Matt in einem Zug 

Start einer Oreshnik-Hyperschallrakete. Bild: mil.ru

                                                                  

Neulich unterhielt ich mich mit einem passionierten Schachspieler und fragte ihn, wie viele Züge er im voraus berechnen könne. „So um die acht Züge“ antwortete er. Die Politik hingegen stolpert in existentielle Gefahren häufig blindlings hinein, indem sie mögliche Gegenreaktionen ignoriert. Jeder Trainer der dritten Liga macht sich zehn Mal mehr Gedanken über den Gegner im nächsten Pokalspiel als unsere Politiker über die Möglichkeiten des russische Militärs. Zwar ist Russland mittlerweile wirtschaftlich stärker als Deutschland, aber die Länder der EU insgesamt sind da um ein Vierfaches überlegen.[1] Dieses Bewusstsein bestimmt ihr Handeln.

Glenn Diesen von der Universität Süd-Ost Norwegen stellt fest: „Die Europäer sagen ganz offen: Wir produzieren Langstreckenwaffen in Massen, um tief im Innern Russlands zuzuschlagen. Es sind die NATO-Staaten, die die Kriegsplanung übernehmen, Geheimdienstinformationen liefern, Ziele auswählen und dabei helfen die russische Luftabwehr zu umgehen… Russland kann nicht mehr alles einstecken und die andere Backe hinhalten. Deshalb denke ich, dass wir jetzt einen russischen Vergeltungsschlag erleben werden.“ [2]  Russland stuft die Fabriken, in denen Drohnen für die Ukraine hergestellt werden, als legitime Ziele ein, auch in Deutschland. [3]

Dmitry Polyanskiy, russischer Vertreter bei der OSZE, spricht  von „verheerenden (devastating) Auswirkungen auf die europäische Bevölkerung“ [4], die unausweichlich seien, sofern unsere Regierung den Krieg gegen Russland fortsetzt. Wenn ein aktiver Diplomat, der ja immer auch ein Sprachrohr seiner Regierung ist, mit diesen ungewöhnlich drastischen Worten warnt, brauchen wir keine Feldbetten für den Zivilschutz, wir brauchen Verstand. Offenbar will Russland uns mit einer shock-and-awe-Aktion zum Einlenken zwingen, so wie die USA in Hiroshima und Nagasaki Japan zur Kapitulation gezwungen haben. Atomwaffen sind immer ein Risiko, aber bei Putin eher in Form eines Betriebsunfalls, nicht als Teil des Plans. Welcher Zug könnte dann das Blatt wenden?

Die Ukraine müsste ohne die Unterstützung der EU sofort kapitulieren. Daher wäre es aus russischer Sicht das Beste, das Problem an der Wurzel zu packen, anstatt einen verlustreichen Großangriff auf die Ukraine zu starten, die für Russland immer noch ein Bruderland ist. In Moskau gibt es unweit des Kreml ein traditionelles ukrainisches Restaurant, so wie es in ganz Deutschland bayrische Biergärten gibt; Sprachverbote gibt es in Russland – anders als in der Ukraine – nicht.  Hinzu kommt: Bei uns wird im Stakkato behauptet, Russland wolle 2029 die NATO angreifen. Auf russisch übersetzt heißt das: Die NATO plant einen fingierten Angriff, um dann zu verkünden wie Hitler anno 1939: „Seit 5:45 wird jetzt zurück geschossen.“ [5] Das wird Putin vermeiden wollen.

In der Nacht zum 22. Mai 2026 hat die Ukraine das Wohnheim einer Berufsschule in der Nähe von Lugansk zerstört. Während die Fotos der 21 getöteten Schüler bereits im Netz kursierten, sprach die ARD von einem „vermeintlichen“ Angriff. [6] Diese Gefühlskälte gegenüber russischen Opfern weckt in Russland üble Erinnerungen an den letzten Krieg, bei dem im statistischen Mittel jeder der vier Millionen deutschen Soldaten an der Ostfront vier sowjetische Zivilisten umgebracht hat. 2023 forderte Mark Milley, der ranghöchste US-General : „Es sollte keinen Russen geben, der schlafen geht, ohne sich zu fragen, ob ihm mitten in der Nacht die Kehle durchgeschnitten wird.“ [7] Der ganze Westen ist aufgehetzt und aufgeputscht gegen Russland wie Deutschland zu Adolfs Zeiten. Dieser Hass, der den Russen entgegenschlägt, macht sie auf die Dauer immer wütender.

Aber Putin lässt sich nicht von Rachegedanken leiten. „Wir bevorzugen es, die Probleme von allen Seiten und ohne Eile zu betrachten“ [8], sagte er 2019 zu Lionel Barber von der Financial Times. Immer wieder haben Regierungen versucht, den Gegner nur aus der Luft heraus zu besiegen. Erfolg hatten sie keinen. Trotz massiver alliierter Bombenangriffe produzierte Deutschland noch 1944 so viele Waffen wie nie zuvor. Die USA haben Vietnam mit einem Bombenteppich nach dem anderen überzogen, und mussten trotzdem geschlagen abziehen. Russland kann mit seinen Oreschnik-Raketen Drohnenfabriken, Güterbahnhöfe, Autobahnkreuze, Internet-Knoten und militärische Kommandozentralen in Deutschland ins Visier nehmen. Damit kann es zwar große Schäden anrichten, die aber nicht kriegsentscheidend sind. Das alles kann man reparieren. Wenn es gegen Russland geht, geht es schneller als im Ahrtal. Für einen Bombenkrieg, wie die NATO ihn gegen Serbien geführt hat, fehlen Russland die Möglichkeiten, von Bodentruppen ganz zu schweigen. Die Oreschnik-Raketen sind erst seit einem Jahr in Serie. Ihre Anzahl dürfte begrenzt sein. Was kann Russland tun, um Deutschland kriegsuntüchtig zu machen? Manches erledigt Deutschland selbst, etwa indem es ein modernes Kohlekraftwerk in die Luft sprengt. Aber das allein langt nicht um seine Industrie so zu zerstören, wie es der Morgenthau-Plan von 1944 vorsah.

Unsere Achillesferse ist die Energieversorgung mit Gas, das wir zum Heizen, für die chemische und pharmazeutische Industrie, für die Stahlproduktion und für tausend andere Dinge dringend brauchen. Ohne unsere rund 40 Gasspeicher [9] kommen wir nicht über den Winter. Russland hat gezeigt, dass seine Oreschnik-Rakete auch tief liegende Gaskavernen treffen kann. Gleich beim ersten Einsatz wurde Europas größter Gasspeicher im der Nähe von Lvov im Westen der Ukraine zerstört. [10]  40 Oreschnik-Raketen für 40 Gasspeicher: Das wäre die totale Deindustrialisierung Deutschlands – ohne größere menschliche Verluste auf beiden Seiten. Für die EU wäre das wie Tschernobyl für die Sowjetunion: Der Anfang vom Ende. Wer auf dem „großen Schachbrett“ [11] im nächsten Zug Matt gesetzt werden kann, sollte besser ein Friedensangebot machen.

 

[1] https://de.statista.com/statistik/daten/studie/36918/umfrage/laender-weltweit-nach-bruttoinlandsprodukt/

[2] Diesen, Glenn (19.5.2026) im Gespräch mit („Judge“) Andrew Napolitano (ab Minute 20:00) https://www.youtube.com/watch?v=W0OVhZyeV0k

[3] Rötzer, Florian (16.4.2026) Russland warnt: Europäische Hersteller von weitreichenden Drohnen sind potentielle Ziele. https://overton-magazin.de/top-story/russland-warnt-europaeische-hersteller-von-weitreichenden-drohnen-sind-potenzielle-ziele/

[4] Polyanskiy, Dmitry (19.5.2026) Im Gespräch mit Daniel Davis in der Sendung „Deep Dive“ https://www.youtube.com/watch?v=M0fQsI6L6Lo (Minute 22:30 – 24:00)

[5] Hitler, Adolf (1.9.1939) Rede vor dem Reichstag. https://www.lpb-bw.de/beginn-zweiter-weltkrieg

[6] ARD Korrespondentin https://dert.site/international/281134-vergeltung-fuer-irgendwas-tagesschau-leugnet/

[7] Washington Post Staff (6.12.2023). Miscalculations, divisions marked offensive planning by U.S., Ukraine. Zitat: During one visit to Wiesbaden, Milley spoke with Ukrainian special operations troops…. “There should be no Russian who goes to sleep without wondering if they’re going to get their throat slit in the middle of the night,” Milley said, according to an official with knowledge of the event. https://www.washingtonpost.com/world/2023/12/04/ukraine-counteroffensive-us-planning-russia-war/

[8] Putin, Wladimir (5.7.2019). 90 Minütiges Exklusiv-Interview mit Lionel Barber und Henry Foy. https://www.ft.com/video/d62ed062-0d6a-4818-86ff-4b8120125583 (Minute 41:40)

[9]  https://energien-speichern.de/erdgasspeicher/gasspeicherstandorte/

[10] https://www.rohstoff-welt.de/news/717832–Ukraine~-Groesster-unterirdische-Erdgasspeicher-Europas-steht-in-Flammen.html

[11] Brzezinski, Zbigniew (1997) The grand chessboard. American Primacy and its Geostrategic Imperatives. https://www.cia.gov/library/abbottabad-compound/36/36669B7894E857AC4F3445EA646BFFE1_Zbigniew_Brzezinski_-_The_Grand_ChessBoard.doc.pdf

Stefan Nold

Dr. Stefan Nold, Jahrgang 1959, 1x Ehemann, 3x Vater, 5x Großvater, studierte Elektrotechnik an der TH Darmstadt und promovierte dort über wissensbasierte Fehlerdiagnose. Er arbeitete zuerst einige Jahre als Entwicklungsingenieur bei KSB Pumpen in Frankenthal und gründete 1990 das Ingenieurbüro SOFT CONTROL in Darmstadt (Schwerpunkt: industrielle Bildverarbeitung), wo er bis heute tätig ist. Parallel war er Aktivist und Mitbegründer erfolgreicher lokaler Bürgerinitiativen (Bürgerinitiative BI ONO gegen die Nordostumgehung, “Mucken fürs Mühlchen” zum Erhalt eines Naturbadesees). Seit 2012 schreibt er Essays zu gesellschaftlich relevanten Themen (Humane Wirtschaft, Zeitgeschehen im Focus, overton, globalbridge, manova, u.a.)

Bücher: 2012: Beerdigung, Reifenwechsel, Hochzeit (2012) Justus von Liebig Verlag, Darmstadt. 2024: Kein Frieden – keine Zukunft. Schlagt Brücken und Versteht eure Feinde. Open Source. Download unter: https://overton-magazin.de/wp-content/uploads/2024/07/Nold-KeinFriedenKeineZukunft-24720sN.pdf
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9 Kommentare

    1. Ich habe so meine Zweifel an der Glaubwürdigkeit von Daria Krydukova: Russischer politischer Flüchtling. Ich bin Mitglied der Vereinigung der Freien Russen in Italien…..

    2. Soweit kommuniziert, hatte Russland ganz ausdrücklich auch wertewestliche Journaille eingeladen, vor Ort zu recherchieren. Diese verweigert sich aber wie üblich, und faselt stattdessen von „angeblich “ und „es steht Aussage gegen Aussage“ (ARD).

      Man muss nicht mal ein „Urteil aus der Hüfte fällen“ wenn es schon lange vor jeglicher Sachbestandsaufnahme feststeht: WIR (NATO+Ukraine) sind die Guten und der Russe lügt. Immer und grundsätzlich. Denn der Russe ist BÖSE! und bedroht uns. Der kann quasi gar nicht anders.

      Und ganz offenkundig kann man dem wertewestlichen Qualitätsmedienkonsumenten selbst den absurd hanebüchensten Unsinn auftischen, solange diese Rollenverteilung gewahrt ist. Dann gibt es immer Leute, die mit den ihr Lebtag lang einkonditionierten Feindmustern selbst Stories mit offenliegenden Logiklöchern von der Größe ganzer Sternenzerstörer (Butscha, Skripal, Navalny) als lautere und einzige Wahrheit willig konsumieren.

    3. Weil besonders der Westen genau das
      das ja prima vormacht mit „aus der Hüfte“ ohne Beweise? Tonkin, Massenvernichtungswaffen
      im Irak, Brutkastenbabys in Kuwait,
      Schlächtereien in Butscha, abertausende
      „entführte“ Kinder in dee Ukraine, brutaler
      Krieg gegen die Bevölkerung, Minab, usw., usw., usw.

      Ansonsten einfach mal keine Medien
      aus Russland zensieren und selbst Reporter
      hinschicken hilft auch ungemein.

      HTH

  1. „wie Hitler anno 1939: „Seit 5:45 wird jetzt zurück geschossen.““
    Der Pole hatte zu diesem Zeitpunkt in unregelmäßigen Abständen Kommandounternehmen ins Deutsche Reich entsendet, um Mord, Angst und Schrecken zu verbreiten.
    Innerhalb Polens sind alle Deutschen, die von dem amerikanischen Freimaurerpräsidenten Wilson wiederrechtlich entgegen jedem Recht unter polnische Knechtschaft gezwungen worden sind, als er deutsches Land an die Polen verschenkte. Bis 1939 ist die Hetze gegen diese Deutschen immer schlimmer geworden. Männer, Frauen und Kinder sind von den Polen gezielt gefoltert und vergewaltigt und beraubt worden. Dazu wurden unzählige Bauernhöfe niedergebrannt, Geschäfte geplündert und enteignet, vom durch die polnische Regierung aufgeputschten polnischen Pöbel.
    Es war die Pflicht des vom deutschen Volk in freier Wahl zum Reichskanzler erkorenen Adolf Hitler, einzugreifen, um Schaden von diesem Teil des deutschen Volkes abzuwehren. Genauso wie Putin durch Moral und Ehre verpflichtet ist, Schaden von den in der Ostukraine lebenden Russen abzuwehren. Monatelang hatte Kiew mit Granaten auf diese Russen geschossen und sonstiges Unheil an ihnen angerichtet. Ich hoffe, dass Putin die Möglichkeit hat, zwischen guten Deutschen und amerika-hörigen, kriegsgeilen Deutschen zu unterscheiden. Mögen Letztere erhalten, was alleine ihnen zusteht!

    1. Mal eine andere Art der Gleichsetzung von Putin mit Hitler. Irgendwie stinkt das nach Agent provocateur – und damit meine ich nicht die Unterwäschemarke.

      Unzählige niedergebrannte Gehöfte und massenhafte Vergewaltigungen und Folterungen sind Teil der NS-Vorkriegspropaganda. Oder haben Sie dau eine vertrauenswürdige Quelle? Mehrere Einzelfälle gab es allerdings.

      Meiner bescheidenen historischen Kenntnissen nach wurde der Gröfaz nicht in freien und geheimen Wahlen vom deutschen Volk gewählt. Bitte belehren Sie mich eines Besseren.

    2. @ Fritz 14 Uhr 14 : und jetzt bitte einige
      historische Quellen plus Beleg. Abe bitte nicht aus der nazionalsoz. Propaganda

  2. Ach, wie ich dieses Genre liebe. Man könnte es nennen: Hardcore russisches Wunderwaffe-Porn, präsentiert von deutschen Friedensfreunden. Oh ja, Baby.

    Im Ernst: Wenn Deutschland auch nur einen Cent für Munition ausgibt, ist das natürlich blanke Verantwortungslosigkeit. Militarismus. Eskalation. Der Weg in den dritten Weltkrieg. Die Schreibtischtäter in Berlin haben nichts gelernt — Sie kennen das Lied.

    Aber wenn Russland — jenes Land, in dem die Russen selbst witzeln, ob es außerhalb des Moskauer Autobahnrings überhaupt Leben gibt — Milliarden in angebliche Wunderwaffen pumpt, dann löst das bei exakt denselben Menschen nicht etwa Skepsis aus. Nein: Ehrfurcht. Staunen. Beinahe andächtiges Schweigen. Die Oreshnik-Rakete leuchtet in ihren Augen wie der Stern von Bethlehem.

    Und noch ein kleines Geheimnis, Herr Nold: Selbst der von Ihnen so großzügig zitierte Hitler bevorzugte es bekanntlich, wenn Länder vor ihm kapitulierten — das schonte deutsche Soldaten und sicherte die Kriegsbeute. Aber wie Putin ließ ihn die Aussicht auf ein blutiges Gemetzel nicht schlafen. Die Drohung mit Gewalt und die Bereitschaft zur Gewalt sind bei solchen Männern keine Gegensätze, sondern dasselbe Werkzeug.

    Ihr Hinweis auf die „Bruderländer“ ist eine besondere Köstlichkeit. Wie oft hat Deutschland Russland angegriffen? Zweimal, ja — und das zu Recht als historische Katastrophe verurteilt. Aber um zu zählen, wie oft Russland die Ukraine in der Geschichte überfallen, okkupiert und annektiert hat — dafür könnten Ihnen schlicht die Finger ausgehen.
    Und wir sehen ja gerade live, wie dieser „Bruderschutz“ aussieht: Putin schleift den Donbass — jene Region, die er angeblich schützen wollte — bis auf die Grundmauern. Mariupol. Bachmut. Awdijiwka. Bruderliebe in Schutt und Asche.

    Der entscheidende Punkt ist nicht der Wille zur Eskalation — der ist offensichtlich vorhanden. Es geht um die Fähigkeit. Und Putin hat gegen die Ukraine bereits alles eingesetzt, was er hat — alles, außer der Atombombe. Seine konventionellen Streitkräfte kämpfen seit drei Jahren um Dörfer, die man auf der Landkarte mit der Lupe suchen muss. Das soll uns jetzt in Schach halten?

    Ihr Passus über die angeblichen ukrainischen „Sprachverbote“ und die russische „Freiheit“ ist von einer ganz besonderen Chuzpe. Ah, in Moskau gibt es ein ukrainisches Restaurant! Entzückend. Aber vielleicht könnten Sie uns verraten: Wie viele ukrainische Schulen oder auch nur Klassen gibt es in ganz Russland? Wie viele Fernsehsender, Zeitungen, Onlinemedien auf Ukrainisch? Wo in Russland können Sie Behördendokumente auf Ukrainisch beantragen? Wo können Sie einem russischen Beamten schlicht sagen: „Ich verstehe Ihr Russisch nicht — sprechen Sie bitte mit mir auf einer normalen, zivilisierten Sprache“? Tatsache ist, dass die russische Sprache trotz aller angeblichen „Verbote“ in der Ukraine tausendmal mehr Rechte genießt, als die ukrainische Sprache jemals in Russland hatte.

    Einen Vorschlag, Herr Nold: Lernen Sie bei Ihrer nächsten Russlandreise ein paar ukrainische Volkslieder — unpolitisch, harmlos, Folklore. Und singen Sie diese mit Ihrer Frau in Ihrer gemieteten Wohnung oder Ihrem Hotelzimmer. Nicht auf der Straße. Nicht auf einem Platz. Einfach so, unter sich.

    Nein, nein — schriftlich ist das natürlich nirgendwo verboten. Aber wenn Sie anschließend mit einer Geldstrafe, ein paar Tagen Arrest und einer gedemütigten Entschuldigung auf Kamera davonkommen — dann, Herr Nold, sind Sie ein sehr, sehr großer Glückspilz.

    https://www.t-online.de/nachrichten/ukraine/id_100061548/krim-frauen-fuer-singen-ukrainischen-volksliedes-verurteilt.html

    https://novayagazeta.eu/articles/2025/10/07/russian-couple-fined-for-singing-ukrainian-song-while-hosting-birthday-party-at-home-en-news

    Das alles betrifft wohlgemerkt Russland selbst. Auf den besetzten Gebieten hingegen kann derselbe Versuch Sie, Herr Nold, direkt in einen Folterkeller befördern — Hände auf dem Rücken gefesselt. Ein russischer Militärblogger empfing in seinem Livestream einen Gast, der stolz erzählte, wie er eine Kassiererin an einer Tankstelle nahe dem besetzten Berdjansk verschleppt hatte — ihr einziges Vergehen: Sie hatte ihn auf Ukrainisch angesprochen: „Guten Abend, stecken Sie bitte Ihre Karte ein.“ Konsequenzen für den Erzähler? Keine. Er prahlte damit im laufenden Stream — im vollen Wissen, dass ihm in Russland dafür nichts passieren würde

    https://www.kyivpost.com/post/34894

    Ach ja, zurück zum “Oreshnik”. Das Wunderwaffe schlechthin, das Herzstück von Herr Nolds Schachpartie. 40 Raketen für 40 Gasspeicher — die Rechnung klingt bestechend, solange man nicht nachschaut, wie das Wunderkind bisher in der Praxis abgeschnitten hat.

    Der erste Schlag der „Oreschnik“-Rakete zerstörte nicht das Gasspeicherwerk im Westen der Ukraine, sondern die Gruppe von alte Privatgaragen in Dnipro – und das auf sehr „spektakuläre“ Weise. Ihr eigentliches Ziel war höchstwahrscheinlich das in derselben Gegend gelegene Raketenwerk „Juschmasch“. Falls Herr Nold nicht weiß, was Juschmasch ist: Das ist kein „normale“ Betrieb oder Werk, das ist eine Stadt in der Stadt — mit eigenen Straßenbahnhaltestellen, eigenem Infrastrukturnetz, einem Gelände so groß, dass man es schon aus dem Weltraum erkennt. Und die Oreshnik hat ihn — womöglich — verfehlt…

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