichworte Ebene der Tonkrüge, Air America in Zusammenarbeit mit CIA –> Recherche im Internet ist recht ergiebig und lohnt sich.