Mehrheit der jüdischen Israelis lehnt Waffenstillstand mit Iran ab

Am ersten Kriegstag schlug eine amerikanische Tomahawk-Rakete in die Schulde in Mandib ein und tötete zahlreiche KInder. Die iranische Führung nutzt dies massiv für Propaganda. Hier wurden Fotos von getöteten Kinder im Flugzeug gezeigt, mit dem iranische Delegation nach Pakistan flog. Zu sehen ist der iranische Parlamentssprecher Mohammad Baqer. Bild: FarsNews

 

Eine Analyse der New York Times von Satellitenbildern und Videos aus dem Internet und von Staatsmedien hat gezeigt, dass die amerikanisch-israelischen Bombardierungen alles andere als präzische Schlage waren. Nach dem Iranischen Roten Kreuz sollen bis 2. April im Iran 763 Schulen und 316 medizinische Einrichtungen beschädigt oder zerstört worden sein. Überdies sind mehrere Mitarbeiter bei der Arbeit durch Luftschläge getötet worden.

Die NYT hat sich auf Schulen und Gesundheitseinrichtungen wie Krankenhäuser konzentriert und konnte aufgrund ausreichender Quellen nachweisen, dass 38 Schulen/Universitäten und Krankenhäuser direkt getroffen oder durch Einschläge in der Nähe beschädigt wurden. Nicht herausfinden konnten die Journalisten, ob das amerikanische oder israelische Militär verantwortlich war. Meist sei auch unklar, was das eigentliche Ziel gewesen sein könnte.

Schon am ersten Kriegstag wurde eine Schule in Minab von einer Tomahawk-Rakete getroffen, wobei mindestens 175 Menschen, vor allem Schulkinder, getötet wurden. Die Schule war seit 10 Jahren deutlich abgegrenzt von einer Marinebasis. Angeblich hat das Militär veraltete Daten benutzt – soweit zu Präzisionsangriffen.

Nach dem Völkerrecht sind Schulen und Krankenhäuser besonders als zivile Infrastruktur  geschützt. Angriffe auf sie können Kriegsverbrechen sein, auch wenn sie gegen Ziele ganz in der Nähe gerichtet sind. Kriegsminister Hegseth sprach allerdings von Präzisionsangriffen und sagte auch, die Iraner hätten Raketenabschussrampen neben Schulen und Krankenhäusern platziert. Nach der NYT gibt es dafür allerdings keine Belege.

Das Völkerrecht kann schon länger nicht mehr durchgesetzt werden, das konnte sowieso nur gegen kleinere Staaten geschehen, wie das etwa beim Internationalen Strafgerichtshof (ICC) der Fall war. Die Großmächte wie die USA und Russland haben sich wenig darum geschert, auch wenn man bis vor kurzem noch so getan hat, als würde man es beachten bzw. Verletzungen anderen vorgeworfen. Mit Trump und Netanjahu, sind spätestens die letzten rhetorischen Hüllen gefallen. Ungeniert werden Länder angegriffen, ohne bedroht zu sein, werden Städte plattgemacht, ganze Landstriche verwüstet, Menschenmassen vertrieben und zivile Ziele zerstört sowie einzelne Menschen mit ihrer Umgebung gezielt ermordet. Der Gaza-Krieg wurde zum Modell, das nun im Libanon und Iran weitergeführt wird.

Netanjahu braucht den Krieg, Trump muss einen Ausweg suchen

In Umfragen wird der Krieg gegen den Iran in den USA von einer Mehrheit abgelehnt  (Überblick). Israel und Netanjahu werden ebenfalls mehrheitlich negativ gesehen. Das ist ein Trend, der seit dem Gazakrieg stärker wurde. Vor allem jüngere Menschen wenden sich von Israel ab.

Auch wenn die Republikaner weiterhin zu Trump halten, sind seine Umfragewerte durch den Krieg gegen den Iran in den Keller gefallen. Der Druck aus dem Inland vor den anstehenden Midterm-Wahlen, sofern sie denn stattfinden sollten, hat sicher mit dem der Alliierten im Nahen Osten und Europa sowie den wirtschaftlichen Folgen mit dafür gesorgt, dass Trump zu schlechten Bedingungen einen vierzehntägigen Waffenstillstand eingegangen ist. Die Straße von Hormus haben allerdings am Freitag gerade zwei Schiffe passiert. Der Iran fordert allerdings, dass der Libanon eingeschlossen ist, also dass Israel nicht weiter angreift. Das scheint aber Netanjahu nicht zu stören, was zeigt, dass Trump ihn nicht kontrollieren kann und Netanjahu den Waffenstillstand mit dem Iran ablehnt. Er hat das Gericht, das nach dem Waffenstillstand seine Anhörung in seinem Korruptionsfall angesetzt hat, aufgefordert, den Termin wegen der „dramatischen Ereignisse im Nahen Osten“  zu verschieben. Das bestätigt nur, dass Netanjahu die Kriege braucht, um einer Verurteilung zu entgehen.

Nach dem bislang schwersten Angriff sagte Netanjahu, dass man so bald wie möglich Gespräche mit dem Libanon beginnen werde, die die Entwaffnung der Hisbollah und ein Friedensabkommen zum Ziel hätten. Einen von der libanesischen Regierung geforderten Waffenstillstand stimmte er nicht zu, die Angriffe sollen erst einmal fortgesetzt werden. Möglich sind Gespräche nächste Woche, so dass die Angriffe weitergehen, während die amerikanische Delegation mit der iranischen in Pakistan verhandelt. Angeblich gingen dem mindestens drei Telefongespräche mit Trump zuvor. Der könnte angedroht haben, Israel in den Waffenstillstand einzubinden, wenn keine Gespräche mit dem Libanon aufgenommen werden.

Netanjahu, der Trump zum Angriff auf den Iran motiviert oder gezwungen haben soll, hat damit keines seiner Ziele erreicht: es kam nicht zu einem Regimewechsel, obgleich die Führung „enthauptet“ wurde, der Iran kann weiter Drohnen und Raketen Richtung Israel feuern und wie es mit dem Atomwaffenprogramm bzw. mit dem angereichertem Uran steht, ist ungewiss. Dagegen ist Israel weiter isoliert, selbst Trump hat es nicht in die Gespräche mit Iran und in den Waffenstillstand eingebunden. Die israelischen Streitkräfte (IDF) haben in einer geschlossenen Sitzung am Donnerstag den Mitgliedern des Verteidigungs- und Außenpolitikausschusses berichtet, dass die „Enthauptung“ nur dazu geführt habe, dass die neue Führung „extremer“ als die alte sei, auch deswegen, weil die Revolutionsgarde eine größere Rolle spielt.

Jüdische Bevölkerung lehnt Waffenstillstand ab und ist für Fortsetzung des Kies im Libanon

Interessant ist, dass nach aktuellen Umfragen in Israel Netanjahus Likud-Partei zwar leichte Einbußen hinnehmen muss, aber die gegen Netanjahus Koalitionsregierung antretenden zionistischen Oppositionsparteien auch keine Mehrheit erreichen würden. Itamar Ben Gvirs rechtsextreme Partei Otzma Yehudit  würde sogar Sitze hinzugewinnen. Beide Seiten wären aber auf die arabischen Parteien angewiesen, die eine gemeinsame Liste gebildet haben und die drittstärkste Fraktion würden.

Interessant ist, dass in allen drei Umfragen eine knappe Mehrheit den zweiwöchigen Waffenstillstand mit dem Iran ablehnt, nur um die 30 Prozent sprechen sich dafür aus. Und diejenigen, die die zionistischen Oppositionsparteien unterstützen, sprechen sich noch stärker gegen den Waffenstillstand aus als die Sympathisanten der Parteien der Regierungskoalition. Die Anhänger der arabischen Parteien sind im Unterschied zu 88 Prozent für die Waffenruhe. Und in der Umfrage des Fernsehsenders Channel 12 befürwortete eine Mehrheit von 79 Prozent die Fortsetzung der Angriffe im Libanon, nur 13 Prozent waren dagegen, der Rest hatte keine Meinung dazu: „Zu den Befragten, die die Fortsetzung der Angriffe befürworteten, gehörten 92 % der Koalitionswähler und 83 % der Oppositionswähler, wobei bei den Wählern arabischer Parteien Unklarheit herrschte: 61 % von ihnen lehnten die Fortsetzung der Angriffe ab, während 25 % sie befürworteten.“

Eine Mehrheit der nicht-arabischen Israelis, gleich ob sie hinter der Regierung oder der Opposition stehen, ist in Kriegsstimmung oder sieht im Krieg die Lösung der politischen Probleme. Das scheinen die Umfragen zu bestätigen. Im Überschwang der militärischen Überlegenheit scheint man nicht zu realisieren, dass diese mitsamt den territorialen Ansprüchen (Gazastreifen, Westjordanland, Teile von Libanon und Syrien) nicht langfristig für Sicherheit sorgen werden, zumal wenn die amerikanische Unterstützung schwächer wird und die militärischen „Erfolge“ mit Kriegsverbrechen begangen werden. Moshe Zuckermann hat Gründe für diese auf Krieg setzende Stimmung vor dem Krieg gegen den Iran und den Libanon herausgearbeitet: Israels Kriegslüsternheit.

Florian Rötzer

Florian Rötzer, geboren 1953, war Gründer des Online-Magazins Telepolis und von 1996 bis 2020 dessen Chefredakteur. Seit 2022 ist er Redakteur beim Overton Magazin. Er ist Autor mehrerer Bücher, zuletzt In der Wüste der Gegenwart, das er zusammen mit Moshe Zuckermann geschrieben hat.
Mehr Beiträge von Florian Rötzer →

Ähnliche Beiträge:

11 Kommentare

  1. „Kriegsgegner sind in Israel in der Minderheit.“
    Na dann, sie werden dann halt früher oder später die Früchte ihres Tuns ernten. Und so wie sich das momentan dort entwickelt eher früher.

  2. Es zwingt kein Politiker etwas zu tun, ausser Kapital Interessen stehen dahinter.
    Wenn Politiker selbst auf Börsen etwas platzieren, wer wann was tut….,um sich daran zu bereichern, ist als ‚demokratischer Politiker‘, moralisch so verkommen, das die Moral als obsolet deklariert wird.
    Der Mensch sollte sich selbst hinterfragen, wo will diese ‚Zivilisation‘ sich hinentwickeln?
    Für mein Dasein in dieser Welt, möchte ich anfügen, daß diese Zivilisation zu nichts im Stande ist, da diese Welt von ‚Satan‘ regiert wird.
    Vor Jahren erhoffte ich, das diese Welt in ein goldenes Zeitalter übergeht, diese Hoffnung besitze ich nicht mehr…

  3. Warum muss die gesamte Welt unter 8 Millionen durchgeknallen Gotteskriegern leiden, und das nicht erst seit gestern? Wie verblendet muss man sein, um daran zu glauben, dass dies eine glorreiche Zukunft, zumindest für die eigenen Brüder, bringt? Haben die Amerikaner immer noch nicht begriffen, dass Israel kein Außenposten für amerikanische Interessen mehr sein kann sondern eher die Grabschaufel? Wer macht hier für wen die „Drecksarbeit“ und wie endet diese? Nehmen wir mal an, die Welt bestünde, wie gewünscht, nur noch aus Zionisten und Evangelikaten, würden die dann sich nicht gegenseitig zerfleischen? Mit dem derzeitigen Israel und seinen Krakenarmen in Amerika (nicht nur USA) und Europa wird es nie Frieden geben, deren Einfluss muss gebrochen werden, damit die Menschheit als solche überleben kann.

    1. Ja, so ist das eben, wenn man sich selbst als „die Guten“ sieht, und die anderen als irgendetwas, das scheinbar einen anderen Rang hat.

  4. Zweifelhafter Bilduntertitel, Zitat daraus: „…Die iranische Führung nutzt dies massiv für Propaganda…..“
    Mir scheint: Hauptsache am Iran herumkritisiert.

    Für manche sind 170 tote Kinder scheinbar „nichts“, oder liegt es daran, dass es Kinder „der Richtigen“ sind?

    Oder vielleicht liegt es auch an der Masse der vom Westen in den letzten 70 Jahren gemordeten Kinder: da sind 170 iranische Kinder scheinbar „nichts“ mehr.


    Ich möchte nur daran erinnern, dass dieser Krieg von Israel und den USA begonnen wurde, und dass diese 170 Kinder eine Zukunft hätten haben können, wenn nicht diese beiden Irren der „Epsteinklasse“ imperialistisch herumbomben würden.

    Hoffentlich wird der Iran das auch weiterhin „massiv für Propaganda nutzen“, damit wir vielleicht irgendwann merken, wie rücksichtslos, menschenverachtend, gleichgültig und barbarisch wir geworden sind…..

    ———————–
    Für den Fall, dass der Bilduntertitel geändert werden sollte, hier der aktuelle ganze Text:
    „Am ersten Kriegstag schlug eine amerikanische Tomahawk-Rakete in die Schulde in Mandib ein und tötete zahlreiche KInder. Die iranische Führung nutzt dies massiv für Propaganda. Hier wurden Fotos von getöteten Kinder im Flugzeug gezeigt, mit dem iranische Delegation nach Pakistan flog. Zu sehen ist der iranische Parlamentssprecher Mohammad Baqer. Bild: FarsNews“

  5. Zur Zwischenüberschrift: „Jüdische Bevölkerung lehnt Waffenstillstand ab und ist für Fortsetzung des Kies im Libanon“

    Es könnte hilfreich sein, Texte vor Veröffentlichung nochmals zu lesen, oder auch direkt danach.

    Welcher „Kies“ wohl gemeint ist: wirklicher Kies, also kleine, rundliche Steine, oder Geld?

  6. Solche Umfragen sind fast immer interessierte Unternehmungen der „Mächtigen“. Entsprechend sind deren veröffentlichten Ergebnisse generell mit großer Vorsicht zu genießen.
    Trotzdem halte ich es für bemerkenswert, das hier (die Umfrage einer zionistisch–rechten Partei!) noch ein Drittel der Bevölkerung eines seit seiner Entstehung militaristisch durchgemusterten Kolonialstaates, einen Waffenstillstand befürwortet.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert