Jenseits von Eden

Bild: Marco Verch/ccnull.de/CC BY-2.0

 

Die gegenwärtige Misere der Friedensbewegung ist in einer ganzen Reihe von klugen Texten mit akademischer Präzision seziert worden. [1] „Wenn meine Mitarbeiter mit einem Problem zu mir gekommen sind, habe ich sie gefragt: Habt ihr auch eine Lösung?“,  hat mir kürzlich jemand erzählt. Im technischen Bereich erkennt man schnell, ob es sich tatsächlich um eine Lösung handelt oder um Geschwätz. Sonst ist das nicht so einfach. Wer sich immer in den gleichen Dunstkreisen bewegt, kann das oft nicht mehr voneinander unterscheiden. So wird das nichts. Da ist nur heiße Luft, da ist kein Dampf, da entsteht kein Druck.

Wenn unsere Argumente und Diskussionen so gesichtslos und blutleer geworden sind, dass sie nicht mehr von den Artefakten einer künstlichen Intelligenz zu unterscheiden sind, „dann haben wir umsonst gelebt“ [2]. Text und Titel dieses alten Schlagers treffen es genau: Wir sind „jenseits von Eden“, ob mit oder ohne Geld. Die innere Leere wird mit stumpfen Parolen gefüllt – als hätten Schuldzuweisungen jemals Streit und Krieg beendet. Wenn wir nur noch über Gebiete und Geopolitik reden, kann es keinen Frieden geben. Wenn Menschlichkeit und Mitleid nur noch als peinliche Betriebsstörung wahrgenommen wird, dann haben wir aufgehört Menschen zu sein. Wenn wir Frieden wollen, müssen wir das kalte Kalkül der herrschenden Klasse vergessen und uns auf uns selbst besinnen, auf uns Menschen, auf die gepeinigten Kreaturen, die unter dem Krieg leiden. Denn um die geht es. Nur um die!

Wir müssen wieder raus ins Leben. Nur das Leben kann uns den Weg zum Frieden zeigen. Letzte Woche habe ich Andreas E., einen Obdachlosen, über den ich schon berichtet habe [3] in die Notaufnahme begleitet. Seine Beine waren brandig bis zu den Knien und stanken entsetzlich. In der Nacht zuvor hatte er versucht, sich mit einer Überdosis das Leben zu nehmen. Apathisch saß er der hagere 2-Meter-Mann in einem Stuhl. Mit seiner dunklen Kapuze sah er aus wie ein Christus, von El Greco gemalt. Die Ärztin war zunächst barsch, verhörte ihn im Ton eines Feldwebels. Da sagte ich zu ihr: „Mein Vater war mal in einer ähnlichen Lage, damals, in der Gefangenschaft. Eine russische Ärztin kam an sein Bett und sagte zu ihrem Kollegen: „Wenn ich Penizillin hätte, könnte ich ihn retten.“ Sie hat ihn gerettet, nicht mit Penizillin, aber mit ihrer Empathie. 91 Jahre ist er geworden“, stieß ich am Ende hervor; Tränen waren mir aus den Augen geschossen. „Ja, die Empathie ist uns verloren gegangen“, antwortete die Ärztin und war dann sehr freundlich, hat mir geholfen die beiden Koffer von Andreas E. aus dem Behandlungszimmer zu tragen. Jetzt ist er auf Station. Man kann nur beten, dass er seine Beine behält. In jedem Fall wird uns das Gebet verbinden, ein Gedanke der uns fremd geworden ist.

Vor kurzem besuchte uns Amin, ein guter Freund unseres Sohnes Alex. Amin hat iranische Wurzeln. Im Laufe der Jahre ist er auch unser Freund geworden. Er hatte das „Elixier der Liebe“ [4] mitgebracht, ein Buch über „die mystische Welt des Radschab Ali“, der im letzten Jahrhundert im Iran bescheiden als Schneider gelebt hat und dort als weiser Mann verehrt wird. „Ich weiß, dass du dieses Buch lesen wirst“, sagte mir Amin, „und würde gerne deine Meinung darüber hören.“ Was ich jetzt schon sagen kann: Es enthält mehr von der Botschaft Jesu als die jüngsten Sophistereien der evangelischen Kirche zum Thema Frieden. [5]

Was ist die Lösung? Machen wir uns nichts vor. Die Karawane zieht ohne uns weiter. Etwas anderes lässt die Selbstverliebtheit aller politischen Akteure nicht zu. Das ist offenbar eine Krankheit, die jeden befällt, der nur ein bisschen in der Öffentlichkeit steht, so wie wenn man in der Sonne braun wird. Auch die Matadore der Friedensbewegung gehören da mit dazu. In so einer Umgebung wird jedes Wachstum von unten, jegliche Art von Graswurzelbewegung im Keim erstickt.

Was bleibt uns? Wir müssen uns aus diesem kranken Koordinatensystem befreien, das durch die digitale Welt der Smartphones und Computer aufgespannt wird. Wenn wir uns stattdessen wieder ganz unseren Mitmenschen zuwenden, wird in jedem von uns ein neues, revolutionäres Bewusstsein geweckt werden, das die trüben, todbringenden Ausdünstungen der Eliten hinwegfegen kann wie ein reinigendes Gewitter. Bei Systemen, die in vielen Bereichen hart an der Stabilitätsgrenze laufen, so wie das unsere derzeit, ist das gar nicht so unwahrscheinlich. Die Regierungen der EU und der USA agieren im Moment wie Artisten, die auf zehn Fingerkuppen gleichzeitig lange Stäbe balancieren. Da kann schon eine kleine unvorhergesehene Störung die Vorführung mit Spott und Schande beenden.

Leider wird bei jedem Zusammenbruch eine neue Klasse von Narzissten geboren und das Spiel beginnt wieder von vorn. Wenn der Mensch sich aus diesem Teufelskreis befreien könnte, dann wäre das wirklich das Sahnehäubchen, der Eintritt in eine neue friedliche Welt. Jeder kann dazu beitragen, jeder von uns kann der Schmetterling sein, der nach der Chaostheorie mit seinem Flügelschlag den alles hinwegfegenden Tornado auslösen kann.

 

Quellen:

[1] Schoepe, Bernd (31.1.2026) Wie Verengung zur Verdunklung führt – und eine Friedensbewegung schwächt. https://overton-magazin.de/top-story/wie-verengung-zu-verdunkelung-fuehrt-und-eine-friedensbewegung-schwaecht/

[2] Horn-Bernges, Joachim (Text) und Drafi Deutscher (Musik) (1984) Jenseits von Eden. Gesungen von Nino de Angelo. https://www.youtube.com/watch?v=zsMQdQNlwfk

[3] Nold, Stefan (2.1.2026) Obdachlos. Was nun?  https://overton-magazin.de/top-story/obdachlos-was-nun/

https://globalbridge.ch/obdachlos-was-nun/

https://www.manova.news/artikel/wohnungslos-aber-nicht-rechtlos

[4] Rayschahiri, Ayatullah Muhammad (2018) Elixier der Liebe. Die mystische Welt des Radschab Ali.2. Auflage. Eslamica Verlag: Bremen

[5] Evangelische Kirche in Deutschland (Hrsg.) (2025) Welt in Unordnung – Gerechter Friede im Blick. Evangelische Friedensethik im Angesicht neuer Herausforderungen. 2 Auflage. Evangelische Verlagsanstalt: Leipzig. https://www.ekd.de/ekd_de/ds_doc/denkschrift-welt-in-unordnung-EVA-2025.pdf

Stefan Nold

Dr. Stefan Nold, Jahrgang 1959, 1x Ehemann, 3x Vater, 5x Großvater, studierte Elektrotechnik an der TH Darmstadt und promovierte dort über wissensbasierte Fehlerdiagnose. Er arbeitete zuerst einige Jahre als Entwicklungsingenieur bei KSB Pumpen in Frankenthal und gründete 1990 das Ingenieurbüro SOFT CONTROL in Darmstadt (Schwerpunkt: industrielle Bildverarbeitung), wo er bis heute tätig ist. Parallel war er Aktivist und Mitbegründer erfolgreicher lokaler Bürgerinitiativen (Bürgerinitiative BI ONO gegen die Nordostumgehung, “Mucken fürs Mühlchen” zum Erhalt eines Naturbadesees). Seit 2012 schreibt er Essays zu gesellschaftlich relevanten Themen (Humane Wirtschaft, Zeitgeschehen im Focus, overton, globalbridge, manova, u.a.)

Bücher: 2012: Beerdigung, Reifenwechsel, Hochzeit (2012) Justus von Liebig Verlag, Darmstadt. 2024: Kein Frieden – keine Zukunft. Schlagt Brücken und Versteht eure Feinde. Open Source. Download unter: https://overton-magazin.de/wp-content/uploads/2024/07/Nold-KeinFriedenKeineZukunft-24720sN.pdf
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2 Kommentare

  1. “ Frieden“ wird es erst geben, wenn die herrschende Klasse samt allen kapitalistischen Strukturen beseitigt ist!
    Wir müssen den Krieg in die Villen der Elite tragen, sonst wird das nichts, denn die wollen UNS jetzt loswerden!

  2. Befreit euch vom Alterstarrsinn und antiquierten Vorstellungen. Dann könnt ihr auch was für den Frieden tun.

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