
Auf dem Warsaw Security Forum 2026 berichtete General Alexus G. Grynkewich, der Supreme Allied Commander Europe (Saceur), wie sich die Nato auf einen Krieg mit Russland vorbereitet und bei einem Angriff souverän gewinnen würde: „Wie können wir in der Abschreckung und Verteidigung militärische Erfolge gegen Russland erzielen?“ Auf dem Forum waren am ersten Tag neben Tusk und Selenskij zahlreiche EU-Minister, ehemalige Regierungsmitglieder aus den USA wie Ex-Verteidigungsminister Lloyd Austin oder David Petraeus, Keith Kellog oder Ben Hodges vertreten. Auch einige deutsche Vertreter waren geladen, die neuen Militärstrategen der Grünen Robert Habeck zum Thema „The West Under Attack: Confronting Malign Powers“, Anton Hofreiter und Joschka Fischer, daneben die unvermeidlichen Claudia Major (mehr Investitionen in die Rüstungsindustrie), Wolfgang Ischinger und Norbert Röttgen. Als einziges Mitglied der Bundesregierung war Außenminister Wadephul geladen zum Thema: „The Return of Power Politics: Europe Between War and Rivalry“.
Es sei großartig, wieder in Polen zu sein, meinte Grynkewich einschmeichelnd zum Publikum zu Beginn. Hier würden „Abschreckung und Verteidigung“ ernst genommen, selbstverständlich auch deren Finanzierung. Das ist Jobsicherung und der Sinn des Treffens. Der amerikanische General muss allerdings beiseitestellen, dass US-Präsident Trump die Hilfe für die Ukraine massiv zusammengestrichen und gerade einen Deal mit Russland getroffen hat, nicht an einen Angriff von Russland glaubt und als Hindernis für einen Frieden den ukrainischen Präsidenten Selenskij sieht, dem er den Rücktritt nahelegt und mit der Beendigung der Lieferung von Zieldaten droht.
Grynkewich tut so, als gäbe es keine Probleme in der Nato durch die US-Regierung. Die würde voll hinter der Nato stehen, sucht er in Warschau unter den Europäern glaubhaft zu machen, auch wenn das kaum jemand selbst auf dieser Veranstaltung unterschreiben würde. Überdies betont er den üblichen Sermon, die Nato sei ein eigentlich harmloses Verteidigungsbündnis zur Friedenssicherung. Es gäbe keinerlei Pläne oder Intentionen über den Schutz des Territoriums hinaus. Das dürfe aber nicht als Zeichen der Schwäche missverstanden werden. Man sei ja friedlich, „aber wenn jemand dumm genug ist, uns anzugreifen, werden wir kämpfen“. Man befolge auch den Grundsatz, dass es der beste Weg sei, den Frieden zu erhalten, wenn man sich auf den Krieg vorbereitet (und nicht auf andere Möglichkeiten der Friedenssicherung).
Und wie gekämpft werden soll, legt er in der „Theorie des Sieges“ der Nato dar, nicht in einer Theorie der erfolgreichen Verteidigung. Die „Theorie“, die vor drei Monaten final beschlossen worden sei und Erfahrungen aus den Kriegen im Nahen Osten und in der Ukraine beinhalte, soll den Feind abschrecken und den Nato-Mitgliedsländern versichern, dass die Nato jeden Angriff „auf das euro-atlantische Gebiet“ erfolgreich abwehren kann. Das sei nämlich ihre „heilige Pflicht“. Die „Theorie“ sei kein Plan, sondern eine Vision. Dabei geht man gnädig vor und vernichtet nicht den Feind, sondern nur alle seine Mittel, weiter kämpfen zu können. Damit würde man eine Eskalation und so auch einen Atomkrieg vermeiden.
Natürlich verkündet der General nicht die Einzelheiten der „Theorie“, überhaupt ein seltsamer Begriff für eine Strategie oder ein Konzept. Insgesamt gleicht die „Theorie“ einer Märchenstunde, der General einem Träumer. Vorgesehen sind drei Stufen: „Blunt the initial attack. Block the continuation of the attack. Degrade the enemy.“ Die erste ist schon ein Wunschdenken und besteht darin, den Angriff bereits in den Anfängen zu stoppen, weil man nicht überrascht werden könne. Man verlasse sich da auf massenhaft gesammelte Daten, die mit neuesten Algorithmen ausgewertet würden: „Wir werden sehen, wenn ein Angriff kommen wird.“
Dann werde man den Angriff mit Landstreitkräften, unterstützt durch die Luftwaffe und Marine sowie die Weltraum- und Cyberkommandos, blockieren und „schnell Manövrierfreiheit“ und Lufthoheit erlangen. Wenn der Angriff fortgesetzt wird, werde er mit dem Einsatz von „Sensoren, autonomen Systemen und multi-domain Truppen“ abgewehrt und das Vorrücken verhindert. Falls erforderlich werde man die feindlichen Streitkräfte und das gesamte operierende Kriegsführungssystem zerbrechen und ununterbrochen kinetischen und nicht-kinetischen Druck auf allen Domänen ausüben: „Den feindlichen Formationen werden die Nachschubmöglichkeiten entzogen. Die feindlichen Befehlshaber werden ihre Streitkräfte nicht mehr kontrollieren können. Die feindlichen Streitkräfte und ihre Unterstützungskapazitäten werden geschwächt und vernichtet.“
Obgleich eigentlich nach den Träumereien das feindliche Militär vernichtet ist, sagt der General: „Wir wollen unserem Gegner keine strategische Niederlage zufügen. Das ist auch nicht notwendig. Vielmehr wollen wir lediglich jeden Angriff im Keim ersticken.“ Irgendwie soll also nur der Teil des Militärs vernichtet werden, der den Angriff führt, wie man das unterscheiden will, führt der General nicht aus, nach dem der Feind wisse, dass jede Eskalation seinerseits seine Position verschlechtert: „Da wir nur das System angreifen müssen, das uns angreift, und da wir dies nur tun, um zu verhindern, dass es seine Ziele erreicht, haben wir weder einen Grund noch einen Anreiz zur Eskalation. Das bedeutet, dass die Last der Eskalation vollständig beim Angreifer liegen würde.“ Die „Theorie“ besteht offenbar darin, dass alles nach Nato-Plan verläuft, die Nato-Truppen immer überlegen sind und das Risiko eines Atomkriegs angeblich außen vor bleibt.
Man sei schon jetzt kampfbereit, versichert der General, obgleich die Arsenale an Raketen durch den Krieg gegen den Iran weitgehend geleert sein sollen, was er aber bestreitet. Natürlich werde man immer besser aufgestellt sein. Aber man müsse das auch demonstrieren, damit der Feind das auch glaubt: „Zu zeigen, dass wir bereit sind, gemäß unserer Theorie des Sieges zu handeln, ist daher ebenfalls entscheidend für den Erfolg bei der Abschreckung.“ Wie das gezeigt werden soll, ohne einen Krieg zu provozieren, führte er nicht aus.
Letztlich geht es natürlich um mehr Geld für die Aufrüstung: „Wir werden sowohl in hochmoderne als auch in kostengünstige Präzisionsschlagfähigkeiten mit großer Reichweite, Sensornetzwerke und eine ‚Warfighting Cloud‘ investieren, um unsere Fähigkeit zu stärken, jedes gegnerische Kampfsystem zu zerschlagen und es so handlungsunfähig zu machen, dass es den Angriff nicht fortsetzen kann.“
Und er versichert, dass die USA weiter zur Nato halten. Trump habe auf dem Nato-Gipfel gesagt, dass Liebe in der Luft liege. Er sei auch da gewesen und habe diese Liebe ebenfalls verspürt. Man halte also unverbrüchlich und stärker denn je zusammen: „Ich glaube, niemand sollte das Engagement der Vereinigten Staaten für dieses Bündnis in Frage stellen. Ich meine, ich bin ja selbst hier. Ich bin ein amerikanischer Offizier, der von Präsident Trump hierher entsandt und dem US-Senat vorgeschlagen wurde. … Ich wurde vom Nordatlantikrat für die Position, die ich derzeit innehabe, vorgeschlagen. All das geschah auf Initiative von Präsident Trump. Das ist ein Bekenntnis zum Bündnis.“
Die Botschaft des Generals am Ende: „Wir haben das absolut im Griff, und darauf können Sie sich verlassen.“
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Unwillkürlich kommt mir beim Lesen der Vorstellungen dieses Generals der Gedanke, dass wir es hier weniger mit einem Militär als vielmehr mit einem gläubigen Technokraten zu tun haben.
Seine Behauptung … „Wir haben das absolut im Griff, und darauf können Sie sich verlassen.“ … ignoriert so vollständig die Lehre beinahe aller größeren Kriege der letzten Jahrhunderte, wonach Unvorhergesehenes und auch unerwartete Prozesse der Eskalation praktisch unvermeidbar sind, dass ich mich wundere. Ein Militär, der behauptet, dass er alles im Griff hat und dass im Falle eines Falles alles nach Plan abläuft, scheint mir recht unerfahren zu sein.
All das ist eigentlich seltsam, da er doch Militärgeschichte studiert hat. Nun weiß man nicht, was da seine Schwerpunkte? Ich tippe mal auf die siegreiche US-Beteiligung an den zwei Weltkriegen und vielleicht noch ein bisschen Caesar in Gallien.
Qu.: https://de.wikipedia.org/wiki/Alexus_G._Grynkewich
Vielleicht kann man seine Prägung besser verstehen, wenn man sich bewusst macht, dass seine Karriere seit den 1990er Jahren in jener bewussten Zeit der vollständigen Überlegenheit der USA erfolgt ist und dass er – von Afghanistan abgesehen – eigentlich immer nur erlebt hat, wie US-Militäreinsätze gegen deutlich unterlegene Gegner nach Plan abliefen.