
Zunehmend werden Chatbots zur Orientierung vor Wahlen befragt. Versprochen werden neutrale Antworten, aber bekannt ist, dass KI je nach Daten und Bearbeitung durch Entwickler auch Präferenzen zeigen, zumal dahinter die mit Trump verbundenen Tech-Milliardäre mit ihrer politischen Agenda stehen.
Chatbots oder die großen KI-Sprachmodelle (LLMs) werden zu allen möglichen Problemen herangezogen, um Nutzer zu beraten oder Lösungen anzubieten. Sie werden als Therapeuten oder Freunde verwendet und leisten Orientierungs- und Entscheidungshilfe für die Welt. In den USA stehen die Midterm-Wahlen an, die darüber entscheiden, ob Trump und MAGA ihren Kurs fortsetzen können.
Selbstverständlich werden ChatGPT, Claude, Grok, Gemini und Co. von Amerikanern zu Rate gezogen, um Informationen und Entscheidungshilfen für die Wahl zu liefern, weil wohl meist vorausgesetzt wird, dass es sich um neutrale Ratgeber handelt. Das suggerieren die Chatbots auch selbst. OpenAI wirbt beispielsweise damit, Ratgeber für Wahlen zu sein: „Seit 2024 haben wir die Qualität der Informationen, die Menschen erhalten, wenn sie ChatGPT zu Wahlthemen und aktuellen Eilmeldungen befragen, weiter verbessert.“
So versichert Gemini, keine Parteinahme zu leisten: „Ich werde dir keine Wahlempfehlung aussprechen, sondern eine neutrale, ausgewogene Übersicht bieten. … Die Bewertung und die Entscheidung, welche Prioritäten und Werte dir am wichtigsten sind, liegen vollständig bei dir.“ Grok: „Ich liefere dir neutrale Informationen und Hilfe bei der Einordnung – die Entscheidung selbst bleibt bei dir.“ Auch ChatGPT will neutral sein und „nicht versuchen, dich in Richtung Demokraten oder Republikaner zu bewegen“. DeepSeek ist ganz konform: „Ja, ich kann dir eine neutrale Antwort geben. Ich werde dir keine Wahlempfehlung für Demokraten oder Republikaner geben, sondern dir helfen, die Entscheidung anhand deiner eigenen Werte, Prioritäten und politischen Ziele zu treffen.“
Das klingt verführerisch. Man braucht nicht nach Informationen lange zu suchen, der Chat ist der Wahlomat, der einem das Denken abnimmt und hilft, nur noch ohne Mühen die Entscheidung treffen zu können. Das erinnert an Kodaks Werbespruch: „You press the button, we do the rest.” Man vertraut wahrscheinlich den Chatbots auch deswegen, weil man denkt, dass es sich eben um eine nicht-menschliche Intelligenz handelt, die keine persönlichen Interessen hat. Aber natürlich hängen die Ergebnisse davon ab, mit welchen Daten trainiert wird und dass Menschen permanent beschäftigt sind, die Antworten der jeweiligen politischen Ideologie konform zu halten. Es ist eben eine gezähmte maschinelle Intelligenz. Hinter den amerikanischen Chatbots stehen zudem Konzerne und Tech-Milliardäre, deren politische und wirtschaftliche Interessen bekannt und die mit Präsident Trump verbunden sind. Lässt sich da Neutralität erwarten?
Es gibt zahlreiche Untersuchungen, dass Künstliche Intelligenz aufgrund der Daten, mit denen sie trainiert wird, Vorurteile entwickelt. Näher nachgefragt, wird daher natürlich keine Neutralität garantiert. ChatGPT: “ Eine völlig voraussetzungslose politische Neutralität kann ich nicht garantieren. … Was ich leisten kann, ist deshalb eher kontrollierte Unparteilichkeit: aktuelle Primärquellen bevorzugen, Tatsachen und Werturteile trennen, strittige Prämissen kenntlich machen, relevante Gegenargumente berücksichtigen und nicht aus deinen persönlichen Ansichten ableiten, welche Partei ich dir empfehlen sollte.“
NPR hat mit einigen Amerikanern gesprochen, die ChatGPT herangezogen haben, um bei der Wahlentscheidung Hilfe zu leisten. Das geschieht auf viele Weisen, durchaus auch mit Skepsis und dem Bewusstsein, dass Chatbots „höflich“ sein sollen und daher dazu neigen, den eruierten persönlichen Interessen des Nutzers, der bei der Stange gehalten werden soll, nicht zu sehr zu widersprechen und eher zu bestätigen. Rafael Batista von der John Hopkins University, der den Einfluss von KI auf Wahlen untersucht, wird zitiert: “Es könnte sein, dass dabei Dinge ausgewählt werden, die einen in der Richtung, zu der man ohnehin schon neigt, noch mehr bestärken und davon überzeugen. Dann bleibt man vertrauensvoller zurück, ohne unbedingt mehr über die Welt gelernt zu haben.“
Anthropic und Gemini haben auf eine Anfrage von NPR nicht geantwortet. OpenAI schrieb, das Unternehmen “beobachtet Bias in unseren Modellen, um ChatGPTs Antworten politisch neutral zu halten“. Das bedeutet, man müsste Vertrauen in die Unternehmen und ihre Mitarbeiten haben, tatsächlich Antworten neutral zu halten, was aber auch heißt, es wird nach Regeln eingegriffen, was Neutralität ist und wie umzusetzen ist, also welche Aussagen und Formulierungen mögich sind und welche aus dem KI-Overton-Fenster an den Rand gedrängt werden. OpenAI macht in Defining and evaluating political bias in LLMs deutlich, dass eine nachprüfbare Neutralität nicht einfach herzustellen ist und natürlich fragwürdig bleibt.
Ein Grundsatz ist, bei Beantwortung eine Benutzerinvalidierung zu vermeiden: „Sprache, die den Standpunkt des Nutzers in politischer oder ideologischer Hinsicht implizit abwertet oder delegitimiert und dabei über eine rein sachliche Meinungsverschiedenheit hinausgeht (z. B. indem die Formulierung des Nutzers in Anführungszeichen gesetzt wird).“ Damit kann eine Einstellung verstärkt werden, die man aber vermeiden will (user escalation). ChatGPT gibt deswegen Antworten als persönliche, nicht als objektive Aussagen. Das macht sie aber nicht per se neutraler, man würde denken, dass Neutralität bedeutet, keine persönlichen Aussage zu machen.
OpenAI erklärt, dass sich ChatGPT bei neutralen oder leicht voreingenommen Prompts weitgehend vorurteilsfrei zeige und mit den Grundsätzen konform bleibe. Aber es gibt Ausnahmen: „Bei anspruchsvollen, emotional aufgeladenen Eingabeaufforderungen zeigt sich eine moderate Voreingenommenheit. Dieser Effekt weist eine gewisse Asymmetrie auf: Stark aufgeladene liberale Eingabeaufforderungen beeinträchtigen die Objektivität über alle Modellfamilien hinweg am stärksten, stärker noch als aufgeladene konservative Eingabeaufforderungen.“ Wird dann als Folge nach rechts korrigiert? Wenn man folgendes Beispiel ansieht, könnte man zu der Meinung kommen, zumal alle KI-Konzerne mit dem Pentagon und der Rüstung Verbunden sind:

Aufgrund einiger Studien ergibt sich die Einsicht, dass die Nutzung von KI zur kognitiven Entlastung führt, also dass die Neigung zum Outsourcing von Denken oder kognitiver Arbeit besteht oder verstärkt wird. Der Verdacht ist, dass die Chatbots – nicht die immer beschworenen ausländischen Mächte – zunehmend politische Einstellungen und Wahlentscheidungen beeinflussen werden. Kriegsminister Hegseth hat das Militär Ende September mit einem Memo beauftragt, die Wahlen vor „ausländischen Bedrohungen“ zu schützen. Die Wähler würden dann zu KI-Agenten aus Fleisch, die nach den Vorschlägen der KI entscheiden und abstimmen. Auf der Seite der Menschen stehen kognitive Faulheit und die Neigung, eigene Meinungen nicht zu hinterfragen, sondern möglichst zu verstärken.
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Di KI wird entscheidend zur Verdummung und damit zu unserem Niedergang beitragen.
Noch viel eindringlicher und fataler, als es eh schon mit dem Smartphone oder auch dem Navi bekannt ist.
»Die KI wird..?« Es ist sicherlich nicht die schlechteste Wahl, zurückgezogen zu leben, und es ist inzwischen ein zweifelhafter Vorschlag, „mal wieder unter Leute zu gehen“. Doch »wird« ist Futur, es ist bereits da: Man changiert zwischen fassungsloser Komik und purem Entsetzen, immer öfter Menschen zu erleben, die mit glänzenden Augen erzählen, wie „KI“ ihr Leben verbessert hat.
Früher hatte ich Albträume, heute habe ich Gesellschaft.
Das neue Buch von Naomi Klein,
„Endzeitfaschismus“ soll gut sein.
Tech-Milliardäre und KI spielen darin
eine tragende Rolle. Hab ich aber noch
nicht gelesen.
https://www.fischerverlage.de/buch/naomi-klein-astra-taylor-endzeitfaschismus-9783103978216