Kriegsende?

Leben im Gazastreifen
Leben im Gazastreifen. Bild: Januar 2026, UNRWA

Der 21-Punkte-Plan von Donald Trump hat den Waffenstillstand im Gazakrieg gezeitigt, mithin den Krieg beendet. Stimmt das überhaupt?

 

Viele hohle Worte sind in den letzten beiden Jahren zur Beschreibung von Abläufen und Entwicklungen im Gazakrieg verwendet worden. Zu den trügerischsten gehören in letzter Zeit “Waffenstillstand” und “Kriegsende”. Nachdem Donald Trumps 21-Punkte-Plan in Kraft trat, wurden die Kampfhandlungen offiziell eingestellt. Das hat mit der Realität indes nichts zu tun, denn die israelischen Angriffe dauern auch in diesen Tagen an.

Nach Angaben des Gesundheitsministeriums im Gazastreifen (die mittlerweile auch in Israel als glaubwürdig eingestuft werden) wurden seit Inkrafttreten des Waffenstillstandsabkommens bis zum 17.1.2026 464 Menschen getötet, darunter mindestens 100 Kinder, und 1275 weitere durch Beschuss israelischer Streitkräfte verletzt. Inzwischen ist die Zahl der Toten, verschiedenen Quellen zufolge, schon auf weite über 500 PalästinenserInnen angestiegen. In Israel werden diese Daten weitgehend trocken registriert (wenn sie überhaupt berichtet werden), ohne sich mit “dem Thema” weiter größer zu befassen.

Mehrere Gründe lassen sich dafür anführen. Zum einen ist für das Gros der israelischen Bevölkerung der Krieg mit der “Befreiung” der letzten (toten) Geisel und ihrer kollektiv gefeierten Bestattung an sein Ende gelangt. Das Schicksal der Palästinenser während und nach dem (vermeintlichen) Ende des Krieges interessiert die allerwenigsten jüdischen BürgerInnen. Die Aufmerksamkeit richtet sich nunmehr auf die Frage der Nominierung einer staatlichen Kommission zur Untersuchung der Katastrophe des 7. Oktobers und des nicht minder katastrophalen Krieges, den Israel vom Zaun gebrochen hat. Dies wiederum hat primär mit der unmittelbar nach dem 7. Oktober begonnenen, perfiden Regierungpraxis zu tun, der es darum geht, sämliche Schuld am Desaster von sich abzuwälzen und sie der Armee und den Geheimdiesnsten zuzuschreiben. Denn Wahlen stehen dieses Jahr an, und nichts ist der Regeirungskoalition bedrohlicher, als der mögliche Macht- und Herrschaftsverlust. Gelogen wird dabei am laufenden Band, ohne die mindeste Verunglimpfung und giftige Besudelung aller Gegner der Regierung (und Netanjahus) auszulassen.

Zum zweiten sind der israelische Premier und seine Getreuen ohnehin nicht an einer wirklichen Beendigung des Krieges interessiert. Das hat vor allem damit zu tun, dass sie den perpetuierten Kriegszustand brauchen, um besagte Untersuchungskommission zu verhindern (in Kriegszeiten dürften die Herrschenden nicht kritisiert bzw. am Vollzug ihres Amtes behindert werden); aber auch damit, dass sie von ihren kahanistischen Koalitionspartnern kritisch angegangen werden: Die Kriegsziele seien gar nicht erreicht worden, der von Netanjahu proklamierte “totale Sieg” sei ausgeblieben; die Hamas bestehe noch, reorganisiere sich und sei mitnichten entwaffnet worden; man habe zwar nicht einen vollen Rückzug aus dem Gazastreifen begehen müssen, aber viele “militärische Errungenschaften” seien infolge der schwachen Haltung der Regierung (gegenüber Trump) preisgegeben worden.

Die messianischen Kahanisten hatten sich überhaupt eine jüdische Neubesiedlung Gazas erhofft. Dass wenigstens alle lebenden und toten Geiseln nach Israel gebracht worden sind, gilt diesen giftigen Kritikern mitnichten als Verdienst: Die Geiselbefreiung galt ihnen ursprünglich gar nicht als Kriegsziel; im Gegenteil werden mittlerweile ihre Angehörigen und deren UnterstützerInnen großteils beschuldigt, durch ihren anhaltenden Druck auf die Regierung den Kriegsverlauf behindert bzw. gar zugunsten der Feinde gewirkt zu haben.

Zum dritten (und wohl am ausschlaggebendsten) ist das Bedürfnis der allermeisten jüdischen Israelis nach Rache und Vergeltung mitnichten abgeflaut. Bei den Faschisten unter ihnen gilt Empathie für die palästinensischen Opfer nachgerade als “Verrat” am geforderten jüdischen Selbstverständnis des zionistischen Kollektivs, welches ohnehin einen radikalen Rechtsruck in Netanjahus Regierungszeit (und der in ihr unentwegt praktizierten Aushöhlung all dessen, was sich einst als “Demokratie” ausgab) erfahren hat. Nahezu alle anderen ignorieren geflissentlich die verbrecherische Praxis der von der Regierung legitimierten IDF im Gazastreifen.

Von Regierungsseite heißt es immer, die Palästinenser würden das Abkommen der Waffenruhe übertreten, aber man darf sich von derlei Erklärungen nicht allzu sehr beeindrucken lassen – die Vehemenz, mit der die IDF auf die Übertretungen reagiert, spricht für sich selbst und manifestiert sich in den über 500 toten PalästinenserInnen seit Beginn des “Waffenstillstands”. Die Regierungskoalition schuldet es ihren Anhängern, den nicht erlangten “totalen Sieg” fortwährend zu kompensieren.

Gesondert anzuvisieren wäre, was Israel derweil parallel zum Gewaltexzeß im Gazastreifen im Westjordanland anrichtet: Die Anhäufung an vom Staat und seinen Gewaltorganen teils initiierten, teils “nachsichtig” übersehenen Pogromaktivität, lässt darauf schließen, dass man auf Annexion aus ist. Was Siedlergruppen an ethnischer Säuberung, Landraub, Zerstörung von Lebensgrundlagen und auch ununtersucht bleibenden Morden an Palästinensern unter Obhut des Militärs begehen dürfen, ist fortlaufende Übertretung des Völker- und Menschenrechts.

Der israelische Autor und Publizist Kobi Niv veröffentichte am 2.2.2026 in “Haaretz” eine beachtlichte Kolumne, in der von einer Wohltätigkeitsveranstaltung in Barcelona, bei der “Spenden für populäre und humanitäre Anliegen im Gazastreifen gesammelt wurden”, die Rede war. Hervorgehoben wurde die Veranstaltung, weil Fußballtrainer Pep Guardiola in ihr eine Rede hielt. Um dem erwartbaren Shitstorm zuvorzukommen, merkte Niv Gleich zu Beginn an: In seiner Rede habe Guardiola kein einziges Wort gegen Israel gesagt, mithin das Land überhaupt nicht namentlich erwähnt. “Er verwendete auch nicht die verbotenen Begriffe ‘Massaker’ oder ‘Genozid’. Ebenso beschuldigte er weder eine Person noch einen Staat für die derzeitige schreckliche Lage der Kinder in Gaza. Er sprach lediglich darüber, dass die Welt sie ihrem Leiden überlassen habe.” Er fügte wörtlich hinzu: “Sie sagen uns: ‘Wo seid ihr? Kommt und helft uns.’ Und bis jetzt haben wir das nicht getan.” Kobi Niv hob die Menschlichkeit Guardiolas hervor, ihm ging es aber auch um die Reaktion der israelischen Sportmedien, die sich mit “Kränkung und Wut füllten und sich mit geradezu wahnsinniger Vehemenz auf den katalanischen Trainer stürzten”.

Niv listete einige der ausfälligsten Äußerungen der Journaille auf, um sie aber sogleich mit einem Faktenvergleich zu konterkarieren (die Daten seien hier ausführlich zitiert; sie sind relevant für das, worum es hier geht): “Beim Massaker vom 7. Oktober ermordete die Hamas 40 Kinder: zehn Säuglinge im Alter von null bis sechs Monaten, zehn Kleinkinder im Alter von sechs bis zwölf Jahren und 18 Jungen und Mädchen im Alter von zwölf bis achtzehn Jahren. Beim israelischen Vergeltungsmassaker in Gaza tötete die IDF (mangels exakter Daten sind die Zahlen geschätzt) 18.000 Kinder. Die geschätzte Altersverteilung: etwa 1.000 Säuglinge bis zu einem Jahr, rund 4.000 Kleinkinder im Alter von ein bis fünf Jahren, etwa 6.000 Kinder im Alter von sechs bis zwölf Jahren sowie weitere rund 7.000 Jugendliche im Alter von zwölf bis achtzehn Jahren. Doch das ist noch lange nicht die ganze Geschichte. Schätzungen zufolge sind weitere etwa 3.000 Kinder aus Gaza infolge des Massakers (das tatsächlich noch nicht beendet ist) amputiert worden; weitere rund 10.000 Kinder leiden an Verletzungen, die eine langfristige Rehabilitation erfordern, darunter Kopfverletzungen, Lähmungen oder der Verlust des Seh- und/oder Hörvermögens; etwa 50.000 sind zu Waisen geworden, nachdem sie einen oder beide Elternteile verloren haben; und rund eine Million (!) sind ohne Dach über dem Kopf geblieben.”

Kobi Niv beendete seine Kolumne mit der bemerkenswerten Schlussfolgerung: “Diese Rede von Guardiola war keine antiisraelische Rede. Es war eine menschliche Rede. Doch für Israelis ist alles Menschliche, das nicht jüdisch ist, fremd. In ihren Augen ist menschlich gleich antiisraelisch. Und wahrscheinlich haben sie recht.”

Die hier beschriebenen Schrecknisse ermöglichen sich vor allem durch zweierlei Muster: Zum einen durch die Routinisierung, um nicht zu sagen Veralltäglichung des Horrors. In Israels Medien werden die Bilder vom Grauen kaum übermittelt, aber selbst wenn man sie zu sehen bekommt, stumpft man leicht ab, wenn sie als Dauerzustand massenweise “serviert” bekommt. Hinzu kommt aber etwas, was sich in Kobi Nivs Kolumne leicht andeutet: Die Reinwaschung des Gewissens ist eine Frage der Buchhaltung. Man habe 200 Menschen massakriert, sagen diese. Nicht wahr, nur 180 Menschen seien umgekommen, sagen jene. Und sobald sich herausstellt, dass tatsächlich “nur” 180 Menschen massakriert wurden, wendet sich die Debatte augenblicklich und mutiert zum Problem der von den Anklägern vermeintlich betriebenen “Verzerrung” und “Übertreibung”. Die geforderte moralische Auseinandersetzung mit dem Verbrechen wird leichterdings gegen das Projekt seiner durch Minimierung bewirkten Zunichtemachung im Kollektivgedächtnis ausgetauscht. Der Tauschwert des Entsetzens vor den wirklich Ermordeten ist der ”Zorn” über die schiere Erwähnung der potenziell Massakrierten.

Historische Genauigkeit ist für die Ideologie der in Unschuld gewaschenen Hände und für die Reinwaschung des Gewissens nicht minder nötig als die Klärung von Fakten. Wahrhaft pervers wird es, wenn die Klärung der Fakten zur ideologischen Basis der “Wahrheits”-Findung verkommt. Die ehrliche Frage, was für eine (historische) Wirklichkeit es sei, in der Menschen massakriert werden, wird aus dem Diskursfeld entfernt, und das reingewaschene Gewissen liefert dafür die freudige Absegnung: Die Erwähnung von zwanzig nicht massakrierten Menschen vermag die Glaubwürdigkeit – und moralische Ausrichtung – jener zu erschüttern, die sich bei dem schieren Gedanken, dass ein Massaker stattgefunden hat, entsetzen. Auch das eine Qualität gewordene Quantität.

Zum anderen bedient die politische Praxis und die ihr anverwandten katzbuckelnden Medien die Ablenkung von den realen Gegebenheiten durch die Schaffung und gegebenenfalls Aufblähung von immer neuen Kampfgebieten, Herausforderungen und Sensationen. Wenn man den nicht erlangten “totalen Sieg” kaschieren will, kann man leicht neue (bzw. alt-neue) Fronten öffnen: Während Gaza blutet, hält die israelische Bevölkerung seit geraumer Zeit den Atem an, ob ein neuer Krieg mit dem Iran bevorsteht. Wen interessiert da noch das horrende Schicksal von palästinensischen Kindern im Gazastreifen, das Pep Guradiola zum Thema erhob (und die Empörung der Sportmedien in Israel entfachte).

Im Zeitalter eines Trumps wechseln die Diskurs- und Erregungsschauplätze in immer kürzeren Zeitabständen: Der Venezuela-Übergriff ist vom Grönland-Vorhaben abgelöst worden, die neue “Bedrohung” Kuba ist mittlerweile angesagt, Iran schwebt in der Luft, etc.pp. Der Krieg in der Ukraine ist schon längst “uninteressant” geworden. In Israel war er noch nie sonderlich “interessant”; man hat ja seinen eigenen Krieg. Wenn jetzt mit Iran ein neuer Waffengang losbrechen sollte (das hängt ganz von Trump ab), wird es für Israels (und Irans) Bevölkerung desaströs. Die IDF-Gewalt in Gaza (und der Siedler-Terror im Westjordanland) darf dabei dennoch weitertoben. In Israel rührt das kaum jemand an, und wenn, dann nur, um dem permanenten Krieg noch eindringlicher das Wort zu reden. Kriegsende? Eher ein zynisch orchestriertes “Missverständnis”.

Moshe Zuckermann

Moshe Zuckermann wuchs als Sohn polnisch-jüdischer Holocaust-Überlebender in Tel Aviv auf. Seine Eltern emigrierten 1960 nach Frankfurt am Main. Nach seiner Rückkehr nach Israel im Jahr 1970 studierte er an der Universität Tel Aviv, wo er am Institute for the History and Philosophy of Science and Ideas lehrte und das Institut für deutsche Geschichte leitete. 2018 wurde er emeritiert. Sein Buch In der Wüste der Gegenwart, das er zusammen mit Florian Rötzer geschrieben hat, erscheint demnächst.
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5 Kommentare

  1. dies sind die Ziele der Zionisten…..passt!
    „Halte Bibi aus dem Gefängnis
    Eine Wahl verhindern
    Den linken Flügel zerstören
    Erhöhen Sie den weltweiten Antisemitismus“

    (Gelesen auf monoofalabama von einer Polly)

  2. Derweil in D:
    https://www.juedische-stimme.de/hessischer-antisemitismusbeauftragter-fordert-verbot-der-jüdischen-stimme
    „Der hessische Antisemitismusbeauftragte und CDU-Politiker Uwe Becker hat am 30.01.2026 auf der Webseite der Staatskanzlei Hessen eine Presseerklärung veröffentlicht, in der er fordert, die Jüdische Stimme “so schnell wie möglich” zu verbieten. Dass jemand, dessen Aufgabe es sein soll, “jüdisches Leben zu schützen” und Antisemitismus zu bekämpfen, einen jüdischen Verein verbieten will, entbehrt nicht der Ironie. Becker wift uns “antisemitische Hetze” vor, während er als deutscher Christ eine jüdische Gruppe bekämpft. Wir betrachten dies nicht nur als groteske und autoritäre Forderung, sondern auch als antisemitische.
    Becker verteidigte den Völkermord in Palästina bereits in unzähligen Aktionen. Wir schrieben an anderer Stelle darüber, wie er im September 2024 Soldaten, die gerade in Gaza gedient hatten, zu ihrer Rückkehr mit einem Groß-Israel-Pokal ehrte. Auch forderte er die Auflösung der UNRWA und unterstützte die weitere Aushungerung der ohnehin schon verhungernden Bevölkerung Gazas. (…) Wenn man bedenkt, dass Becker bei vielen öffentlichen Auftritten unpassend eine Kippa trägt, entsteht der Eindruck, dass er nicht nur bestimmen will, wer als Jude sprechen darf; er inszeniert sich auch selber als Jude. „

    1. Den Erzählungen meiner Großeltern nach fühle ich mich bisweilen wie im 3. Reich, nur das das Feindbild gewechselt hat. Und meiner eigenen Erfahrung nach fehlt nicht mehr viel, um sich wie in der DDR zu fühlen, auch mit anderem Feindbild. Demokratie ist eine Simulation und wer in der falschen Haut steckt oder falsch (human) denkt, darf nicht leben. Wenn die Moral zu Ende geht, ist das Ende des Systens auch nicht mehr weit. Epstein ist nur die Spitze ds Eisberges und Ablenkung zugleich.

  3. „Wenn jetzt mit Iran ein neuer Waffengang losbrechen sollte (das hängt ganz von Trump ab),…“
    Tatsächlich?
    Steile These!
    Trump ist definitiv der nützlichste aller nützlichen Idioten, die die Welt je „regiert“ haben.
    Regierung kommt von lat. rex, regis –
    also erste Person, Singular Genitiv.
    Jede Regierung ist somit „des Königs“.
    Dieser entscheidet also, wann die Puppen zu tanzen haben und nicht irgend so ein „Klientel-Präsident“.

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