Leichter als Luft, Folge 20 — Shiva Gates Festival

Berlin, Alexanderplatz
Quelle: Pixabay

Das Shiva Gate Festival stößt bei Donna Fauna, dem Weazel und dem Kanarienquex auf Missfallen. Die Techno-Veteranen stört vor allem der neuerliche Kommerz. Dann nimmt das Event eine endgültig dramatische Wendung.

 

Gleich den Festivals, die sie zuvor bereist hatten, war auch die Shiva Gate durchwachsen wie das Wetter. Wunderschöne Deko war aufgebaut, zwei, drei große Zirkuszelte, ein Hängemattenlager als Chill-Out, Spielanlagen für alle Altersgruppen, am Fluss war weißer Sand zu einem herrlichen Südseestrand aufgeschüttet worden. DJs aus aller Welt und mit klangvollen Namen traten auf – die Veranstalter von den »Heimaterben« hatten äußerlich besehen einen guten Job gemacht.

»Es ist trotzdem nichts Richtiges«, nörgelte Fauna: »Alles ein bisschen zu perfekt, wenn es nach mir geht. Disneyland für Elektrohippies.«

Das Weazel war zu diesem Zeitpunkt bereits auf 180. Es echauffierte sich maßlos über eine sogenannte »Diabolo-Show« auf der Hauptbühne. Ein adrett gestylter Typ zeigte durchschnittliche Diabolo-Tricks und quasselte dazu unentwegt Dummheiten in sein Headset.

Oder dieses Hängemattenparadies! Wunderschön und urgemütlich – aber was sollte dieses Schild: »Probeliegen kostenlos«? Das Weazel hatte nichts dagegen, wenn fahrende Händler, die von Festival zu Festival zogen, auch leben und etwas verkaufen wollten. Aber konnte man die für Hängematten sprichwörtliche Gemütlichkeit effektiver zerstören, als das Liegen in denselben zum ersten Akt einer Verkaufsverhandlung zu erklären? Hätte ein dezenter Hinweis, dass es die Teile auch zu kaufen gibt, nicht gelangt?

Das alles hatte nicht mehr viel zu tun mit Goa, Trance und psychedelischer Kultur, wie die Veteranen der Szene das verstanden. Nach deren puritanischer Auffassung war das Diabolo kein Kinderspielzeug für Comedy-Talente, sondern ein Instrument sakraler Kunst zur Erzeugung spiritueller Energie. »Animier-Scheiße und Vorturnerei brauchen wir nicht. Der Penner soll sich beim Club Méditerranée bewerben.«, pflichtete Fauna dem Weazel bei.

Nüchtern betrachtet war das Festival nicht unsympathischer als andere Festivals. Auch die Abzocke hielt sich in erträglichen Grenzen. Zumindest war auch das anderswo längst schlimmer geworden.

Trotzdem: Das hier war die Shiva Gate! Keine 500 Meter von Shivas Paradize entfernt! Und dafür war die Veranstaltung drei bis vier Spuren zu kommerziell und die anwesende Crowd zu männlich, zu heterosexuell, zu weiß und zu spießig. Es war das Mehrheitsmenschenpack, das sich hier versammelt hatte und mit größter Selbstverständlichkeit daranging, den Rest in die angestammte Minderheitenrolle zurückzubugsieren, mit Blicken, Sprüchen und Körpersprache. Da hatten die Shiva-Fürsten sauber danebengegriffen, mit ihren blöden »Heimaterben«.

Am zweiten Tag der Shiva Gate wurde es langsam bitter. Biersaufender Grölmob rottete sich bei derbem Schweinerock um eine Nebenbühne zusammen. Irgendwo gab einer lauthals Fußballergebnisse bekannt, es ertönten Sprechchöre. Die Baseballmützenquote überstieg jedes erträgliche Maß und mehrheitsmenschliches Dominanzverhalten rückte auf breiter Front vor.

Die Springmaus wurde mehrfach belästigt. Die Dschungelprinzessin musste sich den Zudringlichkeiten eines Grabschers mit einem beherzten Tritt erwehren. Auch die ätzende Dâra war schon gewalttätig geworden.

Fauna hatte nach den Erfahrungen des ersten Festivaltages ihren Kriegsrock angelegt. Der Killernietengürtel schwang lose ums Handgelenk. Sie war bereit, jederzeit gegen den verblödeten Männermob loszuschlagen. Sie und die anderen Shiva-Transen hatten genug von feistem Macho-Gegrinse und blöden Sprüchen. Sie warfen den Tuckenturbo an und zogen, aus allen Rohren geifernd und kreischend, über das Festivalgelände.

Am Haupteingang entdeckte Fauna einen schwarzen Golf, dem soeben ein Trupp technoider Nazis entstieg. Die offizielle Security, welche die »Heimaterben« angestellt hatten, fand an den neuen Gästen offenbar nichts auszusetzen. Fauna bat Thom Willbroox um Amtshilfe, welcher die Sache unbürokratisch übernahm. Fauna nutzte so die gute Gelegenheit, in einem Aufwasch ihre Frustration über das beschissene Festival abzureagieren und ihre offene Rechnung mit den vier Golfnazis begleichen zu lassen.

Auch wenn sich die Shiva Gate in vergangenen Jahren auf dem schmalen Grat zwischen den Extremen gehalten hatte: Mit Zündstoff war immer zu rechnen gewesen. Das Aufeinanderprallen von Extremen gehörte quasi zum Konzept der Shiva Gate. Dass jedoch die Veranstalter dieses Mal auf Seiten des Feindes zu stehen schienen und eine Mehrheit der Besucher sich gerierte wie ein Dorfkegelklub in Woodstock, gab allen Anlass zur Beunruhigung.

Nach dem Vorfall mit den Golf-Nazis war klar, dass eine weitere Eskalation unvermeidlich sein würde. Hier hatten sich Lager ergeben, deren friedliche Koexistenz ganz und gar undenkbar war. Neolin 2, Fauna und Willbroox kommunizierten diese Einschätzung unter den Stammgästen von Shivas Paradize und den anwesenden Freunden verbündeter Stämme. Vorbereitungen wurden getroffen, im Bedarfsfall hart und koordiniert draufzugehen.

Was würde Shiva tun? Der Zerstörer selbst würde sich das nicht bieten lassen. Nicht vor der eigenen Haustür und nicht in seinem geheiligten Namen.

Während Faunas Tuntentrupp weiter Leute zusammenkeifte und der Kanarienquex in Habachtstellung auf seinen Einsatz lauerte, agierte das Weazel auf tausend Ebenen, um den göttlichen Gegenschlag zu supporten. Wie es nur konnte, gab es Stöße destruktiver Energie in den Äther ab. Mit energischen Willensmanövern, im Lotus sitzend, verstärkte es Durga, Shivas weibliches Gegenstück, und versuchte sie zu bewegen, demnächst zur Attacke zu schreiten. Achtarmig sollten nach des Wezaels aktueller Geschmackslage Durgas schnelle Säbel in die Schacherstände fahren und Händlergier, Mehrheitsmenschenpack und technoide Robotniks aus dem Park der Jugend und am besten zurück über den Fluss treiben. Shiva, der Asket – der tanzende Shiva! Rudra, Kali! Durga! Bhairava! – Hinein wie die bunten Räder in den wippenden Pulk, keine Gnade, kein Erbarmen. Säbel, Dreizack, Donnerkeil bei der geschäftigen Arbeit! – So träumte das Weazel in unbändigem Hass … ein gellender Schrei – »NOW! Baby! NOW!«, schoss es durch des Weazels rattigen Schädel – Kreischen, Rennen, Gebrüll! Mit sauberem Schnitt durchtrennte ein krummer Säbel die Luft. Durga sehr böse. Durga richtig ätzend, Durga sehr fies, gnadenlos und gemein. Und irgendwie trickreich:

In der Frauentoilette war ein toter Fötus gefunden worden.

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