
„Adel verpflichtet“, heißt es so schön. Doch auch der Bürger, der Handwerker und der Bauer konnte sich einst nicht allein auf die Kür fokussieren. Auf jene warteten gleichsam Obligationen: etwa die Aristokratie und ihre Statussymbole anzuerkennen, zu bewundern, zu fürchten.
Diese Ordnung geriet mit der Amerikanischen und Französischen Revolution ins Wanken. Aufgeschreckt durch die Umstürze konnten die Adelshäuser im 19. Jahrhundert politische Revolutionen in Europa zwar weitgehend eindämmen oder niederkämpfen.
Eine andere Umwälzung war jedoch nicht zu stoppen – die „Industrielle Revolution“. An dem Start und der Entwicklung des Maschinenalters beteiligten sich auch Vertreter der Aristokratie und profitierten materiell, während ein Teil des Landadels das Nachsehen hatte und verarmte. Als Folge verfielen einige ihrer Gutshäuser. Oder, was vielleicht für manche Blaublüter weit schlimmer war, sie wurden von aufsteigenden bürgerlichen Fabrikanten aufgekauft.
Aber auch die verbliebenen weiterhin bewirtschafteten Wohnsitze des Adels erfuhren einen Wandel, einen symbolischen wie schmerzlichen – ihr Status schwand.
Die Aura der Macht, das Respektheischende, was früher von Burgen, Schlösser und Palästen ausging, ging teils auf Rathäuser, aber vor allem auf Bahnhöfe und Fabriken über – jene wurden zu „neuen“ Herrenhäusern und auch entsprechend prachtvoll gebaut. Man denke nur an den Bahnhof in Antwerpen oder in Dresden und die Fabrikanlagen in Lodz.
Später kam ein weiteres Gebäude mit Statussymbolik hinzu – dank der technischen Entwicklung, wie der Einführung der Rotationsdruckmaschinen, der Möglichkeit „Lichtbilder“ abzudrucken und der Liberalisierung des Anzeigengeschäfts wurde aus der Zeitung ein Massenmedium, verbunden mit Macht und Geld.
Die Sitze von Verlagen waren etwas schlichter gehalten und eingerahmt durch andere städtische Gebäude, wie das Jugendstil-Gebäude des „Berliner Tageblatts“ oder der klassizistische Bau des „Nürnberger Generalanzeiger“, dem Vorläufer der „Nürnberger Zeitung“. Erinnert sei auch an das Haus der „Vossischen Zeitung“, dem einst überregionalen Blatt des liberalen Bürgertums – geschmückt mit vielen Ornamenten und Emblemen.
Der Sinn der Nobilitierung
In dieser Zeit des Umbruchs, des Ab- und Aufstiegs, der Konkurrenz wie Kooperation zwischen Adel und aufstrebenden Bürgern, dem „Geldadel“, kam der Nobilitierung eine wichtige Rolle zu. Eine Praxis, die bereits im Mittelalter gehandhabt wurde – verdiente Nichtadlige konnten in den Adelsstand gehoben werden. In der Zeit der industriellen Revolution nahmen diese Statuserhöhung zu.
Denn der wirkliche gesellschaftliche Aufstieg war Ende des 19. Jahrhunderts immer noch mit dem Adelsstand verbunden, wenn sich auch das bürgerliche Selbstbewusstsein wuchs. Diese Aufstiegsoption erstreckte sich nicht allein auf Fabrikanten.
In Österreich sprach man von der „Zweiten Gesellschaft“, dazu gehörten nobilitierte Beamte und Geschäftsleute, getaufte Juden, die nicht zum „gemeinen Volk“ gehörten, sich jedoch der „Ersten Gesellschaft“, dem traditionellen Adel unterordneten. Jener reagierte auf die neuen Aufsteiger zumeist mit Abgrenzung, es war das Zeitalter der „Parvenüs“, die sich mit Leistung und Willenskraft nach oben kämpften und welchen die Aristokratie generell die Klasse absprach.
Angst und Sorge herrschten auf beiden Seiten. Der Aufsteiger bangte, abgewiesen zu werden, etwa die Visitenkarte mit einem Knick zurück zu erhalten. Denn Einladungen zu gesellschaftlichen Anlässen waren von großer Bedeutung, sie entschieden über Sein oder Nichtsein. Auf der anderen Seite fürchtete die Aristokratie die Konkurrenz, die Gefahr, an Bedeutung zu verlieren, die Auflösung der alten Ordnung.
Literaten wie Artur Schnitzler, Hugo von Hoffmannsthal und Thomas Mann haben diese Konflikte beschrieben und Marcel Proust sprach von „Kaskaden der Verachtung“, welche die französische Aristokratie vor der aufsteigenden Bourgeoisie aufgetürmt haben sollte; vielleicht waren es gleichzeitig auch „Kaskaden der Angst und Panik“.
Als Mittel der Abgrenzung wie Abwertung der „niederen“ Klasse galt übrigens gern der Ausdruck „nicht satisfaktionsfähig“, der noch heute in schlagenden Studentenverbindungen im Gebrauch ist. Eine Vorstellung, dass ein Vertreter der gehobenen Gesellschaft keinen Mann unter seinem Stand zum Duell herausfordern darf – zu niedrigstehend für das ritterliche Messen mit dem Florett oder dem Glockenschläger.
Neue Formen der Aristokratie
Wie entwickelte sich die neue Aristokratie, die Medienvertreter und die Zeitungsbesitzer? Unter anderem im Verbund mit der Politik. Etwa beim „Verein Berliner Presse“, einer Vereinigung von Literaten und Journalisten, die sich anfangs in Biergärten und Cafés trafen, später Bälle organisierten und deren Vereinigung sich zu einer festen Institution der Hauptstadt und einer Möglichkeit des Austausches zwischen Politik und Presse entwickelte.
Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde die Organisation als Berliner Presse Club neu gegründet, bei der nur Mitglied werden konnte und kann, der eine Empfehlung erhielt.
Und als sich in der Nachkriegszeit führende Journalisten und Politiker beim vertraulichen Plausch zusammentaten, waren etwa Frauen noch nicht gesellschaftsfähig. Bei diesem Austausch oder auch „Handel der Informationen“ blieb und bleibt das Gesagte in der Gemeinschaft des Presseclubs. Dabei schwindet naturgemäß die Distanz zwischen Politikern und Journalisten und es vergrößert sich der Abstand zu denjenigen, welche nicht teilnehmen können, den Lesern, Hörern, Zuschauern. Und Wählern.
Eine Gesellschaft mit ihren eigenen Regeln, bei der auch das Eingeladenwerden von so großer Bedeutung ist.
Rund 33 Presseclubs, also Kooperationen zwischen Journalisten und Politikern, gibt es in Deutschland. Eine wichtige Abmachung dieser Verbindungen nennt sich „Unter drei“. Ein allein in Deutschland existierender Code.
„Unter drei“ bedeutet, aus dem Gespräch darf nichts nach draußen dringen, bei „unter zwei“ gilt das Zitat als freigegeben, nicht jedoch der Name des Politikers, nur wenn die Aussage als „unter eins“ angekündigt wird, dürfen Ross und Reiter genannt werden.
Die meisten Treffen mit Politikern, die nicht im Rahmen eines Interviews oder einer Pressekonferenz stattfinden, laufen „unter drei“. Wer sich nicht daran hält, bleibt darauf von den Hintergrundgesprächen in den Parlamenten, in Presseclubs oder in einer Botschaft oder zu sonstigen Anlässen ausgeschlossen. In höfischer Sprache heißt dies „in Ungnade gefallen“. Das Schlimmste, was etwa im Barock einem Mitglied des Hofstaates passieren konnte.
Der Sog des Zugehörigkeitsgefühl ist jedenfalls stark: Soll man der Einladung eines wichtigen Politikers zum Mittagessen folgen, wenn selbstverständlich alle Gespräche vertraulich sind? Soll man mit zum Absacker in die Hotelbar gehen, wenn man dazu eingeladen wird und der Politiker eine entsprechende joviale, einladende Handbewegung macht? Und man dann noch mehr erfährt, womöglich Persönliches.
Fest steht, wenn es in dieser Verbindung zu einem Vertrauensbruch kommt, kann dies fatale Folgen haben.
Als Armin Laschet im Sommer 2021 Kanzler-Wahlkampf betrieb. Zog er mit seinem Hofstaat aus Pressevertretern und christdemokratischen Gefolge weiter durch die Lande und einige Tage später gab es in dieser Melange einen Bruch – ein Politiker steckte einem Spiegel-Vertreter, dass der Kanzlerkandidat „in den Tag hinein lebe“ und dergleichen mehr.
Kabale bei Hofe, wie zur besten Barockzeit.
Wer übrigens mehr über Verflechtungen, Auf- und Abstiege innerhalb der Medienwelt erfahren will, der greife zum Kress-Report, eine Art Äquivalent zum Gothaer Adelskalender.
Die hier bemühten Adelsvergleiche drängen sich besonders bei den Öffentlich-Rechtlichen auf, auch da deren Vertreter innerhalb der Medienwelt der höchste Status zugerechnet wird. Grundsätzlich gilt: Weltweit gibt es in größeren Ländern zwei Deutsche Botschaften – die des deutschen Staates und die der Medienvertreter der ARD, welche auch Empfänge geben.
Den Vergleich zu konkurrierenden Fürstentümern legen die Eifersüchteleien zwischen den unterschiedlich reichen Landessendeanstalten nahe; und ja, die GEZ kann gern als Nachfolger der Feudalrente, des „Zehnts“ gesehen werden. Gleichzeitig erscheint durch die Machthöhe und die Strukturen von ARD und ZDF die Distanz zwischen deren Vertretern und den Regierungspolitikern am geringsten.
Die Welt der Zeitungsmacher mutet etwas bescheidener an. Wer sich heute den Sitz eines solchen Verlags anschaut, wird kaum auf die Idee kommen, dies rein vom Optischen mit einem Palast zu vergleichen. Die Gebäude sind oft schlicht gehalten, kastenförmige Nachkriegsbauten mit viel Glas. Wobei, wenn ich an die neunziger Jahre denke, flößte mir damals ein solches Gebäude durchaus Respekt ein, vor allem bei Dunkelheit, wenn die Menschen an ihren Schreibtischen zu sehen waren, nahbar wie unnahbar zugleich. Und auf dem Dach des Verlages leuchtete der Name der Zeitung in großen Neon-Lettern: auch ein Emblem der Macht.
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„Die Ukraine steht am Rande des Untergangs“: Julija Mendel, Selenskyjs Ex-Pressesprecherin plädiert für Gespräche mit Russland.
“ Diese Rede hielt Julija Mendel, am EU-Parlament in Strassburg am 16. September 2026. Sie wurde zugeschaltet, nachdem ihr der Zugang am selben Tag verweigert worden war. Ebenso hat die EU ihre Dolmetscher angewiesen, ihre Rede in englischer Sprache nicht zu übersetzen. Wir dokumentieren daher die Rede von Julija Mendel im Wortlaut und übersetzt.“
https://weltwoche.ch/daily/die-ukraine-steht-am-rande-des-untergangs-julija-mendel-selenskyjs-ex-pressesprecherin-plaediert-im-eu-parlament-fuer-gespraeche-mit-russland/
Kommt Mendel jetzt auch auf die Sanktionsliste der EU? Auf der Kiews steht sie ja bereits….
Der Abgrund kommt näher….