Metapolitik statt Kampf für ein besseres Leben?

Bild: Josh Rose/unsplash.com/CC0 1.0

Die Hitze scheint vielen zu Kopf gestiegen sein. Dennoch wird der Kampf gegen die Klimakrise vertagt, und es wird auf technische Wunder der Tech Bros gewartet. Die rechnen allerdings ohnehin bereits mit der Apokalypse. Warum dementgegen jetzt Solidarität und Sorgearbeit wichtig sind, begründet die Politologin Birgit Sauer.

 

Die kaum erträgliche Hitze des Sommers 2026 macht nachweislich aggressiv. Gibt es einen Zusammenhang zwischen Klimakrise, autoritären Affekten und der Bereitschaft zu Ausgrenzung und Gewalt?

Birgit Sauer: Zahlreiche Studien belegen in der Tat, dass ungewohnt lange Hitzewellen sich körperlich tatsächlich so auswirken, dass Menschen ungeduldiger und aggressiver werden. Dies ist allerdings nicht der einzige Zusammenhang, der zwischen der Klimakrise, Gewalt und autoritären Affekten erkennbar ist. Heutige Energiefragen wie die Nutzung von Verbrennerautos oder ein hoher Fleischkonsum, die ja die Klimakrise verursachen, sind wie die klimafreundlichere Stromproduktion aus Windkraft zentrale Elemente eines rechten „Kulturkampfes“. Rechtsautoritäre bezeichnen diese globalen Kämpfe um kulturelle Themen als „Metapolitik“. Sie betrachten sie als eine politische Strategie, die nicht durch Vorschläge zur Lösung materieller Problemkonstellationen wie Arbeitsplatzverlust, Wohnungsnot oder Teuerung Wählerstimmen gewinnen will, sondern versucht, mit konflikthaften Themen das Bewusstsein und die Herzen der Menschen zu erobern. Zu diesen Kulturkampfthemen zählt neben den Energiefragen auch Geschlechtergleichstellung, Impfen oder sexuelle Diversität.

Statt praktischer Lösungen also lieber „Cultural Wars“?

Birgit Sauer: Ja, diese metapolitischen Strategien sind nicht nur eine Verleugnung materieller Probleme, sie zielen darüber hinaus auch auf Polarisierung und die Verschärfung des populistischen Diskurses „Wir“ gegen „die da oben“ und „Wir“ gegen „die Anderen“. Polarisierung kippt im autoritär-rechten Diskurs in Gewalt, weil bestimmte Bevölkerungsgruppen ohne empirische Evidenz als „Opfer“ von jenen, die ausgeschlossen werden sollen, bezeichnet werden: Arbeitende als Opfer von Faulen oder von Menschen mit Migrationserfahrung, die Arbeitsplätze und Wohnungen stehlen; Männer als Opfer von Gleichstellungspolitik oder grüner Umwelt- und Ernährungspolitik; Frauen als Opfer migrantischer Gewalt. Aus dieser Opferdarstellung ergibt sich im rechtsautoritären Diskurs zweierlei: Erstens das Recht auf Notwehr, auch unter Einsatz von Gewalt, und zweitens der Bedarf an Führung – eben durch rechte Führungspersonen. Angesichts der Hitze am eigenen Leib zu spüren, dass das Beharren auf fossile Energie ein falsches Versprechen ist, macht besonders wütend – weil der Fehler nur schwer eingestanden werden kann und man sich schämt.

Allgemein scheint das Mitgefühl zu sinken. Ob Klimakrise, Covid oder die sogenannte Flüchtlingskrise: Zu Anfang gibt es allerorten Anteilnahme, aber die schlägt bald in Abstumpfung um. Warum?  

Birgit Sauer: Die neoliberale Umgestaltung von Ökonomie, Staatlichkeit und Gesellschaft haben Solidarität und Mitgefühl mit anderen, mit verletzlichen Personen, mit in Not geratenen Menschen verlernen lassen. Neoliberalismus zielte darauf, die Markt- und Wettbewerbslogik in allen gesellschaftlichen Bereichen zu verankern. Auch und vor allem in den Menschen selbst. Die neoliberale Subjektivierung machte Menschen zu Unternehmer:innen ihrer selbst: sie müssen mit anderen konkurrieren, sie müssen immer besser als die anderen sein, sie müssen in diesem Kampf gewinnen, sie dürfen nicht unterliegen oder Schwäche zeigen. Zum Glück betrifft dies nicht alle Menschen, denn Widerstand war und ist durchaus möglich. Was als Charaktermerkmale aber am meisten zählt, sind Stärke, Egoismus, Durchsetzungsfähigkeit, Souveränität. Dies in den vergangenen 30 Jahren als Lebensmaxime in allen Institutionen eingetrichtert zu bekommen – sei es Schule, Universität oder am Erwerbsarbeitsplatz – zerstört Solidarität. Darüber hinaus wurden die klassischen Institutionen der Solidarität am Arbeitsplatz sukzessive entmachtet – nämlich die Gewerkschaften.

Wir lernen: Mitgefühl ist Schwäche?

Birgit Sauer: Der neoliberale Mensch sollte und durfte nicht mehr empathisch sein, denn sonst hätte er oder sie ja zugegeben oder anerkannt, dass Verletzlichkeit, Bedürftigkeit und auch Abhängigkeit auf dieser Welt existieren. All diese Konstellationen sollen ausgeblendet – oder anders gesagt: externalisiert und nach außen verlagert werden. So ist auch das zuvor angesprochene kurzfristige Mitleid mit Geflüchteten oder mit vulnerablen Personen in der Covid-Pandemie erklärbar: Die Not kommt „von außen“, und ich kann mich mit einem kurzfristigen Empathiebeweis als ganzer Mensch inszenieren oder das vielleicht sogar auch so empfinden. Doch die neoliberale Beschleunigung lässt kein längerfristiges Abweichen vom egoistische-hartherzigen Homo-Oeconomicus-Pfad zu. Verletzbarkeit könnte ja ansteckend sein – will heißen: Die Angst oder gar Panik, im Wettbewerb zu versagen, ist allgegenwärtig, und der Umgang mit Menschen in Not führt diese Angst vor Augen, macht sie spürbar. Daher muss sie umso schneller verdrängt werden.

Weshalb wird in diesen Krisenzusammenhängen eigentlich so wenig über Geschlechterpolitik gesprochen?

Birgit Sauer: Es wird darüber gesprochen. Autoritär-rechte Akteur:innen sprechen ja gerade von einer „Krise des Geschlechts“, konkret von einer „Krise weißer Männlichkeit“. Im Rahmen der Metapolitik schüren sie eine Geschlechterpanik, in der Männer als Opfer von Gleichstellungspolitik dargestellt werden, als Opfer einer verfehlten Umweltpolitik, die ihnen Verbrennerautos verbieten oder wegnehmen will, als Opfer von Grünen, die ihnen den Fleischkonsum verbieten wollen (das behauptet auch Markus Söder), als Opfer von Frauen, die nur noch Alpha-Männer als Partner wollten (eine Erzählung der Incels), als Opfer von Anti-Gewalt-Maßnahmen und Anti-Gewalt-Erziehung, die sie zu „Weicheiern“ gemacht habe (so Björn Höcke).

Die Instrumentalisierung des Krisendiskurses für metapolitische Zwecke verhindert aber einen Blick auf den historischen Zusammenhang von einerseits fossiler Energienutzung und kapitalistischer Produktionsweise mit andererseits einer „Sorglosigkeit“, also die Negierung, dass Sorgearbeit für alle Menschen lebensnotwendig ist und sie nicht nur unbezahlte Frauenarbeit aus Liebe zu sein habe. Eine konsequente Umweltpolitik, die die Ausbeutung von Natur und Umwelt abschaffen will, sollte diesen Zusammenhang der „Petro-Maskulinität“ sichtbar machen. Geschlechtergleichstellung führt zwar nicht unmittelbar und auf schnellem Weg zur Beseitigung umweltschädigender Produktion – doch sie kann die kapitalistischen und patriarchalen Ausbeutungszusammenhänge kritisieren. Ein Fokus auf Sorge für andere Menschen, für das Leben, respektiert die Bedeutung von Frauen und Frauenarbeit in der Gesellschaft und erlaubt einen sorgsamen Umgang mit Naturressourcen.

Müsste somit soziale Gerechtigkeit, Geschlechtergerechtigkeit und Klimapolitik mehr zusammengedacht werden? 

Birgit Sauer: Der Begriff der Intersektionalität passt hier. Er stammt aus der US-amerikanischen Diskussion des Black Feminism und will darauf hinweisen, dass verschiedene Diskriminierungsstrukturen zusammengedacht werden sollten, um aufzuzeigen, wie sie sich verstärken oder wie sie bestimmte Gruppen privilegieren. In der Ursprungsdiskussion ging es um „Geschlecht, Klasse und Ethnizität“, beziehungsweise. „race“. Im deutschsprachigen Raum wurde der Zusammenhang von Klasse und Geschlecht – also soziale Ungleichheit und Benachteiligung aufgrund des Geschlechts – schon in den sozialistischen Arbeiter:innenbewegungen am Ende des 19. Jahrhunderts diskutiert. Auch die Frauenbewegungen des 20. Jahrhunderts debattierten den Verstärkereffekt von sozialer Ungleichheit, eben der Klassenlage und dem Geschlecht: Die Ausweitung sozialstaatlicher Rechte auf Frauen, sei es Bildung oder Gleichstellungspolitik, stand im Zentrum aller frauenbewegten Auseinandersetzungen. In der neoliberalen Ära wurde dieser Zusammenhang zerrissen, da Frauen in Erwerbsarbeit integriert wurden und nun nicht mehr auf den Sozialstaat, auf sozialen Ausgleich „angewiesen“ sein sollten. Diese Sicht ist aber völlig falsch, da die neoliberale Produktionsweise die Reproduktionsfrage einfach nicht mehr thematisierte und sie weiterhin Frauen aufbürdete. Geschlechtergleichstellung braucht Politiken der sozialen Gerechtigkeit, die vor allem den Sorgewiderspruch angreifen und auflösen.

Heißt das unterm Strich: Safe the nature with Feminism?

Birgit Sauer: Nun, die feministische Diskussion hat in diese intersektionalen Zusammenhänge allerdings erst spät und nur vereinzelt auch die Herrschaft über Umwelt und Natur als ein zentrales dem Kapitalismus eigenes Ausbeutungsverhältnis thematisiert. Freilich gab es seit den Anfängen materialistisch-feministischer Theoriebildung schon immer den Hinweis darauf, dass die kapitalistische Produktionsweise die Voraussetzungen, die sie benötigt, vernutzt und ausbeutet: Sorgearbeit und Umweltressourcen. Dieser Zusammenhang müsste heute deutlicher zum Ausgangspunkt von Gleichstellungs- und Umweltpolitiken gemacht werden, damit Sorge für das Leben und nicht nur das Überleben jenen Platz in gesellschaftlichen Zusammenhängen erhält, der ihr gebührt.

Es bräuchte in der Krise also offenkundig mehr Care-Arbeit und Einfühlungsvermögen. Stattdessen wird meist auf technologische Lösungen geschielt, die fast ausnahmslos von Männern angepriesen werden. Erliegen wir da teilweise Heilsversprechen von Männerbünden?

Birgit Sauer: Technologische Lösungen werden vor allem von den Tech Bros des Silicon Valley versprochen – allerdings nur für solche Krisen oder Probleme, die sie für sich selbst und ihre Profitinteressen relevant halten. Reproduktionstechnologien sollen ebenso wie Medikamente und Drogen für die Langlebigkeit, die sogenannte „Longevity“, sowie die weiße Demographie-Krise lösen. KI und fossile, energieintensive Technologie sollen Menschen besser mit Maschinen verbinden und auch so langlebiger oder am besten gleich ewig-lebend machen. Das wollen die Tech Bros schaffen, indem sie ihren Geist auf Plattformen hochladen und sich der leiblichen Existenz entledigen. So werden dann auch Frauen nicht mehr gebraucht.

Die Tech Bros wie Peter Thiel oder Elon Musk reden freilich die Apokalypse herbei, sie wollen die Apokalypse, die endgültige Katastrophe, um sich (und ein paar Wenige) mit ihrem Geld zu retten. Sei es auf dem Mars oder auf einer ihrer Technik-Plattformen. Diese machistischen Lösungen sollen keine Lösungen für die Menschheit sein, sondern sind der Versuch, jetzt möglichst viel Geld für diese Technologien zu bekommen und dann in der dystopischen Zukunft Rettung für eine auserwählte Elite zu ermöglichen. Empathie, sagte Elon Musk, ist eines der größten Probleme der modernen Welt. Sie soll durch Technik ersetzt werden. So lassen sich die Probleme der Menschheit nicht lösen und ein gutes Leben aller Menschen erreichen. Das wollen die Tech Bros auch gar nicht und sagen dies auch sehr deutlich.

Was kann nun getan werden, damit auf die Klimakrise solidarisch und nicht autoritär reagiert wird?

Birgit Sauer: Die durch den Neoliberalismus erzeugten Affekte, vor allem Ängste und Scham, die die autoritäre Rechte aufgreift und in Wut gegen „die“ Eliten und gegen „die“ Migrant:innen wendet, sollten politisch aufgegriffen und thematisiert werden. Dazu braucht es die antagonistische Mobilisierung gegen jene Gruppen von Menschen, die neoliberale Politiken durchgesetzt haben und davon profitieren. Auch in Europa sind die Reichen immer reicher geworden, die Zahl der Millionäre und Milliardäre steigt. Was macht ein Trillionär mit seinem sinnlos vielen Geld? Dies muss als Ursache der sozialen Probleme, seien es die Wohnungsprobleme, der Abbau von Arbeitsplätzen oder die Inflation, thematisiert werden.

Umverteilung sollte nicht mehr wie im Neoliberalismus von unten nach oben, sondern für alle erkennbar von oben nach unten erfolgen. Dies impliziert zunächst eine gerechte Steuerpolitik. Und die politischen Kräfte jenseits des rechten Spektrums sollten Sorge als lebensnotwendig anerkennen – Sorge für verletzliche Menschen, wie auch Sorge für die Umwelt. Dafür braucht es soziale Investitionen, die allerdings nicht zu Lasten von Menschen gehen dürfen, die wenig Geld besitzen. Vielmehr müssen jene Personengruppen zur Verantwortung gezogen werden, die vom kostenfreien Zugang zu Sorgearbeit und zu Naturressourcen am meisten profitieren – die Superreichen. Eine umverteilende Steuerpolitik ist unbedingt nötig und Unternehmen müssen einen größeren Beitrag zur Finanzierung von Sorgearbeit leisten.

Frank Jödicke

Frank Jödicke, Autor und Journalist. Studium der Malerei & Grafik, sowie der Philosophie in Wien und London. Chefredakteur des Magazins skug. Schreibt für verschiedene österreichische und internationale Magazine. Im Bündnis alternativer Medien (BAM!) bemüht er sich um die Vernetzung unabhängiger Journalist*innen in Österreich. Als Herausgeber zuletzt: „Bürokratiepolitiken“, Sonderzahl; Wien 2021.
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2 Kommentare

  1. “ Und die politischen Kräfte jenseits des rechten Spektrums sollten Sorge als lebensnotwendig anerkennen“
    warum nur die Kräfte jenseits des rechten Spektrums? Sind die per se intelligenter, oder empathischer oder was sonst?

    „– Sorge für verletzliche Menschen, wie auch Sorge für die Umwelt. Dafür braucht es soziale Investitionen, die allerdings nicht zu Lasten von Menschen gehen dürfen, die wenig Geld besitzen. Vielmehr müssen jene Personengruppen zur Verantwortung gezogen werden, die vom kostenfreien Zugang zu Sorgearbeit und zu Naturressourcen am meisten profitieren – die Superreichen. Eine umverteilende Steuerpolitik ist unbedingt nötig und Unternehmen müssen einen größeren Beitrag zur Finanzierung von Sorgearbeit leisten.“

    Nun, das fordere ich seit ca. 50 Jahren … und nicht ich allein. Komisch, dass genau das Gegenteil getan wird.

  2. Wenn das mal kein Einblick in eine Ideologie ist, die sich völlig verrant hat, dann weiß ich auch nicht. Macht Lösungen und arbeitet euch nicht an irgend welchen vermeintlich rechten Strategien ab! Wo soll darin überhaupt der Nutzen liegen? Zumal die Erklärungsansätze mich wirklich kaum überzeugen, teilweise ist das einfach nur noch grotest.
    Allein schon die Eingangsnummer mit „Hitze macht aggressiv“… echt jetzt? Also mich macht die eher träge. Gibt es dazu belastbare Zahlen?

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