Medizin ist Beziehungsarbeit

Bild: Luv/public domain

Der Chirurg und Medizinautor Bernd Hontschik über das deutsche Gesundheitssystem, die verheerende Fallpauschale, die Privatisierung und die Folgen der Corona-Pandemie.

 

Wir wollen heute über das deutsche Gesundheitssystem sprechen. Man hört überall Katastrophenmeldungen, Personalmangel, Medikamente fehlen, Krankenhäuser machen pleite, Ärzte fordern eine Vier-Tage-Woche, weil sie mit der Bürokratie nicht mehr zurechtkommen. Man hat den Eindruck, dass das ganze System immer nur dann reagiert, wenn irgendein Problem auftaucht. Aber es gibt keinen Entwurf, wo es eigentlich hingehen soll, es wird eigentlich nur den Mangel verwaltet, und man versucht, das System irgendwie aufrecht zu erhalten. Gibt es denn ein prinzipielles Problem unseres Gesundheitssystems, und läuft es möglicherweise in anderen Ländern besser?

Bernd Hontschik: Es ist eigentlich umgekehrt. Prinzipiell haben wir ein sehr gutes Gesundheitswesen. Wir haben zumindest auf dem Papier zunächst einmal eine solidarische Finanzierung, die von allen getragen wird, die es tragen können. Die, die nichts haben, brauchen auch nichts beisteuern. Von der Idee her ist es ein solidarisches System, nur leider können sich 10 % der Besserverdienenden mit ihrer Privatversicherung aus dem System verabschieden.

Sie sagen, es wird erst reagiert, wenn ein Problem auftaucht oder nicht mehr steuerbar ist. Medikamente sind ein gutes Beispiel. Schon vor sieben Jahren gab es eine Anfrage der Linken im Bundestag. In der Antwort wurde gesagt, dass es bei Blutdruckmedikamenten, Parkinson-Medikamenten, Impfungen für Kinder und Antibiotika einen Engpass gibt. Das hat sich dann ein bisschen beruhigt, also hat man auch nichts unternommen. Die Ursache ist, dass es in Europa überhaupt keine Arzneimittelproduktion mehr von Belang gibt, in Deutschland schon gar nicht. 2015 hat in Deutschland der letzte Antibiotika-Hersteller geschlossen. Es gibt hier nichts mehr, alles ist in Indien oder China, alles außerhalb unserer Kontroll- und Überwachungsmöglichkeiten. Und wenn dort etwas nicht funktioniert, dann sind wir arm dran. Solange es funktioniert, merkt es keiner. Das ist so ähnlich wie mit dem russischen Gas, auf einmal kommt nichts mehr her. Wenn keine Medikamente mehr kommen, dann merkt das ganz schnell jeder, der ein krankes Kind hat oder der Antibiotikum braucht. Dann wird reagiert. Ob die Reaktion dann viel taugt, ist noch mal eine andere Frage.

Zu beobachten ist, dass jede Reform eigentlich damit zu tun hat, die Kosten zu dämpfen. Die Verlagerung der Pharmaindustrie nach China oder Indien sollte auch die Kosten herunterbringen. Kann man denn so an das Gesundheitssystem überhaupt herangehen?

Bernd Hontschik: Na ja, die Medikamente sind halt eine Ware. Wie alles im Kapitalismus geht es darum, diese möglichst billig herzustellen und möglichst teuer zu verkaufen. Ob das jetzt ein Taschentuch, ein Medikament oder ein Auto ist, ist egal. Es sind nun mal multinationale Großkonzerne, denen man die Herstellung der Medikamente überlassen hat. Das ist eine politische Entscheidung, das ist Kapitalismus pur, und dann ist man dem auch ausgeliefert.

Wenn man anfängt, sich speziell einzelne Bereiche im Gesundheitswesen anzuschauen, dann könnten wir einmal mit den Krankenhäusern anfangen. Diese waren vor einigen Jahrzehnten noch völlig uninteressant für Menschen, die ihr Geld investieren wollten. Dann gab es ein paar Gesetzesänderungen und auf einmal wurde es interessant, auf einmal konnte man mit Krankenhäusern Geld verdienen und plötzlich war es auch erlaubt, dass private Konzerne diese kaufen und betreiben konnten.

Was war der der Einstieg dazu. Kann man irgendeinen bestimmten Punkt herausgreifen? Die berüchtigte Fallpauschale etwa?

Bernd Hontschik: Ja, das ist die Fallpauschale. Aber schon vorher war es privaten Konzernen möglich, weil man einfach gesetzlich diese Möglichkeit eröffnet hatte. Es war, ich würde sagen, Anfang der 80er Jahre eines der vielen Gesetze zur Gesundheitsreform. Vorher gab es das nicht.

Und was war der Grund, warum man es der Privatisierung geöffnet hat?

Bernd Hontschik: Es ist kompliziert, aber man muss es so kompliziert erklären. Die Krankenhausfinanzierung in Deutschland ruht auf zwei verschiedenen Säulen. Die duale Krankenhausfinanzierung nennt man das. Die eine Säule ist, dass die Länder gehalten sind, die Krankenhäuser in ihrem Bestand zu erhalten und zu finanzieren, also die Bausubstanz und all diese Dinge, ich nenne es immer der Einfachheit halber die Hardware. Die Krankenkassen sind per Gesetz gehalten, die laufenden Ausgaben der Krankenhäuser zu finanzieren. Das nenne ich die Software. Verbrauchsmaterialien, Verbandsstoffe, OP-Materialien, die Personalkosten zählen da natürlich auch dazu.

Jetzt hat historisch betrachtet ein Prozess eingesetzt, der überhaupt nicht zu verstehen ist. Die Länder haben einfach ihre gesetzliche Aufgabe nicht mehr wahrgenommen. Niemand hat die Länder verklagt. Nach dem Gesetz müssen die Länder die Krankenhäuser finanzieren, aber sie machen es einfach nicht. So sind viele Krankenhäuser in riesige Turbulenzen geraten und haben angefangen, aus dem Geld, das ihnen die Krankenkassen zur Finanzierung der Software geben, die Hardware zu finanzieren, also die kaputten Fenster oder die Heizungsanlage zu erneuern, all das, was eigentlich aus ganz anderen Geldern finanziert hätte werden müssen.

Daraus entstand ein Teufelskreis. Es ist immer weniger Geld da. Die Krankenhäuser müssen also Personal einsparen etc. Die Entwicklung war wirklich fatal. Es sind 60.000 Pflegestellen gestrichen worden. Die verbliebenen Schwestern und Pfleger mussten auf einmal sehr viel mehr arbeiten, weil sich durch die Einführung der diagnoseorientierten Fallpauschalen (DRG) die Liegezeit halbiert und die Anzahl der Patienten verdoppelt hat, auch im OP bei gleichem oder weniger Personal. Das ist ein Teufelskreis, aus dem kein Krankenhaus entrinnen kann, es sei denn, es ist ein Krankenhaus im privaten Besitz, das sich von dem Auftrag, die Bevölkerung allgemein zu versorgen, verabschiedet. Die schauen, was sich nach den Fallpauschalen lohnt: Augenoperationen, orthopädische Kliniken, kardiologische Einrichtungen. Hier ist aus unerfindlichen Gründen das DRG-System lukrativ. Nicht lukrativ ist es bei Kinderkliniken, die zahlen mit Kreißsälen oder Hebammen drauf. Private schließen das einfach. Wo rote Zahlen geschrieben werden, machen die zu.

Wenn man aber jetzt ein Krankenhaus betrachtet, das eine Region wie z.B. die städtische Klinik Frankfurt-Hoechst versorgt, an der ganz West-Frankfurt und der Taunus dranhängt, dann kann man nicht einfach einen Kreißsaal schließen, selbst wenn er rote Zahlen schreibt. Wo sollen denn die Leute hingehen?

Das heißt doch praktisch, dass die Entwicklung dahin geht, dass einerseits eine Mangelversorgung eintritt, die andererseits eine Überversorgung schafft, also dass etwa zu viel operiert wird. Bestimmte  Operationen werden in Deutschland häufiger als in anderen Ländern gemacht. Hängt das ausschließlich an dieser Bezahlung über die Fallpauschalen?

Bernd Hontschik: Warum kommt es in Deutschland, seit es die Fallpauschalen gibt, zu einem exponentielle Anstieg von Rückenoperationen? Dafür gibt es keine medizinische Gründe. Die Leute sind ja nicht vorher rückengesund gewesen und mit Beginn der DRG rückenkrank. Jeder wird sofort verstehen, dass das Blödsinn ist, aber es wurde gut bezahlt und was gut bezahlt wird, wird gemacht.

Das heißt aber, das System schädigt Menschen.

Bernd Hontschik: Ja, das hat mit Medizin nichts mehr zu tun. Meine ärztliche Tätigkeit wird dadurch komplett korrumpiert, weil ich gehalten bin, nur noch schwerwiegende Diagnosen aufzuschreiben, vielleicht sogar zu schwindeln oder zu übertreiben. Es ist nicht ein Husten, sondern eine Lungenentzündung, kein Schwindel vor den Augen, sondern ein Schlaganfall. Da läuft die Kohle. Das ist fatal. Man darf nicht das Bezahlsystem mit der praktischen ärztlichen und pflegerischen Arbeit so verknüpfen, dass alles korrumpiert wird. Das ist aber geschehen. Und jetzt tritt Herr Lauterbach auf die Bremse. Man darf gespannt sein.

Lauterbach war, glaube ich, aber auch maßgeblich dafür, dass man immer versucht hat, die Krankenhausanzahl zu reduzieren.

Bernd Hontschik: Es mag sein, dass es zu viele Krankenhäuser gibt. Darüber kann man streiten. Aber die Schließung von Krankenhäusern muss nach einem bestimmten gescheiten Plan geschehen. Schließungen geschehen bei uns aber nach Bilanz, nicht nach Bedarf. Wenn ein Krankenhaus rote Zahlen schreibt, dann geht es ihm an den Kragen. Wenn es schwarze Zahlen schreibt, dann nicht. Das folgt aber keiner Idee der gesundheitlichen Versorgung einer Region oder einer Bevölkerung, sondern das ist durch diese DRGs falsch geraten.

Es ist ja auffällig, dass das Krankenhauspersonal schwindet. Die Überbelastung ist wahrscheinlich zu groß oder ist das Gehalt zu wenig? Woran liegt das? Viele junge Mediziner wollen ja gar nicht mehr im Krankenhaus oder in der Praxis arbeiten.

Bernd Hontschik: Für mich persönlich ist das schrecklich. Ich habe 40 Jahre als Chirurg gearbeitet, das ist ein großartiger Beruf. Ich bin mir aber nicht ganz sicher, ob ich das heute noch machen würde. Ich bin, was das betrifft, in besseren Zeiten aufgewachsen und ausgebildet worden.

Es gibt ja Untersuchungen, dass Schwestern und Pfleger zu Hauf gerne in ihren Beruf zurückkehren würden. Das sind Menschen, die ihre Arbeit auch mit hohem Ethos leben und verrichten. Sie sind geflohen wegen katastrophaler Arbeitszeiten, familienfeindlich bis zum Gehtnichtmehr, und miserabler Bezahlung. Während der Corona-Pandemie gab es Applaus, und später für einige wenige Gruppen von Pflegern und Schwestern ein lächerliches Zusatzgehalt. Innerhalb eines Zeitabschnitts musste man soundso viel beatmete Patienten behandelt haben, um in den Genuss dieses Zuschlags zu kommen. Als ob nicht alle geschuftet hätten bis hin zur letzten MTA in der kleinsten Arztpraxis. Dass die Schwestern und Pfleger hier geflohen sind, kann ich absolut nachvollziehen. Wenn man etwas dafür täte, dass sie wiederkommen,  wäre ein großes Problem gelöst. Aber es passiert nichts oder wenig, Ideen gibt es genug.

„Wenn ich sehe, was die Grünen für gesundheitspolitische Vorstellungen haben, könnte ich weinen“

Man hört auch nichts. Es gibt keine größere Diskussion über eine angemessene Reform des Gesundheitssystems. Zumindest kenne ich keinen großen Wurf.

Bernd Hontschik: Jetzt gibt es zum ersten Mal eine Art Wurf, was die Krankenhäuser betrifft. Der ist auf den ersten Blick nicht schlecht. Die Krankenhäuser werden in vier Kategorien eingeteilt, kleine, mittlere, Maximalversorger und Unikliniken. Wenn man das wollte, würden sie über die Region vernünftig verteilt. Wenn man dann ein Krankenhaus schließt, dann hat das Verstand gehabt und ist nicht Folge der Bilanz. Ein Krankenhaus zu schließen, ist ja nicht an sich ein Verbrechen, aber so wie es bei uns passiert, ist es planlos und geht nach schwarzen oder roten Zahlen. Es ist nur so: Die Krankenhausplanung, das hat man auch gleich gemerkt, als Lauterbach das vorgeschlagen hat, liegt bei den Ländern. Und die sind sofort ausgerastet. Lauterbach ist ungeschickt, bereitet politisch nichts gescheit vor. Man macht das eigentlich andersherum. Man bespricht das erstmal mit seinen Gesundheitsministern und -ministerinnnen, überzeugt sie und tritt dann gemeinsam auf.

Mein Credo ist sowieso die Gemeinnützigkeit für alle Krankenhäuser und Medizinische Versorgungszentren. Niemand darf Anlegern 10 % Rendite versprechen, die sich einen Dreck für Gesundheit interessieren, sondern nur für ihre Rendite.

Dann müsste die Privatisierung rückgängig gemacht werden.

Bernd Hontschik: Ja, das wird wahrscheinlich teuer werden, man müsste alles zurückkaufen. Das ist natürlich eine riesige Lücke. Auch wenn die Lauterbach-Pläne noch so schön sind, so stehen sie erstmal nur auf dem Papier. Ich weiß nicht, was davon übrig bleiben wird. Wenn das alle sogenannte parlamentarische Hürden genommen hat, ist es wahrscheinlich nicht mehr wieder zu erkennen. Aber die Idee ist erstmal gut.

Lauterbach traue ich nicht, denn er war einer der Hauptinitiatoren für die Einführung der DRG vor 20 Jahren. Er saß zehn Jahre lang im Aufsichtsrat der Rhönklinik. Ob er wirklich vom Saulus zum Paulus geworden ist? Ich habe mal in einer Kolumne geschrieben: Es ist ein Silberstreif am Horizont. Zum ersten Mal keimt so etwas wie Hoffnung auf im Gesundheitswesen. Wir hatten einen Keimling. Wissen Sie, was das ist? Einmal angepustet, ist er weg.

Aber an die Fallpauschale will man nicht ran?

Bernd Hontschik: Doch an die Fallpauschale will man ran, aber nicht direkt. Die Fallpauschalen werden in der Finanzierung der Krankenhäuser, ich will es mal platt sagen, auf 50 % zurückgefahren und es gibt 50 % Pauschalen. Ein Konzept wären überhaupt Pauschalen für die Krankenhäuser. Ein Krankenhaus hat diesen oder jenen Auftrag und erhält soundso viele Millionen, um ihn zu erfüllen. Fertig. Wenn sie nicht zurecht kommen, dürfen sie sich melden und erklären, weswegen sie das nicht schaffen. Dann gibt es einen Nachschlag. Die Abrechnung nach einer Diagnose macht einfach alles kaputt. Das fehlt alles noch bei den Lauterbach.

Das Ganze beruhte auf dieser Krankenhauskommission, die ihn zu diesen Plänen gebracht hat. Da sind ehrenwerte Leute dabei, aber da sind auch Leute dabei, die sind mir vorher schon aufgefallen. Die haben nur Schließen im Sinn. In einer Talkshow sagte beispielsweise einer, dass dann, wenn man von zwei Krankenhäusern eines schließt, gäbe es keinen Pflegepersonalmangel mehr, weil es dann für das eine Krankenhaus doppelt so viel Personal gibt. Ein anderer fragte dann, ob dann auch nur halb so viel Patienten kommen. Also totaler Quatsch. Als ob es dann die Patienten auch nicht mehr gäbe.

Es ist alles sehr kompliziert, aber man könnte im Gesundheitswesen viel Gutes tun. Wenn einer wie ich, der voller Ideen ist und das 40 Jahre macht, sich umguckt, findet man eigentlich leider keine politische Partei, die etwas sagen, wo man sich komplett wiederfindet. Wenn ich sehe, was die Grünen für gesundheitspolitische Vorstellungen haben, könnte ich weinen, mit Herr Lucha in Baden Württemberg und auch hier mit Herrn Klose und Frau Dorn in Hessen.

Was ist denn der grüne Ansatz in der Gesundheitspolitik?

Bernd Hontschik: Herr Lucha zum Beispiel in Baden-Württemberg verfolgt massiv den Ansatz der Zentralkrankenhäuser. Er will das Problem dadurch lösen, dass – wie in Dänemark – alles geschlossen wird, und fünf, sechs oder zehn zentrale Krankenhäuser, die alles können, im Land verteilt werden. Es heißt ja immer, der Patient soll von qualifizierten Krankenhäusern und Ärzten versorgt werden. Ein Schlaganfall kann nicht in irgendeiner kleinen Klitsche im Dorf versorgt werden. Aber das funktioniert auch heute schon.

Ich bin Chirurg, ich bin an einem Krankenhaus der Maximalversorgung ausgebildet. Wenn Sie mich jetzt zum Chef in einem kleinen Krankenhaus machen würden, dann habe ich ja nicht aufgehört, das alles zu können. Ich bin permanent mit Situationen konfrontiert gewesen, die ich noch nie erlebt habe. So ist das in der Chirurgie. Kein Chirurg wird eine OP anfangen, von der er weiß, dass er sie nicht kann. Sie müssen mich nicht daran hindern, ein Pankreaskopfkarzinom zu operieren, das mache ich gar nicht, das schicke ich in eine Uniklinik. So ist es immer gewesen. Das Ganze ist alles ein bisschen übertrieben und absurd. Hinter der Diskriminierung kleiner Krankenhäuser steht, dass man sie alle schließen will und ein Zentralkrankenhaus-Konzept wie der Herr Lucha verfolgt. Entsetzlich für die Patienten, es müssen Hubschrauber und sonstige Transportsysteme ausgebaut werden.

„Die Patienten möchten, dass ihnen ein Mensch gegenüber sitzt“

Könnte man denn nicht das Gesundheitssystem durch Digitalisierung Telemedizin und ähnliche Anwendungen entgegen dem Konzept von Zentralkrankenhäusern dezentralisiere? Was ist hier zu erwarten?

Bernd Hontschik: Also von der Telemedizin braucht man überhaupt nichts erwarten. Die funktioniert da, wo kein Arzt, keine Ärztin oder auch keine Hebamme da ist. Es gibt Berichte von Bohrinseln, wo einer krank geworden ist, der mit Telemedizin von seiner 1000 Kilometer entfernten Heimatstadt behandelt wurde. Es gibt sogar Berichte von sowjetischen U-Boot-Fahrern, die eine Blinddarmentzündung bekamen und die nach Anleitung operiert wurden. Total irre. Also von der Telemedizin braucht man sich keine Lösung erwarten, auch wenn es neue Kommunikationskanäle gibt.

Denn nach 40 Jahren Medizin kann ich sagen: Die Patienten möchten, dass ihnen ein Mensch gegenüber sitzt, der ihnen zuhört, der seine eigenen Gedanken vielleicht auch so weit offen legt, dass es dem Patienten hilft, der eine Beziehung aufbaut. Das geht nicht mit Bildschirmen. Wenn es um Fakten geht, um die Übermittlung von Röntgenbildern und Laborbefunden, ist das perfekt, das lässt sich alles digitalisieren. Aber wenn man die Digitalisierung des Gesundheitssystems als Allheilmittel anpreist, dann frage ich mich, warum wir so lächerlich albern dastehen in der Welt. Mit unserer Digitalisierung müssten wir als großes Industrieland viel weiter sein. Die Digitalisierung des Gesundheitswesens in Deutschland ist nach wie vor ein schlechter Witz.

Es war ja die Hoffnung, dass mit der Coronaepidemie, in der viel über die Bildschirme gelaufen ist, man sich nicht begegnen konnte und Menschen in Krankenhäusern und Altenheimen isoliert waren, dass die Telemedizin, also die Überwachung, Versorgung und Behandlung der Menschen zu Hause ausgebaut wird. Bei Problemen würde dann eine Pflegekraft oder ein Arzt kommen.

Bernd Hontschik: Das löst keinen Personalmangel im Krankenhaus, keine fehlenden Arztpraxen auf dem Lande. Das sind Hilfskonstruktionen, aber prinzipiell muss im Gesundheitswesen, wenn es um Gesundheit und Krankheit und um Leben und Sterben geht, schon Menschen auftauchen, die an der Seite der Patienten stehen und einem helfen.

In China und anderswo wird mit KI-Systemen experimentiert, die Diagnosen stellen. Das soll die Ärzte entlasten und die Genauigkeit erhöhen. Was meinen Sie dazu?

Bernd Hontschik: Ja, die Genauigkeit kann erhöht werden. Aber ich bleibe dabei, Medizin ist Beziehungsarbeit. Der Computer kann hilfreich sein, wenn es um Fakten, um Einbringung von Laborwerten, Röntgenbilder und Krankengeschichten geht. Aber wenn es darum geht, dass jemand krank ist und es darum geht, ob man operieren soll oder nicht, dann brauchen Sie einen Menschen, der Ihnen gegenüber sitzt, der erst einmal Ahnung hat von dieser Krankheit und der sich auch in Lebenssituationen einfühlen kann. Beim einem Patienten ist es dringend angebracht, eine OP zu machen, bei einem anderen lässt man lieber die Finger weg.

Erfahrungsgemäß ist es ja so, wenn man zum Arzt oder in ein Krankenhaus kommt, dass niemand wirklich Zeit hat für ein ausführliches Gespräch oder eine Beratung. Man wird schnell durchgewunken. Also von daher ist diese personalisierte Medizin ja eigentlich gar nicht da.

Bernd Hontschik: Das muss man bedauern und etwas dafür tun. Das machen auch viele. In Universitäten gibt es inzwischen sogar bei den Chirurgen großartige Ausbildungen in Kommunikation, in Mitteilung schlechter Nachrichten und und und. Das hat es zu meiner Zeit nicht gegeben. Die Zeitfrage, die Sie ansprechen, ist natürlich elementar. Wenn in einem Krankenhaus nur die Hetze nach schwerwiegenden Diagnosen stattfindet, weil die Betriebswirtschaft das verlangt, nicht die Medizin, dann hat ein Arzt natürlich keine Zeit für Sie. Er muss Formulare ausfüllen, muss Erkrankungen codieren, muss alles, was er gemacht hat, in eine Zahlen- und Buchstabenkolonne bringen, damit das  gegenüber den Krankenkassen abgerechnet werden kann. Darüber sind viele Ärzte verzweifelt, und es gehen auch viele aus ihrem Beruf heraus. Das ist ein Teufelskreis. Je mehr rausgehen, desto schlimmer für die, die dageblieben sind. Das ist bei den Ärzten so, und bei den Schwestern und Pflegern genauso.

Sie haben ein Buch geschrieben mit dem Titel „Heile und herrsche“, in dem Sie erläutern, wie die Coronakrise das Gesundheitssystem verändert hat. Man hat die Krisenmaßnahmen damit legitimiert, dass das Gesundheitssystem nicht überlastet werden dürfe. Ist diese Argumentation von Grund auf falsch oder nur falsch, weil das Gesundheitssystem sowieso schon am Boden liegt?

Bernd Hontschik: Ja, es liegt am Boden. Aber ich bleibe dabei, wir haben im Prinzip ein gutes Gesundheitswesen. Das Gesundheitswesen ist zu keiner Zeit der Coronapandemie in Deutschland wirklich in die Knie gegangen. Wir haben nur Bilder gesehen aus Bergamo mit Lastwagen, mit denen Leichen abtransportiert wurden, oder aus Manhattan, wo Gräberfelder ausgehoben wurden. Mir hat etwas ganz anderes Sorgen gemacht, nämlich, dass die von einer solchen, für alle neuen Pandemie angestoßenen Überlegungen nicht dazu geführt haben, dass in der Politik und in der Medizin ehrlich und offen diskutiert worden ist. Es gab eine Meinung, ich sage jetzt mal bisschen platt, eine vorherrschende Meinung, die durchgesetzt wurde. Jeder, der eine andere Meinung hatte, verlor entweder seinen Job, wie zum Beispiel ein Gesundheitsamtsleiter in Bayern, der gesagt hat, das mit der Isolation in Altersheim, das können wir nicht machen, das ist unmenschlich. Er wurde seines Amtes enthoben und hat dann irgendwo im Keller Akten gezählt.

In den Talkshows saßen immer dieselben Figuren und haben immer dasselbe gesagt: Apokalypse, Apokalypse, Apokalypse. Sie haben den Leuten Angst gemacht. Ich habe manchmal spaßhaft gesagt, wenn Lauterbach mein Assistenzarzt gewesen wäre, hätte ich ihn entlassen. Denn es ist keine ärztliche Aufgabe, den Patienten vom Aufstehen bis zum Schlafengehen Angst zu machen, im Gegenteil, stärken und Mut machen ist angesagt. Was können wir tun, um dieser Pandemie Herr zu werden? Das war aber nicht wirklich das Ziel. Ich habe manchmal den Eindruck gehabt, dass es manchen Politikern Freude gemacht hat, die Corona-Pandemie dazu zu missbrauchen, um die Exekutive ohne jede Kontrolle durchzuziehen und zu herrschen. Deswegen heißt mein Buch auch „Heile und Herrsche“.

Ein Pluspunkt für Herrn Lauterbach ist, dass er doch den Mut hatte, sich hinterher hinzustellen und zu sagen, die Sperrung von Kitas, Kindergärten und auch Schulen war ein Fehler. Genau das würde ich mir mehr erhoffen von Politikern.

Was ist denn von den Maßnahmen der Pandemie übrig geblieben, nachdem sie ja doch hoffentlich am Ausklingen ist, auch wenn man nicht weiß, was aus China oder den USA noch kommen könnte? Was ist da übrig geblieben an Negativem?

Bernd Hontschik: Ich weiß es nicht. Es waren so krasse Fehlentwicklungen. Ob diese aufhören, weil die Pandemie aufhört, müssen wir mal beobachten. Wenn ich zum Beispiel daran denke, dass einer wie  Kretschmann seine Landsleute aufgefordert hat, den Nachbarn zu denunzieren, wenn sie sich zu mehr als zu viert oder zu mehr als zwei Haushalten treffen, dann frage ich mich, wo sind wir hingeraten? Ob das wieder gut wird?

Ich habe auch Angst um die Qualität des Diskurses. Für mich war es bislang ganz selbstverständlich, dass jeder Wissenschaftler, der etwas veröffentlicht oder etwas sagt, seine Interessenkonflikte darlegt. All die Virologen, die da gesessen haben, haben Interessenkonflikte ohne Ende, sind bezahlt von dieser oder jener Firma. Kein Mensch hat danach gefragt. Kein Mensch hat das veröffentlicht, wenn sie dem Mainstream entsprochen haben. Wenn sie dem aber nicht angehört haben, dann sind sie ganz rasch in keiner Talkshow mehr aufgetaucht. Das ist mir aufgefallen und hat mir Angst gemacht.

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2 Kommentare

  1. Grundsätzlich – Dank an Hontschik für seine dezidierten, nachvollziehbaren Ausführungen. Auf den Punkt gebracht beschreibt er den Bankrott der Marktradikalen, derjenigen, die aus nachvollziehbaren ökonomischen Gründen, den ‚Markt‘ zum Alleinherrscher emporstilisieren, der alle gesellschaftlichen Problemfelder optimal löse. Leider sind das gesellschaftlich Wünschenswerte und das ökonomisch Lukrative alles andere als kongruent, Vielmehr schliesst in vielen Fällen das eine das andere aus. Wie auch immer man z. B. das Gesundheitswesen organisiert, wenn die Entscheidungskriterien rein ökonomische sind, wird das Resultat unbefriedigend sein. Wie alles ist es durch und durch monetarisierbar, aber auf Kosten seiner Funktionalität.

    Ein solcher, in den Neunzigern, dem Deliriumsjahrzehnt, durchgesetzter Ansatz eröffnet z. B. den Bundesländern die Möglichkeit, ihre Investitionen ins Gesundheitswesen zu ‚optimieren‘, was weitgehend gleichbedeutend mit minimalisieren ist. Das hat die von Hontschik geschilderten Folgen. Dasselbe lässt sich im Übrigen auch auf anderen Feldern, etwa der Bildung beobachten. Der von der Bundesebene ausgeübte Druck wird nach unten weitergereicht. Damit wird eine schleichende Minderung der Qualität der erbrachten Dienstleistungen ausgelöst.

    Trotz dieses vorhersehbaren, inzwischen offensichtlichen Scheiterns feiert der Ansatz munter Urständ, nicht nur bei der FDP. Inzwischen ist er zur tief verankerten Doktrin mutiert, die man so wenig in Frage stellt wie Weihnachten und Ostern.

  2. Lobbyisten Geschrei auf dem höchsten Niveau, die Ärzteschaft gehört zu den führenden Berufsgruppen die in der Vergangenheit immer größere Gewinne erzielen konnten. Diese sind ein Teil des Problems in der Sozialpolitischen Grundlage.

    Die Krankenkassen, die Pharmaindustrie, die Ärztekammern, Apothekerverbände und die Krankenhausbetreiber sind die Gewinner der ganzen Reformen. Und die teilen nun den Kuchen auf!

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