Kriegsdynamik ist volatil, Eskalation führt zur Intensivierung

Schlosswald bei Ypern im Oktober 1917. Bild: Australian War Memorial collection number E01220/gemeinfrei

Wissenschaftler haben versucht herauszufinden, aus welchen Gründen manche Kriege außer Kontrolle geraten und sich nicht nur hinziehen und größer, sondern auch schlimmer und kostspieliger werden. Wir haben gerade die zwei Kriege in der Ukraine und gegen den Iran. Der erste findet kein Ende und überzieht nun das gesamte Territorium beider kriegführender Länder mit dem Krieg, der andere war ebenfalls wie der Einmarsch der russischen Truppen in die Ukraine als eine Art Blitzkrieg gedacht, der Iran von seinem klerikalen Regime befreien und eine Israel/USA-freundliche Marionettenregierung einsetzen sollte. Dass solche Hoffnungen der Kriegsführer zu langen und letztlich ergebnislosen Kriegen mit vielen Opfern führen können, hätte man an den Afghanistan- und Irak-Kriegen sehen können.

Ausgangspunkt für die Fragestellung war diese Situationsbeschreibung: „2026 haben die Kriege zwischen Staaten den höchsten Stand seit Ende der 1980er Jahre erreicht. Die heutigen Konflikte sind zahlreicher, stärker internationalisiert und tödlicher als jemals zuvor seit dem Zweiten Weltkrieg.“ Und es wird für durchaus möglich gehalten, dass demnächst ein großer, ein Weltkrieg ausbrechen könnte. Es wäre natürlich auch für Kriegsbefürworter interessant zu wissen, in welche Dynamik ein Krieg unter bestimmten Bedingungen eintreten könnte. Es geht also weniger darum, wie Kriege und Bürgerkriege ausbrechen und wie sie enden bzw. beendet werden, sondern wie sie sich über die Zeit entwickeln, ob sie klein und überschaubar bleiben, ob sie aus bestimmten Gründen explodieren oder irgendwann einschlafen.

Die Wissenschaftler sind von drei alternativen Möglichkeiten ausgegangen, wie große Kriege nach Daten von Correlates of War (COW) und PRIO Battledeaths Dataset (PBD), gemessen an der Zahl der Opfer im Kampf als Indikator für die Größe, entstehen können: Sie beginnen bereits mit schweren Kämpfen, sie nehmen über lange Zeit an Heftigkeit zu oder sie eskalieren in ihrer Intensität über die Zeit hinweg. Um das zu überprüfen, haben sie für ihre in den ScienceAdvances erschienene Studie 299 Bürgerkriege und 22 zwischenstaatliche Kriege, für die entsprechende Daten vorliegen, zwischen 1946–2008 untersucht. Bürgerkriege dauern normalerweise länger als zwischenstaatliche Kriege und fordern weniger Opfer.

Die Studie greift auf den Ansatz zurück, den der britische Mathematiker (und Pazifist) Lewis Fry Richardson verfolgt hat, um Kriege, aber auch andere Gewalt mit mathematischen Mitteln als Phänomen zu verstehen, vor allem in dem posthum erschienenen Buch „Statistics of Deadly Quarrels“. Richardson hat mehrere Hypothesen aufgestellt, beispielsweise dass die Intensität eines Konflikts auch von der Länge der Grenzen der gegnerischen Länder abhängt oder davon bestimmt wird, dass unterschiedliche Religionen in den Staaten dominieren. Ökonomie soll aber kein größerer Faktor sein. Nach dem Gesetz von Richardson folgt die auf der Zahl der im Kampf Getöteten beruhenden Größe von Kriegen dem Potenzgesetz einer Pareto-Verteilung. Normalerweise kommen kleine Kriege häufig vor, aber durch manchmal kleine Ursachen können sie explodieren. Je größer die Kriege werden, desto mehr Opfer fordern sie, wie die beiden Weltkriege beweisen.

Nach dem Modell der Wissenschaftler werden Kriege nicht groß, weil sie mit hoher Intensität beginnen oder einfach lange dauern, sondern wenn die Kämpfe eskalieren und intensiver werden. Man wird natürlich gleich die Kriege in der Ukraine und gegen den Iran im Hinterkopf haben, die beide mit großer Intensität begannen. Der Ukraine-Krieg ist mit der Zeit kalkuliert eskaliert worden, indem rote Linien überschritten wurden, und scheint auf beiden Seiten hohe Opfer und Kosten zu verlangen, der Krieg im Iran köchelt mit der permanenten Androhung, aber nicht Umsetzung von Eskalation noch eher vor sich hin, könnte aber bei einer Eskalation eben auch zu einem heißen Krieg werden.

Die Wissenschaftler ziehen aus ihrer Studie das Ergebnis: „Eine Eskalationsdynamik mit hoher Varianz – also große Schwankungen in der Intensität der Kämpfe – scheint ein generelles Merkmal bewaffneter Konflikte zu sein. Während die meisten Konflikte Phasen relativer Stagnation aufweisen, birgt jedes weitere Jahr der Kämpfe ein Ex-ante-Risiko von etwa 10 %, dass sich die Schwere des Konflikts verdoppelt, sowie ein Risiko von etwa 1 %, dass sie sich um eine Größenordnung erhöht.“

Eskalation verursacht große Kriege, wenn diese eine gewisse Zeit andauern. Das betrifft vorwiegend zwischenstaatliche Kriege, da sie um Unterschied zu Bürgerkriegen weniger Selbstbeschränkungen unterliegen, Personal durch Mobilisierung und Ressourcen durch Steuererhöhungen und Verschuldung beschaffen und sich durch Allianzen oder geografische Nähe vergrößern können. Obwohl die meisten zwischenstaatlichen Kriege begrenzt bleiben, intensivieren sich manche durch Eskalation, aber auch deswegen, weil bei ihnen eher die bei Bürgerkriegen herrschende Bremse fehlt. Diese haben die Tendenz sich abzuschwächen, wenn der Konflikt groß geworden ist, während zwischenstaatliche Kriege ständig das Risiko zur unbeschränkten Gewalt in sich tragen.

Das Problem der Analyse ist allerdings, was eingeräumt wird, dass die Entwicklung nur von Jahr zu Jahr beschrieben wird. Daher kann sich eine beobachtete Eskalation aus einem Vorfall ergeben oder die Konsequenz einer Reihe von Schritten sein. Interessant ist auch im Hinblick auf die beiden aktuellen zwischenstaatlichen Kriege, dass nach den Wissenschaftlern durch die Kämpfe zunehmenden Informationen über den Gegner, wozu auch falsche Unterschätzungen gehören, wie sie auch heute immer eine Rolle spielen, zu keiner Deeskalation und zu keiner erhöhten Bereitschaft für Verhandlungen führen. Das Weiterführen des Krieges erscheint trotz besseren Wissens über die Folgen die bessere, weil wahrscheinlich einfachere Option: „Wenn das Lernen die Dynamik innerhalb eines Krieges dominieren würde, dann sollten (unter der Voraussetzung, dass der Krieg andauert) die Kämpfe an Intensität verlieren, sobald die Unsicherheit abnimmt und die Bandbreite akzeptabler Kompromisse zunimmt. Stattdessen lässt die Gewalt nicht nach, und im Verlauf eines Krieges sind starke Sprünge in der Intensität nach wie vor ebenso möglich.“

Doch mit der Quantifizierung von Kriegen lässt sich nur argumentieren, dass Eskalation ein schlechter Maßstab ist, aber kein Weg aufzeigen, wie Kriege zu verhindern wären oder beendet werden könnten. Vorhersagen lässt sich auch nicht, ob Kriege explodieren werden, aber was die Studie festhält, ist eine Warnung: Auch scheinbar begrenzte und kontrollierbare militärische Konflikte können zu schweren Kriegen mit vielen Toten führen. Die Kriegsdynamik ist volatil, sie ist nicht vorherzusagen, auch wenn die meisten Kriege „klein“ bleiben, und weil es im Unterschied zu Bürgerkriegen bei zwischenstaatlichen Kriegen keine inhärente Begrenzung gibt (weil etwa das Völkerrecht nicht greift), kann im Grunde jeder „kleine“ Krieg plötzlich durch Eskalation zu einem großen werden.

Florian Rötzer

Florian Rötzer, geboren 1953, war Gründer des Online-Magazins Telepolis und von 1996 bis 2020 dessen Chefredakteur. Seit 2022 ist er Redakteur beim Overton Magazin. Er ist Autor mehrerer Bücher, zuletzt In der Wüste der Gegenwart, das er zusammen mit Moshe Zuckermann geschrieben hat.
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5 Kommentare

  1. Na ja, da lässt sich natürlich viel analysieren. Wirkt stellenweise auf mich so, als wäre Krieg ein unabhängiges Phänomen, das plötzlich auftaucht, dann auf die beiden Kriegsparteien einwirkt und sich in Folge dann zu etwas anderem entwickelt. Zu dies oder jenem, mit einer Wahrscheinlichkeit von x% zu einem Krieg plusplus, nach dem Gesetz von Parato könnte er schlimmer, wenn im Winter kein Schnee fällt, usw.

    Man könnte zum Krieg in der Ukraine auch salopp formulieren: Ein Krieg zieht sich insbesondere dann in die Länge und wird schlimmer, wenn eine Seite ihn nicht beenden will.

    Etwas ernsthafter und was noch ergänzt werden sollte: Je länger so ein Krieg dauert, desto höher werden die versunkenen Kosten. Dieses Prinzip bezieht sich ja nicht ausschließlich auf Geld. Zum Beispiel kann eine Trennung von einem langjährigen Partner allein schon deshalb sehr schwer sein, weil bereits viel Lebenszeit (=Kosten) investiert wurde.

    Je höher die in einem Krieg versenkten unterschiedlichen Kosten werden, desto psychologisch schwieriger wird es, ihn aufzugeben. Es wurden Milliardensummen versenkt, es sind schon so viele gestorben, man hat hundertmal gesagt, der andere darf nicht gewinnen, es droht Gesichtsverlust, sollte das nicht eintreten. Man hat sich selbst kasteit, den anderen sanktioniert und sanktioniert und abermals sanktioniert. Aber auch auf der anderen Seite ist der Einsatz inzwischen sehr hoch. Wobei ich das Gefühl habe, der Westen ist inzwischen klar überinvestiert, das bewegt sich in Richtung Selbstzerstörung.

  2. Im Fall des Ukrainekriegs hatte ich ganz an Anfang den Eindruck, dass er relativ schnell wieder hätte beendet werden könnte, später die Vermutung, dass sich nach etwa zwei Jahren abzeichnen müsste, ob er bald zu Ende geht, und seitdem, die Erkenntnis, dass er noch Jahrzehnte dauern könnte. Wenn offene Kriegswirschaft praktiziert wird, können Kriege aufgrund von ständigem Zufluss an Ressourcen theoretisch ewig fortgesetzt werden. Gut, man könnte einwenden, dass das Personal irgendwann knapp wird, aber die Afghanen sind ja auch nicht ausgestorben.

    Und da ist dann noch die Sache, dass der Mensch ein gewisses Bedürfnis an Stabilität hat. Es kann einen Krieg am Leben erhalten, gerade weil er zu einer Form von Stabilität wird, auch wenn man sich eigentlich etwas besseres vorstellen kann. Nur dauert es zuweilen sehr lang, bis die Einsicht reift, dass der Krieg für einen selbst gar keinen Sinn mehr ergibt.

  3. Über tatsächliche Eskalationen hat derweil Luca Schäfer unter dem für meine Begriffe etwas irreführenden Titel „Iran: Der neue Wirtschaftskrieg zielt auf Peking“ berichtet (ich denke, die Eskalation zielt auf die Heimatfront).
    Eher nebenbei ist darunter ein Bericht über eine kinetisch untermauerte Kriegserklärung Tel Avivs an Ankara um die Frage, wer die militärische Hoheit über Syrien habe. Der US-Botschafter in Ankara und US-Syrien-Gesandte Tom Barrack hat diese Kriegserklärung sehr buchstäblich ernst genommen, wie Nick Brauns in dem Artikel „Warnschuss“ für die Junge Welt berichtete, eine Darstellung, die gleichwohl klare anti-türkische Schlagseite hat.
    Ich werde den Geschichten vielleicht am Wochenende etwas nachgehen, bis dahin könnte mir das ja hier jemand abzunehmen versuchen.

  4. Zu dem was u.a. in der West-Bank und in Gaza passiert (21.08.2026):
    Das Militär erschiesst Fathi Zedan Khazem in seiner Wohnung vor den Augen seiner Familie. Der Sanitäter oder Ärzte wurden mehrere Stunden nicht an den Schwerverletzten gelassen. Das Militär hat zwei seiner Söhne vor vier Jahren ebenfalls im Zuhause erschossen (Jenin, die Söhne hatten Angriffe verübt). Das Militär hat einen Vierzehn-jährigen in den Rücken und in die Brust geschossen; der Verletzte wurde in ein Krankenhaus zur Behandlung gebracht (südlich von Jenin). Die Siedler haben am Vortag von der Jabara Brücke auf vorbeifahrende Kraftfahrzeuge mit Steinen geworfen (südlich von Tulkarm, keine Verletzten). Die Siedler haben in Al-Mughayyir, nordöstlich von Ramallah Steine auf Kraftfahrzeuge geworfen (Sachschaden, das Militär hat die Zufahrt eine zeitlang geschlossen). Die Siedler haben einen 45-jährigen Mann durch das Pfeffer-Spray sprühen im Gesicht verwundet (Shuafat-Viertel in Betlehem).
    Die Siedler haben in Sair, nordöstlich von Hebron Karim Sanad Shalaldeh, 17 Jahre erschossen. Eine grosse Gruppe von Siedler haben die angegriffen und geschossen. Ein Siebszgjähriger wurde angeschossen und ein Zuhause angezündet. Es wurde Muhammad Hamid, 16 Jahre, seit 2016 im Gefängnis, erneut am Herzen operiert. Die Familie soll für die Behandlung bezahlen. An seinem Geburtstag (13.08) wurde ihm ein Bein amputiert. Er hat sich die Krätze eingefangen und wurde nicht behandelt.

    Zu dem was in Gaza passiert:
    Das Militär hat Ibrahim Mohammed Kawar’a, 29 in der Qizan al-Najjar-Gegend, südlich von Kahn Younis erschossen. Das Rote Kreuz sagt der Verstorbene war in Handschellen und gefesselt. Das Militär hat Ahmed Ramzi Aql, 13 erschossen. Es wird auf die Zelte der Vertriebenen geschossen. Die Wohngebäude werden zerstört.
    Es wurden seit dem Waffenstillstand im Oktober mehr als 1.283 Palästinenser getötet und 4.284 Palästinenser verletzt (21 Tote und 36 Verletzte und/oder Verstümmelte seit letzten Samstag).

    Mitmachen bei der Einforderung der Menschenrechte für Palästina.
    Über den Völkermord sprechen.

  5. Das sind mir schöne Wissenschaftler.
    Viel Statistik wenig Hirn.
    Wie kann man einen Gegenstand wie Krieg untersuchen und die Urheber und ihre Interessen dabei unberücksichtigt lassen?

    Kriege brechen nicht einfach aus. Sie werden meist lange Zeit vorbereitet. Sie eskalieren wenn mindestens eine Seite das so will. Und sie werden erst beendet, wenn mindestens eine Seite am Boden liegt oder beschlossen hat, dass der Krieg zu viel kostet um weiter betrieben zu werden.

    Und dann noch eine Frage an diese „Wissenschaftler“.
    Woran machen sie denn eigentlich aus, dass wir uns nicht immer noch im 2. WK befinden?
    Ich erinnere mich nicht daran, dass es jemals Friedensverträge gab.

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