Können unterschiedliche Quantenwirklichkeiten uns beeinflussen?

Bild: CC BY-SA-3.0

 

Bekannt aus der Quantenphysik ist das fiese Gedankenexperiment Schrödingers Katze, mit dem der Physiker Erwin Schrödinger zu zeigen versucht, dass sich die Wirklichkeit auf der Ebene der Quanten von der auf der makroskopischen unterscheidet. In der Quantenmechanik ist ein Elektron in einem Atom nicht nur an einem Ort, sondern auch an anderen in einer Art Zwischenzustand bzw. einer Superposition. In Schrödingers Experiment ist eine Katze in einem geschlossenen Kasten, in der sich auch eine „Höllenmaschine“ mit einem radioaktiven Atom, einem Geigerzähler, einer Giftflasche und einem Hammer befindet. Wenn das Atom zerfällt, löst der Geigenzähler den Hammer aus, der die Giftflasche zertrümmert. Dann kollabiert die Superposition und die Katze nimmt einen eindeutigen Zustand an, sie stirbt.

In der Halbwertzeit, so eine Erklärung, zerfällt das Atom nur zu 50 Prozent. Es kann also zerfallen sein oder auch nicht. Für den Beobachter außerhalb erscheint auch die Katze in einem Zwischenzustand als lebendig und tot. Feststellen lässt sich der Zustand erst, wenn der Kasten geöffnet wird und eine Beobachtung bzw. eine Messung möglich ist. Dann ist die Katze nicht mehr in einem Zwischenzustand, sondern lebendig oder tot. Jedenfalls beeinflusst in der Quantenmechanik die Messung bzw. die Beobachtung als Interaktion mit dem Objekt dessen Wert, der davor nicht festgelegt ist.

Daran knüpft der Physiker Vlatko Vedral von der Universität Oxford in einem Artikel an. Er geht vom quantenmechanischen Beobachtereffekt aus, der gerne so verstanden wird, als ob der Beobachter das beobachtete Objekt verändert oder gar schafft, also die Katze sterben oder leben lässt. Das geht von der Wahrnehmung aus, dass wir durch Eingriffe in die materielle Realität diese aktiv verändern. Das aber ist nicht das, was auf der quantenmechanischen Ebene passiert, sagt Vedral. Schon eher soll es so sein, dass die Interaktion mit der äußeren Welt uns verändert bzw. wir in verschiedenen, verschränkten Welten leben.

Vedral gibt ein Beispiel. Ein Photon trifft auf eine Sonnenbrille von Bob. Es kann durchgelassen werden, auf das Auge treffen und einen neuronalen Impuls auslösen, so dass Bob Licht sieht. Es kann aber auch reflektiert werden, nichts in Bobs Gehirn auslösen und in eine unterschiedliche Realität führen. Beide Realitäten würden gleichzeitig existieren, auch wenn Bob bewusst nur eine wahrnimmt. Das gleicht also Schrödingers Katze. Weil aber Bob das Photon, das zu seinem Auge gelangt ist, beobachtet hat, ist es für ihn sinnlos zu fragen, warum er nicht der Bob mit dem reflektierten Photon ist, weil die Beobachtung ihn zu dem ersten Bob gemacht hat: „Wenn wir mit der Außenwelt interagieren, die sich in einer Vielzahl von Zuständen befindet, vollzieht sich die entscheidende Veränderung in uns selbst, nicht in der Außenwelt. Mit anderen Worten: Die Realität wirkt sich auf dich aus.“

Jetzt wird es allerdings strange. Bob könnte auch von dem Photon betroffen sein, das er nicht sieht. Theoretisch könne man eine Superposition schaffen und sie umkehren, es müsste sogar praktisch mit ausreichenden Ressourcen möglich sein, behauptet er. Dabei ginge es darum, einen Zustand zu schaffen, bevor das Photon auf die Sonnenbrille trifft und Bob eine Beobachtung macht, also in der Quantenwelt eine Superposition existiert: „Das bedeutet, dass beide Alternativen – dass das Photon entweder von der Linse reflektiert oder durchgelassen wird – existiert haben müssen und in einem verschränkten Zustand in perfekter Überlagerung vorlagen, denn andernfalls wäre der Endzustand nicht derselbe wie der Ausgangszustand. Das ist es, was wir unter Interferenz verstehen: Zunächst entsteht eine Überlagerung, die sich dann umkehrt. Ebenso müssen die Ergebnisse in beiden Zweigen der Realität innerhalb des verschränkten Zustands von Bob und dem Photon existiert haben. Die in Quantenobjekten kodierten Elemente der Realität sind grundlegend, und du – in dieser und anderen Realitäten – wirst jedes Mal geprägt, wenn du sie beobachtest.“

Fragt sich nur, wer dann „ich“ ist: derjenige, der das Licht sieht, oder derjenige, dessen Sonnenbrille das Photon reflektiert hat? Oder das Ich der Superposition?

Nach der Quantenverschränkung können zwei und mehr Teilchen ein System bilden, in dem Veränderungen in dem einen Teilchen unabhängig von der Entfernung das andere oder die anderen Teilchen beeinflussen. Aber könnten wir überhaupt davon wissen, fragt Vedral. Wobei ja auch die Frage wäre, ob die Superposition „existiert“ und nicht ein theoretisches Konstrukt ist, um zu erklären, warum die Beobachtung zu unterschiedlichen Ergebnissen kollabiert? Aber es bleibt natürlich interessant, ob es nicht viele, sich unendlich verzweigende Wirklichkeiten geben könnte, auch wenn wir nur in der einen Realität eingeschlossen sind, die wir durch unsere Beobachtungen verhärten?

Florian Rötzer

Florian Rötzer, geboren 1953, war Gründer des Online-Magazins Telepolis und von 1996 bis 2020 dessen Chefredakteur. Seit 2022 ist er Redakteur beim Overton Magazin. Er ist Autor mehrerer Bücher, zuletzt In der Wüste der Gegenwart, das er zusammen mit Moshe Zuckermann geschrieben hat.
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Ein Kommentar

  1. Ich habe da eine halbernste These im Zusammenhang:

    Initiationsriten sind häufig ähnlich dem Schema Schrödingers Katze, wenn auch mit viel größeren Überlebenschancen.
    Die Katze jedoch, die überlebt, befindet sich nach dem Experiment in einer nur zu 50% wahrscheinlichen Gegenwart wieder.
    Nach zwei solchen Versuchen kann man konstatieren dass die Katze nun ein unwahrscheinliches Leben in einer unwahrscheinlichen Welt führt.
    Damit hat sie die Welt der Magie und Wunder betreten.
    Was immer dort ungewöhnliches sonst noch passiert, es ist möglich, und während es in der Welt vor den weniger wahrscheinlich war ist es in ihrer Welt dannach wahrscheinlicher, da es eine wenig wahrscheinliche Welt ist. Denn Wunder und Magie sind nicht prinzipiell unmöglich sondern nur recht unwahrscheinlich.
    Je häufiger ein Mensch knapp mit dem Leben davon kam, desto mehr rutscht er in eine Welt der geringen Wahrscheinlichkeiten, in der Wunder und Magie häufiger sind als sie es in den wahrscheinlicheren Welten der Ungeschorenen der Fall ist.
    Das ist der Hintergrund von Initiationsriten, und warum manche, gerade Traumatisierte -aus Erfahrung !- zu „Aberglauben“ und Übernatürlichem neigen, der gewöhnliche jedoch nichts davon weiß.

    Qana, übernehmen Sie.

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