Korruption, Doping und Siege für „uns“: Vom Fordern und Fördern des Leistungssports

Bild: Marco Verch/ccnull.de/CC BY-2.0

Anhänger des Leistungssports begeistern sich für „ihren“ Verein und „ihre“ Nationalmannschaften. Siegen sollen sie gegen alle anderen, „uns“ zur Ehre gereichen (siehe: „Konkurrenz und Patriotismus: So lieben wir den Leistungssport“ – Teil 1). Das aber bitte ohne Schiebung, Bestechung und ohne die Einnahme unerlaubter leistungsfördernder Mittel. Passiert aber trotzdem, wie auch immer wieder Niederlagen bei internationalen Wettkämpfen zeigen. Deshalb zieht die deutsche Sportpolitik nun andere Saiten auf.

Wie es im richtigen kapitalistischen Leben halt so ist: Korruption findet auch im Profisport statt. Geschobene Spiele durch Schiedsrichter oder Akteure, Betrug mit Wetten auf Ergebnisse, und der gewissermaßen Klassiker, wenn beim Boxen von vornherein feststeht, wer gewinnt und wer verliert. Der gemeinsame Nenner ist kein Geheimnis – es lautet Geld. Im Kampf darum sind zwar nicht alle Mittel erlaubt. Aber wer mit den erlaubten keinen Erfolg hat, versucht es mit den nicht erlaubten.

Ein Grund für eine weitere Unart im Leistungssport, das Doping. Zwar hat es auch im Profi-Fußball schon einige Fälle von unerlaubten Einnahmen leistungsfördernder Mittel gegeben. Weit verbreiteter ist das allerdings bekanntermaßen im Radsport und anderen Ausdauersportarten. Da wirken Anabolika, Stimulanzien, Wachstumshormone, Erythropoetin (Epo) oder Blutwäsche sehr effektiv auf die geforderte Leistung. Daraus entsteht ein dauerhaftes Wettrennen zwischen den immer wieder besseren und schwerer nachzuweisenden Stoffen auf der einen Seite und den Kontrolleuren auf der anderen, die versuchen, ihnen auf die Spur zu kommen. Meist haben die Kontrolleure das Nachsehen.

Mit unerlaubten Mitteln zu unglaublicher Leistung: Wehe, das kommt heraus

Die Empörung über Doping ist an Heuchelei kaum zu überbieten. Da werden Rennradsportler zu übermenschlichen Leistungen getrieben von den Veranstaltern, den Rennstallbesitzern, den Sponsoren, den Medien und natürlich von ihren Fans. Wenn sie das nicht nur überleben, sondern einige wenige von ihnen zu den Siegern zählen, ernten sie allseitige Bewunderung. Umso enttäuschter und empörter trifft sie der Bann, wenn sie bei den Doping-Kontrollen ertappt werden. Dabei wird in schöner Regelmäßigkeit darüber berichtet, dass die Torturen der Tour de France und vieler weiterer Rundfahrten oder Ein-Tages-Rennen ohne unerlaubte Zusatzmittel nicht erfolgreich bestritten werden können. Doping gehört einfach dazu. Man darf sich nur nicht erwischen lassen.

Das kann man dann in jenen Medien vernehmen, die gleichzeitig ihren Hut ziehen vor den überirdischen Leistungen eines Tadej Pogačar und hoffen, dass auch ein paar Deutsche bei der Tour de France vorne mit dabei sein werden. Die Journalisten wissen um die Notwendigkeit von leistungssteigernden Mitteln, applaudieren aber den Siegern. Sie pflegen den Glauben an dem „reinen“ Sport, feiern die Verausgabung und erfolgreiche Konkurrenz, liefern den Fans das Futter für die Heldengeschichten. Doch wehe, ein solcher Held stürzt, siehe Jan Ullrich oder Lance Armstrong. Dann wird eine andere Geschichte erzählt: von Betrug gegenüber den „sauberen“ Sportlern, von enttäuschten Fans, von der unguten Gier nach Erfolg, die offenbar zu den verbotenen Mitteln greifen ließ. Danach geht es wieder weiter mit den nächsten Heldengeschichten…

Sportjournalismus: eine Luftnummer für die Feier des Wettkampfs

Überhaupt die Sportjournalisten: Vertiefte Kenntnis über die Sportarten weisen die meisten von ihnen nicht auf – und wenn sie sie haben, behalten sie ihr Wissen für sich. Eine Seltenheit, wenn einer von ihnen tatsächlich Technik, Training und Taktik erklärt. Den Job übernehmen in raren Momenten „Experten“. Bei der jüngsten Handball-Europameisterschaft und auch bei der Winter-Olympiade: Ehemalige Weltklasse-Sportler wie Dominik Klein (Handball) und Marco Büchel (Ski) gaben tatsächlich Einblick in ihre Disziplin.

Aber das ist eher die Ausnahme als die Regel. Die heißt nämlich Per Mertesacker, René Adler oder Martina Voss-Tecklenburg. Ihre Expertise erschöpft sich im erschöpfenden Wiederholen der rhetorischen Fragen von dauergrinsenden Moderatoren wie Jochen Breyer (ZDF) oder Esther Sedlaczek (ARD). „Wie wichtig war der Sieg für den Verein?“, „Was bedeutet diese Niederlage für die nächsten Spiele?“, „Was kann diese Mannschaft noch erreichen?“, „Wackelt jetzt der Stuhl des Trainers?“ – diese Sorte Suche nach „Erkenntnissen“ über den Sport dominiert die „Berichterstattung“ und „Analyse“.

Essenzieller Bestandteil: die parteiische Begeisterung für „unsere“ Athleten und Teams. Journalistische Distanz zum Berichtsgegenstand ist Sportreportern nicht bekannt. Sieger werden zu Beginn jedes Interviews mit einem euphorischen „Herzlichen Glückwunsch“ begrüßt und mit der spannenden Frage konfrontiert, wie ihr Erfolg möglich wurde. „Wir haben mehr Tore geschossen als der Gegner“ wäre zwar nach Fußballspielen eine sachliche und wahre Antwort. Doch der so wissbegierige Interviewer will auf anderes hinaus: War es der neue Trainer? Eine andere Mentalität in der Mannschaft? Ist ein Spieler besonders herauszuheben? War es wirklich ein Elfmeter? Und so weiter. Das „Wissen dahinter“ entpuppt sich als Luftnummer. Aber so liefert sie den Fans den Stoff für ihre Begeisterung: Wer siegt, wer verliert?

Politische Vorgabe: mehr Spitzenpositionen im Sport für Deutschland

Diese umstandslose Parteinahme und Feier „unserer“ Sportler hat neben der kommerziellen Seite eine mindestens ebenso große politische. „Das Bundesinnenministerium (BMI) fördert die Bundessportfachverbände, um Athletinnen und Athleten optimale Trainings- und Wettkampfbedingungen zu bieten. Ziel ist es, der Bundesrepublik Deutschland eine Spitzenposition im internationalen Sport zu sichern.“ Im Jahr 2023 schüttete das Ministerium an 33 Verbände der Olympia-Sommer- und Wintersportarten rund 100 Millionen Euro aus. Den Leistungssport insgesamt fördert die Bundesregierung 2026 mit rund 360 Millionen Euro.

Dennoch zeigt man sich in Berlin unzufrieden mit dem derzeitigem Abschneiden im internationalen Vergleich: „Die Zahl der Medaillen und ersten Plätze insbesondere bei Olympischen und Paralympischen Spielen sowie Welt- und Europameisterschaften konnte im Vergleich zum Mitteleinsatz jedoch nicht entsprechend erhöht werden“, heißt es im Referentenentwurf für ein neues „Gesetz zur Regelung der Förderung des Spitzensports“. Die Zielmarken benennt der Entwurf sehr genau: „… das Erreichen von einer Top 5 – Platzierung bei den Olympischen Sommer- und von einer Top 3 – Platzierung bei den Olympischen Winterspielen in der Nationenwertung…“

Der deutsche Staat ist halt wer in der Welt, und das muss sich auch im internationalen sportlichen Vergleich mit seinesgleichen erweisen. Dort wird zwar die Konkurrenz der Nationen nicht entschieden. Jedoch sollte die sportliche Bedeutung nicht allzu weit hinter der in Wirtschaft und Politik hinterherhinken. Also schaut Deutschland auf die anderen Länder seiner Kategorie, beispielsweise Großbritannien: „Die haben es in zehn Jahren geschafft, von einer Top-10-Nation zu einer Top-3-Nation zu werden (bei olympischen Sommerspielen – B.H.)“, sagt Christiane Schenderlein (CDU), Staatsministerin für Sport und Ehrenamt).

Mehr Geld für die vielversprechendsten Medaillen-Anwärter

Ein Vorbild für das geplante neue Sportfördergesetz: Es sieht wie auf der britischen Insel eine Spitzensportagentur vor. Sie wird von den Sportverbänden getrennt über die Vergabe der Sportfördermittel entscheiden – was zum erwartbaren Aufruhr beim hauptsächlich betroffenen Deutschen Olympischen Sportbund (DOSB) führt. Wenigstens ist dieser als Kontrolleur im „Stiftungsrat“ vorgesehen, wenn auch in der Minderheit gegenüber Vertretern aus der Politik. Ein „Sportfachbeirat“ sorgt für die fachliche Expertise, hat aber keine Entscheidungsbefugnis.

Vor allem sollen mit dieser neuen Konstruktion – keine Überraschung – „erfolg- und potenzialreiche Athleten“ besser gefördert werden. Das seit einigen Jahren praktizierte System der „Potenzialanalyse“ wird in die Agenturarbeit einfließen: Welche Sportarten verheißen die größten Erfolge? Dort landen dann die meisten Gelder. Im schönsten CDU-Sprech von Frau Schenderlein: „Leistung muss wieder mehr zählen.“

Das geht gegen den Einfluss der Verbände. „Spitzensportler schaffen nicht nur dann bessere Leistungen, wenn sie mehr Geld bekommen. Sondern wenn sie wissen, dass auch ihr Kaderplatz nicht nach Gutdünken eines Verbandstrainers vergeben wird“, referiert die Süddeutsche Zeitung den Vorstand der Stiftung Deutsche Sporthilfe, Maximilian Hartung (Johannes Knuth: Ein Gesetz, das den deutschen Sport aufwühlen wird, in: Süddeutsche Zeitung, 24.10.2025).

Sport als Schule des Nationalismus: „Wir“ bald gegen „die“ in Russland?

Dass Deutschland einen ungleich größeren Anspruch auf internationale sportliche Erfolge hat als Länder wie Bolivien, Kamerun, Pakistan, Vietnam oder die Philippinen, leuchtet sowohl den hiesigen Medien als auch Otto Normalfan ein. Das neue Sportfördergesetz wird daran gemessen werden: Sorgt es für mehr Gewinner? Auf die „wir“ stolz sein können, weil sie die deutsche Fahne bei den Siegerehrungen häufiger schwenken und um ihre gestählten Körper wickeln als bisher?

Der Medaillenspiegel bei den Olympiaden wird es zeigen, wie auch die kommenden Welt- und Europameisterschaften in zahllosen Disziplinen. Der Nationalismus, soweit die gute Nachricht, tobt sich dort ohne die Anwendung von Gewalt aus. Die schlechte Nachricht indes lautet: Genau dieser Nationalismus ist die ideologische Basis, auf der der Wettkampf der Nationen mit Gewalt bestritten wird. „Wir“ gegen „die“ funktioniert auf allen Ebenen – beim Heimatverein wie bei der Nationalmannschaft. Und wenn es demnächst heißen sollte „wir“ gegen „die“ in Russland, sind die Sportfans bestens vorgebildet. Politik, Verbände und Medien bläuen ihnen schließlich ständig ein, dass dort der nächste Feind steht – und deshalb zu Recht dessen Sportler von internationalen Wettbewerben ausgeschlossen werden.

Wenn man sich das alles vergegenwärtigt: Die absurde Begeisterung für „meinen Verein“, die brutale Konkurrenz der Sportler um Sieg und Geld, das entsprechend knallharte Geschäft damit, die Heuchelei der Öffentlichkeit und der unvermeidliche Betrug, das Messen der nationalen Überlegenheit an Titeln und Medaillen – dann kann einem die Lust am Zuschauen vergehen. Und doch sieht man immer wieder hin und wundert sich, wie man an einer solchen Veranstaltung Gefallen finden kann.

Björn Hendrig

Björn Hendrig ist von Hause aus Journalist, längere Zeit auch tätig in der akademischen Lehre für Journalismus und Public Relations. Langjähriger Autor bei Telepolis und bei Overton. Björn Hendrig ist ein Pseudonym.
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6 Kommentare

  1. Es geht bei Krieg um das „wir“ gegen „die“ und so billig wie mit Siegen beim Sport lässt sich kein nationales „wir“ herstellen. Das wusste auch schon Adolf und da stehen wir offenbar heute wieder einmal.
    Faire Wettkämpfe und gesunden Sport kann es nur außerhalb von Kommerz und finanziellen Anreizen geben.
    Für ein Vorurteil halte ich es übrigens, dass beim Fußball weniger gedopt wird. Ich will ihm nichts anhängen, er behält seine Verdienste, aber wenn ich Oliver Kahn vor meinem geistigen Auge sehe, als Titan bei seiner letzten Weltmeisterschaft, mit damals stark vergrößerten Unterkiefer und den typischen Wutausbrüchen, dann waren dort m.M.n. reichlich Anabolika mit im Spiel.

  2. da -so meine Beobachtung- seit Merkel es zur PolitikerKür/ bzw PolitikerPR gehört, bei Sportveranstaltungen anwesend zu sein, um ggf das WIR Sieger zu zelebrieren ist es doch logisch, dass jetzt erfolgreiche Athleten gepuscht werden müssen…

    auf der politischen Bühne ausgepiffen und dann mit Helden bejubelt werden, ist doch toll…

  3. Da kann man über die USA sagen was man will, aber dort ist der gesamte Sport privatisiert und die machen es gleich richtig.. kein Auf- oder Absieg in den Ligen und bringt ein Standort, aufgrund von Wirtschaftseinbruch der Region, kein Geld mehr ein, wird er einfach dahin verlegt wo es genug zahlungskräftige Fans gibt. Fussball, um den es hier nur am Rande ging ist in D inzwischen völlig lächerlich… Bayern wird meister und der Rest spielt um den Abstieg.

  4. Wunder, oh wunder – gibt es immer wieder. Schon wieder mal ein artikel über die machenschaften in und um den „leistungs-„sport.
    Dabei wissen es alle, die es wissen wollen, dass es hier nur – das meint ausschliesslich!!! – um geld geht – nicht um das wohl von irgendwen, schon gar nicht um das der sportler.
    Das perfide daran ist allerdings vor allem, dass die letztgenannten geradezu systematisch zu opfern des systems werden. Beckenbauer (Versicherungskaufmann), Hoeness (Metzger) und Müller (Schweisser) – wie viele andere ihrer jahrgänge – haben noch berufe gelernt. Heute haben die „jungprofis“ nicht einmal schulabschlüsse… Wer dann in das profisystem hineingesaugt wird, hat faktisch keine alternativen … und scheitert später im leben nach dem sport kläglich (vom millionär zum bürgergeldempfänger – Eike Immel).

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