Jugend als Avantgarde einer pazifistischen Kulturrevolution

Grafik aus der Schulstreikbewegung gegen den Kriegsdienst (Aufkleber, Archiv Friedrich Erich Dobberahn).

 

Gedanken zum kirchlichen und gesellschaftlichen Rückfall in die Kriegsbereitschaft.

[Vorbemerkung ǀ Der Verfasser (Jg. 2008) äußert sich als ein zum Wehr- und Kriegsdienstleisten aufgeforderter Jugendlicher. Er gehört zu den zahlreichen Schülern und jungen Leuten, die in ganz Deutschland gegen die erstarkende Militarisierung protestieren. Für die soeben erschienene Umdenkschrift III zum Evangelischen Diskurs über Krieg und Frieden“ hat er zusammen mit dem Theologen Friedrich Erich Dobberahn (Jg. 1950) den Beitrag „Das ist nicht unser Krieg“ verfasst, dem seine nachfolgenden Ausführungen entnommen sind.]

 

In der Auseinandersetzung mit der erstarkenden Militarisierung in unserem Land verstehe ich mich selbst als Kulturschaffenden, vor allem auf dem Gebiet der Musik, genauer der Komposition. Daraus entsprang für mich schon sehr bald eine ungeheure Mannigfaltigkeit der Erkenntnis, der ich auch politisch Ausdruck zu verleihen versuche. Für mich steht dabei immer der Mensch mit seiner Fähigkeit, kulturschaffend zu wirken, im Vordergrund. Je tiefgreifender ich jedoch hierbei vorgedrungen bin, desto mehr habe ich mich von der kindlich-naiven Position entfernt, man könne eben diesen Menschen nur durch staatliche Maßnahmen, inkl. Kriegsdienstverpflichtung, zum ethisch richtigen Handeln verhelfen.

Diese Erkenntnis wurde mir durch das Fehlverhalten nicht nur diktatorischer Regime, sondern sogar vermeintlicher Demokratien bestätigt. Ich weiß, dass ich nicht der einzige meiner Generation bin, der durch solcherlei Beobachtungen zu eben dieser Erkenntnis gelangt ist. Vielmehr ist doch zu bemerken, dass immer mehr Jugendliche durch die unsicheren Umstände, in denen wir uns zweifelsohne befinden, einen – wie das Buch Ole Nymoens („Warum ich niemals für mein Land kämpfen würde“, 2025) und andere Stimmen beweisen – stark zunehmenden Unmut ob der uns national und international beherrschenden Zustände äußern, der sie davon abhielte, jemals für dieses Land andere Menschen zu töten oder selbst getötet zu werden.

Traurigerweise schwindet seit einigen Jahrzehnten der Einfluss, den gerade die jüngere Generation auf diese Entscheidungen nehmen kann. Seit 1990 zeigt sich eine drastische Abnahme der Zahl der Wahlberechtigten im Alter von 18 bis 29 Jahren. Durch diese demografische Entwicklung geht die Stimme der Jugend und damit die Stimme unserer Zukunft allmählich verloren. Dieses Phänomen sorgt einerseits für Unbehagen, andererseits für Desinteresse in einer Generation, die durch größtenteils erfolgloses politisches Engagement, wie beispielsweise die Fridays-for-Future-Proteste, unserer Demokratie eher zynisch gegenübersteht, ohne gleichzeitig die Errungenschaften derselben zu leugnen. Aus dieser Ambivalenz entspringen Misstrauen und Kritik, die angesichts der aktuellen Entwicklungen hinsichtlich einer kommenden Wehrpflicht durchaus gerechtfertigt erscheinen.

Grafik des Bundesinstituts für Bevölkerungsforschung, 2025; Bild-Lizenz: CC BY-ND 4.0.

Wenn der ev. Theologiestudent Colum-Marley Thölen sagt: ‚Ich will unsere Lebensart schützen, meinen Beitrag zur Verteidigungsfähigkeit leisten und Soldaten und deren Familien schützen‘ (Celler Zeitung, 11.04.2026), so möchte ich, wie Ole Nymoen, bereits diesen von Thölen hervorgehobenen Aspekt ‚unsere Lebensart‘ hinterfragen, da ich ihn für einen Narrativ halte, in dem ein Idealbild unseres Gesellschaftswesens erzeugt wird, das mit der Realität nur wenig übereinstimmt. Die Bereiche, die unter diesen Aspekt fallen, werden meist als demokratische Grundrechte, politische Freiheit, ökonomischer Wohlstand und solidarisches Gemeinwesen angegeben. Dass für die Bundesrepublik, wenn überhaupt, diese Bereiche nur in eingeschränktem Maße gelten, das scheint man gemeinhin außer Acht zu lassen. Besonders auf Jugendliche in unseren Tagen wirken diese Worthülsen hohl. Steigende Lebenshaltungskosten, eine zunehmende Perspektivlosigkeit angesichts einer ungewissen Zukunft und nicht zuletzt der Klimawandel, der noch immer unsere Lebensgrundlage bedroht und gegen den bis zum heutigen Tag nur ungenügende Maßnahmen ergriffen wurden, sind einige der Ursachen für diesen Eindruck. Und wenn jetzt noch zu der Militarisierung, für die astronomisch hohe Finanzmittel mobilisiert werden können, die man ohne weiteres anderen überlebenswichtigen Bereichen entzieht, unsere Verdinglichung als staatliche Tötungswerkzeuge hinzu kommt und eine regierende, uns beherrschende, offenbar akut kriegsaffine, in Kirche und Gesellschaft etablierte Klasse uns zum ‚Kriegstüchtigkeits-Karrieresprung‘ zwingen sollte, kann der Widerstand gegen unsere von Thölen so als schützenswert angepriesene ‚Lebensart‘ nur noch stärker werden.

Bei Peter Bürger habe ich kürzlich im Abschnitt ‚Pazifismus im Ernstfall der Zivilisation‘ die Sätze gelesen: „Ohne einen kulturellen Quantensprung hin zum Weltfrieden ist – zumal seit Zündung der ersten Atombombe – eine Zukunft der menschlichen Gattung gar nicht mehr vorstellbar. Die einzige Alternative zu Jesaja, Micha und Jesus von Nazareth bestünde in unermesslichen Leiden, und einem künftigen Zeitalter der ‚Barbarei‘, das jedes Vorstellungsvermögen sprengt. […] Der springende Punkt ist doch, dass eine weitere Bewohnbarkeit der Erde unter Beibehaltung der militärischen Heilslehre im atomaren Zeitalter auf Zukunft hin gar nicht mehr vorstellbar ist.“ (Umdenkschrift II, S. 123)

Peter Bürger hat damit etwas grundlegend Wichtiges ausgesprochen, das auch schon von Stefan Zweig (1881-1942) ins Auge gefasst wurde, der 1939 hierzu insbesondere der Weltjugend die Parole mit auf den Weg gab: Kriegsgeschichte ist durch Kulturgeschichte zu ersetzen (St. Zweig: Zeit und Welt 1946, S. 292ff). Ähnlich appellierte auch Reinhold Schneider (Gesammelte Werke Bd. VIII, S. 215-220), worauf Erich Dobberahn mich aufmerksam machte, 1946 an die Jugend. Unter ‚kulturschaffend‘ verstehe ich daher den dringend notwendigen zentralen Impuls, der sich mit allen Disziplinen aus Kunst, Ethik, Theologie, Philosophie und Wissenschaft verbindet und sich gegen den kultur-, lebens- und zukunftszerstörenden Krieg engagiert, um unser Recht auf Leben zu sichern.

Was hier den Riss zwischen den Generationen angeht, erinnerten Erich (76) und ich uns an das ‚War Requiem‘ Benjamin Brittens (1913-1976). Im Offertorium dieses Requiems (1962) vertonte Benjamin Britten ‚The parable of the old man and the young’, ein Gedicht von Wilfred Owen (1893-1918). Dieses Gedicht erzählt die bekannte biblische Geschichte von Isaaks Fesselung (1. Mose = Genesis 22,1-13). Als Abraham das Messer erhebt, um seinen Sohn Isaak zu schlachten, erscheint ein Engel und ruft ihm zu: „Abraham! Abraham! Lege deine Hand nicht an den Knaben und tue ihm nichts!“ Dann aber nimmt die Handlung in Owens Gedicht eine verheerende Wendung (Die Erbärmlichkeit des Krieges. Berlin 2014, S. 71):

 

When lo! / an Angel called him out of heaven, /
Saying, Lay not thy hand upon the lad. /
Neither do anything to him, thy son. /
Behold! Caught in a thicket by its horns, /
A Ram. Offer the Ram of Pride instead. //

But the old man would not so, but slew his son, /
And half the seed of Europe, one by one.“

[= Als, Siehe! ihn ein Engel anrief aus dem Himmel, /
Und sprach: Leg deine Hand nicht an den Knaben, /
Noch tu ihm, deinem Sohn, ein Leids, /
Siehe! Ein Widder hat sich mit den Hörnern im Gedörn verfangen; /
Opfre des Stolzes Widder an seiner statt. //
Aber der Alte wollte nichts hören, erschlug sodann, /
Den Sohn und halb Europas Samen, Mann um Mann.‘
]

 

Man mag dieses Offertorium für zu überzogen halten. Aber eine solche Kinderopfer-Totenmesse spielt sich heute mehr denn je auch im Kopfkino unserer jungen Generation ab. Und das sollte möglichst viele Jugendliche in den kriegführenden Staaten unserer Welt zum kollektiven Widerstand gegen den Krieg überhaupt zusammenschweißen! Das wäre in der Tat bereits ein Ausgangspunkt für jenen ‚kulturellen Quantensprung‘, den Peter Bürger beschreibt. Mit ihm könnten wir, wenn wir den „Karrieresprung: Soldat-Veteran-Kriegsveteran-Kriegsheld“ (s.o. die Abbildung) massenhaft verweigerten, die uns sonst unerreichbaren Elite-Profiteure in Staat, Kirche und Wirtschaft, sowie die „genasführten Kleinbürger“, wie Enzensberger sie, wenn auch etwas überspitzt, charakterisierte, irritieren, verunsichern und ihr Arsenal der Phrasen durcheinanderbringen.

Kriegsprofiteure und Scharfmacher mit den Mitteln der Kultur aus der Fassung bringen

Erich zeigte mir zu den Versen Enzensbergers das in seinem Besitz befindliche Original einer Karikatur von Alfred Beier-Red (1902-2001), die am 3. November 1946 im „Neuen Deutschland“ erschienen war:

Die Profiteure und Scharfmacher auf den teuren Hotelterrassen und Golfplätzen. – Tuschezeichnung von Alfred Beier-Red, Blatt-Maße: ca. 25 x 32,5 cm; Original, signiert (Privatbesitz: Friedrich Erich Dobberahn). Erschienen am 03.11.1946 im Neuen Deutschland mit dem Vers: ‚Krieg? Was wollen die mit Gemunkel, der Krieg sei nicht allzu fern? / Dafür gibt’s nur eine Erklärung: Sie möchten ihn herzlich gern!‘

Es gilt, die Profiteure und Scharfmacher mit den Mitteln der Kultur aus der Fassung zu bringen! Ein besonders eindrückliches Beispiel für diese Form des Aufbegehrens mithilfe einer von Grund auf universell geltenden Menschenliebe, der durch Musik eine Stimme verliehen wird, ist die Aufführung der Neunten Symphonie Beethovens durch Wilhelm Furtwängler (1886-1954), Hitlers Vorzugsdirigenten, den Thomas Mann einen ‚Lakaien‘ schalt, am Vorabend des „Führergeburtstags“ 1942 mit den Philharmonikern in Berlin. Der Kontrast zwischen dem Konzertprogramm und der bitteren Realität hätte größer kaum sein können. Die Tatsache, dass in einem Staat, dessen Regime zum selben Zeitpunkt der gesamten Welt den Krieg erklärt hat und einen der grausamsten Völkermorde der Menschheitsgeschichte begeht, Beethovens epochales Werk mit dem Text aus Schillers „Ode an die Freude“ zu Gehör gebracht wird, kann auch an einem Reichspropaganda-Minister Joseph Goebbels nicht spurlos vorbeigegangen sein. Einen Eindruck von der Irritation, die dieses Schauspiel in eben diesem Propaganda-Minister ausgelöst haben muss, vermittelt der durchaus angespannte Gesichtsausdruck, der auf den Filmaufnahmen wie in einer Zeitkapsel für die Nachwelt festgehalten wurde. Während in schönster Harmonie das „Alle Menschen werden Brüder …!“ erklingt, presst Dr. Goebbels seine Lippen verkrampft aufeinander, vermutlich, um angesichts dieser nun offengelegten ethisch-moralischen Niederlage seiner Ideologie, nicht die Fassung zu verlieren. Vielsagend auch die Mimik Furtwänglers, als Goebbels ihm angesichts dieser Niederlage, die 1942 leider viel zu spät unübersehbar wurde, die Hand schüttelt.

Statt irgendwann brav zu salutieren, zu parieren und zu eliminieren, wie es manch einer wohl gerne früher als später sehen würde, muss die Devise der aufkeimenden Avantgarde einer freien internationalen Jugend ein konsequentes friedenspolitisches ‚Kulturschaffen‘ lauten, das früh genug die humanen Widerstandskräfte gegen das Hineinschlittern in widermenschliche Kriegsmaßnahmen heraufbeschwört und festigt. Die hohen kulturellen Güter, mit denen wir ein Gegengewicht aufrichten können gegen die drohende barbarische Entwertung der Menschenwürde, müssen präventiv, aber auch noch im Krieg wachgehalten werden, um Zeichen des Widerstands zu setzen und das Ideal unserer Aktion am Leben zu erhalten.

Ein klarer Kurs ist in diesen Zeiten notwendig! Es gilt, keine Zeit zu verlieren! Was bezwecken denn unsere heutigen Politiker eigentlich, wenn sie seit 2022 von „Zeitenwende“ reden? Wollen sie eine geeinte Welt oder eine zerstörte? Klaus Mann nahm zu dieser brennenden Menschheitsfrage Stellung – in einem eminent politischen Sinne, geleitet von den Prinzipien der Humanität und realistischer Vernunft. Er forderte: „Es bedarf klarer Orientierung. Wir können uns für die richtige Richtung entscheiden oder für die falsche. Die falsche wird immer falscher, wird immer gefährlicher“ (Friedrich Albrecht: Nachwort, in: Klaus Mann, Der Wendepunkt – ein Lebensbericht, 2. Auflage 1979, S. 704).

Mir geht es als Kulturschaffendem darum, mit meinem Musizieren, Arrangieren und Komponieren die kulturelle, nicht militärische „Wehrhaftigkeit“ des Friedens zu unterstützen, auch wenn Klaus Mann die Chancen dafür als verzweifelt gering einschätzte, als er inmitten der mörderischen NS-Kulturbarbarei am 13. März 1942 schrieb: „Wird aus solchen Kriegen eine Welt entstehen können, in der Menschen unserer humanen Art leben und wirken können? Menschen unserer Art, Kosmopoliten aus Instinkt und Notwendigkeit, geistige Mittler, Vorläufer und Wegbereiter einer universalen Zivilisation werden entweder überall zu Hause sein oder nirgends. In einer Welt des gesicherten Friedens und der internationalen Zusammenarbeit wird man uns brauchen: in einer Welt des Chauvinismus, der Dummheit, der Gewalt gäbe es keinen Platz, keine Funktion für uns.“

Auch wenn augenblicklich erneut die Gefahr droht, dass sich in Europa Regime, Militärcliquen, Wirtschaftsbosse und sogar Kirchen etablieren, die damit anfangen, auch Sparten unserer Kultur und Kunst, Theologie und Wissenschaft zu Exponenten der monopol-kapitalistischen und imperialistischen ‚Lebensart‘ umzudrehen und uns damit auf den abschüssigen Weg des Glaubens- und Kulturverfalls und an den Rand eines Kriegsabgrunds lenken wollen, lasse ich mich von ihnen nicht entmutigen. Rettung, Erhaltung und Entwicklung der ethisch fortschrittlichen Kultur, Wissenschaft und Kunst müssen viel mehr Grundaufgaben aller Organe unserer freiheitlich demokratischen Ordnung sein, anstatt zugunsten von Kriegs-Sonder-Schulden kaputtgespart zu werden.

Die unübersehbare politische und kirchliche Kriegswilligkeit, mit der den kriegsaffinen Profiteuren und Scharfmachern zugearbeitet wird, muss mit der konsequenten Ausbildung aller geistigen, religiösen, ethischen, philosophischen und künstlerischen Anlagen und Kräfte kulturschaffend bekämpft werden in Richtung einer geistig resilienten Friedenskultur. Wir müssen in der augenblicklichen Situation Europas den Weg eines friedensengagierten Humanismus wiederfinden und beschreiten, um Staat, Wirtschaft, Technik, Politik und Kirche aus der Umklammerung von Macht-, Expansions- und Kriegsideologien zu befreien, um so die Kulturgüter des Friedens in allen Daseins- und Bildungsbereichen zum vorrangigen Besitz aller unserer europäischen Nationen, ja aller Nationen dieser Erde zu machen. Die Alternative zu dieser Entwicklung wäre verheerend für den Fortbestand der menschlichen Art.

Kammermusik-Suite „Soldatenleben“

Zu meiner Suite ‚Soldatenleben‘ (vom New Yorker Ensemble „Tactus“ am 9.11.2025 in Magdeburg uraufgeführt) möchte ich noch folgende Informationen geben, um den Bezug zu meinem eigenen Schaffen herzustellen. Dieses Werk illustriert zwar auf einer weniger rational fassbaren Ebene die Schrecken des Krieges, aber weil selbst Millionen von Silben, Wörtern, Sätzen, Kapiteln, Büchern und Bibliotheken das wahre Ausmaß der Kriegswirklichkeit in all ihrer perversen Grausamkeit durch keine noch so große intellektuelle, historisch-wissenschaftliche, auch lyrische und poetische Anstrengung reproduzieren können, ist es notwendig, ergänzend und verstärkend auch die universal verständliche Stimme der Musik kulturschaffend gegen den Krieg einzusetzen. Die Musik ‚friert‘ nicht wie ein Buch die gegenwärtigen und kommenden Schrecken des Krieges geschichtlich ‚ein‘, sondern ‚taut‘ das Geschehende zu einem großen Ganzen jenseits der Sprache und einzelner konkreter Ereignisse ‚auf‘ (Jeremy Eichler: Das Echo der Zeit – Die Musik und das Leben im Zeitalter der Weltkriege. Stuttgart 2024, S. 21ff.).

Die Emotionalität der Musik vermag durchaus die Grausamkeit Millionen herzzerreißender Einzelschicksale – Soldaten ohne Arme oder Beine, mit leeren Augenhöhlen oder halben Gesichtern – mehr als jedes Buch symbolhaft und allgemein mitfühl- und erlebbar abzubilden, ohne sich um historische Fragen des genauen Alters, der Nationalität oder anderer Nebeninformationen, die beispielsweise für einen Geschichtsschreiber wichtig wären, zu kümmern. Sie vermag auch, das große Ganze des Krieges, die ins schier Unermessliche gesteigerte Formlosigkeit desselben kompositorisch aufzuschließen. Zwar bleibt immer noch die Schwierigkeit der Unnahbarkeit des wahren, historisch erlebten Schreckens vorhanden. Der Komponist kann aber doch im Medium der Unmittelbarkeit von Klängen, Unaussprechliches, unübersetzbare Wahrheiten ausdrücken, selbst wenn er nur pars pro toto die Lebensgeschichte des Menschen schlechthin im Krieg musikalisch aufzeichnen will.

So habe ich z.B. im letzten Satz meiner Suite ‚Schützengraben‘ gerade nach einer Formsprengung gesucht, mit der ich die gespenstischen Vorboten eines neuen Kriegs-Zeitalters auflodern lasse, den Zusammenhang mit den Schrecken von Jahrhunderten herstelle und bestrebt bin, in der emotionalen Unmittelbarkeit der Klänge unser Inneres zu durchdringen und zur Resonanz zu bringen. Der Beginn des Satzes versetzt den Hörer direkt ins Geschehen. Eine hohe Piccoloflöte zerreißt wie eine Pfeife, die die Soldaten zum Angriff ruft, die Stille. Unbarmherzige Donnerschläge im Klavier, wie feuernde Geschütze, dazu niederstürzende Geigenglissandi, die sich im prasselnden Schrapnellregen der kleinen Trommel auflösen. Instrumente, die einst die ambivalente Gefühlswelt des jungen Soldaten durch Regiments-Kling-Klang, aber auch nachdenkliche, fast melancholische Momente illustrierten, entarten immer mehr zur seelenlosen Maschinerie des Krieges und verstoßen somit gegen ihren wesenseigenen Instrumental-Charakter.

In meiner Kammermusik werden Flöten zu Gewehrläufen, der Klavierkorpus wandelt sich zum schweren Mörser-Geschütz, und so wird symbolhaft geschildert, wie auch die Kultur sich in Zeiten des Krieges dem einen Zweck, dem Überlebens- oder Angriffskampf der jeweiligen Nation unterordnen muss. Als „Echo dieser Zeit“ erreicht das namenlose Entsetzen seinen Höhepunkt am Ende des Satzes. Luftströme in den Flöten und tonloses Streichen an der Schnecke in Cello-, Viola- und Violinenstimmen, dazu das leise durch einen Kontrabassbogen in Schwingung versetzte Tamtam, langsam in Stille ersterbend.

Diese sich zuletzt öffnende, gähnende Leere, hohl und gebrochen, ist das, was der Krieg in meinen Augen überall dort zurücklässt, wo er sein Wüten auf das friedliche Leben der Ahnungslosen, zu denen ich mich Gott sei Dank bisher zählen konnte, herabwalzt. Ein Mensch, für den das Töten und Sterben zum Alltag geworden ist, läuft Gefahr, allein aus Selbstschutz irgendwann sein innerstes Hoffen zu verlieren, aus Verzweiflung seinem Glauben an eine Weltbesserung abzuschwören, bis dass schließlich auch irgendein Krieg ‚sein Krieg‘ geworden sein könnte. Mit jeder abgefeuerten Kugel, mit jedem Schmerzensschrei, mit jedem Todeskrampf, der sich vor seinem Auge ereignet, und auch das versuche ich zu illustrieren, droht ihm, in solch’ trostlosem Ende unterzugehen. Aus dieser Gefahr aber retten uns Kunst und Kultur. Mit der Suite „Soldatenleben“ will ich den Zuhörer alarmieren und ihn aus dem Absturz in Verzweiflung, Abstumpfung und aus schließlicher Apathie und Gleichgültigkeit zurückholen.

 

Quellennachweise und Fußnoten in der Erstveröffentlichung des Textes ǀ Umdenkschrift III zum Evangelischen Diskurs über Krieg und Frieden. Texte zur EKD-Kontroverse und Ökumenische Friedensstimmen. – Dritte Sammlung. Herausgegeben von Peter Bürger, im Auftrag der Solidarischen Kirche im Rheinland und des Ökumenischen Instituts für Friedenstheologie. Hamburg 2026, S. 200-211. ISBN 978-3-6957-8405-9-

ZUM VERFASSER

Ismael Mizel (Jg. 2008), geboren in Celle, ist Schüler des Christian-Gymnasiums in Hermannsburg und setzt sich interdisziplinär mit historischen und zeitpolitischen Fragestellungen auseinander. Dabei nimmt er immer wieder Bezug auf seine musikalische Tätigkeit. Seine Kompositionen wurden beim „Bundeswettbewerb Jugend komponiert 2025“ und beim „Landeswettbewerb Jugend komponiert Sachsen-Anhalt 2025“ mit Förderpreisen prämiert, und er ist Preisträger des Stiftungspreises 2025 der Werner-Jahn Stiftung.

Ein Beispiel für sein Engagement auf dem Gebiet der Erinnerungskultur, die unmittelbar mit der von Mizel propagierten Friedenskultur zusammenhängt, sind die Anne-Frank-Friedenstage 2023 in Bergen im Landkreis Celle, an denen er musikalisch mitwirkte, indem er unter anderem eine Zwischenaktsmusik für einen Szenenwechsel komponierte. Außerdem ist er Mitglied der Geschichts-AG seiner Schule, die mit einem Podcast zur 68er-Revolution den niedersächsischen Medienpreis 2022 in der Kategorie „Schulinternetradio“ gewann. Nachdem die Kammermusik-AG des Christian-Gymnasiums eingestellt worden war, rief er das „Schülerensemble“ ins Leben, das seit der letzten Vorweihnachtszeit regelmäßig in Schulkonzerten zu hören ist.

Aufgrund seiner politischen Tätigkeit ist er des Öfteren auf Podiumsdiskussionen und Gedenkveranstaltungen anzutreffen, so etwa am 9. Dezember 2025 bei der Diskussionsrunde zum Thema „Zurück zur Wehrpflicht“ in Hermannsburg, zu der unter anderem der Wehrbeauftragte des deutschen Bundestags Henning Otte und der Influencer Simon David Dressler geladen waren. An der Organisation des Schulstreiks gegen eine kommende Wehrpflicht am 5. März 2026 in Celle war er als Mitglied der Linksjugend [‘solid] maßgeblich beteiligt.

 

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Ein Kommentar

  1. Achtung, Nachwuchs!

    Solange ihr glaubt, ihr seid in eurer „Demokratie“ im Kriegsfalle besser dran als eure Altersgenossen in den Diktaturen“, wird euch ein böses Erwachen nicht erspart bleiben. Sorry.

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