Ist Hannah Arendt für aufklärende politische Bildung unverzichtbar?

Hannah Arendt, 1933. Bild: public domain

Hannah Arendt – eine der dümmsten Intellektuellen oder der bedeutendsten Stimmen des 20. Jahrhunderts. Ein Blick auf aktuelle Kontroversen.

„Eine der einflussreichsten intellektuellen Stimmen der Nachkriegszeit“, so wird Hannah Arendt (1906-1975) auf der Website der Stiftung Orte der deutschen Demokratiegeschichte gelobt, die der Beauftragte der Bundesregierung für Kultur und Medien (BKM), der etwas totalitär gestrickte, der Extremismusabwehr verpflichtete Staatsminister Wolfram Weimer, fördert. Aber auch sonst wird der Frau bescheinigt, dass man es in ihrem Fall mit der „klügsten“ oder „bedeutendsten“ Intellektuellen des 20. Jahrhunderts zu tun hat, so etwa in der neuen Biographie von Willi Winkler.

Ein Kirchenvater weist den Weg

Auf der Website IVA, wo die intellektuellen Leistungen Arendts verschiedentlich Thema waren, fiel das Urteil dagegen anders aus. Die „dümmste Intellektuelle des 20. Jahrhunderts“ hieß es da im Update zur katholischen Kapitalismuskritik, wo daran erinnert wurde, wie Arendt beim Beginn ihrer akademischen Karriere dem Kirchenvater Augustinus von Hippo (354–430) als philosophischer Größe gehuldigt hat. Bei diesem Frömmler, der nach wilder Jugend zur Askese fand und das Ende der Welt kaum erwarten konnte, werde irgendwie der Grundstein für die moderne Existenzphilosophie gelegt, wie Arendts Mentor, der Nazi-Philosoph Martin Heidegger, in einer bahnbrechenden Vorlesung vom Sommersemester 1921 entdeckte und seine Lieblingsstudentin ihm nachbetete.

Augustinus, so Heidegger, habe „das Phänomen der Zeitlichkeit des menschlichen Lebens gesehen“ (Flasch 2020, 267), sei aber noch auf dem neuplatonischen Niveau stehen geblieben statt bis zum seinsphilosophischen des 20. Jahrhunderts fortzuschreiten. Gar nicht der Rede wert ist dabei das Gedankengebäude, das dieser Kirchenvater errichtet hat: eine brutale Gnadenlehre, die von einer Vorherbestimmung des Menschen ausgeht. Da der menschliche Wille nichts bewirken kann, findet eine Erwählung einzelner Seelen zum ewigen Leben oder zu ewiger Verdammnis statt, wo die besagte Zeitlichkeit ihr Ziel hat. Jesus gilt dabei als die Antithese zur „Synagoge des Satans“, in der sich die Juden versammeln und ihren weltlichen Gelüsten, der Anhäufung von Reichtum, nachgehen.

Das irdische Jammertal ist aber nicht zu überwinden, sondern bleibende Herausforderung an die christliche Nächstenliebe, wie jüngst noch der amtierende Papst Leo in seinem ersten sozialen Rundschreiben „Dilexi Te“ (DT) festgestellt hat. Es wird erst beim Jüngsten Gericht seinen Schrecken verlieren, alle Notleidenden bzw. die nach Gottes Ratschluss Erwählten werden dann die volle, überzeitliche Entschädigung erhalten, wobei die jenseitige Glückseligkeit, die die Apokalypse des Johannes ausmalt, im Prinzip aus der Umkehrung der jetzigen Verhältnisse besteht.

Diejenigen, die auf Erden unten sind, werden dann oben sein und neben dem höchsten Herrn sitzen. Diejenigen, die heute oben sind, werden ihnen zu Füßen liegen. Augustinus, auf dessen Liebesbegriff Leo XIV. sich ausdrücklich beruft (DT, Nr. 44ff), hat das in seiner Theologie ausgeführt. Demnach besteht die ewige Glückseligkeit gerade darin, die eigene Erhöhung und die Erniedrigung der anderen zu genießen. Der Mittelalter-Fachmann Kurt Flasch hat darin eine „Logik des Schreckens“ (so der Titel seines Essays) entdeckt. Man könnte fast sagen, von Augustinus bis zu Dantes Inferno wurden mit den christlichen Visionen des ewigen Höllenfeuers die modernen KZs vorweggenommen.

Flasch schreibt (1990, 91f) über diejenigen, die der Verdammnis verfallen: „Ihre öffentliche Exekution, also ihre ewige Hinrichtung im Höllenfeuer, sollen alle sehen, und die Erwählten sollen daraus Nutzen ziehen, daß er [= Gott] die Unbegnadeten nicht wie in einem leidenschaftlichen Racheakt vernichtet, sondern daß er sie – fein abgestuft, nach einem durchdachten Plan, eben ordnungsgemäß – verheizt. Wem dies Wort mißfällt, hadere mit Augustin; er hat die physische wie die übertragene Bedeutung dieses Wortes ausdrücklich beansprucht.“ Darum lautet das Fazit des Fachmanns: „Von eigentümlicher Fremdartigkeit bleibt Augustins Konzept der Liebe.“

Und das ist das Konzept, das von Hannah Arendt in ihrer unsäglichen Dissertation über den augustinischen „Liebesbegriff“ als wichtiger Beitrag zum Erkenntnisfortschritt idealisiert und zugleich als unvollständige, noch auszubauende Position relativiert wurde. Augustin eignet sich ja überhaupt als Berufungsinstanz für dubiose Anliegen. So wurde er zuletzt noch mit seinem „Ordo-Amoris“-Konzept – der fein abgestuften Nächstenliebe vom Nahbereich bis zu den weniger liebenswürdigen Fremden – von US-Vize J.D. Vance für die fremdenfeindliche Linie der USA und die Gewalttätigkeit der ICE-Trupps in Anspruch genommen. Was allerdings vom Vatikan, noch vor dem Streit mit Trump, zurückgewiesen wurde. Wenn Fachleute der katholischen Militärseelsorge heute auf Augustinus wegen seiner Lehre vom gerechten Krieg zurückgreifen, haben sie dagegen den Segen ihrer Nationalkirche.

Für Heidegger, gegen Linke

Eine wichtige Rolle hat Arendt bei der Etablierung des Konstrukts „linker Antisemitismus“ gespielt, das in der letzten Zeit schon mehrfach auf den Prüfstand gestellt worden ist, so von Gerhard Hanloser oder in einer neueren Übersicht zu den Zensurleistungen der deutschen Öffentlichkeit. Das Konstrukt hat auch, siehe die IVA-Reihe „Marx is back“, seine Tradition im akademischen Antikommunismus und greift zudem gerne auf den angeblichen Selbsthass des „Juden Marx“ zurück.

Bei der Erfindung und Durchsetzung dieses „Kampfbegriffs“ (Hanloser) hat sich die politische Theoretikerin Arendt große Verdienste erworben, speziell bei der antikommunistischen Formierung des Frontstaates BRD, der Antifaschismus durch Feindbildpflege in Richtung des totalitären Ostblocks ersetzte. Arendt hat in der Nachkriegszeit eifrig an der Rehabilitierung ihres faschistischen Protektors Heidegger mitgewirkt und, statt die Aufklärung über Aufstieg und Triebkräfte der NS-Herrschaft zu stärken, den Nationalsozialismus mit dem Stalinismus anhand formaler Kriterien gleichgesetzt. Damit schuf sie das Modell für das Feindbild von NATO und Co. im West-Ost-Gegensatz, wo der realsozialistische Gegner hinterm „Eisernen Vorhang“ als Inbegriff des Bösen dingfest gemacht wurde.

Dass Arendt am Beginn ihrer Karriere auf Augustinus stieß, war übrigens das Ergebnis einer eher unappetitlichen Affäre: Der verheiratete und auf seine Karriere bedachte Philosoph Heidegger hatte Sex mit seiner Studentin, schob sie dann, um Aufsehen zu vermeiden, an die Universität Heidelberg ab, wo sein Spezi Karl Jaspers ihr Unterschlupf gewährte und ihre von Heidegger inspirierte Augustinus-Dissertation durchwinkte. Heraus kam eins der groteskesten Werke der modernen Philosophie. Es balanciert, deutsch-lateinisch radebrechend, an der Grenze zur Unlesbarkeit und will den für seine körperfeindliche Sexualethik bekannten Kirchenvater ausgerechnet mit seinem „Liebesbegriff“ als Impulsgeber fürs heutige Philosophieren retten.

Arendt hat die Schrift später nicht mehr veröffentlicht – vielleicht war dieser peinliche Start ins akademische Leben auch der Grund dafür, dass sie sich nachträglich von der Berufsbezeichnung „Philosophin“ distanzierte (vgl. Gleichauf 2021, 41). Die Schriftstellerin Ingeborg Gleichauf hat der Beziehungskiste Heidegger – Arendt – Jaspers eine biographisch angelegte Studie gewidmet. Das entscheidende Kapitel des Buchs geht auf Heideggers Rolle als (zeitweise) führender Nazi-Philosoph ein.

NS-Philosophie

Heutzutage wird diese Rolle – genauso wie die spätere Legendenbildung der Heidegger-Schule – allgemein verurteilt. Seit Ende des 20. Jahrhunderts liegen ja auch zahlreiche Veröffentlichungen, zuletzt Heideggers „Schwarze Hefte“, vor, die die Mär vom „träumenden Knaben“ (Gleichauf 2021, 63), der aus lauter Weltfremdheit ins NS-Fahrwasser geriet, widerlegen. Wichtig war hier vor allem die große Studie von Emmnauel Faye „Heidegger – Die Einführung des Nationalsozialismus in die Philosophie“ (2009), die zuerst auf Französisch 2005 erschien und Unveröffentlichtes aus der Zeit von 1933 bis 1935 brachte.

Solche Enthüllungen bedeuten aber für die philosophische Gemeinde nicht unbedingt eine Disqualifizierung. Selbst ein Wissenschaftler wie Micha Brumlik, der Heidegger als Apologeten einer seinsgebundenen Volksgemeinschaft einstuft, hält an der Seinsphilosophie als wichtigem philosophiegeschichtlichem Datum fest. Dabei wird Heidegger mittlerweile, seitdem Arendts Elogen verklungen sind, von Fachleuten ein „ontologischer“ oder „metaphysischer Antisemitismus“ attestiert. Dafür hätte man natürlich nicht 50 Jahre lang auf die Edition der hinterletzten Notizen und Tagebuchaufzeichnungen warten müssen. Die Marxistische Gruppe (MG) ist schon in ihrer legendären Hochschulagitation auf den Fall eingegangen und hat den Gehalt der Seinsphilosophie unvoreingenommen ins Visier genommen. Das Ergebnis war 1988 die Studie „Der konsequenteste Philosoph des 20. Jahrhunderts – Faschist“, die Peter Decker 2020 in einer Neuausgabe vorgelegt hat.

Diese Erkenntnis kommt in neueren Würdigungen durchaus zur Sprache. Damit wird auch ein bezeichnendes Licht auf den Umgang mit der NS-Zeit geworfen, der in der Adenauerära an der Tagesordnung war. Wie Gleichauf belegt, besteht der Skandal darin, dass die jüdische Emigrantin Arendt und der Hochschullehrer Jaspers, der mit einer Jüdin verheiratet war, nach 1945 entscheidend an dieser Legendenbildung mitwirkten – wider besseres Wissen. Sie hätten „sich aus einer Haltung der Treue heraus davor gedrückt, der Wahrheit einer Verstrickung Heideggers in das NS-System ins Auge zu blicken“ (Gleichauf 2021, 63).

Das heißt, dass die beiden einem bekennenden Faschisten die Stange hielten. Sie verbreiteten die Unwahrheit – nicht in nebensächlichen Dingen, sondern zur Rechtfertigung eines Wegs, der immerhin zum „Zivilisationsbruch“ (Dan Diner) des 20. Jahrhunderts führen sollte. Bei dieser angeblichen Treue muss man zudem berücksichtigen, dass Heidegger bis in persönliche Fragen hinein eine schäbige Rolle spielte: Wenn es um die jüdische Herkunft bei Kollegen und Weggefährten ging, war er ganz auf Parteilinie. So wird bei Gleichaufs Beschwörung einer Freundschaft, die in völliger kommunikativer Offenheit stattgefunden habe, im Prinzip etwas anderes deutlich: die politisch-weltanschauliche Verlogenheit, die diese Geistesgrößen des Nachkriegs im Umgang mit der Öffentlichkeit (und untereinander) pflegten.

Dazu passen die Mitteilungen (Gleichauf 2021, 70ff), dass Jaspers Heideggers Opus Magnum „Sein und Zeit“ wahrscheinlich gar nicht gelesen hat, während der als Meister verehrte Seinsphilosoph die Schriften von Jaspers und Arendt ebenso ignorierte, möglicherweise nur die Schlussseiten durchblätterte – eine These, der Faye in seiner neuen Studie übrigens widerspricht; er sieht, auch in den antisemitisch exponierten Veröffentlichungen, eine regelrechte Komplizenschaft von Arendt und Heidegger am Werk (Faye 2024, 245ff).

Doch auch ohne eine solche Kollaboration bieten die Einblicke, wie sie inzwischen möglich sind, einigen Aufschluss über die Misere der Vergangenheitsbewältigung in Westdeutschland. Während Adorno damals in seinen berühmten Stellungnahmen zu einer „Erziehung nach Auschwitz“ eindeutig Position bezog, wechselte Arendt schwülstige Briefe mit ihrem ehemaligen Liebhaber, hielt ihm eine unmögliche Laudatio und beschwerte sich parallel bei Jaspers, dass ihr an Adornos Schriften nichts „glaubwürdig“ erscheine, da sie darin nur ein „Durcheinander des Beliebigen“ entdecken könne (Gleichauf 2021, 35).

Politische Bildung mit Arendt

Eine neue aufwändige Studie der Erziehungswissenschaftlerin Lena Köhler würdigt nun Arendt als Begründerin einer politischen Bildung, die die „Bedeutung von Natalität oder – wie Arendt ins Deutsche überträgt – von Gebürtlichkeit“ in den Mittelpunkt rückt (Köhler 2026, 7). Arendt zähle zu denjenigen Persönlichkeiten „der philosophischen Tradition, die, wie niemand sonst, die Gebürtlichkeit des Menschen und seine Fähigkeit neu anfangen zu können ins Zentrum ihres Denkens gestellt hat“ und sich damit von Heideggers Philosophie und der damit verbundenen Bestimmung des menschlichen Daseins als „Sein zum Tode“ abgesetzt habe: „Dass die Geburt und ihre Bedeutung für den Menschen verstärkt ins Zentrum des philosophischen Denkens rückt, ist besonders Hannah Arendt zu verdanken.“ (Ebd., 8)

Eine erstaunliche Erkenntnis: Man muss erst geboren werden, um da zu sein und etwas unternehmen zu können. Aus dieser absoluten Banalität wird dann ein politisch-philosophischer Schwulst gestrickt, der Heideggers Geraune kongenial ist und der sich auch gar nicht groß von dessen Erkenntnisfortschritt unterscheidet, der Mensch müsse sich – endlich nach 2500 Jahren abendländischer Philosophiegeschichte wird das einmal klargestellt – seines Seins zum Tode bewusst werden. Arendt bringt die Ergänzung zu dieser tiefen Einsicht: Um sterben zu können, muss man erst einmal geboren sein. Sie ist also gewissermaßen Vollenderin oder Vollstreckerin der Heideggerschen Philosophie, die sie als Intellektuelle – als eine Kopfarbeiterin, der die Abfassung oder der Vortrag von Texten locker von der Hand geht – in außerphilosophische Kontexte übertragen hat, um dort dann als politische Theoretikerin Furore zu machen.

Einfach Nachplappern will sie die Werke der großen Vorbilder nicht, sei es jetzt der hl. Augustin oder der Meisterdenker Heidegger. Auch bei Augustinus bestätigt Arendt nicht einfach die tiefen Gedanken, sondern stellt Defizite fest. Sie lässt die religiös begründete Weltfremdheit des Kirchenvaters nicht als letztes Wort gelten, wie die Philosophin Frauke Kurbacher, die Arendts Dissertation neu herausgegeben hat, hervorhebt, um dann aber gleich hinzuzufügen, dass hier weniger Kritik als Übereinstimmung festzustellen sei: „Der Gedanke des Sich-verantwortenden-Denkens, das Arendt bei Augustinus – freilich in Bezug auf Gott – exemplarisch vorgeprägt sieht und dem sie sich selbst, wenngleich unter anderen Rahmenbedingungen, verpflichtet weiß, impliziert letztlich immer ein Sich-vor-etwas-oder-jemand-anderen- und auch -vor-sich-selbst-Verantworten“ (Arendt 2028, XLVI; korrekt müsste es wohl heißen: „… oder-jemand-anderem-“).

Politische Bildung muss sich also bewusst machen, dass Menschenkinder geboren (und nicht vom Storch gebracht) werden und dass sie dann in irgendeiner Form Verantwortung übernehmen müssen. Dieses „Muss“ ist wie bei Heidegger der Ausfluss von Seinsbestimmungen, denen sich angeblich keiner entziehen kann, da sie so abstrakt sind, dass sie auf alles und jeden passen. Salopp gesagt kann man daher Heideggers Erkenntnis in dem Spruch Was sein muss, muss sein zusammenfassen. Jede Notwendigkeit, wie sie von maßgeblichen Instanzen vorstellig gemacht wird – seit Gaucks Präsidentschaft ist z.B. glasklar, dass wir Deutschen „mehr Verantwortung“ übernehmen müssen –, erhält so bei Bedarf ihre höhere Weihe.

Die Geburt als wichtiges, bisher angeblich kaum in den Blick genommenes Thema ist laut der Arendt-Exegese von Köhler „nicht nur ein Ereignis, dass das Leben des einzelnen Menschen beginnen lässt, sondern auch ein Geschehen, das den Menschen an soziale Gefüge bindet.“ (Köhler 2026, 9). Wer hätte das gedacht, man hat sofort mit Vati, Mutti und der Geburtsstation im Krankenhaus zu tun. Und mit den folgenden Windelwechseln ist dann auch schon Erziehung „verwoben“, sie „ermöglicht es dem Menschen, sich aktiv in die Welt einzuschalten (zu handeln), aber auch sich zu bilden, indem das Handeln durch kritisches Denken reflektiert und das bisher Gelernte hinterfragt wird“ (ebd., 277). Hilfreich hier auch die Präzisierung der Erziehungswissenschaftlerin, dass Einschalten gleich Handeln ist – junge Menschen würden sonst nur ans Handy denken. Und mit der Anhäufung solcher Umständlichkeiten und Redundanzen ist es natürlich ein Leichtes, ein Buch mit 300 Seiten und 350 Literaturhinweisen zu füllen.

Solche Banalitäten hat also eine Theoretikerin geliefert, die während der Nachkriegszeit in den Publikationen der Kritischen Theorie nur ein „Durcheinander des Beliebigen“ entdecken konnte! Mit antifaschistischer Aufklärung, die von Adorno und Co. nach 1945 als Herzstück einer zeitgemäßen politischen Bildung gefordert wurde, haben solche Ausführungen nichts zu tun. Es sind aber auch nicht einfach die trivialen Mitteilungen vom Zoon Politikon etc., die man seit Aristoteles kennt.

Das Ganze gibt sich total modern als eine seinsphilosophische Reflexion, die erst die Grundlage fürs heutige Denken und Handeln schaffen soll – und das explizit in der Nachfolge Heidggers. Dem schrieb Arendt noch 1960, dass ihre Schrift „Vita activa“ ihm „in jeder Hinsicht so ziemlich alles“ schulde. Daher kommt Faye zu dem Schluss, dass Arendt systematisch an der „Zerstörung des Denkens“ gearbeitet hat: „Bereit dazu, jegliche Kritik zu neutralisieren, hat sie mit einem kultischen Hymnus einen Sockel errichtet, auf dem der ehemalige Nazi-Rektor, der Horst Wessel als Vorbild für die deutsche Jugend empfahl, zum König im Königreich des Denkens erhoben wurde.“ (Faye 2024, 451)

 

Nachweise:

Hannah Arendt, Der Liebesbegriff bei Augustin. (Erstausgabe 1929) Hg. von Frauke A. Kurbacher. Hamburg 2018.

Peter Decker, Martin Heidegger – Der konsequenteste Philosoph des 20. Jahrhunderts – Faschist. (Erstausgabe 1988) 2., durchgesehene und erweiterte Auflage, München 2020.

Emmanuel Faye, Heidegger – Die Einführung des Nationalsozialismus in die Philosophie. (Erstausgabe 2005) Berlin 2009.

Emmanuel Faye, Martin Heidegger und Hannah Arendt – Zerstörung des Denkens. (Erstausgabe 2016) Würzburg 2024.

Kurt Flasch, Augustin – Einführung in sein Denken. Ditzingen, 5. Aufl. 2020.

Kurt Flasch (Hg.), Augustinus von Hippo, Logik des Schreckens – De diversis quaestionibus ad Simplicianum I 2. Mainz 1990.

Ingeborg Gleichauf, Hannah Arendt und Karl Jaspers – Geschichte einer einzigartigen Freundschaft. Wien u.a. 2021.

Lena Köhler, Politische Bildung der doppelten Geburt – Hannah Arendts pädagogische Figur der Natalität. Weinheim 2026.

Johannes Schillo

Johannes Schillo arbeitet als Autor, Journalist und Redakteur von Fachzeitschriften. Der Sozialwissenschaftler beschäftigt sich in seinen Artikeln und Büchern mit aktuellen Fragen aus (Weiter-)Bildung und Kultur. Zuletzt ist von ihm erschienen: „Ein nationaler Aufreger – Zur Kritik der Erinnerungskultur“ (Klemm + Oelschläger, 2022) und (zusammen mit Norbert Wohlfahrt) „Deutsche Kriegsmoral auf dem Vormarsch“ (VSA, 2023).
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18 Kommentare

  1. Irgendwie mußte ich bei diesem recht langen Rant an den schönen Spruch „Was juckt es die stolze Eiche, wenn sich die Sau an ihr reibt?“ denken. Seltsam, nicht?
    Aber gut, daß er mal Dampf ablassen durfte. Dafür ist das Internet ja nach Porn vornehmlich gemacht.

    1. Ihnen gefällt denn dann auch horst wessel? wenn ich Ihren kommentar lese, fällt mir auch irgendwie so ein schöner spruch ein: „wenn einer, der mit mühe kaum,
      geklettert ist auf einen baum,
      schon mein, dass er ein vogel, wär,
      so irrt sich der.“

  2. Ein Einwand wäre, dass Peter Decker und Autoren vom Gegenstandpunkt den Adorno, bzw. die Frankfurter Schule genauso zerreißen. Die Frankfurter Schule kommt auch bei Gabriel Rockhill überhaupt nicht gut weg.

    Bei Heidegger darf man sich wirklich wundern, was über den heute alles posthum bekannt ist, aber damals verschwiegen wurde. Vor gar nicht allzu langer Zeit war er noch quasi ein Nationalheiliger der Konservativen und fester Bestandteil eines Philosophiestudiums an der Uni Freiburg. Wenn das kein Säulenheiliger ist … Ich weiß nicht wie das heute ist, ist auch irrelevant. Bei der Wikipedia gibt es eine Seite über Heidegger und damit sich Heidegger-Verehrer nicht zu sehr auf den Schlips getreten fühlen noch eine Extra-Seite zu Heidegger im Nationalsozialismus.

    https://de.wikipedia.org/wiki/Martin_Heidegger

    https://de.wikipedia.org/wiki/Martin_Heidegger_und_der_Nationalsozialismus

    Arendt war das Thema?

    Bei Youtube findet man noch Videos von ihr. Man stellt sofort fest, dass sie Kettenraucherin mit einer sehr tiefen Stimme war. Ich habe mir schon mehrfach den Spaß gemacht von der Banalität des Bösen zu sprechen, aber nicht ausdrücklich im Bezug auf Nazis. Jedes Mal gab es großen Protest, dass man das nicht machen darf, was auch für sich spricht. Ihren Bericht zu dem Eichmann-Prozess finde ich ganz gut. Sie versucht den Mythos, dass es nur ein paar Durchgeknallte waren, die das Volk verführt hätten, zu widerlegen.

  3. Ich schätze das Overton-Magazin, sonst würde ich ja hier nicht regelmäßig kommentieren.
    Dieser Beitrag hier zählt aber mit zum Schwächsten, Unsachlichsten und Voreingenommensten, was ich hier je gelesen habe. Wirklich. Unterirdisch!

    Regelrecht peinlich auch die Angriffe ad personam im Hinblick auf eventuelle Irrtümer von Ahrendt völlig unwichtigen Details zur Kirchengeschichte. Wen interessiert das??

    Vollkommen sinnlos auch der Verweis auf die Instrumentalisierung von Hannah Ahrendt durch Erziehungswissenschaftlerin Lena Köhler.

    Allein schon der erste Satz ist in seiner intellektuellen Unterkomplexität nicht so leicht zu unterbieten.
    „Hannah Arendt – eine der dümmsten Intellektuellen oder der bedeutendsten Stimmen des 20. Jahrhunderts.“
    Wie kann man denn so etwas schreiben???

    Außerdem ist ja für jeden auch nur halbwegs über Hannah Arendt informierten Menschen klar, dass wir es hier nur mit einem erneuten Versuch zu tun haben, Ahrends kluge und wegweisende Totalitarismustheorie mal wieder von linksextremer Seite her anzupinkeln. Denn das ärgert Kommunisten natürlich irgendwie doch, dass sie nach dieser Theorie mit den Nationalsozialisten zusammen in einen übel stinkenden Topf getan werden.
    An ihren Taten sollt ihr sie messen, nicht an ihren Worten oder Behauptungen! Und da haben sowohl Nationalsozialisten als auch Kommunisten massenhaft Dreck und Blut an den Händen und Müll im Kopf.

    Ansonsten hat @Hontoni bereits das Nötige gesagt.

    1. Als Katholik hat man nichts zu Augustinus zu sagen?

      Peter Decker, wie auch Karl Marx, ein deutschlandweit bekannter Massenmörder mit sprichwörtlich Dreck und Blut an den Händen, nur so triefend, und noch viel schlimmer. So steht es geschrieben in der …

      Es grüßt das Hufeisenmodell:

      https://de.wikipedia.org/wiki/Politisches_Spektrum#Hufeisenschema

      (vielleicht auch den Kritikteil lesen, wo unter Anderem das Wort „Scheuklappen“ fällt)

      Hufeisen – Scheuklappen – … ?

    2. @Wolfgang Wirth
      A. Hitler war also ein Kommunist. Eine recht interessante These. Frau Weidel ist da der gleichen Ansicht. Oder lohnt es sich da ein paar Unterscheidungen zu treffen?

      Wie plural ist eigentlich der Neoliberalismus und wie viele Tote haben wir ihm zu verdanken? Wenn wir schon mal dabei sind an Taten zu messen.

      1. @Trux

        Sie unterstellen mir etwas, was ich nie behauptet habe.
        Das ist eines edlen Menschen unwürdig.

        Natürlich war Hitler kein Kommunist, sondern wollte ganz im Gegenteil den Kommunismus ausrotten.
        Das weiß doch jeder!

        Anscheinend kennen Sie aber gar nicht die auf Ahrendt zurückgehende Totalitarismus-Theorie, sonst würden Sie nicht so etwas Falsches und Absurdes schreiben.
        Ahrendt behauptete nie, dass die Kommunisten und Nationalsozialisten der 1930er und 1940er Jahre gleich gewesen seien, sondern sie stellte ganz richtig fest, dass beide Ideologien zu einer unfreien und diktatorischen Gesellschaft führen, in der viele Lebensbereiche durch die jeweils herrschende Ideologie geprägt sind. Und weil die Ideologie viele Lebensbereiche stark, teils sogar total prägen will, deshalb verwendete sie das Wort „totalitär“ woraus dann die Bezeichnung Totalitarismus-Theorie wurde.

        Die angeblichen oder tatsächlichen ZIELE dieser Ideologien spielten für Anhänger dieser Theorie keine große Rolle, denn an den TATEN soll man ihrer Meinung die politischen Akteure messen. Und da haben die sowjetischen, chinesischen, nordkoreanischen und teils auch deutschen Kommunisten der KPD bzw. SED bekanntlich kein Guthaben auf ihrem Konto, sondern viel auf dem Kerbholz. Die Blutspur fängt schon bei Lenin an und hört bei Stalin noch nicht auf. Kennen Sie das 1973 erschienene Buch „Der Archipel Gulag“ des sowjetischen Dissidenten Alexander Solschenizyn?
        https://de.wikipedia.org/wiki/Der_Archipel_Gulag
        Man kann es noch heute kaufen.
        Dazu passt das schöne Bibelwort: „An ihren Früchten werdet ihr sie erkennen.“
        (Matthäus 7,16)

    3. „Totalitarismustheorie“, ist das nicht genau die, die die Gleichsetzung von Faschismus und Kommunismus einleitete und noch heute in der Basis-These „Russland ist die Inkarnation des deutschen Faschismus“ täglich gebraucht wird?

    4. Außerdem ist ja für jeden auch nur halbwegs über Hannah Arendt informierten Menschen klar, dass wir es hier nur mit einem erneuten Versuch zu tun haben, Ahrends kluge und wegweisende Totalitarismustheorie mal wieder von linksextremer Seite her anzupinkeln. Denn das ärgert Kommunisten natürlich irgendwie doch, dass sie nach dieser Theorie mit den Nationalsozialisten zusammen in einen übel stinkenden Topf getan werden.

      Vielleicht darf ich für diejenigen, die Arendts „Elemente und Ursprünge“ nie in den Händen gehalten haben, darauf hinweisen, dass das Buch aus drei Teilen besteht, wobei der mittlere Teil den Titel „Imperialismus“ trägt und vom ganz normalen Wirken und Walten der „Bourgeoisie“ (Arendt) sowie des bürgerlichen Staates handelt – inklusive „Rassismus“, „Bündnis zwischen Kapital und Mob“, „Rasse und Bürokratie“ (Arendt) etc. pp.
      Losurdo hat aufgrund des merkwürdigen Aufbaus des Buches – Teil I „Antisemitismus“, Teil II „Imperialismus“, Teil III „totalitäre Bewegung und totale Herrschaft“ – die Vermutung aufgestellt, dass Arendt eigentlich ein anderes Buch, letztlich ein verallgemeinerndes über die deutsche Entwicklung, schreiben wollte bzw. bereits in hohem Maße geschrieben hatte und den „Stalin-Teil“ dann hinten angefügt hat. Diese gewisse Inkohärenz ist damals wohl auch anderen aufgestoßen.
      Propagiert wird’s seit seiner Heiligsprechung als „Hitler-Stalin-Buch“.

      Das Schlagwort vom Totalitarismus stammt (ebenfalls) nicht von Arendt, sondern muss schon in den 1930-er Jahren kursiert haben – auch in der Linken. Wobei bei Verwendung des Schlagworts noch lange nicht ausgemacht ist, was jeweils damit gemeint wird.

  4. Du meine Güte: wie kann Overton nur ein derartiges Gewäsch über Hannah Arendt veröffentlichen? Ihre seltsame Beziehung zu und Begeisterung von Heidegger (von dessen Anbiederung an das Hitler-Regime sie maßlos enttäuscht war): macht dies das politische Denken der Arendt aus? Sie begriff sich selber nicht als Philosophin, sondern als politische Denkerin.

    Als Zionistin war sie tätig und war doch entsetzt, was die in Palästina anrichteten. Und sie war liiert mit Günter Stern (Anders) und dem Ex-Kommunisten Heinrich Blücher. Beide beeinflussten ihr Denken stark. Nichts davon ist hier zu lesen.

    Dass ihre Bewunderung der amerikanischen Demokratie ziemlich stark war und ihre gleichzeitige Faszination der Rätedemokratie, gehört zu ihrem widersprüchlichen Denken. Aber wo steht hier in diesem Beitrag etwas zu ihrer Totalitarismus-Analyse? Darüber hätte ich doch gerne eine ernstzunehmende Auseinandersetzung erwartet.

    1. Ist ihre Bewunderung der US -Demokratie etwa in dem Interview zu finden, in dem sie konsterniert fragte, von welcher Demokratie seit kurzem die Rede sei? Die USA hätten keine Demokratie, können sie auch gar nicht haben, da sie nicht das Stadium des Feudalismus durchlaufen hätten. In den USA herrsche das Gesetz und sonst gar nichts.

  5. Schillo hat eine Menge aus seinem verlinkten TP-Artikel von 2021 übernommen, die m.E. wichtigste Passage daraus allerdings nicht – aus gutem Grunde:

    [Die] Ausführungen [Peter Deckers seiner Heidegger-Schrift] zielen … auf die Philosophie selber, nehmen also gerade nicht die persönlichen Verwicklungen ihres Urheber in Nazi-Machenschaften, sein Agieren in Partei oder Hochschule, ins Visier – d.h. Heideggers Polit-Präferenzen und Lebensumstände … … Es geht Decker um den philosophischen Gehalt des Heideggerschen Opus selbst, um den hier vorliegenden radikalen Fall von Sinnstiftung …

    Das paßt nicht zur character assassination, die Schillo, hier geradezu wollüstig zelebriert. Die Wahl des Titelbildes paßt freilich bestens zu der geistesgeschichtlich überaus wichtigen Mitteilung, daß Martin die Hannah gef:::t hat … oder umgekehrt. Letzteres stünde ihr übrigens besser, würde ich denken.

    Es hat natürlich ein extra Geschmäckle, daß dem bovi des Kommentariates analoge Wollust verwehrt worden ist. War das die Gelegenheit, die diesen Artikel geboren hat? Darf ich diese Frage stellen, MechZenion?
    Die „dümmste Intellektuelle“ – ist das nicht ein Pleonasmus, so wie „das dümmste Huhn“, Schillo? Schaumainspiegel.

    Von geistesgeschichtlichem Belang ist die sog. „Totalitarismusdoktrin“. Inwieweit deren Zuschreibung an Hannah Ahrend überhaupt korrekt ist, weiß ich nicht, will ich auch nicht wissen, aber jedenfalls – erfährt man von Alexas Google-Kollegin einiges Erhellende dazu:

    Strukturelemente:
    Ideologie:
    Die totale Herrschaft legitimiert sich durch eine Ideologie, die vorgibt, die Geheimnisse der Geschichte oder der Natur zu kennen (z. B. Rassenlehre oder Klassenkampf).
    Terror:
    Der Terror ist das eigentliche Wesen dieser Herrschaftsform. Er richtet sich nicht nur gegen politische Gegner, sondern auch gegen willkürlich definierte Gruppen in der Bevölkerung.
    Massenmobilisierung:
    Totalitäre Bewegungen nutzen die Entfremdung und Einsamkeit der modernen Masse, um eine totale Anhängerschaft zu erzeugen.
    Zerstörung des Handelns:
    Arendt argumentiert, dass der Totalitarismus die menschliche Spontaneität und Pluralität (Individualität) vernichtet, was politisches Handeln unmöglich macht.
    „Radikal Böse“:
    Die Schaffung von Lagern (Konzentrations- und Vernichtungslager) steht im Zentrum, um Menschen physisch und psychisch zu vernichten.

    Ist das alles verkehrt? Nö! Diese „Strukturelemente“ befassen sich mit der Oberfläche von Herrschaftstechnologie im Zeitalter industrieller Massenproduktion, Massenpresse, Mobilität etc.pp. Ist das „dumm“? Natürlich ist das einschlägig dumm, weil an solche „Strukturelemente“ bürokratischer und militärischer Massenkontrolle welcher Maßstab angelegt ist? Eben, ausgerechnet der einer abstrakt-idellen persönlichen Freiheit.
    Aber ich fange an, die Arbeit zu tun, die Schillo nicht getan hat, und die im Zeitalter der inquisitorischen elektronischen Diskurskontrolle und des zunehmend flächendeckend und methodisch voran getriebenen character – assassinating auf allen Ebenen der öffentlichen Meinung höchst überflüssig wäre.

    Deckers Schrift über Heidegger kann ich aus meiner verblassenden Erinnerung an den MSZ-Artikel von ’88 empfehlen.
    Ein Wort noch zu Hannah, aus meiner sehr schmalen Kenntnis ihrer Biographie und Schriften:
    Es scheint mir sehr deutlich, daß sie in vieler Hinsicht Spätgestalt einer femme de lettres gewesen ist, in einer Zeit, da Frauen auf pädagogischen Hochschulen gern gesehen waren, auf Universitäten überwiegend als sexuelles Jagd- und Freiwild geschätzt.
    Gemessen daran hat sich Hannah nicht so übel geschlagen. Schäm dich getrost mal was, Schillo – naja, wirst du nicht. Würde wohl auch für die Zukunft nichts ändern ….

  6. „Arendt hat in der Nachkriegszeit eifrig an der Rehabilitierung ihres faschistischen Protektors Heidegger mitgewirkt und, statt die Aufklärung über Aufstieg und Triebkräfte der NS-Herrschaft zu stärken, den Nationalsozialismus mit dem Stalinismus anhand formaler Kriterien gleichgesetzt. Damit schuf sie das Modell für das Feindbild von NATO und Co.“

    Ein schwerwiegender Vorwurf; sollte da etwas dran sein, dann wäre es nicht verwunderlich, dass Arendt von der herrschenden Elite von (linksliberal bis konservativ) so überschwänglich gelobt wird – als eine Formalistin, die sich bestens instrumentalisieren ließ für die Herrschaftsform des westlichen Kapitalismus (gleich Imperialismus).

  7. „Dazu passen die Mitteilungen (Gleichauf 2021, 70ff), dass Jaspers Heideggers Opus Magnum „Sein und Zeit“ wahrscheinlich gar nicht gelesen hat, während der als Meister verehrte Seinsphilosoph die Schriften von Jaspers und Arendt ebenso ignorierte, möglicherweise nur die Schlussseiten durchblätterte“
    Ich auch nicht. Ich kenne niemanden, der die drei gelesen hat. Eigentlich hat mir nur der Satz „lehre die Bombe Phänomenologie“ den Zugang zu dieser Philosophie eröffnet.
    Hannah Arendt spuckt aber in allen Feuilletons herum, also als Sekundärliteratur, und um die Banalität des Bösen zu verstehen, muss man sie nicht im Original lesen. Ich finde allerdings, dass man das auch auf Bürokratien übertragen. Eine Bürokratie, die Leute wie Merz und Pistorius nicht ausspuckt, kann nicht gut sein.

  8. Hannah Arendt hätte ihr kontroverses Diktum „Banalität des Bösen“ relativieren können, wenn sie mit den Augen eines Staatsanwalts „Banalität“ als Verteidigungstaktik eines Angeklagten in Betracht gezogen hätte, der um seine Untaten nur zu gut wusste. Bettina Stangneth hat das mit ihrem „Eichmann vor Jerusalem“ detailliert nachgewiesen. Arendt hatte damals nicht ansatzweise diesen Quellenzugang, hätte aber schon mehr Phantasie in ihrer Beurteilung Eichmanns an den Tag legen können.

  9. Ist Hannah Arendt für aufklärende politische Bildung unverzichtbar?

    Ja, klar, sie ist verzichtbar. So wie jede andere Figur auch, denn wichtig ist das Werk im Detail, dessen Wirkung und die Brauchbarkeit der Herangehensweise für politische Arbeit. Und nicht, wer wann wen gevögelt hat, vernarrt war oder absonderlichen bis abscheulichen Ideen nachgehechelt ist oder wer was wo und von wem gelernt hat. Ebenso ist es egal, ob Frau Arendt in ihrem Gesamtwerk (oder ihrer, hui, Gesamthaltung) uneindeutig war, ambivalent, zwiespältig oder polyphon.

    Wenn Johannes Schillo wissen will, ob Hannah Arendt eine Ikone des 20 Jahrhunderts ist, und wenn ja, ob das zurecht so sei, dann soll er das Fragen. Wobei jetzt die Frage kommen muss: Hat dieser Artikel einen Wert jenseits seiner beispielhaften Antithese der Art, wie ein zivilisierter politischer Diskurs bezüglich Bildung auszuführen sei? Ich mag mir nicht anmaßen, zu behaupten, dass ich dies umfänglich beantworten könnte, ohne dabei derbe landschaftlich bis beleidigend zu werden. Von daher gebe ich diese Frage weiter.

  10. Was für ein intellektuelles Armutszeugnis! Außer Angriffen ad personam und klischeehaften Verkürzungen, die wirken, als hätte das alles ChatGPT verfasst, lässt sich keinerlei Substanz in dem Beitrag finden. Die Arroganz der später Geborenen verleitet diese immer noch gerne und oft dazu, die Nazi-Keule gegen alle diejenigen zu schwingen, die rückblickend nicht kompatibel mit den aktuellen Erwartungen ans richtige Menschentum sind. Und wichtig für jeden eitlen Gestus der geistigen Verurteilung ist obendrein der Verzicht auf den zeithistorischen Kontext, so als ob Texte von Denker/innen im Vakuum entstanden wären. Es ist überraschend und etwas schockierend, dass sich das Niveau der sozialen Medien so schnell und unmittelbar auf die Beschäftigung mit Intellektuellen durchschlägt.

    1. Die Arroganz der später Geborenen verleitet diese immer noch gerne und oft dazu, die Nazi-Keule gegen alle diejenigen zu schwingen, die rückblickend nicht kompatibel mit den aktuellen Erwartungen ans richtige Menschentum sind.

      Moment mal. Martin Heidegger trat am 1. Mai 1933 der NSDAP bei und blieb ihr bis zu ihrem Verbot 1945 treu. Zwei Wochen zuvor war er ins Rektorenamt „gehievt“ worden und beschwor in seiner bekannten Rektoratsrede vom Mai 1933 die „Größe und Herrlichkeit dieses Aufbruchs“ – wohlgemerkt in einem Moment, in welchem bereits die (noch improvisierten) KZs gefüllt wurden, Bücher verbrannt worden waren, Parteien und Gewerkschaften verboten worden waren und am 1. April bereits ein reichsweiter Judenboykott erprobt woren war.
      Was muss man noch tun, um berechtigterweise als Nazi eingeordnet zu werden? Wegen seines prominenten politischen Wirkens bekam Heidegger nach dem Krige von den Westalliierten schließlich auch Lehrverbot.

      Die einzig diskutierenswerte Frage lautet angesichts dessen, ob und in wieweit sich seine politische Haltung in seinen philosophischen Schriften niederschlug.

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