
Hannah Arendt – eine der dümmsten Intellektuellen oder der bedeutendsten Stimmen des 20. Jahrhunderts. Ein Blick auf aktuelle Kontroversen.
„Eine der einflussreichsten intellektuellen Stimmen der Nachkriegszeit“, so wird Hannah Arendt (1906-1975) auf der Website der Stiftung Orte der deutschen Demokratiegeschichte gelobt, die der Beauftragte der Bundesregierung für Kultur und Medien (BKM), der etwas totalitär gestrickte, der Extremismusabwehr verpflichtete Staatsminister Wolfram Weimer, fördert. Aber auch sonst wird der Frau bescheinigt, dass man es in ihrem Fall mit der „klügsten“ oder „bedeutendsten“ Intellektuellen des 20. Jahrhunderts zu tun hat, so etwa in der neuen Biographie von Willi Winkler.
Ein Kirchenvater weist den Weg
Auf der Website IVA, wo die intellektuellen Leistungen Arendts verschiedentlich Thema waren, fiel das Urteil dagegen anders aus. Die „dümmste Intellektuelle des 20. Jahrhunderts“ hieß es da im Update zur katholischen Kapitalismuskritik, wo daran erinnert wurde, wie Arendt beim Beginn ihrer akademischen Karriere dem Kirchenvater Augustinus von Hippo (354–430) als philosophischer Größe gehuldigt hat. Bei diesem Frömmler, der nach wilder Jugend zur Askese fand und das Ende der Welt kaum erwarten konnte, werde irgendwie der Grundstein für die moderne Existenzphilosophie gelegt, wie Arendts Mentor, der Nazi-Philosoph Martin Heidegger, in einer bahnbrechenden Vorlesung vom Sommersemester 1921 entdeckte und seine Lieblingsstudentin ihm nachbetete.
Augustinus, so Heidegger, habe „das Phänomen der Zeitlichkeit des menschlichen Lebens gesehen“ (Flasch 2020, 267), sei aber noch auf dem neuplatonischen Niveau stehen geblieben statt bis zum seinsphilosophischen des 20. Jahrhunderts fortzuschreiten. Gar nicht der Rede wert ist dabei das Gedankengebäude, das dieser Kirchenvater errichtet hat: eine brutale Gnadenlehre, die von einer Vorherbestimmung des Menschen ausgeht. Da der menschliche Wille nichts bewirken kann, findet eine Erwählung einzelner Seelen zum ewigen Leben oder zu ewiger Verdammnis statt, wo die besagte Zeitlichkeit ihr Ziel hat. Jesus gilt dabei als die Antithese zur „Synagoge des Satans“, in der sich die Juden versammeln und ihren weltlichen Gelüsten, der Anhäufung von Reichtum, nachgehen.
Das irdische Jammertal ist aber nicht zu überwinden, sondern bleibende Herausforderung an die christliche Nächstenliebe, wie jüngst noch der amtierende Papst Leo in seinem ersten sozialen Rundschreiben „Dilexi Te“ (DT) festgestellt hat. Es wird erst beim Jüngsten Gericht seinen Schrecken verlieren, alle Notleidenden bzw. die nach Gottes Ratschluss Erwählten werden dann die volle, überzeitliche Entschädigung erhalten, wobei die jenseitige Glückseligkeit, die die Apokalypse des Johannes ausmalt, im Prinzip aus der Umkehrung der jetzigen Verhältnisse besteht.
Diejenigen, die auf Erden unten sind, werden dann oben sein und neben dem höchsten Herrn sitzen. Diejenigen, die heute oben sind, werden ihnen zu Füßen liegen. Augustinus, auf dessen Liebesbegriff Leo XIV. sich ausdrücklich beruft (DT, Nr. 44ff), hat das in seiner Theologie ausgeführt. Demnach besteht die ewige Glückseligkeit gerade darin, die eigene Erhöhung und die Erniedrigung der anderen zu genießen. Der Mittelalter-Fachmann Kurt Flasch hat darin eine „Logik des Schreckens“ (so der Titel seines Essays) entdeckt. Man könnte fast sagen, von Augustinus bis zu Dantes Inferno wurden mit den christlichen Visionen des ewigen Höllenfeuers die modernen KZs vorweggenommen.
Flasch schreibt (1990, 91f) über diejenigen, die der Verdammnis verfallen: „Ihre öffentliche Exekution, also ihre ewige Hinrichtung im Höllenfeuer, sollen alle sehen, und die Erwählten sollen daraus Nutzen ziehen, daß er [= Gott] die Unbegnadeten nicht wie in einem leidenschaftlichen Racheakt vernichtet, sondern daß er sie – fein abgestuft, nach einem durchdachten Plan, eben ordnungsgemäß – verheizt. Wem dies Wort mißfällt, hadere mit Augustin; er hat die physische wie die übertragene Bedeutung dieses Wortes ausdrücklich beansprucht.“ Darum lautet das Fazit des Fachmanns: „Von eigentümlicher Fremdartigkeit bleibt Augustins Konzept der Liebe.“
Und das ist das Konzept, das von Hannah Arendt in ihrer unsäglichen Dissertation über den augustinischen „Liebesbegriff“ als wichtiger Beitrag zum Erkenntnisfortschritt idealisiert und zugleich als unvollständige, noch auszubauende Position relativiert wurde. Augustin eignet sich ja überhaupt als Berufungsinstanz für dubiose Anliegen. So wurde er zuletzt noch mit seinem „Ordo-Amoris“-Konzept – der fein abgestuften Nächstenliebe vom Nahbereich bis zu den weniger liebenswürdigen Fremden – von US-Vize J.D. Vance für die fremdenfeindliche Linie der USA und die Gewalttätigkeit der ICE-Trupps in Anspruch genommen. Was allerdings vom Vatikan, noch vor dem Streit mit Trump, zurückgewiesen wurde. Wenn Fachleute der katholischen Militärseelsorge heute auf Augustinus wegen seiner Lehre vom gerechten Krieg zurückgreifen, haben sie dagegen den Segen ihrer Nationalkirche.
Für Heidegger, gegen Linke
Eine wichtige Rolle hat Arendt bei der Etablierung des Konstrukts „linker Antisemitismus“ gespielt, das in der letzten Zeit schon mehrfach auf den Prüfstand gestellt worden ist, so von Gerhard Hanloser oder in einer neueren Übersicht zu den Zensurleistungen der deutschen Öffentlichkeit. Das Konstrukt hat auch, siehe die IVA-Reihe „Marx is back“, seine Tradition im akademischen Antikommunismus und greift zudem gerne auf den angeblichen Selbsthass des „Juden Marx“ zurück.
Bei der Erfindung und Durchsetzung dieses „Kampfbegriffs“ (Hanloser) hat sich die politische Theoretikerin Arendt große Verdienste erworben, speziell bei der antikommunistischen Formierung des Frontstaates BRD, der Antifaschismus durch Feindbildpflege in Richtung des totalitären Ostblocks ersetzte. Arendt hat in der Nachkriegszeit eifrig an der Rehabilitierung ihres faschistischen Protektors Heidegger mitgewirkt und, statt die Aufklärung über Aufstieg und Triebkräfte der NS-Herrschaft zu stärken, den Nationalsozialismus mit dem Stalinismus anhand formaler Kriterien gleichgesetzt. Damit schuf sie das Modell für das Feindbild von NATO und Co. im West-Ost-Gegensatz, wo der realsozialistische Gegner hinterm „Eisernen Vorhang“ als Inbegriff des Bösen dingfest gemacht wurde.
Dass Arendt am Beginn ihrer Karriere auf Augustinus stieß, war übrigens das Ergebnis einer eher unappetitlichen Affäre: Der verheiratete und auf seine Karriere bedachte Philosoph Heidegger hatte Sex mit seiner Studentin, schob sie dann, um Aufsehen zu vermeiden, an die Universität Heidelberg ab, wo sein Spezi Karl Jaspers ihr Unterschlupf gewährte und ihre von Heidegger inspirierte Augustinus-Dissertation durchwinkte. Heraus kam eins der groteskesten Werke der modernen Philosophie. Es balanciert, deutsch-lateinisch radebrechend, an der Grenze zur Unlesbarkeit und will den für seine körperfeindliche Sexualethik bekannten Kirchenvater ausgerechnet mit seinem „Liebesbegriff“ als Impulsgeber fürs heutige Philosophieren retten.
Arendt hat die Schrift später nicht mehr veröffentlicht – vielleicht war dieser peinliche Start ins akademische Leben auch der Grund dafür, dass sie sich nachträglich von der Berufsbezeichnung „Philosophin“ distanzierte (vgl. Gleichauf 2021, 41). Die Schriftstellerin Ingeborg Gleichauf hat der Beziehungskiste Heidegger – Arendt – Jaspers eine biographisch angelegte Studie gewidmet. Das entscheidende Kapitel des Buchs geht auf Heideggers Rolle als (zeitweise) führender Nazi-Philosoph ein.
NS-Philosophie
Heutzutage wird diese Rolle – genauso wie die spätere Legendenbildung der Heidegger-Schule – allgemein verurteilt. Seit Ende des 20. Jahrhunderts liegen ja auch zahlreiche Veröffentlichungen, zuletzt Heideggers „Schwarze Hefte“, vor, die die Mär vom „träumenden Knaben“ (Gleichauf 2021, 63), der aus lauter Weltfremdheit ins NS-Fahrwasser geriet, widerlegen. Wichtig war hier vor allem die große Studie von Emmnauel Faye „Heidegger – Die Einführung des Nationalsozialismus in die Philosophie“ (2009), die zuerst auf Französisch 2005 erschien und Unveröffentlichtes aus der Zeit von 1933 bis 1935 brachte.
Solche Enthüllungen bedeuten aber für die philosophische Gemeinde nicht unbedingt eine Disqualifizierung. Selbst ein Wissenschaftler wie Micha Brumlik, der Heidegger als Apologeten einer seinsgebundenen Volksgemeinschaft einstuft, hält an der Seinsphilosophie als wichtigem philosophiegeschichtlichem Datum fest. Dabei wird Heidegger mittlerweile, seitdem Arendts Elogen verklungen sind, von Fachleuten ein „ontologischer“ oder „metaphysischer Antisemitismus“ attestiert. Dafür hätte man natürlich nicht 50 Jahre lang auf die Edition der hinterletzten Notizen und Tagebuchaufzeichnungen warten müssen. Die Marxistische Gruppe (MG) ist schon in ihrer legendären Hochschulagitation auf den Fall eingegangen und hat den Gehalt der Seinsphilosophie unvoreingenommen ins Visier genommen. Das Ergebnis war 1988 die Studie „Der konsequenteste Philosoph des 20. Jahrhunderts – Faschist“, die Peter Decker 2020 in einer Neuausgabe vorgelegt hat.
Diese Erkenntnis kommt in neueren Würdigungen durchaus zur Sprache. Damit wird auch ein bezeichnendes Licht auf den Umgang mit der NS-Zeit geworfen, der in der Adenauerära an der Tagesordnung war. Wie Gleichauf belegt, besteht der Skandal darin, dass die jüdische Emigrantin Arendt und der Hochschullehrer Jaspers, der mit einer Jüdin verheiratet war, nach 1945 entscheidend an dieser Legendenbildung mitwirkten – wider besseres Wissen. Sie hätten „sich aus einer Haltung der Treue heraus davor gedrückt, der Wahrheit einer Verstrickung Heideggers in das NS-System ins Auge zu blicken“ (Gleichauf 2021, 63).
Das heißt, dass die beiden einem bekennenden Faschisten die Stange hielten. Sie verbreiteten die Unwahrheit – nicht in nebensächlichen Dingen, sondern zur Rechtfertigung eines Wegs, der immerhin zum „Zivilisationsbruch“ (Dan Diner) des 20. Jahrhunderts führen sollte. Bei dieser angeblichen Treue muss man zudem berücksichtigen, dass Heidegger bis in persönliche Fragen hinein eine schäbige Rolle spielte: Wenn es um die jüdische Herkunft bei Kollegen und Weggefährten ging, war er ganz auf Parteilinie. So wird bei Gleichaufs Beschwörung einer Freundschaft, die in völliger kommunikativer Offenheit stattgefunden habe, im Prinzip etwas anderes deutlich: die politisch-weltanschauliche Verlogenheit, die diese Geistesgrößen des Nachkriegs im Umgang mit der Öffentlichkeit (und untereinander) pflegten.
Dazu passen die Mitteilungen (Gleichauf 2021, 70ff), dass Jaspers Heideggers Opus Magnum „Sein und Zeit“ wahrscheinlich gar nicht gelesen hat, während der als Meister verehrte Seinsphilosoph die Schriften von Jaspers und Arendt ebenso ignorierte, möglicherweise nur die Schlussseiten durchblätterte – eine These, der Faye in seiner neuen Studie übrigens widerspricht; er sieht, auch in den antisemitisch exponierten Veröffentlichungen, eine regelrechte Komplizenschaft von Arendt und Heidegger am Werk (Faye 2024, 245ff).
Doch auch ohne eine solche Kollaboration bieten die Einblicke, wie sie inzwischen möglich sind, einigen Aufschluss über die Misere der Vergangenheitsbewältigung in Westdeutschland. Während Adorno damals in seinen berühmten Stellungnahmen zu einer „Erziehung nach Auschwitz“ eindeutig Position bezog, wechselte Arendt schwülstige Briefe mit ihrem ehemaligen Liebhaber, hielt ihm eine unmögliche Laudatio und beschwerte sich parallel bei Jaspers, dass ihr an Adornos Schriften nichts „glaubwürdig“ erscheine, da sie darin nur ein „Durcheinander des Beliebigen“ entdecken könne (Gleichauf 2021, 35).
Politische Bildung mit Arendt
Eine neue aufwändige Studie der Erziehungswissenschaftlerin Lena Köhler würdigt nun Arendt als Begründerin einer politischen Bildung, die die „Bedeutung von Natalität oder – wie Arendt ins Deutsche überträgt – von Gebürtlichkeit“ in den Mittelpunkt rückt (Köhler 2026, 7). Arendt zähle zu denjenigen Persönlichkeiten „der philosophischen Tradition, die, wie niemand sonst, die Gebürtlichkeit des Menschen und seine Fähigkeit neu anfangen zu können ins Zentrum ihres Denkens gestellt hat“ und sich damit von Heideggers Philosophie und der damit verbundenen Bestimmung des menschlichen Daseins als „Sein zum Tode“ abgesetzt habe: „Dass die Geburt und ihre Bedeutung für den Menschen verstärkt ins Zentrum des philosophischen Denkens rückt, ist besonders Hannah Arendt zu verdanken.“ (Ebd., 8)
Eine erstaunliche Erkenntnis: Man muss erst geboren werden, um da zu sein und etwas unternehmen zu können. Aus dieser absoluten Banalität wird dann ein politisch-philosophischer Schwulst gestrickt, der Heideggers Geraune kongenial ist und der sich auch gar nicht groß von dessen Erkenntnisfortschritt unterscheidet, der Mensch müsse sich – endlich nach 2500 Jahren abendländischer Philosophiegeschichte wird das einmal klargestellt – seines Seins zum Tode bewusst werden. Arendt bringt die Ergänzung zu dieser tiefen Einsicht: Um sterben zu können, muss man erst einmal geboren sein. Sie ist also gewissermaßen Vollenderin oder Vollstreckerin der Heideggerschen Philosophie, die sie als Intellektuelle – als eine Kopfarbeiterin, der die Abfassung oder der Vortrag von Texten locker von der Hand geht – in außerphilosophische Kontexte übertragen hat, um dort dann als politische Theoretikerin Furore zu machen.
Einfach Nachplappern will sie die Werke der großen Vorbilder nicht, sei es jetzt der hl. Augustin oder der Meisterdenker Heidegger. Auch bei Augustinus bestätigt Arendt nicht einfach die tiefen Gedanken, sondern stellt Defizite fest. Sie lässt die religiös begründete Weltfremdheit des Kirchenvaters nicht als letztes Wort gelten, wie die Philosophin Frauke Kurbacher, die Arendts Dissertation neu herausgegeben hat, hervorhebt, um dann aber gleich hinzuzufügen, dass hier weniger Kritik als Übereinstimmung festzustellen sei: „Der Gedanke des Sich-verantwortenden-Denkens, das Arendt bei Augustinus – freilich in Bezug auf Gott – exemplarisch vorgeprägt sieht und dem sie sich selbst, wenngleich unter anderen Rahmenbedingungen, verpflichtet weiß, impliziert letztlich immer ein Sich-vor-etwas-oder-jemand-anderen- und auch -vor-sich-selbst-Verantworten“ (Arendt 2028, XLVI; korrekt müsste es wohl heißen: „… oder-jemand-anderem-“).
Politische Bildung muss sich also bewusst machen, dass Menschenkinder geboren (und nicht vom Storch gebracht) werden und dass sie dann in irgendeiner Form Verantwortung übernehmen müssen. Dieses „Muss“ ist wie bei Heidegger der Ausfluss von Seinsbestimmungen, denen sich angeblich keiner entziehen kann, da sie so abstrakt sind, dass sie auf alles und jeden passen. Salopp gesagt kann man daher Heideggers Erkenntnis in dem Spruch „Was sein muss, muss sein“ zusammenfassen. Jede Notwendigkeit, wie sie von maßgeblichen Instanzen vorstellig gemacht wird – seit Gaucks Präsidentschaft ist z.B. glasklar, dass wir Deutschen „mehr Verantwortung“ übernehmen müssen –, erhält so bei Bedarf ihre höhere Weihe.
Die Geburt als wichtiges, bisher angeblich kaum in den Blick genommenes Thema ist laut der Arendt-Exegese von Köhler „nicht nur ein Ereignis, dass das Leben des einzelnen Menschen beginnen lässt, sondern auch ein Geschehen, das den Menschen an soziale Gefüge bindet.“ (Köhler 2026, 9). Wer hätte das gedacht, man hat sofort mit Vati, Mutti und der Geburtsstation im Krankenhaus zu tun. Und mit den folgenden Windelwechseln ist dann auch schon Erziehung „verwoben“, sie „ermöglicht es dem Menschen, sich aktiv in die Welt einzuschalten (zu handeln), aber auch sich zu bilden, indem das Handeln durch kritisches Denken reflektiert und das bisher Gelernte hinterfragt wird“ (ebd., 277). Hilfreich hier auch die Präzisierung der Erziehungswissenschaftlerin, dass Einschalten gleich Handeln ist – junge Menschen würden sonst nur ans Handy denken. Und mit der Anhäufung solcher Umständlichkeiten und Redundanzen ist es natürlich ein Leichtes, ein Buch mit 300 Seiten und 350 Literaturhinweisen zu füllen.
Solche Banalitäten hat also eine Theoretikerin geliefert, die während der Nachkriegszeit in den Publikationen der Kritischen Theorie nur ein „Durcheinander des Beliebigen“ entdecken konnte! Mit antifaschistischer Aufklärung, die von Adorno und Co. nach 1945 als Herzstück einer zeitgemäßen politischen Bildung gefordert wurde, haben solche Ausführungen nichts zu tun. Es sind aber auch nicht einfach die trivialen Mitteilungen vom Zoon Politikon etc., die man seit Aristoteles kennt.
Das Ganze gibt sich total modern als eine seinsphilosophische Reflexion, die erst die Grundlage fürs heutige Denken und Handeln schaffen soll – und das explizit in der Nachfolge Heidggers. Dem schrieb Arendt noch 1960, dass ihre Schrift „Vita activa“ ihm „in jeder Hinsicht so ziemlich alles“ schulde. Daher kommt Faye zu dem Schluss, dass Arendt systematisch an der „Zerstörung des Denkens“ gearbeitet hat: „Bereit dazu, jegliche Kritik zu neutralisieren, hat sie mit einem kultischen Hymnus einen Sockel errichtet, auf dem der ehemalige Nazi-Rektor, der Horst Wessel als Vorbild für die deutsche Jugend empfahl, zum König im Königreich des Denkens erhoben wurde.“ (Faye 2024, 451)
Nachweise:
Hannah Arendt, Der Liebesbegriff bei Augustin. (Erstausgabe 1929) Hg. von Frauke A. Kurbacher. Hamburg 2018.
Peter Decker, Martin Heidegger – Der konsequenteste Philosoph des 20. Jahrhunderts – Faschist. (Erstausgabe 1988) 2., durchgesehene und erweiterte Auflage, München 2020.
Emmanuel Faye, Heidegger – Die Einführung des Nationalsozialismus in die Philosophie. (Erstausgabe 2005) Berlin 2009.
Emmanuel Faye, Martin Heidegger und Hannah Arendt – Zerstörung des Denkens. (Erstausgabe 2016) Würzburg 2024.
Kurt Flasch, Augustin – Einführung in sein Denken. Ditzingen, 5. Aufl. 2020.
Kurt Flasch (Hg.), Augustinus von Hippo, Logik des Schreckens – De diversis quaestionibus ad Simplicianum I 2. Mainz 1990.
Ingeborg Gleichauf, Hannah Arendt und Karl Jaspers – Geschichte einer einzigartigen Freundschaft. Wien u.a. 2021.
Lena Köhler, Politische Bildung der doppelten Geburt – Hannah Arendts pädagogische Figur der Natalität. Weinheim 2026.
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Irgendwie mußte ich bei diesem recht langen Rant an den schönen Spruch „Was juckt es die stolze Eiche, wenn sich die Sau an ihr reibt?“ denken. Seltsam, nicht?
Aber gut, daß er mal Dampf ablassen durfte. Dafür ist das Internet ja nach Porn vornehmlich gemacht.
Ihnen gefällt denn dann auch horst wessel? wenn ich Ihren kommentar lese, fällt mir auch irgendwie so ein schöner spruch ein: „wenn einer, der mit mühe kaum,
geklettert ist auf einen baum,
schon mein, dass er ein vogel, wär,
so irrt sich der.“
Ein Einwand wäre, dass Peter Decker und Autoren vom Gegenstandpunkt den Adorno, bzw. die Frankfurter Schule genauso zerreißen. Die Frankfurter Schule kommt auch bei Gabriel Rockhill überhaupt nicht gut weg.
Bei Heidegger darf man sich wirklich wundern, was über den heute alles posthum bekannt ist, aber damals verschwiegen wurde. Vor gar nicht allzu langer Zeit war er noch quasi ein Nationalheiliger der Konservativen und fester Bestandteil eines Philosophiestudiums an der Uni Freiburg. Wenn das kein Säulenheiliger ist … Ich weiß nicht wie das heute ist, ist auch irrelevant. Bei der Wikipedia gibt es eine Seite über Heidegger und damit sich Heidegger-Verehrer nicht zu sehr auf den Schlips getreten fühlen noch eine Extra-Seite zu Heidegger im Nationalsozialismus.
https://de.wikipedia.org/wiki/Martin_Heidegger
https://de.wikipedia.org/wiki/Martin_Heidegger_und_der_Nationalsozialismus
Arendt war das Thema?
Bei Youtube findet man noch Videos von ihr. Man stellt sofort fest, dass sie Kettenraucherin mit einer sehr tiefen Stimme war. Ich habe mir schon mehrfach den Spaß gemacht von der Banalität des Bösen zu sprechen, aber nicht ausdrücklich im Bezug auf Nazis. Jedes Mal gab es großen Protest, dass man das nicht machen darf, was auch für sich spricht. Ihren Bericht zu dem Eichmann-Prozess finde ich ganz gut. Sie versucht den Mythos, dass es nur ein paar Durchgeknallte waren, die das Volk verführt hätten, zu widerlegen.
Ich schätze das Overton-Magazin, sonst würde ich ja hier nicht regelmäßig kommentieren.
Dieser Beitrag hier zählt aber mit zum Schwächsten, Unsachlichsten und Voreingenommensten, was ich hier je gelesen habe. Wirklich. Unterirdisch!
Regelrecht peinlich auch die Angriffe ad personam im Hinblick auf eventuelle Irrtümer von Ahrendt völlig unwichtigen Details zur Kirchengeschichte. Wen interessiert das??
Vollkommen sinnlos auch der Verweis auf die Instrumentalisierung von Hannah Ahrendt durch Erziehungswissenschaftlerin Lena Köhler.
Allein schon der erste Satz ist in seiner intellektuellen Unterkomplexität nicht so leicht zu unterbieten.
„Hannah Arendt – eine der dümmsten Intellektuellen oder der bedeutendsten Stimmen des 20. Jahrhunderts.“
Wie kann man denn so etwas schreiben???
Außerdem ist ja für jeden auch nur halbwegs über Hannah Arendt informierten Menschen klar, dass wir es hier nur mit einem erneuten Versuch zu tun haben, Ahrends kluge und wegweisende Totalitarismustheorie mal wieder von linksextremer Seite her anzupinkeln. Denn das ärgert Kommunisten natürlich irgendwie doch, dass sie nach dieser Theorie mit den Nationalsozialisten zusammen in einen übel stinkenden Topf getan werden.
An ihren Taten sollt ihr sie messen, nicht an ihren Worten oder Behauptungen! Und da haben sowohl Nationalsozialisten als auch Kommunisten massenhaft Dreck und Blut an den Händen und Müll im Kopf.
—
Ansonsten hat @Hontoni bereits das Nötige gesagt.
Als Katholik hat man nichts zu Augustinus zu sagen?
Peter Decker, wie auch Karl Marx, ein deutschlandweit bekannter Massenmörder mit sprichwörtlich Dreck und Blut an den Händen, nur so triefend, und noch viel schlimmer. So steht es geschrieben in der …
Es grüßt das Hufeisenmodell:
https://de.wikipedia.org/wiki/Politisches_Spektrum#Hufeisenschema
(vielleicht auch den Kritikteil lesen, wo unter Anderem das Wort „Scheuklappen“ fällt)
Hufeisen – Scheuklappen – … ?
mit der banalität des bösen hat sie meines erachtens gerade das hufeisen auf den müllhaufen der geschichte entsorgt und eindrucksvoll die angelhakentheorie bestätigt.
@Wolfgang Wirth
A. Hitler war also ein Kommunist. Eine recht interessante These. Frau Weidel ist da der gleichen Ansicht. Oder lohnt es sich da ein paar Unterscheidungen zu treffen?
Wie plural ist eigentlich der Neoliberalismus und wie viele Tote haben wir ihm zu verdanken? Wenn wir schon mal dabei sind an Taten zu messen.
@Trux
Sie unterstellen mir etwas, was ich nie behauptet habe.
Das ist eines edlen Menschen unwürdig.
Natürlich war Hitler kein Kommunist, sondern wollte ganz im Gegenteil den Kommunismus ausrotten.
Das weiß doch jeder!
—
Anscheinend kennen Sie aber gar nicht die auf Ahrendt zurückgehende Totalitarismus-Theorie, sonst würden Sie nicht so etwas Falsches und Absurdes schreiben.
Ahrendt behauptete nie, dass die Kommunisten und Nationalsozialisten der 1930er und 1940er Jahre gleich gewesen seien, sondern sie stellte ganz richtig fest, dass beide Ideologien zu einer unfreien und diktatorischen Gesellschaft führen, in der viele Lebensbereiche durch die jeweils herrschende Ideologie geprägt sind. Und weil die Ideologie viele Lebensbereiche stark, teils sogar total prägen will, deshalb verwendete sie das Wort „totalitär“ woraus dann die Bezeichnung Totalitarismus-Theorie wurde.
Die angeblichen oder tatsächlichen ZIELE dieser Ideologien spielten für Anhänger dieser Theorie keine große Rolle, denn an den TATEN soll man ihrer Meinung die politischen Akteure messen. Und da haben die sowjetischen, chinesischen, nordkoreanischen und teils auch deutschen Kommunisten der KPD bzw. SED bekanntlich kein Guthaben auf ihrem Konto, sondern viel auf dem Kerbholz. Die Blutspur fängt schon bei Lenin an und hört bei Stalin noch nicht auf. Kennen Sie das 1973 erschienene Buch „Der Archipel Gulag“ des sowjetischen Dissidenten Alexander Solschenizyn?
https://de.wikipedia.org/wiki/Der_Archipel_Gulag
Man kann es noch heute kaufen.
Dazu passt das schöne Bibelwort: „An ihren Früchten werdet ihr sie erkennen.“
(Matthäus 7,16)
„A. Hitler war also ein Kommunist. “
Das ist eine recht gewagte Interpretation des Kommentars des Herrn Wirth. Aber es geht Ihnen ja auch nicht um Sachlichkeit.
Die Methoden totalitärer Systeme, die angewandten Werkzeuge zur Menschenlenkung ähneln sich egal welche Ideologie Basis des Systems ist. Sowohl Faschismus als auch Kommunismus sind Ideologien, die einen totalitären Wahrheitsanspruch haben und zur Umsetzung auf ein totalitäres System angewiesen sind. Die Lenkungsmittel sind jene, die schon immer funktioniert haben: Angsterzeugung und Leckerli. Daher schwimmen beide Ideologien zu Recht in einem gemeinsamen Totalitarismustopf. Das heißt bei weitem nicht, dass sie identisch sind. Sellerie und Möhre im Eintopf sind ja auch nicht identisch, haben aber doch einige Gemeinsamkeiten.
Meine Sicht auf den Neoliberalismus: Der Neoliberalismus ist im Kern plural angelegt. Im Gegensatz zu Kommunismus und Faschismus präsentiert er keine fertigen Lösungen, kein großes Ziel einer idealen Gesellschaft sondern geht davon aus, dass auf allen Gebieten des menschlichen Tuns über freies Spiel der Ideen und Kräfte am Ende eines Spielabschnitts die jeweils beste Idee, der beste Ansatz, das beste Produkt einen Zwischensieg erreicht und damit auch das Beste für die Allgemeinheit erreicht wird.
In der Praxis ist dieses System noch nicht ausgetestet worden. Insofern kann zu Opfern auch nichts gesagt werden.
Allerdings kann durchaus vermutet werden, dass auch dieser Ansatz in den Toalitarismus und damit zu Opfern führt. Entweder nämlich setzen sich wenige Spieler durch und gewinnen eine beherrschende, die Idee des Neoliberalismus konterkarierende Stellung – auf Dauer. Was Recht und Gesetz ist, bestimmen diese Gewinner. Oder aber mit massiven gewaltsamen Eingriffen muss regelmäßig ein Reset erfolgen, damit das Spiel von vorn beginnen kann.
Der entscheidende Schwachpunkt der neoliberalen Idee ist, dass in einem System eines freien Marktes mit unterschiedlichen Startvoraussetzungen der neu geborenen Marktteilnehmer (Bildung, materielle Möglichkeiten usw.) sich eben nicht die besten Ideen durchsetzen, da sich diese häufig gar nicht entwickeln können.
Die Suche nach dem idealen System menschlichen Zusammenlebens wird hoffentlich noch anhalten dürfen. Momentan scheint mir eine erhebliche Tendenz vorhanden zu sein, steinzeitliche Realitäten schaffen zu wollen.
„Totalitarismustheorie“, ist das nicht genau die, die die Gleichsetzung von Faschismus und Kommunismus einleitete und noch heute in der Basis-These „Russland ist die Inkarnation des deutschen Faschismus“ täglich gebraucht wird?
In Ihrem Hauptwerk über Totalitarismus vergleicht Hannah Arendt den Totalitarismus der National-Sozialisten mit dem der Sowjet-Kommunisten ohne sie gleich zu setzen. Das Buch lohnt sich sehr zu lesen!
Vielleicht darf ich für diejenigen, die Arendts „Elemente und Ursprünge“ nie in den Händen gehalten haben, darauf hinweisen, dass das Buch aus drei Teilen besteht, wobei der mittlere Teil den Titel „Imperialismus“ trägt und vom ganz normalen Wirken und Walten der „Bourgeoisie“ (Arendt) sowie des bürgerlichen Staates handelt – inklusive „Rassismus“, „Bündnis zwischen Kapital und Mob“, „Rasse und Bürokratie“ (Arendt) etc. pp.
Losurdo hat aufgrund des merkwürdigen Aufbaus des Buches – Teil I „Antisemitismus“, Teil II „Imperialismus“, Teil III „totalitäre Bewegung und totale Herrschaft“ – die Vermutung aufgestellt, dass Arendt eigentlich ein anderes Buch, letztlich ein verallgemeinerndes über die deutsche Entwicklung, schreiben wollte bzw. bereits in hohem Maße geschrieben hatte und den „Stalin-Teil“ dann hinten angefügt hat. Diese gewisse Inkohärenz ist damals wohl auch anderen aufgestoßen.
Propagiert wird’s seit seiner Heiligsprechung als „Hitler-Stalin-Buch“.
Das Schlagwort vom Totalitarismus stammt (ebenfalls) nicht von Arendt, sondern muss schon in den 1930-er Jahren kursiert haben – auch in der Linken. Wobei bei Verwendung des Schlagworts noch lange nicht ausgemacht ist, was jeweils damit gemeint wird.
Die Entstehungs- und Veröffentlichungsgeschichte von „Elemente und Ursprünge totaler Herrschaft“ ist in der Tat verwickelt und komplex. Teil III über den „Totalitarismus“ ist deutlich später entstanden als die ersten beiden Teile, die auf Vorarbeiten von Anfang der 40er Jahre aufsetzen. Zu der zeitlichen Distanz kommt hinzu, daß Arendt im Schreibprozeß zu Teil III ihre geplante Komposition über den Haufen warf und eine Theorie des totalen Staates entfaltete, die Elemente und Entwicklungsstufen enthielten, die sie aus der Analyse des Faschismus/Nationalsozialismus und des „Bolschewismus“ extrahiert hatte. Teil III ist also keineswegs die conclusio aus den ersten beiden Teilen, sondern eine damit nur lose verbundene Phänomenologie des totalen Staates. Der politische Philosoph Roy Tsao hat vor einigen Jahren in einem ausführlichen Essay versucht, die Genese des berühmten Arendt-Buches offenzulegen: https://roytsao.nyc/wp-content/uploads/2017/02/three-phases-of-arendts-theory.pdf
ich stimme Ihnen voll und ganz zu!
Zwar habe ich die vom Autor zitierten Werke von Hannah Arendt nicht gelesen, kenne aber ihr Hauptwerk über den Totalitarismus und das ist wirklich genial und in meinen Augen sogar brandaktuell.
Wenn man dieses Buch gelesen hat, oder das über den Eichmann Prozess, bekommt man den Eindruck, der Autor spreche über eine andere Hannah Arendt.
Selbst der Klatsch über Heidegger, der abgesprochenerweise mit seiner Frau eine offene Ehe führte, tönt so, als ginge es dem Autor nur um eine Diskreditierung von Hannah Arendt.
Du meine Güte: wie kann Overton nur ein derartiges Gewäsch über Hannah Arendt veröffentlichen? Ihre seltsame Beziehung zu und Begeisterung von Heidegger (von dessen Anbiederung an das Hitler-Regime sie maßlos enttäuscht war): macht dies das politische Denken der Arendt aus? Sie begriff sich selber nicht als Philosophin, sondern als politische Denkerin.
Als Zionistin war sie tätig und war doch entsetzt, was die in Palästina anrichteten. Und sie war liiert mit Günter Stern (Anders) und dem Ex-Kommunisten Heinrich Blücher. Beide beeinflussten ihr Denken stark. Nichts davon ist hier zu lesen.
Dass ihre Bewunderung der amerikanischen Demokratie ziemlich stark war und ihre gleichzeitige Faszination der Rätedemokratie, gehört zu ihrem widersprüchlichen Denken. Aber wo steht hier in diesem Beitrag etwas zu ihrer Totalitarismus-Analyse? Darüber hätte ich doch gerne eine ernstzunehmende Auseinandersetzung erwartet.
Ist ihre Bewunderung der US -Demokratie etwa in dem Interview zu finden, in dem sie konsterniert fragte, von welcher Demokratie seit kurzem die Rede sei? Die USA hätten keine Demokratie, können sie auch gar nicht haben, da sie nicht das Stadium des Feudalismus durchlaufen hätten. In den USA herrsche das Gesetz und sonst gar nichts.
Schillo hat eine Menge aus seinem verlinkten TP-Artikel von 2021 übernommen, die m.E. wichtigste Passage daraus allerdings nicht – aus gutem Grunde:
Das paßt nicht zur character assassination, die Schillo, hier geradezu wollüstig zelebriert. Die Wahl des Titelbildes paßt freilich bestens zu der geistesgeschichtlich überaus wichtigen Mitteilung, daß Martin die Hannah gef:::t hat … oder umgekehrt. Letzteres stünde ihr übrigens besser, würde ich denken.
Es hat natürlich ein extra Geschmäckle, daß dem bovi des Kommentariates analoge Wollust verwehrt worden ist. War das die Gelegenheit, die diesen Artikel geboren hat? Darf ich diese Frage stellen, MechZenion?
Die „dümmste Intellektuelle“ – ist das nicht ein Pleonasmus, so wie „das dümmste Huhn“, Schillo? Schaumainspiegel.
Von geistesgeschichtlichem Belang ist die sog. „Totalitarismusdoktrin“. Inwieweit deren Zuschreibung an Hannah Ahrend überhaupt korrekt ist, weiß ich nicht, will ich auch nicht wissen, aber jedenfalls – erfährt man von Alexas Google-Kollegin einiges Erhellende dazu:
Ist das alles verkehrt? Nö! Diese „Strukturelemente“ befassen sich mit der Oberfläche von Herrschaftstechnologie im Zeitalter industrieller Massenproduktion, Massenpresse, Mobilität etc.pp. Ist das „dumm“? Natürlich ist das einschlägig dumm, weil an solche „Strukturelemente“ bürokratischer und militärischer Massenkontrolle welcher Maßstab angelegt ist? Eben, ausgerechnet der einer abstrakt-idellen persönlichen Freiheit.
Aber ich fange an, die Arbeit zu tun, die Schillo nicht getan hat, und die im Zeitalter der inquisitorischen elektronischen Diskurskontrolle und des zunehmend flächendeckend und methodisch voran getriebenen character – assassinating auf allen Ebenen der öffentlichen Meinung höchst überflüssig wäre.
Deckers Schrift über Heidegger kann ich aus meiner verblassenden Erinnerung an den MSZ-Artikel von ’88 empfehlen.
Ein Wort noch zu Hannah, aus meiner sehr schmalen Kenntnis ihrer Biographie und Schriften:
Es scheint mir sehr deutlich, daß sie in vieler Hinsicht Spätgestalt einer femme de lettres gewesen ist, in einer Zeit, da Frauen auf pädagogischen Hochschulen gern gesehen waren, auf Universitäten überwiegend als sexuelles Jagd- und Freiwild geschätzt.
Gemessen daran hat sich Hannah nicht so übel geschlagen. Schäm dich getrost mal was, Schillo – naja, wirst du nicht. Würde wohl auch für die Zukunft nichts ändern ….
Ein schwerwiegender Vorwurf; sollte da etwas dran sein, dann wäre es nicht verwunderlich, dass Arendt von der herrschenden Elite von (linksliberal bis konservativ) so überschwänglich gelobt wird – als eine Formalistin, die sich bestens instrumentalisieren ließ für die Herrschaftsform des westlichen Kapitalismus (gleich Imperialismus).
„Dazu passen die Mitteilungen (Gleichauf 2021, 70ff), dass Jaspers Heideggers Opus Magnum „Sein und Zeit“ wahrscheinlich gar nicht gelesen hat, während der als Meister verehrte Seinsphilosoph die Schriften von Jaspers und Arendt ebenso ignorierte, möglicherweise nur die Schlussseiten durchblätterte“
Ich auch nicht. Ich kenne niemanden, der die drei gelesen hat. Eigentlich hat mir nur der Satz „lehre die Bombe Phänomenologie“ den Zugang zu dieser Philosophie eröffnet.
Hannah Arendt spuckt aber in allen Feuilletons herum, also als Sekundärliteratur, und um die Banalität des Bösen zu verstehen, muss man sie nicht im Original lesen. Ich finde allerdings, dass man das auch auf Bürokratien übertragen. Eine Bürokratie, die Leute wie Merz und Pistorius nicht ausspuckt, kann nicht gut sein.
Hannah Arendt hätte ihr kontroverses Diktum „Banalität des Bösen“ relativieren können, wenn sie mit den Augen eines Staatsanwalts „Banalität“ als Verteidigungstaktik eines Angeklagten in Betracht gezogen hätte, der um seine Untaten nur zu gut wusste. Bettina Stangneth hat das mit ihrem „Eichmann vor Jerusalem“ detailliert nachgewiesen. Arendt hatte damals nicht ansatzweise diesen Quellenzugang, hätte aber schon mehr Phantasie in ihrer Beurteilung Eichmanns an den Tag legen können.
Bis auf wenige Ausnahmen, wie exemplarisch Dirlewanger oder Amon Göth, sind die furchtbaren Taten der NS-Zeit eben nicht abartigen Persönlichkeiten oder metaphysischen Kategorien des „Bösen“ zuzurechnen.
Stattdessen wurden Gesetze erlassen und Anordnungen verfasst, die dann „ordentlich“ umgesetzt wurden, in allen Bereichen, auf allen Ebenen. Was geschah, wurde als notwendige Maßnahme begriffen, die zu einem positiven Endziel führen sollte. Antisemitismus war und ist allen westlichen Gesellschaften vertraut, Diskriminierung eher der Regel als die Ausnahme. Eugenik war Bestandteil „progressiver“ Politik, einschließlich der damit verbundenen Maßnahmen wie Sterilisation oder Lobotomie.
„As eugenics was quite popular among influential members of American society, it was not difficult to bridge the gap between scientific research and constitutional law. Perhaps the most obvious manifestation of eugenics thought in
United States legislation came in the Supreme Court decision of Buck v. Bell in 1927.
It was seen as a viable alternative to the increasing amount of poverty and criminality in the United States. In defense of his decision, Supreme Court Justice Oliver Wendell Holmes wrote, “It is better for all the world, if instead of waiting to execute degenerate offspring for crime, or to let them starve for their imbecility, society
can prevent those who are manifestly unfit from continuing their kind.” Eugenics was, therefore, seen as a solution to the problems that lower populations brought to the United States. If certain inferior bloodlines were cut off, then the problems contained in their genome would not extend to future generations and continue to plague the United States.“
https://dl.tufts.edu/downloads/5q47s068m
Vergleichbare Maßnahmen finden sich auch in anderen Ländern. Auf Ausgrenzung und Diskriminierung folgt Separierung und dann die Sterilisierung. Alles ganz ordentlich, ganz banal. Die Deutschen sind nur einige Schritte weitergegangen, dass sie Unterstützung in vielen europäischen Ländern fanden, gerade beim Genozid, wird gerne unterschlagen.
Das Furchtbare wurde eben nicht als furchtbar empfunden, sondern als Aufgabe, die zu erledigen war.
Entsprechendes zeigt die Forschung.
„Ein besonders gut erforschtes Beispiel ist das Hamburger Reserve-Polizeibataillon 101 (vgl. Browning, 1999). Das Bataillon bestand überwiegend aus Männern mittleren Alters, die größtenteils aus dem Arbeitermilieu stammten und vor 1933 sozialisiert worden waren.
Die These der „ganz normalen Männer“ geht maßgeblich auf den Historiker Christopher R. Browning zurück. In seiner Studie Ordinary Men (1992) untersucht er das Reserve-Polizeibataillon 101, das überwiegend aus älteren, vor 1933 sozialisierten Männern aus dem Arbeitermilieu bestand.
Browning zeigt, dass die Täter keine fanatischen Ideologen sein mussten. Entscheidend waren vielmehr situative Faktoren: Gruppendruck, Autoritätsgehorsam, Konformität, schrittweise Eskalation von Gewalt sowie die Möglichkeit moralischer Entlastung durch Arbeitsteilung.
Zugleich betont Browning, dass Handlungsspielräume existierten. Einzelne Beamte konnten sich der unmittelbaren Beteiligung entziehen, ohne schwerwiegende Sanktionen befürchten zu müssen. Die Beteiligung an Massenverbrechen war daher nicht zwangsläufig, sondern häufig Ergebnis sozialer Anpassung.
Die Geschichte der Polizei im Vernichtungskrieg mahnt daher zur Wachsamkeit. Sie zeigt, dass nicht „der böse Einzelne“, sondern organisatorische Dynamiken, Ideologien und situative Kontexte entscheidend dafür sind, wie Polizeigewalt begrenzt oder entgrenzt wird.“
https://soztheo.de/soziologie/polizeigeschichte/beteiligung-der-polizei-am-vernichtungskrieg/
Das ist die „Banalität des Bösen“. Die erschreckende Erkenntnis, dass sehr viele Menschen in einem entsprechenden Kontext zu sehr viel Furchtbarem fähig sind.
Wir konnten in den letzten Jahren sehr gut mitverfolgen, wie Russland und seine Menschen pathologisiert wurden. Mit welcher Sprache sie ausgegrenzt und herabgesetzt wurden, um den Krieg gegen sie zu rechtfertigen und die geplante Zerstörung ihrer Gesellschaft zu legitimieren.
Die Menschen, die das tun, in Medien und Politik, sind nicht „böse“, sondern zutiefst davon überzeugt, die Guten zu sein, das Richtige zu tun und zum Tod von möglichst vielen Russen beizutragen. Auf jeder Funktionsebene, ganz banal.
Ich fürchte, Hannah Arendt hat recht.
Ein ganz ausgezeichneter Kommentar, wie ich finde!
Ganz meine Meinung, unterschreibe ich 👍👍👍👍👍sofort!
Mit Ihren Ausführungen, denen ich zustimme, beschreiben Sie Strukturzusammenhänge dessen, wie „das Böse“ nahezu widerstandslos ins Werk gesetzt werden kann.
Hannah Arendt hat in ihren Prozessbeobachtungen den Menschen Eichmann in seiner ganzen Hanswurstigkeit, der deutsche Sekundärtugenden zum Daseinsprinzip erhoben hat, in den Blick genommen. Ihre Fassungslosigkeit über eine solche mediokre Figur ist unübersehbar.
Noch einmal: War es einer Hannah Arendt wirklich nicht möglich, hinter Eichmanns Hanswurstigkeit eine Verteidigungsstrategie wenigstens zu vermuten? Der Prozess fand Anfang der 1960er Jahre statt. Bis dahin waren von den NS-Größen, sicher auch von Eichmann, eine Menge Fotos in den Medien im Umlauf. Ein Eichmann-Foto aus seiner aktiven Zeit zeigt eine Physiognomie kaum verhüllten Stolzes, ein starker Kontrast zum „kleinen dienstbeflissenen Diener hinter den Kulissen“.
Daher meine Empfehlung: Arendt und Stangneth nacheinander lesen.
Ja, klar, sie ist verzichtbar. So wie jede andere Figur auch, denn wichtig ist das Werk im Detail, dessen Wirkung und die Brauchbarkeit der Herangehensweise für politische Arbeit. Und nicht, wer wann wen gevögelt hat, vernarrt war oder absonderlichen bis abscheulichen Ideen nachgehechelt ist oder wer was wo und von wem gelernt hat. Ebenso ist es egal, ob Frau Arendt in ihrem Gesamtwerk (oder ihrer, hui, Gesamthaltung) uneindeutig war, ambivalent, zwiespältig oder polyphon.
Wenn Johannes Schillo wissen will, ob Hannah Arendt eine Ikone des 20 Jahrhunderts ist, und wenn ja, ob das zurecht so sei, dann soll er das Fragen. Wobei jetzt die Frage kommen muss: Hat dieser Artikel einen Wert jenseits seiner beispielhaften Antithese der Art, wie ein zivilisierter politischer Diskurs bezüglich Bildung auszuführen sei? Ich mag mir nicht anmaßen, zu behaupten, dass ich dies umfänglich beantworten könnte, ohne dabei derbe landschaftlich bis beleidigend zu werden. Von daher gebe ich diese Frage weiter.
Ich habe gerade Deepseek befragt. Hannah Arend hatte als 18-Jährige Studentin ab ca. 1924 eine Affäre mit dem 35-Jährigen Heidegger, der ihr Professor war. Heidegger war zu dieser Zeit sein erstes Jahr ordentlicher Professor in Marburg. Dann habe ich die KI befragt, ob es damals eine Fürsorgepflicht gab an der Universität und das wurde verneint. Also in der Hinsicht wäre es „korrekt“, aber gesellschaftlich skandalös gewesen.
Erschwerend kommt hinzu, wie Herr Schillo eindrücklich dargelegt hat, dass ihre Doktorarbeit eher eine Gefälligkeit an Heidegger war, damit sie den Titel kriegt, als eine ordentliche wissenschaftliche Arbeit. Ich sehe das als Betrug. Andere Studenten waren sicherlich nicht so körperlich attraktiv wie sie und nicht so unterwürfig.
Ich finde solchen Kontext zu Personen immer sehr wichtig, denn ihr Denken kommt nicht aus einem luftleeren Raum. Sie hatte später nach dem Nationalsozialismus immer noch eine “ komplizierte Freundschaft“ mit Heidegger, was immer das heißen mag. In einem Brief an Jaspers warf sie Heidegger wohl Charakterschwäche und Naivität im Bezug auf seine Tätigkeiten im Nazi-Regime vor.
Wie weiter unten erwähnt wird, steht bei dem Vergleich zwischen Kommunismus, Nationalsozialismus und Liberalismus das Urteil bei ihr wie bei vielen linksliberalen Philosophen schon fest. Diese Art von „Wissenschaft“ verfolgt uns bis heute, wo sie gerne zitiert wird, bis hin zu der auch schon erwähnten Anne Applebaum. Solches Gebaren war und ist gut für die Karriere.
Ich habe noch eine Anekdote: Ich kenne einen anderen Professor, der mit Heidegger wohl gut befreundet war und ein großer Anhänger ist. Der bekam mal mit, dass ich einer dritten Person gegenüber Heideggers Nazivergangenheit erwähnt hatte und von seiner Philosophie nicht viel hielte. Das waren 2-3 Sätze. Daraufhin sei er sehr wütend geworden. Er redete kein Wort mehr mit mir, grüßte mich nicht mehr, und wenn er mich auf der Straße sah, wechselte er die Straßenseite. Dieses Verhalten fand ich bis heute kurios.
Niemand, also keiner ist jemals aus dem »luftleeren Raum« gekommen. Gut, AstronautInnen sind von dort zurückgekehrt und das war’s. Ansonsten wächst Mensch in kulturellen und sozialen Kontexten auf, die die Art des Denkens und der Wahrnehmung beeinflussen und meistens prägen. So weit, so banal. Vermutlich (ich würde sogar sagen „hoffentlich“) ist es jedem Menschen mal passiert, die Grenzen dieser Kontexte und deren moralische Einhegung absichtlich oder unabsichtlich überschritten zu haben. So what?
Sie kennen vielleicht folgendes Geschwafel: „Hitler war Vegetarier und sprach deutsch“ oder „ja, ja, die alten Griechen und die kleinen Jungs“. Soll jetzt daraus folgen, dass nur noch Fleisch gegessen wird, nicht mehr deutsch gesprochen und geschrieben werden soll sowie die ganze antike Philosophie über Bord geworfen oder in den Giftschrank gesperrt werden muss? Das ist Quatsch, klar.
Nehmen wir noch einmal kurz den Titel des Artikels her: »Ist Hannah Arendt für aufklärende politische Bildung unverzichtbar?« Da steht nichts von „Ist die Arbeit…“ oder „das Werk“; es wird direkt bei der Person festgemacht. Abgesehen davon, dass die Arbeiten Arendts in vielerlei Hinsicht recht unterschiedlich und auch nicht wenig sind, bleibt Schillo in seiner Beweisführung gegen Arendt bei der Biografie und legt erst einmal für ihn unappetitliches vor, die private Verbindung, und diskreditiert Arendts Promotion als Gefälligkeit (unnötig zu sagen, dass es nicht die erste und nicht die letzte wäre). Ich habe die Doktorarbeit nicht gelesen, werde ich auch nicht, da mich das Thema nicht interessiert – es sei denn, es wäre ein bezahlter Auftrag –, kann hier also nichts Intelligentes zu sagen. Was ich sagen kann, ist, dass Arendt in ihren späteren Arbeiten bewiesen hat, dass sie wissenschaftlich arbeiten kann, ob das jetzt gute, schlechte oder belanglose Wissenschaft ist, mag jeder für sich selbst beantworten und ggf. argumentieren. Wenn nach »aufklärende politische Bildung« gefragt wird, wird nach einem Werkzeug oder eine wissenschaftliche Herangehensweise gefragt und hier bleibt Schillo jegliche Antwort schuldig.
Wenn Sie mit Arendts Herangehensweise an den Totalitarismus Schwierigkeiten haben, ist das für mich völlig ok. Wenn mich jemand fragt, ob eine Bildungseinrichtung bspw. „Hannah Arendt Gesamtschule“ genannt werden soll, ist mir das egal, außer dass ich nicht verstehe, warum überhaupt eine Person in der Bezeichnung vorkommen sollte. Aber das ist in dieser Kultur Usus, diese Riesen auf deren Schultern wir alle stehen, wir sind wohl alle Artisten…
Bei »Giftschrank« fällt mir auch noch ein, dass Heidegger im philosophischen Seminar irgendwie darin stand, dennoch bei Gelegenheit herausgenommen wurde, mit einem kurzen Hinweis auf seine NS-Biografie, und dann wurde mit und an den Texten gearbeitet. Mir ist noch keine Fakultät begegnet, wo für Heidegger obligatorisch und Seins-vergessen auf einer Lichtungen getanzt wurde (@Ottmar: Freiburg kenne ich nicht und ist auch sonst schon eine Weile her). Ansonsten sind Giftschränke für Kinder gemacht und nicht für Erwachsene.
Dass Sie das von Ihnen beschriebene Verhalten des Professors nur als »kurios« bezeichnen, ist sehr freundlich von Ihnen. Wenn der Professor Ihre Äußerungen nicht als positive Herausforderung genommen hat, ist er als Professor unnütz und hat definitiv den Beruf verfehlt. Vielleicht sahen Sie auch zu gut aus und er hatte Angst…
Abschließend zu einem Erlebnis bei einer meiner ersten Unipartys. Aus einem Gespräch mit mehreren Leuten stellte sich jemand folgendermaßen vor: »Hallo, mein Name ist XY und ich bin Hegelianer.« Ich dachte erst, das sei ein Witz und antwortete, »Ich bin YX und Gabelstaplerfahrer und offensichtlich zu früh.«
Was für ein intellektuelles Armutszeugnis! Außer Angriffen ad personam und klischeehaften Verkürzungen, die wirken, als hätte das alles ChatGPT verfasst, lässt sich keinerlei Substanz in dem Beitrag finden. Die Arroganz der später Geborenen verleitet diese immer noch gerne und oft dazu, die Nazi-Keule gegen alle diejenigen zu schwingen, die rückblickend nicht kompatibel mit den aktuellen Erwartungen ans richtige Menschentum sind. Und wichtig für jeden eitlen Gestus der geistigen Verurteilung ist obendrein der Verzicht auf den zeithistorischen Kontext, so als ob Texte von Denker/innen im Vakuum entstanden wären. Es ist überraschend und etwas schockierend, dass sich das Niveau der sozialen Medien so schnell und unmittelbar auf die Beschäftigung mit Intellektuellen durchschlägt.
Moment mal. Martin Heidegger trat am 1. Mai 1933 der NSDAP bei und blieb ihr bis zu ihrem Verbot 1945 treu. Zwei Wochen zuvor war er ins Rektorenamt „gehievt“ worden und beschwor in seiner bekannten Rektoratsrede vom Mai 1933 die „Größe und Herrlichkeit dieses Aufbruchs“ – wohlgemerkt in einem Moment, in welchem bereits die (noch improvisierten) KZs gefüllt wurden, Bücher verbrannt worden waren, Parteien und Gewerkschaften verboten worden waren und am 1. April bereits ein reichsweiter Judenboykott erprobt woren war.
Was muss man noch tun, um berechtigterweise als Nazi eingeordnet zu werden? Wegen seines prominenten politischen Wirkens bekam Heidegger nach dem Krige von den Westalliierten schließlich auch Lehrverbot.
Die einzig diskutierenswerte Frage lautet angesichts dessen, ob und in wieweit sich seine politische Haltung in seinen philosophischen Schriften niederschlug.
Seltsam unbeantwortet bleibt die Titelfrage dieses Textes. Da wird zwar viel mit an Dorfklatsch erinnernden Dreck geworfen, da wird der Jüdin Arendt mittels Kontaktschuldvorwurf beinahe Antisemitismus vorgeworfen und es werden ihre frühen Schriften verrissen – keine Premiere, aber die Beantwortung der Titelfrage fehlt.
Ich gehe nach dem Lesen des Textes, der ebenso banal wie boshaft ist, davon aus, dass der Autor den Faden verloren hat und uns in einem noch folgenden, sehr sachlichen Teil seine Schlussfolgerung zur Titelfrage:
„Ist Hannah Arendt für aufklärende politische Bildung unverzichtbar?“
darlegen wird. Bin vor Neugierde schon ganz hibbelig.
Geht für mich am Thema vorbei: Arendt ist für ihre politische Theorie berühmt geworden (siehe Überschrift) und auf diesen ganzen Blödsinn („Politik darf nicht für die Armen gemacht werden, sondern muss Selbstzweck sein“, „Nur in der Politik wird der Mensch er selbst“ u.a.) wird überhaupt nicht eingegangen. Ziel scheint eher zu sein, über Arendt recht problematisches Heidegger-Bashing zu betreiben. Schade.
Es ist von einigen darauf hingewiesen worden: Seltsamerweise kommt die Totalitarismustheorie Arendts in dem Artikel nicht vor, stattdessen viel Klatsch und Tratsch. Es fehlte darin nur noch die Tatsache, dass Heidegger seinen geistigen Vater Husserl schmählich verriet.
Was den Totalitarismus betrifft, zeichnet sich Arendts Ansatz vor allem dadurch aus, daß er die Religion vom Vorwurf des T. explizit ausklammert. Der T. soll ihr zufolge Zerstörer des irrigerweise dem Subjekt zugeschriebenen Glaubens, Hort der Moral und persönlichen Integrität, sein.
Nimmt man noch den Hlg. Augustin dazu, wird ein klares Bild daraus.
Kommunismus (er ersetzt den göttlichen Führer durch das Kollektiv) und Faschismus ( ersetzt ihn durch den Anführer) sind totalitär, weil sie eine Konkurrenz zur ideologischen Alleinstellung der Kirche und Religion darstellen. Dass der Faschismus bloß auf den alten Schmuh aufsitzt, erkannte Arendt nicht und begriff daher die Kontinuität zwischen christlichem und Nazi-Antisemitismus nicht, kam über die banale moralische Attribution „das Böse“ nicht hinaus.
Die Faszination die Heideggers Mystifikationen („Das Dasein ist ein Sein, dem es um sein Sein geht“) auf sie ausübten, mögen ihr Übriges dazu getan haben, dass sie meist über Moral nicht hinauskam.
Noch etwas zu Augustinus: Seine Bekenntnisse sind es allemal wert, gelesen zu werden und mich erstaunt die Hochnäsigkeit von Leuten immer wieder, die ihm und auch Arendt auch nicht ansatzweise das Wasser reichen könnten.
Die Gedanken zur Totalitarismustheorie finde ich durchaus gut und nachvollziehbar.
Aber der Satz:
„Noch etwas zu Augustinus: Seine Bekenntnisse sind es allemal wert, gelesen zu werden und mich erstaunt die Hochnäsigkeit von Leuten immer wieder, die ihm und auch Arendt auch nicht ansatzweise das Wasser reichen könnten.“
Wie muss man das verstehen? Die Metapher „Kritiker können nicht das Wasser reichen“ ließe sich mit der Metapher „Man muss nicht Paganini sein, um zu erkennen, ob Jemand falsch spielt.“ kontern.
Was hat Augustinus gut gemacht? Was hat Arendt gut gemacht, wenn Sie sie noch vorher kritisiert haben?
Ich ärgere mich vor allen über Kommentare, die nach dem Muster „zwar habe ich nichts von Arendt gelesen, aber eine Meinung zu ihr habe ich schon“ ablaufen.
Um Ihr Paganini Beispiel aufzunehmen: Man muss das Stück kennen, um einen Fehler zu entdecken.
Augustinus Bekenntnisse sind ein erstaunliches Dokument der Selbstreflexion, meines Wissens das erste in der Geschichte der Literatur überhaupt. Noch heute ist es ein Vorbild für jeden, der über sich selbst und vor sich selbst Rechenschaft ablegen will.
Man sollte zu Augustinus Person wissen, dass er in seinen frühen Jahren ein sinnenfroher Mensch gewesen sein muss, das stellt für mich den ganz besonderen Reiz seiner Bekenntnisse dar: Wie er die Zerstörung seiner Subjektivität (seines Ichs) durch die Verinnerlichung des Glaubens als Fremdkörper beschreibt, die ihn auf die Seite der Unterdrücker trieb.
In dieser Hinsicht ( der gnadenlosen Innenschau auf dem Weg zur Gnade) wurde er zum geistigen Vater der bedeutenden religiösen Bewegung des 18.jhdt, des Jansenismus – und auch von H.Arendt.
Ich habe wenig von Augustinus gelesen, und dasjenige, das mir stets deutlich in Erinnerung geblieben ist, zitiere ich mal von einem kirchengeschichtlichen englischsprachigen Blog, weil ich Latein nicht ernstlich übersetzen kann.
An anderer Stelle soll A. die Antwort gegeben haben, die Frage sei irrational, weil Gott mit der Welt auch die Zeit erschaffen habe.
Ich habe das zitiert, um meine Zustimmung zu sekundärliterarischen Urteilen zu illustrieren, Augustinus habe maßgeblich das naturphilosophische Fundament des Vatikans – im scharfen Kontrast zum „Katholizismus“ der Kirchengründer – formuliert. Auf ihn gehe auch die geheimbündlerische Tradierung der antiken Philosophie, namentlich des Aristoteles zurück, welcher mit dem „unbewegten Beweger“ das im Abendland gängigste naturphilosophische Fundament des Monotheismus gelegt habe, letzteres ein Urteil, das ich in spätjüdischen und frühchristlichen Schriften bestätigt gefunden habe.
Warum ich das schreibe?
Weil ich apodiktisch behaupten will, dies, das naturphilosophische Fundament der Vatikansideologie ist das, was an Augustinus Geschichte ist, nämlich Gegenwart. Es ist praktisch 1:1 zum naturphilosophischen Fundament technologieferner Grundlagenwissenschaften in der Moderne übernommen worden, was kein Wunder und kein „Wunder“ ist, sondern strikt logisch.
Denn dies Fundament wird vollständig paraphrasiert in der volkstümlichen bayrischen Redensart:
Ees iis, wia’s iis, und wia’s iis, dös sog I, hoas mi!
Und die Unterschiede zu Heidegger’s Zeugs sind, pragmatisch betrachtet, marginal. Wat mutt, dat mutt.
Mein Posting zu Augustinus ging einer Pappnase gegen den Strich. Einen anderen Grund kann es für die Löschung nicht geben. Kontollier mal deine Kontrolleure, roberto.
Schönes Zitat, hier auf Deutsch:
Siehe, ich antworte dem Menschen, der sagt: ‚Was tat Gott, bevor er Himmel und Erde erschuf?‘
Ich gebe nicht die Antwort, die jemand – wie man erzählt – gegeben hat, um dem Einwand mit einem Scherz auszuweichen: ‚Er bereitete denjenigen die Hölle, die in solche Fragen stellen.‘
Aliud est videre, aliud ridere. (Etwas anderes ist es, klar zu sehen, etwas anderes, zu spotten)
So antworte ich nicht.
Vielmehr würde ich sagen: ‚Ich weiß es nicht‘, wenn ich etwas nicht weiß, als dass der verspottet wird, der nach so tiefen Dingen fragt, während derjenige gelobt wird, der eine falsche Antwort gibt.“
Naturphilosophische Begründung des Vatikan?
Dass Gott Himmel und Erde aus dem Nichts schuf, vor dem auch ein Nichts war oder ein Etwas, das wir aber nicht verstehen, sondern glauben müssen/sollen?
So wie heute angeblich der Urknall den Anfang unserer Welt darstellt?
Siehe, ich antworte dem Menschen, der sagt: ‚Was tat Gott, bevor er Himmel und Erde erschuf?
Er fand den Lichtschalter nicht.
„Aliud est videre, aliud ridere!“
Sind Sie der Sohn des Eleazar? Ja dann…
Es könnte aber auch so gewesen sein (sorry Augustinus): Gott hätte ihn in seiner Allmacht durchaus gefunden, aber er wollte vielleicht nicht den Urknall auslösen.
Wie auch immer: Wir heute sehr viel schlauer und kennen den Ursprung der Welt; Es ist der Urknall.
Urknall. Aber so was von. Der Herr trägt viele Namen.
Und ohne Knalleffekte tritt der zornige Zausel ja so gut wie nie in Erscheinung.
Seitdem Gott einmal damit angefangen hat, kann er damit einfach nicht aufhören.
Was da alles über Faschismus und Kommunismus zusammengereimt wird, nämlich Totalitarismus, gilt das nicht auch für den Liberalismus? Hat nicht auch die liberale westliche Welt einen totalitären Wahrheitsanspruch? Und sind Ideologien nicht grundsätzlich immer dogmatisch oder totalitär?
Mein Fazit: Aus Sicht der eigenen Ideologie (der liberalen) sind natürlich nur die anderen Ideologien „totalitär“. Da ist es nicht erstaunlich, dass Arendt, wie auch alle ihre Verehrer, durchweg Liberale sind (bzw. vom westlichen individualistischen Denken geprägt sind).
zwischen Faschist und Faschismus liegen einfach Welten und Millionen Opfer auch..
Wer beides gleichsetzt , heute noch, hat in der Wissenschaft zumindest nichts zu suchen..
Man möchte Johannes Schillo gerne dafür sensinbilisieren, wie groß und nachhaltig Heideggers Einfluss auf die franzöische Gegenwartspphilosophie – von Merleau-Ponty bis Derrida – gewesen ist. Eine solche Auseinandersetzung ist philosophisch fruchtbar und kommt damit aus den Niederungen pauschaler Faschismus-Verdächtigungen heraus.
Es ist schon was dran, dass der Artikel zum Einstieg gleich „polarisiert“, zwischen der allgemeinen Ikonisierung Arendts zur gewichtigen deutschen Denkerin und manchem, „intellektuell“ eher „dümmlichen Gehalt“ ihrer Schriften – eindrückliche Beispiele für Dummheiten liefert der Autor mit „Geburtigkeit“ und Weisheiten wie, dass man geboren sein muss, in etwas Soziales, um sogleich verantwortlich handeln zu können … usw., allerdings durchaus. „Intellektuell groß“ oder nicht, die öffentliche Verleihung dieses Prädikats als Gütesiegel beweist doch an sich schon, dass es um eine beurteilende Prüfung ihrer Gedanken weniger bis gar nicht geht, und vielleicht aus „Respekt“ nicht mal „gehen darf“, wie Herr Wirth oben anmerkte, weil er die Kategorie Dummheit mit despektierlicher Herabwürdigung der angesehenen Person gleichsetzt und nicht mit einer Beurteilung ihrer Gedanken.
Die positive Würdigung von Arendt als deutsche Denk-Ikone hat, nach meinem subjektiven Eindruck, solche Ausmaße angenommen, dass man Zitaten von ihr ständig und bei fast jeder thematischen Gelegenheit begegnet. Ich hab nie einen längeren Text oder ein Buch von ihr gelesen, Zitate allerdings schon an die hundert. Da find ichs schon OK, ihr beliebtes Gedankenwesen mal etwas etwas genauer unter die Lupe zu nehmen, auch wenn mich ihre privaten „Ergebenheiten“ gegenüber Heidegger, Jaspers u.a. dabei weniger interessieren. Sowas spielte sicher in ihre „nachplappernden“ Gedanken und Rechtfertigungen rein, ist aber eher arte-„Bio-Pic“-Niveau. Wer mit Wem, oh la-la, mon dieu.
Spannender wären da schon mehr Arendts Beiträge zur „Totalitarismustheorie“ gewesen, die bis heute offenbar großen Anklang findet, weil es dem total demokratisierten Kapitalismus damit gelingt, sich selbst zum absolut freiheitlichen, vergleichsweise moderaten und weniger „totalitären“ Gegenpol zu den linken und rechten „Austrieben“ des Kapitalismus zu stilisieren; immer gerne bebildert durch das vorgestellte „Hufeisen“, bei dem sich die „Extremitäten“ dann im oberen Bereich wieder „annähern“, so dass man aus diesem selbstgemalten Bild ganz doll lernen kann, dass Faschismus und Kommunismus eigentlich „fast“ das Gleiche sind und „wie ein Hufeisen“ eben. Warum sie dafür erst auseinanderstreben müssen, um das Gleiche zu werden, sagt uns das „Hufeisen“ zwar nicht; und auch nicht, warum die Bolschewisten im Gegensatz zu den Faschisten die Freiheit des Kapitalismus zugunsten einer staatlich-sozialistischen Wirtschaftskontrolle ganz ausgesetzt hatten; aber egal, auf die richtige Botschaft kommt es an. Nicht nur bei Frau Weidel und ihrem Adolf-Bolschewisten.
Und das lehrt uns schließlich ganz freiheitlich, dass die Diktatur des Privateigentums und seines kapitalistischen Wachstums ganz außerhalb jedes „Totalitarismus“ stehen, und ein MUSS sind, um die beiden üblen Abweichungen vom rechten Pfad zu verhindern.
Eine Verwandschaft von bürgerlich-demokratischem Kapitalismus, aus „dessen Schoß“ der Faschismus immerhin theoretisch auch schon mal „gekrochen“ kam, ist in der „totalitaristischen“ Sichtweise zum Glück ausgeschlossen worden, sodass Herrschaft, Unterwerfung, unschöne Ausbeutung, Armut, Überwachung, offene Wahlmanipulation, Zensur … und Kriege zwar auf Seite der Demokratien genauso vorkommen, aber dort NIE ein „Indiz“ für irgendwas „Totalitäres“ darstellen können, wie bei den anderen beiden Extremen. Weil der Vergleich ein voreingenommener Vergleich ist, bei dem die Demokratie als der gute Maßstab bereits unterstellt wird, von dem die anderen „Totalitären“ nur in schlechtester Weise abweichen. Bei diesem vorsätzlichen Vergleich von Gutem mit Schlechtem kommt eben am Ende natürlich nichts anderes raus als die moralische Parteinahme für das eine und gegen das andere, die der ganzen Vergleichsoperation schon vorausgesetzt war. – Da stimme ich mal etwas mit „garno“ überein, dem das wohl in der Vergleichstechnik ebenfalls aufgefallen ist. Ein wirklicher Leistungsvergleich zwischen Demokratie und ihren „totalitären Abweichungen“ hätte sicherlich andere Ergebnisse zutage gefördert als ein „Lob“ der Demokratie über die Verurteilung ihrer Alternativen.
Mangels Kenntnissen ihrer Texte und Bücher weiss ich nicht, ob man Arendt als Urheberin der Totalitarismustheorie, oder gar als Vorlagen-Stifterin und sozusagen Think-Tank für das „Nato-Modell“ verstehen kann, darf, sollte, … vielleicht passte es einfach nur gut mit der neu-begründeten demokratischen Weltordnung nach WK2 und ihrem total geforderten Zeitgeist zusammen (?) – Das „gesellschaftliche Sein“ bestimmt bekanntlich das Bewusstsein … und die Nato hat sich garantiert nicht nach den philosophischen Ansichten irgendwelcher Denker ausgerichtet.
Offenbar eiferte sie ihrem Vorbild Heidegger mit ihren tiefsinnig klingenden, philosophischen Ausschweifungen nach, der es ja ebenfalls geschafft hatte, sein „Watt mutt, dat mutt!“ mit „intellektueller Größe“ in „beeindruckende Werke“ zu füllen, jedenfalls für die, die darin ihren höchsten nationalen Seins-Sinn aufpimpen konnten, wie vorm Heidegger-Spiegel ihres nationalistischen Denkens. – Darüber findet sich eine m.E. recht gute (und weniger polemische) Aufklärung in der von Schillo genannten (Neu-)Auflage zur Philosophie Heideggers. Die „Banalität des Bösen“ hatte ich mir mal besorgt, weil aus ihr zeitweise sowas-von-übermäßig zitiert wurde, und werde jetzt vielleicht doch noch mal reinschauen, – wenn’s mal nichts Wichtigeres gibt, als die „ikonischen“ Ansichten von „amourösen, ketterauchenden“ Philosophinnen. Mein bisheriger Verzicht auf mehr als die Arendt-Zitate ist mir jedenfalls bis heute nicht wirklich als „Bildungs-Mangel“ aufgefallen. Warum sollte man sich als Prolet auch noch mit jedem Heiligen Augustinus befassen?
ohne Arendt keine Anne Applebaum und die dementsprechende vorherrschende
Ideologie in Kiew und der EU.
Nationalsozialismus und die bolschewistische Revolution waren sich gleich
Hitler war Kommunist und Putin ist der Nachfolger von Hitler und Stalin in einer
Person.
Die Totalitarismusdebatte hat sich längst weiterentwickelt
Democracy Incorporated: Managed Democracy and the Specter of Inverted Totalitarianism (2008) des US-Politikwissenschaftlers Sheldon S. Wolin.
Warum Arendt andauernd aus der Mottenkiste geholt wird ob hier oder Telepolis und im gesamten Pressespektrum oder europäischen Unis ?
Weiss nicht genau.
Wahrscheinlich zum Scannen des Internets Mal wieder.
Sie ist eine Fußnote in der Geschichte des
politisch-philosophischen Kurses
nich weniger aber auf keinen Fall mehr.
ohne Arendt keine Anne Applebaum und die dementsprechende vorherrschende
Ideologie in Kiew und der EU.
Nationalsozialismus und die bolschewistische Revolution waren sich gleich
Hitler war Kommunist und Putin ist der Nachfolger von Hitler und Stalin in einer
Person.
Die Totalitarismusdebatte hat sich längst weiterentwickelt
Democracy Incorporated: Managed Democracy and the Specter of Inverted Totalitarianism (2008) des US-Politikwissenschaftlers Sheldon S. Wolin.
Warum Arendt andauernd aus der Mottenkiste geholt wird ob hier oder Telepolis und im gesamten Pressespektrum oder europäischen Unis ?
Weiss nicht genau.
Wahrscheinlich zum Scannen des Internets Mal wieder.
Sie ist eine Fußnote in der Geschichte des
politisch-philosophischen Diskurses
nich weniger aber auf keinen Fall mehr
Zugegeben, der Artikel ist sehr aggressiv verfasst und eine bestimmte Seichtheit ist ihm auch nicht abzusprechen. Aber als guter Kenner der zentralen Schriften von Hannah Arendt, ich meine jetzt „vita activa“ und „Über die Revolution“, kann die Attacke des Autors durchaus nachvollziehen. Ohne tatsächliche Kenntnisse ihrer Aussagen wird die als Säulenheilige hochgelobt. In vita activa erklärt sie, nur das Leben in der Sphäre der Politik machen den Menschen zum Menschen. Wer nur arbeitet ist eigentlich kein Mensch, sondern ein animal laborans, ein arbeitendes Tier. In „Über die Revolution“ glorifiziert sie die Amerikanische Unabhängigkeitsbewegung als „Revolution“; tatsächlich war sie die Machtergreifung einer Elite – über die Amerikanische Verfassung wurde niemals abgestimmt. Die Französische Revolution denunziert sie im Sinne von Edmund Burke, und erklärt taxfrei, wenn sich die Politik dem Problem der Armut annimmt, endet sie im Terror. Zugleich stellt sie fest, das Leben im Lichte der politischen Öffentlichkeit ist eine Sache der Minderheit, also einer Elite. Sie war zugleich eine grandiose Rhetorikerin, schreiben konnte sie. Aber wer sich davon nicht blenden lässt, erkennt die erzkonservative Elitetheoretikerin.
Endlich mal jemand, der etwas von ihr gelesen hat. Noch besser hätte ich es gefunden, den Beitrag unter einem schon existierenden Kommentar zu plazieren, damit hier endlich wieder Gespräche zustande kommen. So ist es wie Leserbrief-Auflisten.
„Über die Revolution“ habe ich mir kürzlich angehört und stimme Ihnen zu. Arendt fehlt es fast vollkommen an einem Begriff davon, was Klassen sind, stattdessen spricht sie von common world. Diese gemeinsame Welt bedeutet konkret: wer kann wen sehen? wer kann öffentlich sprechen? wer kann handeln und wer kann darauf reagieren? welche gemeinsamen Themen existieren? (Also ungefähr das, was wir als Kommentatoren bei OT versuchen wieder aufzubauen, nur dass wir es anonym tun und, wie oben gesagt, oft in die Welt hinausposaunen statt Gespräche aufzubauen). Der öffentliche Raum sei durch die Massengesellschaft und den Faschismus bedroht.
In dem Artikel erklärt sie mehrmals, die Französische Revolution sei krachend gescheitert (kein Klassenbegriff) und lobt stattdessen die amerikanische. Seltsam auch der Gedanke, die Revolutionäre hätten alle den „status quo ante“ restaurieren wollen…
Eine unmittelbare Auseinandersetzung mit Hannah Arendt findet in diesem Text gar nicht statt. Er ist doxographisch; die Referenzen dienen vor allem dazu, das eigene Ressentiment abzusichern.
Wer das Denken einer Intellektuellen kritisieren will und sie nicht bloß symbolisch ›abräumen‹ möchte, müsste sich mit ihren stärksten Gedanken auseinandersetzen. Das erfordert Lektüre und den Gebrauch von Urteilskraft.
Herr Schillo hingegen misstraut der eigenen Urteilskraft. Unter so viel gestapelter Polemik kommt keine Denkbewegung zustande.
Bezeichnend für den Ton des Beitrags sind etwa folgende Passagen:
1.
»Der verheiratete und auf seine Karriere bedachte Philosoph Heidegger hatte Sex mit seiner Studentin, schob sie dann, um Aufsehen zu vermeiden, an die Universität Heidelberg ab, wo sein Spezi Karl Jaspers ihr Unterschlupf gewährte und ihre von Heidegger inspirierte Augustinus-Dissertation durchwinkte.«
2.
»Die Geburt als wichtiges, bisher angeblich kaum in den Blick genommenes Thema ist laut der Arendt-Exegese von Köhler ›nicht nur ein Ereignis, dass das Leben des einzelnen Menschen beginnen lässt, sondern auch ein Geschehen, das den Menschen an soziale Gefüge bindet.‹ (Köhler 2026, 9). Wer hätte das gedacht, man hat sofort mit Vati, Mutti und der Geburtsstation im Krankenhaus zu tun. Und mit den folgenden Windelwechseln ist dann auch schon Erziehung ›verwoben‹, sie ›ermöglicht es dem Menschen, sich aktiv in die Welt einzuschalten (zu handeln), aber auch sich zu bilden, indem das Handeln durch kritisches Denken reflektiert und das bisher Gelernte hinterfragt wird‹ (ebd., 277). Hilfreich hier auch die Präzisierung der Erziehungswissenschaftlerin, dass Einschalten gleich Handeln ist – junge Menschen würden sonst nur ans Handy denken. Und mit der Anhäufung solcher Umständlichkeiten und Redundanzen ist es natürlich ein Leichtes, ein Buch mit 300 Seiten und 350 Literaturhinweisen zu füllen.«