Lehren aus der Vergangenheit

AfD-Spitzenkandidat Ulrich Siegmund im Wahlkampf in Magdeburg. Bild: Roy Zuo/CC BY-SA-4.0

In Deutschland siegt die AfD. In Israel tobt der antipalästinensische Faschismus. Was ist aus den “Lehren aus Auschwitz” geworden?

Die Deutschen haben an den Juden im 20. Jahrhundert Monströses verbrochen. Die Shoah war präzedenzlos – keine spontane Pogromtätigkeit, kein beiläufiges Massaker, sondern eine industriell betriebene, bürokratisch geplante und administrativ überwachte systematische Massenvernichtung der Juden. Sie wurde vom Juristen Raphael Lemkin erstmals 1944 als “Völkermord” definiert und dann im Rahmen der Nürnberger Prozesse als juristische Kategorie verwendet. Fortan galt das im Zweiten Weltkrieg besiegte Deutschland als “Täterland”.

Der im Jahr 1948 gegründete zionistische Staat Israel verstand sich, von der Shoah-Erfahrung geprägt, nicht nur als nationale Heimstätte der Juden, sondern erklärtermaßen auch als “Zufluchtsstätte” für alle in der Welt bedrohten Juden. Zwar emigrierten nach dem Zweiten Weltkrieg nicht alle Shoah-Überlebende, geschweige denn alle in der Welt lebenden Juden nach Israel, aber der Judenstaat verschrieb sich dezidiert der Parole des “Nie wieder!” und bestand darauf, dass die Juden der Welt einzig in Israel in Sicherheit leben könnten.

Nicht von ungefähr bildete sich im westlichen Deutschland (die Rede ist hier von der alten BRD), zunächst zögerlich, dann aber mit gesteigerter Verve in den 1960er Jahren eine politische Kultur der “Aufarbeitung der deutschen Vergangenheit” heran. Zwar hatte das auch mit geopolitischen Erwägungen zu tun, die hier unerörtert bleiben mögen; und es stimmt auch, dass bereits in der Nachkriegszeit die Parole des “Schlussstriches” zu hören war, die dann in Martin Walsers Verdruss über die “Dauerpräsentation unserer Schande” kulminieren sollte. Aber es lässt sich nicht abweisen, dass sich in Deutschland eine beachtliche, emanzipativ ausgerichtete Erinnerungs- und Gedenkkultur entfaltete.

Parallel dazu manifestierte sich in Israels Gedenkkultur die gezogene “Lehre aus der Shoah” in einer exzessiven Betonung der “Sicherheit” bei entsprechender Verherrlichung des Militärs, das sich rühmte, im Besitz der “moralischsten Armee der Welt” zu sein. In der Tat unterlief Israel eine Reihe von Kriegen mit seinen Nachbarländern, aber man darf behaupten, dass nach dem Sieg im 1967er Krieg und dem Jom Kippur-Krieg von 1973, der letztlich zu einem Frieden mit Ägypten und Jordanien führen sollte, die IDF nach und nach die Rolle der Überwachung und des Erhalts der Okkupation der 1967 eroberten Gebiete übernahm (die Sinai-Halbinsel wurde Ägypten im Rahmen des Friedensschlusses zurückgegeben). Das Militär verkam so über Jahrzehnte zum Polizisten der staatlich perpetuierten Okkupation der Palästinenser.

Einen Bodensatz an Neonazis gab es bereits in den Nachkriegsjahren der BRD, die auch späterhin in unterschiedlichen Formationen auftraten. Aber es handelte sich um eine verschwindende Minderheit, die von der deutschen Zivilgesellschaft weitgehend ignoriert, von den Geheimdiensten überwacht und vom politischen Establishment boykottiert wurde. Und doch verflachte die Gedenkkultur zunehmend zum politischen Zeremoniell, dem die anfängliche Emanzipationsemphase abhanden kam, was sich nicht zuletzt darin ausdrückte, dass man Judentum, Zionismus und Israel gleichsetzte und dazu überging, jede in Deutschland aufkommende Kritik an Israel automatisch abzuschmettern oder als “antisemitisch” zu verunglimpfen. Linke Kritik geriet immer mehr ins Abseits.

In Israel entpuppte sich die Okkupation als Gegenstand eines fundamental ideologischen Wandels: Wurden die Besiedlung des Westjordanlandes und des Gazastreifens anfangs noch als “Faustpfand für künftige Friedenverhandlungen” beschönigt, so stellte sich immer mehr heraus, dass die Siedlungen nicht temporär gemeint waren, sondern gebaut wurden, um die Okkupation zu erhalten und zu verfestigen, mithin die Zweistaatenlösung des Konflikts mit den Palästinensern zu verhindern. Spätestens mit der Ermordung Yitzhak Rabins im November 1995 war die ohnehin kümmerliche Friedensbestrebung Israels endgültig verwelkt. Der zur Macht gelangte Benjamin Netanjahu war bemüht, das “Palästinenserproblem” von der nationalen und internationalen Tagesordnung wegzufegen, und proklamierte, der Konflikt gehöre nicht gelöst, sondern verwaltet.

Die Tabuisierung des Neonazismus in Deutschland schwächte sich zunehmend. Der Prozess der Enttabuisierung durchlief verschiedene Phasen und nahm vielfältige Formen an, die nicht unbedingt mit den neonazistischen Protagonisten selbst in Verbindung standen, aber einen Gesinnungswandel indizierten, der das Schlussstrich-Ideologem tangierte und tendenziell auf eine Annihilierung der ehemaligen Aufarbeitung der Vergangenheit hinauslief.

In Israel mutierte das Sicherheitsproblem (nicht zuletzt durch das Hinzukommen der messianisch-religiös motivierten und politisch forcierten Siedlungsideologie) zu einer Okkupationsbarbarei der Knechtung des palästinensischen Kollektivs. Israel will nicht nur den Frieden mit den Palästinensern nicht, sondern legitimiert den von Siedlern mit der Unterstützung der Armee und der politischen Schützenhilfe der Regierung an der palästinensischen Bevölkerung im Westjordanland ausgeübten Terror, der auf völker- und menschenrechtswidrige ethnische Säuberung und dezidierte territoriale Annexion des palästinensischen Landes hinausläuft.

Im Jahr 2026 erringt die AfD einen großen Wahlsieg in Sachsen-Anhalt. In Israel besetzen kahanistische Faschisten und rassistische Ideologen zentrale Ämter in der amtierenden Regierungskoalition. Deutsche setzen sich dabei von der Vergangenheit ab. Israelis fetischisieren sie bis zur Aushöhlung der von ihr gezogenen “Lehren”. Deutsche wollen wieder neonazistische Affinitäten artikulieren dürfen. Nach dem Gazakrieg und den in ihm massenweise verübten Kriegsverbrechen können sich Israelis nicht mehr auf das Shoah-Gedenken berufen. Eine bemerkenswerte komplementäre Angleichung hat zwischen beiden Ländern stattgefunden.

Moshe Zuckermann

Moshe Zuckermann wuchs als Sohn polnisch-jüdischer Holocaust-Überlebender in Tel Aviv auf. Seine Eltern emigrierten 1960 nach Frankfurt am Main. Nach seiner Rückkehr nach Israel im Jahr 1970 studierte er an der Universität Tel Aviv, wo er am Institute for the History and Philosophy of Science and Ideas lehrte und das Institut für deutsche Geschichte leitete. 2018 wurde er emeritiert. Sein Buch In der Wüste der Gegenwart, das er zusammen mit Florian Rötzer geschrieben hat, erscheint demnächst.
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