Mehrheit der Polen wünscht baldigen Kompromissfrieden in der Ukraine

Der polnische Präsident Karol Nawrocki sagte am 29. Mai: „Leider hat Präsident Selenskyj bewiesen, dass die Ukraine, indem sie die Banditen und Mörder der Ukrainischen Aufständischen Armee verherrlicht, nicht bereit ist, Teil der europäischen Familie zu sein.“. Bild: Mikolaj Bujak/KPRP

Die politische Klasse des Landes versucht, dem gerecht zu werden, indem sie zu Selenskij & Co mehr oder minder auf Distanz geht. 

Polens nationalkonservativer Präsident  möchte Selenskij jetzt sogar den erst 2023 verliehenen höchsten Orden Polens, den „Orden des Weißen Adlers“, wieder entziehen lassen. Unmittelbarer Anlass dafür ist eine Entscheidung Selenskijs im Rahmen der üblichen Kiewer Geschichtspolitik. Einer Militäreinheit wurde in der letzten Woche die Ehrenbezeichnung „Helden der UPA“ verliehen.

Die UPA, was als Abkürzung für „Ukrainische Aufstandsarmee“ steht, war der militärische Arm der faschistischen OUN-B. Sie hat 1943/44 Massaker an rund 100.000 polnischen Dorfbewohnern in der heutigen Westukraine zu verantworten. Doch während ähnliche Gunstbezeugungen Selenskijs gegenüber den radikalen Nationalisten, so z. B. im November 2024 eine Rede in Kupjansk vor einer im Hintergrund wehenden schwarz-roten Faschisten-Flagge, in Polen kaum wahrgenommen wurden, sorgt der Vorgang um die den „Helden der UPA“ gewidmete Militäreinheit für erhebliche Aufregung.

Auch das „liberale“ Regierungslager und die ihm verbundenen Medien reagierten mit ungewöhnlicher Kritik. Alt-Präsident Walesa, noch vor kurzem als „großer Freund der Ukraine“ gefeiert, kündigte an, in Zukunft keine Anstecker und Aufkleber mit den ukrainischen Nationalfarben mehr zu verwenden. Premier Tusk forderte, allerdings von beiden Präsidenten, die „guten polnisch-ukrainischen Beziehungen nicht zu zerstören“. Ob Selensky tatsächlich der Orden aberkannt wird, entscheidet eine Ordens-Kommission am 8.6. .

 

Dass die Selensky-Entscheidung nun für heftigen Wellenschlag in Polens Politik und Medien sorgt, ist Ausdruck der gewandelten Stimmungslage in der polnischen Bevölkerung. Die Polen sind des Krieges im Nachbarland müde geworden. Appelle, den „Freiheitskampf der Ukrainer“, der angeblich der Freiheit und Sicherheit ganz Europas dient, weiter zu unterstützen, verfangen kaum noch. In einer CBOS-Umfrage hatten sich im Januar 2026 54% der Befragten, unter den 18-24-Jährigen sogar 64%, für einen Kompromissfrieden unter Inkaufnahme ukrainischer Gebietsverluste ausgesprochen. 33% lehnten Gebietsabtretungen zugunsten Russlands ab. Noch Ende 2023 zeigte sich in einer ähnlichen Umfrage ein umgekehrtes Verhältnis bei diesen Einstellungen. Nicht klar ist, inwiefern dieser Einstellungswandel mit einer schwindenden Furcht vor einem russischen Angriff auf Polen zusammenhängt. Immerhin verbreiteten auch die polnischen Mainstream-Medien, dass jedes Zugeständnis an Putin dessen imperiale Machtansprüche wachsen lasse.

 

Die Umfragen hierzu sind höchst widersprüchlich, was wohl auch mit den Intentionen der unterschiedlichen Auftraggeber bzw. den konkreten Fragestellungen zusammenhängt. Das polnische Institut „Opinia24“ fragte im Auftrag von Radio ZET im Februar 2025 rund 1000 repräsentativ ausgewählte Polen kurz und knapp „Glauben Sie, dass die russische Armee Polen angreift“. Nur 2% bejahten die Frage mit einem entschiedenen „ja“, 14% mit „eher ja“, aber 47% mit „eher nein“ und 17% mit einem entschiedenen „nein“. United Surveys fragte im Auftrag des Nachrichtenportals WP ein gutes Jahr später eine ähnlich große Gruppe, ob sie die Warnungen westlicher Politiker vor einem russischen Angriff auf Polen bzw. die Nato für berechtigt halten. 16,2% sehen sie als „unbedingt berechtigt“, 37,7% für „eher berechtigt“ und nur 24,3% für „eher unberechtigt“ bzw.15,7% für haltlos. Gegenüber 2022/23 eine deutlich nachlassende Furcht vor einem direkten Angriff Russlands bei gleichzeitig fortbestehender Beunruhigung über die zunehmenden geopolitischen Spannungen incl. der Gefahr einer Verwicklung des eigenen Landes in verschiedenartige Auseinandersetzungen der Nato mit Russland: das beschreibt wohl am besten die Stimmungslage der Polen heute. Aufgrund welcher Beobachtungen die deutschen Mainstream-Medien regelmäßig von z. T. akuter „Kriegsangst“ in der polnischen Bevölkerung schreiben, müssten die jeweiligen Redaktionen darlegen. Entgegen verallgemeinernden Berichten über „Kriegsangst“ begegnet dem aufmerksamen Polen-Reisenden heute zwar allerlei Unzufriedenheit, aber von einer akuten „Kriegsangst“ oder gar einer „Vorbereitung auf den Ernstfall“ (RBB, 10/2025) seitens der Bevölkerung ist nichts zu spüren.

 

Die Sorgen des Alltags haben die meisten Polen wieder in Beschlag genommen. Die Arbeitslosenquote nach nationalem Maßstab (mit dem EU-Harmonisierten kann man in Polen wie andernorts wenig anfangen) ist seit Ende 2024 wieder gestiegen und bewegt sich bei 6%. Die offizielle Inflationsrate liegt aktuell nur etwas über 3%, wird subjektiv aber als deutlich höher wahrgenommen. Viele Polen sind sich zudem bewusst, dass die globalen Krisen und nicht zuletzt die dramatische Schulden-Ausweitung der eigenen Regierung sich erst in nächster Zeit auch in ihrer Geldbörse zeigen werden.

 

Aufschlussreich in diesem Zusammenhang ist eine Umfrage des Instituts „Pollster“ von Anfang 2026. Danach konzentrieren sich die Sorgen von 48% der Bevölkerung für das laufende Jahr auf einen Anstieg der Lebenshaltungskosten und eine Wirtschaftskrise, während bei nur 28% ein möglicher Krieg im eigenen Land im Vordergrund steht. Andererseits werden die wirtschaftlichen Sorgen inzwischen vielfach in unmittelbaren Zusammenhang mit dem Krieg in der Ukraine gebracht. Deshalb wohl möchte eine Mehrheit der Polen ihn möglichst schnell durch einen Kompromissfrieden beendet sehen, wobei das im Unterschied zu Deutschland bei vielen vorhandene Wissen um die komplizierte ethnische, sprachlich-kulturelle und politische Gemengelage in der Ukraine diese Einstellung begünstigt.

 

Der Wandel in den Auffassungen der Polen zum Ukraine-Krieg drückt sich auch in den aktuellen Umfragen über die Parteipräferenzen aus. Die „Bürger-Koalition“ (KO) von Donald Tusk würde bei aktuellen Parlamentswahlen mit rund 34 % zwar weiterhin deutlich vor der oppositionellen PiS (ca. 25%) liegen. Die Bündnispartner der KO würden mit Ausnahme der Linken (ca. 8%) aber regelrecht abstürzen und die 5%-Hürde nicht erreichen. Die politischen Aufsteiger Polens sind zwei nationalistische Parteien, die „Konföderation“ und deren Abspaltung die „Konföderation der polnischen Krone“. Sie würden bei heutigen Wahlen zusammen ungefähr 23% Stimmenanteil bekommen. Dabei ist es wohl kaum das weitgehend konfuse Wirtschafts- und Sozialprogramm der „Konföderierten“, was sie in den Augen vieler Polen attraktiv macht. Es ist die einfache Botschaft „Das ist nicht unser Krieg“, mit der die beiden Parteien für ein Disengagement Polens im Ukraine-Krieg, speziell aber auch für eine Einstellung der Hilfeleistungen für ukrainische Flüchtlinge, werben.

 

Selenskij, aufgrund der ständigen Forderungen und Hilfeersuchen an die Nato-Länder und der Theatralik seiner Auftritte eh kein Sympathieträger, hat mit der Glorifizierung der UPA es den Konföderierten leicht gemacht, die anti-ukrainische Stimmung weiter zu befeuern und evtl. sogar die PiS zu überholen. Präsident Nawrocki hat das verstanden und darauf reagiert.

 

 

Florian Rötzer

Florian Rötzer, geboren 1953, war Gründer des Online-Magazins Telepolis und von 1996 bis 2020 dessen Chefredakteur. Seit 2022 ist er Redakteur beim Overton Magazin. Er ist Autor mehrerer Bücher, zuletzt In der Wüste der Gegenwart, das er zusammen mit Moshe Zuckermann geschrieben hat.
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2 Kommentare

  1. Zu dem was in Palästina passiert ist:
    Es wurden die Bürgermeister von Nablus, al-Bira und Ramallah am 02.Juni 1980 mit einer Autobombe angegriffen.
    Die Kraftfahrzeuge von Bassam al-Shak’a (Nablus) und Karim Khalaf (Ramallah) detonierten. Der Bürgermeister von Nablus verlor beide Beine und der Bürgermeister von Ramallah einen Fuss.
    Die Autobombe in dem Kraftfahrzeug von Ibrahim Tawil (al-Bira) wurde entdeckt.
    Es waren dem Drohungen vorausgegangen die der Verteidigungsminister Weizman gegenüber Bassam al-Shak’a im September ausgesprochen hatte. Er würde umgebracht werden und physische Verletzungen erleiden wenn er weiter politisch gegen Israel vorgeht. Es war die erste Drohung die gegen den Bürgermeister ausgesprochen wurde und wurde von dem Minister selber vorgebracht. Es wurden im Mai desselben Jahres bei einem Angriff auf Besucher der Höhle der Patriarchen in Hebron sechs Juden von Fatah umgebracht. Der Angriff galt Siedlern die in Kiryat Arba lebten und nach Hebron die Höhle besuchen sind.
    Der Bürgermeister sagt dass der Angriff auf ihn damit nichts zu tun hat und ihm gilt. Er wirft den Siedlern, Gush Emunim, und dem Rabbi Meir Kahane vor Erweiterungen des jüdischen Staats zu sein, von den Autoritäten ihren legalen Status zu erhalten und darin unterstützt zu werden die Palästinenser auf ihrem Land zu unterdrücken.
    Der Bürgermeister erzählt dass er und seine Brüder eine Seifenfabrik haben und die Zollbeamten die Arbeit behindern und dass er die Autoritäten um einen Gefallen bitten soll um dann zuzuarbeiten. Bassam al-Shak’a sagt dass er nicht kooperiert und dass viele Gemeinderäte die nicht alleinige Inhaber sind ihre Unternehmensanteile verkauft hätten um die anderen Teilhaber nicht zu belasten. Er erwähnt dass jeder in den besetzen Gebieten unter der Besatzung leidet. Die Zuhause und Geschäfte werden zerstört. Die Schulen werden für Monate geschlossen. Die Menschen werden in Gefängnisse gesteckt und erschossen. Die Steuern für die palästinensische Wirtschaft die nicht so entwickelt ist sind dieselben wie für die industrielle und technologische Wirtschaft der Besatzung. Die Besatzer dringen in die Zuhause der Palästinenser ein die die Steuern nicht bezahlen können und nehmen ihnen ihre Sachen weg (z.B. die Möbel, Fernseher und was sie finden). Die Palästinenser dürfen nur Unternehmen gründen die einen wirtschaftlichen Vorteil für die Besatzung sind. Die Konsumgüterindustrien müssen alle Rohstoffe bei der Besatzung kaufen. In Nablus durfte ein Brunnen nur 14 Km entfernt gegraben werden was den Kubikmeterpreis des Wassers verfünffacht hat. Er wirft den Präsidenten Begin, Carter und Sadat vor die Unterdrückung der Palästinenser für den Erfolg des Camp David-Abkommens zu benutzen. Der Angriff auf ihn wurde vom einem Siedler verübt der dafür nur für vier Monate verurteilt wurde weil er krank war und schwerverletzt wurde als ein Palästinenser versucht hat ihn zu ermorden. Zu dem Zeitpunkt der Verurteilung hatte er diese Zeit schon in Untersuchungshaft verbracht.

    Der Rabbi Kahane wurde in New York erschossen, der Täter von der Juri als nicht-schuldig erklärt und trotzdem von dem Richter Alvin Schlesinger verurteilt. Der Richter meinte zum Täter „…hat eine Vergewaltigung dieses Landes, unserer Verfassung und unserer Gesetze sowie der Menschen begangen, die friedlich zusammenleben wollen.“ Obwohl der Getötete sowohl in den Staaten als auch in den palästinensischen Gebieten sich gegen die Palästinenser geäussert hat. Das hat der Richter auch gesagt obwohl in den palästinensischen Gebieten die Siedler in den 50er oder 60er Jahren die Palästinenser erschossen und die Palästinenserinnen vergewaltigt haben. Dem Rat seines jüdischen Anwaltes (der als einziger in der Wikipedia erwähnt wird, obwohl es drei Anwälte waren) sich schuldig zu erklären ist der Täter nicht gefolgt.

    Die Vereinten Nationen haben diese Woche Israels Streitkräfte und Sicherheitskräfte wegen sexueller Gewalt im Konflikt gegen die Palästinenser in Gaza und der West-Bank auf eine schwarze Liste gesetzt. Die Anzahl solcher Übergriffe wird in Gaza und der West-Bank mit 31 angegeben aber die Anzahl ist viel höher. „Die Schwierigkeiten bei der Meldung sexueller Gewalt hielten an, unter anderem aufgrund expliziter Drohungen seitens der israelischen Streit- und Sicherheitskräfte, die die Inhaftierten dazu zwangen, Missbrauch nicht zu melden.“ Begangen wurden diese Gewalttaten von den Streit- und Sicherheitskräften „die israelischen Streitkräfte, der israelische Strafvollzugsdienst, einschließlich der Spezialeinheit Keter, sowie die Anti-Terror-Einheit der Polizei (Yamam)“.

    Es wurde eine Gruppierung die zu Gush Emunim gehört von der Europäischen Union diese Woche sanktioniert obwohl in Wikipedia steht dass es diese Siedlerbewegung nicht mehr gibt.

    Über den Völkermord und die Vertreibung der Palästinenser aus ihrem Heimatland sprechen.
    Mitmachen bei der Einforderung der Menschenrechte für Palästina.
    https://eci.ec.europa.eu/055/public/?lg=de

    [1] Aus dem Journal of Palestine Studies Vol.10, Nr.1 (1980), Wikipedia, Bericht des Generalsekretärs und einer Presseveröffentlichung der Europäischen Union.
    [2] Bericht des Generalsekretärs der Vereinten Nationen über sexuelle Gewalt für das Jahr 2025.
    https://news.un.org/en/story/2026/05/1167603

  2. Ich bin geneigt darauf zu wetten, dass Deutschland das letzte Land sein wird, das dem Clown die Treue hält, wenn sich alle anderen bereits abgewendet haben, und dass die deutsche Bevölkerung das nicht einmal bemerkt.

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