
Warum hören, lesen oder sehen wir mitunter gerne Verschwörungserzählungen oder andere falsche oder halbwahre Geschichten? Ist wahrscheinlich auch darauf zurückzuführen, dass sie oft interessanter sind als das wirkliche Leben, eine Kohärenz der Ereignisse bieten und suggerieren, dass es hinter der Oberfläche der Geschehnisse eine tiefere Wahrheit zu entdecken gibt, meist geht es um Drahtzieher und deren Intentionen. Das ist nicht der Stoff von Tragödien, sondern von detektivischer Aufklärung.
Man könnte es auch mit dem Philosophen aus dem Höhlengleichnis von Platon vergleichen, der aus der Simulation ausbricht und die wirkliche Welt entdeckt, was die Höhlenbewohner abwehren. Besser wäre wohl der Vergleich mit den zahllosen Filmen und Computerspielen, in denen Helden im Stil von James Bond gegen eine böse Macht kämpfen, oder mit Krimis, in denen nach und nach die Spuren gelesen und der Täter entlarvt wird.
Der Gegenentwurf zu Geschichten, in denen die handelnden Personen im Vordergrund stehen, ist einerseits die Tragödie, in der die Menschen einem blinden Schicksal ausgesetzt sind, oder andererseits ein System, in dem die Menschen Teile sind und durch ihre zahllosen Interaktionen miteinander und mit der Umwelt das Verhalten bewirken, ohne es im Ganzen steuern zu können. Der Kapitalismus wäre ein solches System, in dem die Individuen lediglich „Personifikationen der ökonomischen Verhältnisse“ (Marx) sind oder ein „Verblendungszusammenhang“ (Adorno/Horkheimer) herrscht.
Linke sehen die ökonomischen Verhältnisse als zentral an, was bedeutet, dass die Individuen nur bedingt Einfluss und Verantwortung haben, weswegen das System verändert werden muss, um die Entfremdung zu beenden und die Menschen zu Subjekten zu machen. Konservative glauben an die selbstverantwortlichen und freien Individuen und ihre Leistung, akzeptieren die gesellschaftliche Ungleichheit und versuchen, staatliche Steuerung zu minimieren, auch wenn sie an ein ordnendes Prinzip oder die unsichtbare Hand glauben.
Kein Wunder also, dass Konservative und Rechte eher an Verschwörungserzählungen mit handelnden Personen glauben als Menschen aus dem linken Spektrum. Allerdings glauben beide Gruppen gleichermaßen auch falschen oder logisch inkonsistenten Informationen, wenn sie in ihr Weltbild passen, also keine unbequeme Dissonanz hervorrufen.
Die Verhaltenswissenschaftlerin Julia Aspernäs von der Linköping Universität in Schweden hat diese nicht überraschenden Erkenntnisse in einer Studie durch drei Experimente mit schwedischen und britischen Personen im Hinblick auf Verschwörungserzählungen, Bullshit, falsche Wissenschaftsinformationen und logische Fehler bestätigt. Allerdings fließen hier bereits Annahmen darüber ein, was als wahre und falsche Informationen gilt. Hinterfragt wurde zwar nicht, warum derzeit die Angst vor Desinformation politisch eine so wichtige Rolle spielt, aber die Neigung zur Akzeptanz von Desinformation wurde im Hinblick auf die zwar sehr grob dualistische politische Einstellung und den Glauben an die Bedeutung von Wahrheit eruiert.
Im ersten Experiment wurden die Teilnehmer, die sich als links oder als rechts eingeordnet hatten, gebeten zu beurteilen, ob eine Schlussfolgerung logisch aus zwei Annahmen folgt (Syllogismus). Dabei wurde eine gleiche Zahl von nach links und nach rechts neigenden Beispielen vorgelegt. Im Ergebnis zeigte sich eine schwache, aber doch deutliche Tendenz bei beiden Lagern, die Logik außer Kraft zu setzen, wenn es um ihnen wichtige Themen ging (belief bias).
Beispiel für logische Inkonsistenz ist etwa: a) Wenn Vögel Flügel haben, können sie fliegen, b) Vögel können fliegen, c) also haben Vögel Flügel. Brisanter ist ein anderes, an dem man sich leicht vorstellen kann, dass ein belief bias auftritt:
Prämisse 1: Wenn Impfstoffe gefährlich sind, dann sterben einige Menschen, die sich impfen lassen, kurz danach.
Prämisse 2: Einige Menschen, die sich impfen lassen, sterben kurz danach.
Schlussfolgerung: Daher sind Impfstoffe gefährlich.
Im zweiten Experiment ging es darum, ob in der Regel politisch neutralen Verschwörungserzählungen, die gegen etabliertes Wissen verstoßen und von bösartigen Plänen hinter Ereignissen ausgehen, geglaubt werden, um die Bereitschaft zum Wahrheitsrelativismus im Hinblick auf Subjektivität oder Kontext zu untersuchen. Der Begriff soll im Gegensatz zum Glauben an den Wahrheitsrealismus stehen, für den eine Aussage nur dann wahr ist, „wenn sie die Realität, die unabhängig von der menschlichen Perspektive existiert, genau beschreibt“. Aspernäs fragte etwa die Einstellungen zu den Aussagen ab: „Die Wissenschaft hinter der globalen Erwärmung wurde aus Eigeninteresse erfunden oder verzerrt” und „Experimente mit neuen Medikamenten oder Technologien werden routinemäßig an der Öffentlichkeit ohne deren Wissen oder Zustimmung durchgeführt”.
Hier zeigte sich, dass Teilnehmer, die sich im rechten Lager sehen und eher Anhänger des Wahrheitsrelativismus sind, eher Verschwörungserzählungen akzeptieren und weiter verbreiten, als die im linken Spektrum angesiedelten. Das ist natürlich heikel, Skepsis ist auch gegenüber der Wissenschaft angebracht, die auch von Interessen getrieben ist. Und wo Objektivität möglich ist und wo nicht, ist schwierig zu entscheiden, da Erkenntnis zumindest Methoden abhängig ist.
Gegenüber der Neigung in „pseudo-tiefsinnigem Bullshit“, so das dritte Experiment, also in unsinnigen Sätzen eine tiefere Bedeutung zu sehen, wurden keine Unterschiede der beiden Lager festgestellt.
Warum Menschen aus dem rechten Spektrum eher zu Verschwörungserzählungen neigen, geht aus der Studie nicht hervor. Ich hatte anfangs die Mutmaßung angeführt, dass das Weltbild personalisierter sein könnte als das der Menschen aus dem linken Spektrum, die eher von unpersönlichen, systemischen Machtstrukturen ausgehen. Medien und Politik personalisieren gerne Konflikte als das Spiel zwischen herausragenden Akteuren. Das ist leicht verständlich als Drama oder Abenteuer, geht aber an den komplexeren Ursachen vorbei. Im Krieg gegen den Terror war zunächst Obama der große Gegenspieler, dann Saddam Hussein, gefolgt von Gaddafi oder Abu Bakr al-Baghdādī,. Auch ansonsten werden Konflikte gerne mit Hitler-Nachfolgern inszeniert: Milosevich oder jetzt Putin. So lassen sich wie auf dem Theater, in Romanen oder Filmen mitreißende Geschichten erzählen.
Allerdings ist es nicht irrational, Verschwörungen, Absprachen und geheimen Zirkeln hinter gesellschaftlichen Entwicklungen zu sehen. Und die Frage ist schließlich auch, ob diejenigen, die von Verschwörungserzählungen angetan sind, diese auch wirklich glauben und sie nicht eher als interessanter als andere Erzählungen finden. Wir leben nicht nur in der nüchternen Realität, sondern auch in der exotischen Phantasie.
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Menschen, die die Lügen der Massenmedien durchschauen, neigen eher zu Verschwörungstheorien.
Allerdings pro Verschwörungstheorie nicht sehr lange. Die Dinger werden schneller wahr als man neue finden kann.
Im ersten Experiment wurden die Teilnehmer, die sich als links oder als rechts eingeordnet hatten,…
Da ist schon der Fehler im Versuchsaufbau, denn alles was heute offiziell unter „links“ läuft ist eben Vieles, nur nicht nicht links. Desweiteren sind Selbsteinschätzungen alles andere als objektiv sind. Zum dritten ist schon der Begriff Verschwürungstheorie fernab jeglicher Objektivität. Daraus folgt: Die gesamte Studie ist wissenschaftlicher Mumpitz und würde es innerhalb der harten Wissenschaften nicht einmal zum Peer Review schaffen.
Na, wenn das Gewünschte rauskommt, kommt heute jede Studie durch die Peer Review. Und wenn nicht das Gewünschte rauskommt, dann nur, wenn im Abstract das Gegenteil steht.
Ich will dem Artikel und den Aussagen von Herrn Rötzer gar nicht widersprechen – das mag alles schon so sein, wie er geschrieben hat – nein, ich möchte etwas weiter vorn ansetzen.
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Mit dem Wort „Verschwörungstheorie“ soll i.d.R. eine echte und ergebnisoffene Debatte verhindert werden,
indem die unbequeme Gegenansicht pauschal als angeblicher Unsinn dargestellt wird – zusätzlich noch gern geframed mit Unsinntheorien zur flachen Erde, Aliens oder „Reptiloiden“.
Eine Verschwörungstheorie ist natürlich immer das Narrativ der anderen – NIE das eigene.
Was ist denn mit jenen sog. „Verschwörungstheorien“, die sich im Nachhinein bewahrheitet haben?
Was ist da von polit-medialer Seite allein in den letzten 15 Jahren denn nicht schon alles als angebliche „Verschwörungstheorie“ abgewehrt worden, was sich dann doch bestätigt hat … !
Energiepreise, Corona, Bargeld, Fachkräfte usw. usf.
Was macht man da? Richtig – solche Fälle gilt es totzuschweigen.
Von daher sollten bei einem wachen Menschen eigentlich gleich die Alarmsirenen schrillen, wenn ein Gesprächspartner den Begriff „Verschwörungstheorie“ verwendet. Das ist kein seriöser Begriff, sondern ein UNWORT.
Es ist doch mittlerweile allzu offensichtlich geworden, dass allein schon die Verwendung des Begriffs problematisch ist und dass er als politischer Kampfbegriff verwendet wird.
Welchen Wert hat der Begriff „Verschwörungstheorie“ eigentlich überhaupt noch? Richtig – nahezu keinen.
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Außerdem:
Es ist ja nun schon länger als seit der bewussten Verschwörung des Catilina im republikanischen Rom bekannt, dass Politik an sich praktisch immer mit geheimen oder sogar sehr geheimen Absprachen und Vereinbarungen (früher: Schwurgemeinschaften) zwischen den Akteuren zu tun hat, wenn es darum geht, einen Vorteil zu erringen …
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Gewiss gibt es daneben auch wirklich ganz offensichtliche Unsinntheorien, bei denen wir es aber mit keiner „Verschwörung“ zu tun haben.
„Die Wissenschaft hinter der globalen Erwärmung wurde aus Eigeninteresse erfunden oder verzerrt”
Wer in eine bestimmte Richtung forscht, hat größere Chancen auf Fördermittel und Reputation. Der Satz trifft also zu – man braucht dafür aber nur Spieltheorie, keine Verschwörungstheorie.
„Experimente mit neuen Medikamenten oder Technologien werden routinemäßig an der Öffentlichkeit ohne deren Wissen oder Zustimmung durchgeführt”
Sehr lustige Frage. „Ja“ ist falsch, denn dann wäre es nicht ohne Wissen. „Nein“ ist auch falsch, wenn man es per Definition nicht weiß.
Will man nur die einfangen, die es „wissen“, aber nicht gefragt wurden? Vermutlich fängt man eher die, die nicht logisch denken können.