
Den eigenen Favoriten unbedingt gewinnen sehen wollen. Trauern, wenn „wir“ gegen andere Nationalteams verlieren. Als Fan sich empören über die Beleidigung des geliebten Vereins. Den Kopf schütteln über Fußball-Millionäre. Enttäuscht sein über Doping und korrupte Sportfunktionäre: Wie das alles bestens zu einer Gesellschaft passt, in der es auch sonst ums Gewinnen und Verlieren geht.
Siehe Teil 2: Korruption, Doping und Siege für „uns“: Vom Fordern und Fördern des Leistungssports
Für den sanften Einstieg in einen Small Talk eignet sich neben dem Thema Wetter der Sport ausgezeichnet. Genauer, der Leistungssport, und unter Männern meist der Bundesliga-Fußball. Dann wird man gefragt, welchem Verein man anhängt, verbunden mit der Erkundigung, aus welcher Gegend Deutschlands man kommt. Lebt man beispielsweise in Dortmund, ist klar: Der Mann fiebert mit der Borussia. Wird dies allerdings verneint, folgt die Nachfrage: Mit wem denn dann? Kommt der Herr vielleicht ursprünglich ganz woanders her, womöglich gar aus Gelsenkirchen, schimpft sich Fan von Schalke 04, dem Erzfeind? Winkt der Angesprochene ab und behauptet tatsächlich, er liebe Fußball und schaue sich Spiele auf hohem Niveau gern an, aber bei den Begegnungen drücke er keiner Mannschaft den Daumen, allenfalls der, die besser spielt, erntet er Unverständnis.
Absurd – aber ganz normal: „Mein Verein“
Wenn erwachsene, gut ausgebildete und in ordentlichen Berufen tätige Menschen von „ihrem Verein“ sprechen, den sie über alle anderen Vereine stellen und dem sie natürlich den Sieg in jedem Spiel wünschen, dann darf man das einerseits nicht so wörtlich nehmen, andererseits durchaus. Natürlich haben auch die anderen Teams ihre Existenzberechtigung. Allein schon deshalb, weil es ja für den eigenen Verein welche geben muss, die er besiegen kann. Und dass die anderen Clubs auch ihre Anhänger haben, zumal die in anderen Orten wohnen und lokalpatriotisch verständlicherweise dort Fans sind, wird ebenfalls respektiert. Auf der anderen Seite indes ist mit „meinem Verein“ der Rest der Tabelle als Gegner definiert. Was logischerweise an der Veranstaltung liegt: Sie ist in jeder Saison als Konkurrenz um die Meisterschaft und sonstige lukrative Plätze dahinter organisiert, bis hin zum Kampf gegen den Abstieg.
Ist halt Wettkampf, und so macht doch Sport am meisten Spaß, für die Akteure wie für die Zuschauer, oder? Und bei den Spielen für eine Seite zu sein, weil sie nun einmal aus der Stadt kommt, in der man lebt, oder, bei Nationalkämpfen, aus dem eigenen Land – was soll daran verkehrt sein? Das gilt hierzulande als normal. Befremden löst dagegen aus, wer seine Gunst nach dem besseren Spiel ausrichtet oder gar danach, welches Team die schöneren Trikots trägt. Zugegeben, der letztere Grund ist nicht sachgerecht. Das sind allerdings die akzeptierten Gründe „mein Verein“ und „meine Stadt / mein Land“ auch nicht.
„Wir“ gegen „die“: eine Verrücktheit mit Folgen
Nun könnte man einwenden: Gut, ein wenig seltsam ist diese Parteilichkeit, aber es gibt Schlimmeres. Warum darum so ein Aufhebens? Weil es bei dieser privaten Verrücktheit nicht bleibt. Sie hat Folgen. Von Klein auf wird ein „wir“ gegen „die“ gelernt. Dabei existiert dieses „wir“ nur in der Einbildung der Anhänger des Fußball-Bundesligisten. Die meisten sind noch nicht einmal Mitglied des Vereins; und die einen Mitgliedsausweis besitzen, haben in der Profiabteilung nichts zu melden. Denn da geht es um den Erfolg in einem Sport, der längst ein Geschäft geworden ist. Vorstände und angestellte Manager haben dort das Sagen.
Selbst die Verbindung der verehrten Mannschaft zur Stadt oder Region ist nur eine Einbildung. Es gilt schon als große Ausnahme, wenn ein Spieler tatsächlich „von hier“ kommt. In den meisten Fällen haben sie mit der Heimat der Fans nichts zu tun. In einem Spiel klopfen sie nach einem Tor auf das Vereinswappen ihres Trikots, als Zeichen der Verbundenheit, kommt ja gut an. Und kurze Zeit später machen sie das in einem gegnerischen Team, weil sie dort bessere Perspektiven für sich erhoffen, sportlich und finanziell.
„Wir“ reduziert sich daher beim Anhänger auf dessen irrationale Projektion, irgendwie gehörten er und die Spieler zusammen – weil beim Verein aus der gleichen Stadt angestellt, und, noch größer, weil sie den gleichen Personalausweis besitzen, für „unser“ Deutschland kicken. Der Wunsch nach Zusammenhalt als Gegenpol zur ungemütlichen Wirklichkeit – hier findet er sein Material. Gemeinsam im Stadion grölen, die „eigenen“ Jungs oder auch Mädels anfeuern, sich zusammen freuen und auch zusammen trauern, „Gänsehautmomente“ erleben: „Wir“ unterstützen alle, unterschiedslos, „unseren Verein“ gegen seine Gegner.
Die Politik macht sich das zunutze: Es passt perfekt zusammen mit dem täglich von ihr und den Medien gepflegten Nationalismus. Wie stehen „wir“ in der Welt da? Gegen „die“ in Russland, in China und neuerdings gegen die USA? Auch dieses „wir“ ist eine Einbildung – die größte ihrer Art: Beinahe lustig, dass eine Gesellschaft, die auf Konkurrenz um Arbeitsplätze und Profit basiert, also Gegensätze permanent und ohne Ende produziert, Elend hier und Reichtum da, mit der Harmonie eines „wir“ ständig hausieren geht. Und dabei nicht ebenso ständig dafür ausgelacht wird.
Im Gegenteil – dieses „wir“ wird äußerst ernst genommen. Gerade weil das tägliche Erleben der Bürger dem Hohn spricht, muss das verlogene Narrativ immer wieder neu aufgetischt werden: „Wir“ sitzen doch alle in einem Boot, müssen gegen „die“ draußen in der Welt zusammenhalten!
Böse Bayern in der Bundesliga, gute Bayern in der Champions League
Da läuft das „Wir“ ein paar Nummern kleiner auf der Ebene des Sportfans gut mit. Die fiebern mit „ihren“ Teams und Athleten bei nationalen und internationalen Wettkämpfen. In der Fußball-Bundesliga freuen sich dann die Anhänger von 17 Bundesligisten, wenn der FC Bayern ausnahmsweise mal verliert. In der Champions League freuen sich hingegen so ziemlich alle dieser Anhänger mit denen des FC Bayern, wenn der Münchner Club gewinnt. Der ist ja aus Deutschland, vertritt „unseren“ Fußball bestens, schlägt die Konkurrenz aus England, Spanien, Frankreich und Italien.
Bei Welt- und Europameisterschaften aller möglichen Disziplinen und natürlich bei dem Sport-Wettstreit der Nationen schlechthin, Olympia: Stets beschäftigt die Zuschauer, wie „ihre“ Sportler abschneiden. Entsprechend groß ist der Zuspruch – persönlich in den Stadien und noch weit zahlreicher vor dem Fernseher oder im Internet.
Auf dieser Grundlage gedeiht ein mittlerweile in einigen Sportarten sehr ausgewachsenes Geschäft. Der Fußball nimmt dabei hierzulande und auch global eine herausragende Stellung ein. Die kommende Fußball-Weltmeisterschaft in den USA, Kanada und Mexiko wird die bisher größte ihrer Art mit 48 teilnehmenden Nationalmannschaften.
Schlappe 14.000 Euro für alle Spiele der Nationalmannschaft bei der WM
Sie wird auch die teuerste – für die Gastgeberländer, vor allem aber für die Stadionbesucher: Wenn ein deutscher Fan alle Spiele „seiner“ Mannschaft erleben will und sie es bis ins Finale schafft, können bis zu 14.000 Euro an Ausgaben zusammenkommen. Und dabei sind die Kosten für Flug und Unterkunft noch gar nicht eingerechnet. Immerhin hat die FIFA, der Weltfußballverband, auch Tickets für einen Festpreis von 60 Euro bereitgestellt. Das Kontingent für den Deutschen Fußballbund (DFB) umfasst allerdings nur rund 1.600 Karten. Und der verteilt sie – natürlich – nur an besonders engagierte Fans.
Das kann dann selbst ansonsten wohlgesonnene Sportjournalisten auf die Palme bringen. Von „Wucher“ schreibt Javier Cáceres, Redakteur der „Süddeutschen Zeitung“: „In vielen Ländern Europas ist das Stadionerlebnis schon jetzt alles andere als ein transversales Spektakel, in dem alle Klassen ihren Platz finden. Sondern Privileg einer mehr oder weniger begüterten Schicht (…) Irgendwie muss ja irgendwer die Millionengehälter der Arrivierten der Branche bezahlen.“ (in: Süddeutsche Zeitung, 11.10.2025)
Nike gegen Adidas, TV gegen Streaming: Woher die Millionen kommen
Damit kommen wir bei den „Fußball-Millionären“ an – sowie den ebenfalls bestens bezahlten Funktionären und den Finanzkapitalisten, die ihre Rendite gern mit Investitionen in erfolgreiche und erfolgversprechende Vereine sichern wollen. Deren Einnahmen resultieren zum geringeren Teil aus dem Verkauf von Stadion-Tickets. Mehr Geld bringen der Verkauf von Rechten für die Übertragung von und für die Werbung mit den Begegnungen. Hinzu kommen umfangreiche Verträge mit Exklusiv-Ausrüstern. Die deutsche Nationalmannschaft beispielsweise wird von 2027 an bis 2034 nicht mehr von Adidas ausgerüstet, sondern von Nike. Dafür zahlt der US-amerikanische Konzern an den DFB jährlich 100 Millionen Euro, das Doppelte des bisherigen Vertrags mit Adidas (vgl. Uwe Ritzer: Das letzte Hemd, in: Süddeutsche Zeitung, 12.11.2025).
ARD und ZDF überweisen für die Live-Berichte von 60 der insgesamt 104 Spiele der Fußball-Weltmeisterschaft 2026 an die Deutsche Telekom 152 Millionen Euro. Die anderen Partien dürfen in Zusammenfassungen gezeigt werden. Die Telekom hatte die Fernsehrechte zuvor im „größten Rechtepaket, das es jemals gab“ von der FIFA erworben. Der Konzern tat dies für seinen Dienst „Magenta TV“, der sich in harter Konkurrenz zu Anbietern wie Netflix, Dazn und Amazon Prime befindet. Über die Kaufsumme schwieg die Telekom, wohlwissend, dass dies die Verhandlungen mit möglichen Sublizenznehmern erschwert hätte.
Auch in den beiden nationalen Profiligen läuft das Geschäft: In der Saison 2024/25 verbuchten die Vereine der ersten und zweiten Bundesliga insgesamt einen Umsatz von 6,33 Milliarden Euro, ein Plus von fast acht Prozent gegenüber der Spielzeit zuvor. Über die Gründe ist sich die „Deutsche Fußball-Liga“ (DFL) im Klaren: „Zur starken wirtschaftlichen Bilanz des Profifußballs tragen Millionen Fans und Mitglieder mit ihrer Begeisterung und Unterstützung bei. In hohem Maße relevant ist zudem der Beitrag von Sponsoren und Medienpartnern. Fast jeder dritte Euro der Einnahmen unserer Clubs stammt beispielsweise aus der Zentralvermarktung der Medienerlöse“, erklärte DFL-Geschäftsführer Steffen Merkel bei der Vorstellung des Wirtschaftsreports (ebenda).
Konkurrenz wollen, aber die Kosten der Konkurrenz beklagen
Solche Zahlen und Zusammenhänge könnten dem normal Fußballbegeisterten oder dem Fan die Augen öffnen über seine Rolle in dem Spiel: Als Konsument, der mit seiner zahlungsfähigen Begeisterung für den Sport ein mittlerweile weltumspannendes und profitbringendes Geschäft trägt. Profi-Fußball ist zu einer lukrativen Anlagesphäre geworden. Deshalb gelten auch dort die Regeln des Kapitalismus. Die sportliche Konkurrenz lebt in Symbiose mit der wirtschaftlichen Konkurrenz. Jeder Sieg spült reichlich Geld in die Vereinskasse, besonders in den internationalen Ligen Champions und Europe League. Entsprechend steigen die Preise fürs Sponsoring, werden im Merchandising mit Trikots und anderen Utensilien höhere Umsätze erzielt.
Beim Fußballanhänger geraten die beiden Aspekte der Konkurrenz durcheinander. Er will unbedingt seine Mannschaft gewinnen sehen, ist also Parteigänger unbedingter Konkurrenz, beklagt sich aber gleichzeitig über die hohen Spielergehälter und enorm gestiegenen Ablösesummen – die nötig sind, um in der Konkurrenz zu bestehen. Der Fan will ein konkurrenzfähiges Team und einen erfolgreichen Trainer; ein Management, das clever gut und günstig Spieler ein- und verkauft; ein Stadion, das den Ansprüchen an einen modernen und komfortablen Spielort erfüllt; und gerne kauft er Trikots und sonstige Devotionalien aus dem Merchandise-Shop seines Lieblingsclubs.
Den Preis dafür findet mancher Fan allerdings dann zu hoch – irgendwie, ohne das genau beziffern zu können. Wie auch, eine Grenze nach oben gibt es nicht. Denn es gilt einzig und allein: Der Einsatz muss sich lohnen. Dann rechnen sich all die Fantasiesummen für die Akteure, nicht nur für Neymar, Messi, Ronaldo und Co., sondern für Vereinsbesitzer, Funktionäre, Spielervermittler, Verbände usw. Wenn „sein“ Verein mit diesen Fußball-Millionären Erfolge feiert, rückt die Aufregung des Fans über das viele Geld aber schnell in den Hintergrund.
Umgekehrt wird er allerdings ebenso rasch ungehalten, falls die Siege ausbleiben. Dann wird gegen die gierigen „Söldner“ und Geschäftemacher gehetzt, die sich am „sauberen“ Sport versündigten. Der sollte daher natürlich auch ohne Korruption und Doping auskommen. Obwohl sie in vielen Disziplinen zum Wettkampf schlicht dazugehören. Wie auch der Einsatz von jeder Menge Staatsgeldern, um der Nation die ihr zukommenden Erfolge in internationalen Begegnungen zu bescheren.
Mehr dazu in Teil 2: „Korruption, Doping und Siege für „uns“: Vom Fordern und Fördern des Leistungssports“.



Leistungssport hat mit Sport im ursprünglichen Sinn gar nichts zu tun. Leistungssport – so wie auch Profifußball, Profitennis u.s.w – gehört zum Wirtschaftszweig der Unterhaltungsbranche/Showbusiness, ist also ein Business-Zweig.
Unverständlich ist, dass so viele Menschen – darunter sehr viele Menschen, die selber mit sehr wenig Geld auskommen müssen – dafür sorgen, dass Profisportler so viel Geld verdienen und diesen Großverdiener zujubeln.
Verrückte Welt: Der eine spielt berufsbedingt mit einem Ball auf einem Rasen, die Massen jubeln ihm zu und er wird mit seinem Ballspielen Millionär. Der andere ist Maurer und zieht tagtäglich eine Mauer hoch und bringt dabei mindestens die gleich hohe sportliche Leistung wie der Profifußballer, jedoch sind hier keine Menschenmassen, die ihm dabei zujubeln – und verdienstmäßig bleibt er ein armer Schlucker.
Im Kapitalismus ist alles möglich.
Wenn Du Dich ein wenig mehr anstrengen würdest und dich selbst optimierst, könntest auch du dazugehören.
Ein Maurer hat, im Gegensatz zu vielen anderen Berufstätigen, bei seiner Arbeit zwar jeden Tag ein Erfolgserlebnis – aber nein, ich möchte nicht dazugehören, möchte kein Maurer sein.
Fußball ist Teil des Establishments mit dem Ziel uns zu befrieden.
Netzfund vor etwa 15 Jahren nach wie vor sehr authentisch.
Ich bin der Meinung, dass diese Fußball verrückten, die es seit Dekaden durch die breite Masse jeglicher Couleur der Bevölkerung zieht, einer Art Massengehirnerweichung unterliegen. Hier geht es um eine Form der “Solidarisierung mit dem Deutschen Volk”, die mit der Realität leider nichts mehr zu tun hat. Fußball ist genau wie im richtigen Leben kein fairer Sport, gespielt von über bezahlten aber eher unterbelichteten Spielern, die sich benehmen als wären sie Nutten auf dem Laufsteg. Selbst die Trainer, Manager und sonstigen Sponsoren, erfüllen alles andere als eine Vorbildfunktion in dieser Gesellschaft. Es vergeht kaum ein Tag da Fußball, das Zugpferd im Sport des kapitalistischen Betriebs nicht ohne Skandale, wie Schlägereien, Spielabsprachen, Wettbetrug, Bestechung, Doping oder wenigstens einer Beleidigung des guten Geschmacks von sich reden macht. Um dann solchen Leuten auch noch ein Bundesverdienstkreuz zu verpassen. (Sepp Blatter). Auch ein Herr Hoeneß ist eben kein Vorbild in unserer neoliberalistischen Gesellschaft, war aber auch nicht wirklich anders zu erwarten. Mit dem Produkt, hier Fußball, werden Ersatz-Lebenswelten verkauft (Träume), die der Konsument in einer Wirklichkeit, in der nur noch Produkte und ihre Verheißungen leben, umso selbstverständlicher als seine eigene Welt adaptiert. Ich schrieb in einem anderen Portal einmal: “5000″ Leute waren bei Occupy, aber „Hunderttausende“ von Leuten rennen gleichzeitig in die „Allianzarenen”. Das sollte euch zu denken geben….
Panem et circenses.