Israel – Volk, Land und Staat in biblischer Sicht

Blick vom Berg Nebo auf das Tote Meer und die Gegend um Jericho, nachempfunden dem biblischen Ausblick des Moses ins „Gelobte Land“. Bild: John Romano D’Orazio/CC BY-SA-4.0

Ein theologischer Vortrag aus dem Jahr 2012 – nebst Absage an eine einseitige Solidarität mit Israel.

[Der evangelische Friedenstheologe Dr. Jochen Vollmer (1939-2014) hielt im Rahmen einer Kontroverse am 21. September 2012 in Trossingen den nachfolgend dokumentierten Vortrag. Der Text ist dem neuen Lesebuch der Schalom-Bibliothek zu Gewalt und Kriegstheologie in der Hebräischen Bibel“ entnommen.]

Ich beginne mit einer etwas längeren Vorbemerkung. Wer sich auf das schwierige Feld des Israel-Palästina-Konflikts begibt, ist seinen Hörerinnen und Hörern Rechenschaft schuldig über seinen Referenzrahmen, seine begrenzten Wahrnehmungen, seinen bisherigen Weg.

Ein und derselbe Text − mein Aufsatz (Vom Nationalgott Jahwe zum Herrn der Welt und aller Völker) im Pfarrerblatt August 2011 − hat die gegensätzlichsten Reaktionen hervorgerufen, von großer Zustimmung bis zu vernichtender Kritik. Was geht da in den Leserinnen und Lesern vor? Wie weit reflektieren sie ihren eigenen Referenzrahmen und wie weit reflektieren sie ihren Referenzrahmen eben nicht?

Einige Anmerkungen zu meinem biographischen Weg. Theologische Einsichten sind in hohem Maße biographisch bedingt. Den einen ist es mehr bewusst den anderen weniger. Ich war leidenschaftlich mit Israel solidarisch. Der Sechs-Tage-Krieg 1967 hatte mich fasziniert. Ich erinnere mich, wie wir im Juni 1967 unsere Arbeit an einem Hebräischen Wörterbuch zum Alten Testament am Alttestamentlichen Seminar in Erlangen immer wieder unterbrachen, um gebannt die Nachrichten zu hören. Ich war begeistert von „Israels zweiter Geburt“ (Tom Segev), dass das Heilige Land mit den heiligen Stätten nun wieder in der Hand Israels war.

Die Vorbereitung auf einen Gottesdienst „40 Jahre Reichspogromnacht“ in Schwäbisch Hall öffnete mir die Augen für die Schrecken nationalsozialistischer Judenfeindschaft, für den Holocaust, die Shoa − und besonders bedrückend und beklemmend – für das Schweigen der Kirche.

Ich habe mich dann der Geschichte christlicher Judenfeindschaft gestellt, vom Neuen Testament an über die Kirchenväter, Judenfeindschaft und Judenpogrome im Mittelalter, Martin Luther, das Schweigen von Barmen 1934 und der Kirche während der NS-Schreckensherrschaft, das Schweigen der Stuttgarter Schulderklärung zu dem millionenfachen Mord an den Juden, die Rede vom „Spätjudentum“ meiner theologischen Lehrer (auch Ernst Käsemann!), wenn sie das Jesus und dem Neuen Testament zeitgenössische Judentum meinten − und damit nach Auschwitz das Judentum noch immer verbal totsagten. Mir ist nach und nach aufgegangen, dass eine Theologie, die zu Auschwitz führte, notwendig falsch sein musste.

Falsch war und ist unsere Lektüre des Alten Testaments allein auf Jesus Christus hin mit dem Alleinvertretungsanspruch, nur wir Christen würden die Bibel richtig lesen; falsch war und ist unsere Lehre von Jesus Christus verortet im Paradigma hellenistischer Metaphysik, die den Juden Jesus und seine jüdische Botschaft vom Reich Gottes nicht mehr wahrgenommen hat; falsch war und ist unser Verständnis der Rechtfertigungslehre mit der negativen Hintergrundfolie „jüdischer Gesetzesreligion“ und „Werkgerechtigkeit“; falsch war und ist eine jede Theologie, die Menschen zu Opfern macht; unverantwortlich war und ist, wenn wir im Gottesdienste unseren Glauben mit dem Israel-vergessenen Apostolischen Glaubensbekenntnis bekennen, das zwischen „geboren von der Jungfrau Maria“ und „gelitten unter Pontius Pilatus“ von dem Juden Jesus und seiner Botschaft nichts zu sagen weiß und das darin der Verleugnung des Petrus im Vorhof des hohenpriesterlichen Palastes entspricht: „ich kenne diesen Menschen nicht“.

Unsere judenfeindliche Theologie hat den Weg nach Auschwitz maßgeblich bereitet. Gleichsam als Sühne für unsere theologische Schuld war ich mit dem Staat Israel unkritisch solidarisch so wie viele Israelfreunde und die christlich-jüdischen Gesellschaften heute noch immer überwiegend unkritisch mit Israel solidarisch sind.

Dann ging mir nach und nach auf, dass einseitige und unkritische Solidarität mit dem Staat Israel nicht der Weg zum Frieden sein kann. Der Staat Israel ist gegründet auf einer Entschließung des Völkerrechts, der UN-Resolution 181 vom 29 November 1947 und auf Vertreibungen von Hunderttausenden unschuldiger Palästinenser, die seit Jahrhunderten in Palästina lebten. Die Palästinenser sind unschuldige Opfer unserer Schuld an Israel. Ich kann meine Schuldverhaftung gegenüber Israel nicht dadurch sühnen, dass ich durch mein Schweigen zu den Verbrechen, die durch den Staat Israel an unschuldigen Palästinensern verübt werden, wieder schuldig werde. Ich habe mich in die Palästinenser hineinzuversetzen versucht, die an den Checkpoints menschenverachtend behandelt werden, in die Familienväter, deren Häuser, seit Generationen von ihren Familien bewohnt, dem Erdboden gleichgemacht wurden, deren Olivenbäume, ihre Lebensgrundlage, einfach ausgerissen wurden. Eine einseitige Solidarität mit Israel war mir nur so lange möglich, als ich das Unrecht an dem palästinensischen Volk nicht wahrgenommen hatte, eine Schuld, die schwer auf mir lastet, eine einseitige Solidarität mit Israel auf Kosten unschuldiger Palästinenser ist mir als Christ nicht möglich. Gott ist nicht nur der Gott Israels, sondern auch der Gott des palästinensischen Volkes, wie er der Gott aller Völker ist, die er geschaffen hat und deren Heil er will. Die Zeit eines christlich-jüdischen Dialogs, der die Palästinenser nicht einbezieht, ist vorbei.

Ich komme zum Thema „Israel – Volk, Land und Staat in biblischer Sicht“. Der Israel-Palästina–Konflikt erfordert eine biblische Rückbesinnung. Aber wie lesen wir die Bibel? Die nationalreligiösen Siedler und die „Rabbiner für den Frieden“ (Rabbies for Human Right), orthodoxe, konservative und liberale Juden, christliche Zionisten und palästinensische Christen, Israel-Lobby und Israelkritiker berufen sich auf die Bibel. Aber wie lesen sie die Bibel? Die Bibel scheint nicht in der Lage zu sein, den Konflikt zu lösen, weil in ihr selbst die verschiedensten Stimmen laut werden. Hermeneutische Vorüberlegungen sind unerlässlich. Ich muss zunächst meine Perspektive, wie ich die Bibel lese, offenlegen. In einem ersten Teil stelle ich hermeneutische Vorüberlegungen an, in einem letzten Teil versuche ich, aus den biblischen Einsichten zu Volk, Land und Staat Israel Konsequenzen zu dem Israel-Palästina–Konflikt zu ziehen; wobei ich mich im letzten Teil dann auch auf das Dokument ‚Kairos Palästina‘ beziehe: „Die Stunde der Wahrheit“  [Aufruf palästinensischer Christen, 11.12.2009].

Verschiedene Zugänge des Verstehens – Theologien im Alten Testament

Die Bibel redet von der ersten bis zur letzten Seite von Gott, aber die Bibel ist nicht von der ersten bis zur letzten Seite Gottes Wort. Der Glaube Israels, die Erkenntnis Gottes in Israel ist in einem langen Prozess geworden. Die Epochen der Geschichte Israels lassen sich grob gliedern in die Zeit der vorstaatlichen Stammesgesellschaften, die Zeit der staatlich verfassten Gesellschaften und in die exilisch-nachexilische Zeit unter fremden staatlichen Herrschaften. Gesellschaften und ihre Götter entsprechen sich. Patriarchale Gesellschaften haben patriarchale Götter, kriegerische Gesellschaften haben kriegerische Götter, staatlich verfasste Gesellschaften haben Staatsgottheiten, staatlich nicht gebundene Gesellschaften können keine Staatsgottheiten haben, ökumenische Gesellschaften haben einen Gott, dessen Herrschaftsgebiet sich über die ganze Erde erstreckt.

Die Annahme, die Bibel rede von der ersten bis zur letzten Seite von dem einen und einzigen Gott, ist ein theologisches Konstrukt. Die Bibel ist zunächst einmal ein Dokument der Religionsgeschichte. Sie redet nicht von der Einheit Gottes, sondern von vielen Göttern, vielen Bildern von Gott. Einzig sachgemäß für eine alttestamentliche Theologie scheint mir der Titel zu sein „Theologien im Alten Testament“ (Erhard Gerstenberger, Stuttgart 2001). Wir haben es in der Bibel mit verschiedenen Paradigmen zu tun.

Dem Paradigma einer Stammesgesellschaft entspricht ein Bild von Gott, der für seinen Stamm einsteht, seinen Stamm auch in kriegerischen Auseinandersetzungen mit anderen Stämmen und deren Gottheiten schützt. Dem Paradigma der staatlichen Zeit entspricht die Hoftheologie in Jerusalem mit der Verheißung vom ewigen Bestand des davidischen Königtums (2 Samuel 7) und des Zion; dem exilisch-nachexilischen Paradigma entspricht der Glaube an den einen Gott, der der Gott Israels und der Völker ist, der Schöpfer des Himmels und der Erde.

Im innerjüdischen und christlich-jüdischen Streit im Israel-Palästina-Konflikt geht es um die Frage, in welchem Paradigma die einzelnen Konfliktparteien jeweils leben. Die nationalreligiösen Siedler und Rabbiner wie ihre christlichen Freunde scheinen noch dem Paradigma der vorstaatlichen, stammesgesellschaftlichen und dem Paradigma der staatlichen Zeit Israels verhaftet zu sein. Ihr Gott scheint noch eine Stammesgottheit zu sein, die ihrem Stamm Land verspricht und die die Kriege ihres Stammes führt. Sie scheinen noch im Paradigma der staatlichen Zeit Israels zu leben; ihr Gott ist noch eine Staatsgottheit in Konkurrenz mit anderen Staatsgottheiten. Sie haben gar nicht gemerkt, dass der eine und einzige Gott, der Gott aller Völker und Schöpfer des Himmels und der Erde aus dem stammesgesellschaftlichen und staatlichen Paradigma längst ausgezogen ist. Ich denke, das Problem ist deutlich geworden.

Zum Volk Israel

Die Bibel erzählt die Geschichte des Volkes Israel zunächst als ein Nationalepos. Sie erweckt den Eindruck, dass das ganze Volk Israel aus der Gewaltherrschaft in Ägypten befreit und durch die Wüste geführt worden sei, am Sinai die Gabe des Bundes und der Tora empfangen und das Land Kanaan in kriegerischen Auseinandersetzungen erobert habe …

Das Volk Israel aber hat sich erst im Laufe der Zeit und erst im Land konstituiert. Die Erfahrung der Befreiung aus Ägypten, der Wüstenwanderung und der Gabe des Bundes und der Tora am Sinai machte nur eine kleine Gruppe, die im Lande den anderen Stämmen von diesen Erfahrungen mit ihrem Gott erzählte. Und diese anderen Stämme haben sich nach und nach diese Erfahrungen mit dem Gott der Mose-Gruppe zu Eigen gemacht. So hat sich Israel als Volk Gottes konstituiert.

Identität stiftendes Merkmal Israels als Volk Gottes ist die Befreiung aus Ägypten, die Befreiung aus der Unterdrückung in Ägypten. Wie kann ein Volk, das seine Identität als Befreiung aus Unterdrückung erfahren hat, ein anderes Volk als Besatzungsmacht unterdrücken? Die Gabe des Bundes und der Tora ist Befreiten zuteilgeworden. Die Tora ist die Gabe der Befreiten. Gott hat Israel erwählt und ihm die Tora der Befreiten gegeben, um mit Israel eine Gesellschaft zu schaffen, die ihm entspricht. Das enge Verhältnis von Gott und seinem Volk Israel findet in dem theologischen Topos der Erwählung seinen Ausdruck. Auch der Begriff der Erwählung ist in der Bibel nicht einheitlich, sondern einem Wandel den Paradigmenwechseln entsprechend unterworfen. Im stammesgesellschaftlichen und staatlichen Paradigma hat ,,Erwählung“ die Konnotation von exklusiver Auswahl; alleinige Bevorzugung, Verneinung anderer Wahlmöglichkeiten, Ausgrenzung und selbstverständlich Abwertung der anderen Stämme und Völker. Die Stammesgottheit und die Staatsgottheit erwählen ihren Stamm, ihren Staat ohne auf die anderen Stämme und Staaten zu achten und Rücksicht zu nehmen Die anderen Stämme und Staaten haben ja ihre Götter. Stammesdenken ist exklusiv, und Stammesgottheiten stehen in Konkurrenz zueinander. Mit dem ersten Gebot ,,Ich bin der Herr, dein Gott, du sollst keine anderen Götter haben mir ins Angesicht“ wacht die Stammesgottheit, später die Staatsgottheit eifersüchtig über der alleinigen Verehrung durch ihre Anhänger. Selbstverständlich gibt es andere Götter. Nur gehen die Israel als dem Volk seines Gottes nichts an.

In der vorexilischen staatlichen Zeit treten Propheten auf als Anwälte der Tora des Gottesrechtes und der Menschenrechte. Da gibt es Eiferer wie Elia, der mit mörderischem Fanatismus sich für die alleinige Verehrung seines Gottes verkämpft. Nach der Niedermetzelung von 450 Baalspropheten verfällt er in eine tiefe Depression und erfährt am Horeb die Gegenwart Gottes nicht im Sturm, nicht im Erdbeben, nicht im Feuer, sondern in einer Stimme verschwebenden Schweigens, wie Martin Bubet unnachahmlich übersetzt (1 Könige 18ff). Es gibt die Propheten Amos und Jesaja, die bezeugen, dass Gott nicht nur an Israel, sondern auch an anderen Völkern handelt. Nach Amos 9,7 hat Gott nicht nur die Israeliten aus Ägypten geführt, sondern auch die Philister aus Kaftor und die Aramäer aus Kir. Da beginnt sich der Zuständigkeitsbereich von Israels Gott auszuweiten, aber von einem Monotheismus kann man noch nicht sprechen.

Der entscheidende Umbruch erfolgt im Exil. Die Unterpfänder des bisherigen Verständnisses von Gott sind zerbrochen. Der Staat Juda existiert nicht mehr. Das Staatsheiligtum, der Tempel, dem Erdboden gleich gemacht. Der Zion als Ort der unverbrüchlichen und uneinnehmbaren Gegenwart Gottes – Vergangenheit. Im Exil stand Israel vor der Aufgabe, sich angesichts der Trümmer seines bisherigen Gottesglaubens neu zu orientieren. Es hätte nahegelegen, dass Israel seinem ohnmächtigen Gott, der es offensichtlich nicht zu schützen vermochte, den Abschied gibt und zu den mächtigeren Göttern Babylons überläuft. Aber genau das ist nicht geschehen. Israel hat an seinem Gott festgehalten und weitet nun dessen Zuständigkeitsbereich über alle Völker, ja die ganze Schöpfung aus. Der Monotheismus entsteht. Israels Gott ist der eine und einzige Gott, der Gott aller Völker und der Schöpfer des Himmels und der Erde.

Dieser Glaube ist Israels Erbe an uns, die Völkerwelt. Ob dieses Glaubens ist Israel das erwählte Volk Gottes. Wäre Israels Gott ein Nationalgott geblieben, wäre Israel mit seinem Nationalepos ein Beispiel neben vielen in der Religionsgeschichte. (Es hätte für uns dann keine größere Bedeutung als das Gilgamesch-Epos, das Nibelungen-Lied oder die Island-Saga). Nun aber wird die besondere Geschichte Gottes mit Israel nach der universalen Urgeschichte Genesis 1-11 zum Beginn der Universalgeschichte Israels und der Völker.

Über das neue Verständnis Gottes entbrennt im Exil ein heftiger Streit. Da sind die Nationalreligiösen, die an ihrem bisherigen Verständnis Gottes als Staatsgottheit festhalten, die an eine Restauration des davidischen Königtums in altem Glanz glauben, an die Rückkehr ins Land und den Wiederaufbau des Tempels. Diese Trägergruppe hat vor allem im Deuteronomistischen Geschichtswerk (Deuteronomium bis 2 Könige) ihren Niederschlag gefunden. Und da ist die Gruppe um den Zweiten Jesaja, in der die Auseinandersetzung mit den Nationalreligiösen auf das heftigste geführt worden ist. Die Kapitel Jesaja 40-55 sind ja keineswegs einheitlich, sondern der Niederschlag heftigster Auseinandersetzungen. In der Gruppe um Deuterojesaja melden sich Universalisten zu Wort, die sagen: hört doch endlich auf, von einer Restauration des Königtums zu träumen, von der Rückkehr ins Land, vom Wiederaufbau des Tempels. Ihr denkt zu gering von Gott; Gott ist keine Staatsgottheit und Gott identifiziert sich nicht mit dem Zion und Gott wohnt nicht in einem Tempel und Gott ist auch kein Landbesitzer, unser Gott ist der Gott Israels und der Völker, der Schöpfer des Himmels und der Erde: ,,Des Herrn ist die Erde und was darinnen ist / der Erdkreis und die darauf wohnen“ (Psalm 24,1).

Die Universalisten verstehen dann auch die Erwählung Israels neu: Israel ist berufen, die Wahrheit Gottes hinauszutragen bis an die Enden der Erde. Israel ist erwählt auf die Völkerwelt hin. Israel ist als Gottes Volk Gottes Weg zu den Völkern. Israel ist als Gottes Volk und Gottes Weg zu den Völkern der leidende Gottesknecht, der Gottes Gerechtigkeit und Schalom gewaltfrei den Völkern bezeugt bis zu den Enden der Erde. Israel ist berufen, zum Licht der Völker zu werden (Jesaja 42,6; 49,6).

Nicht alle sind nach dem Erlass des Perserkönigs Kyros 539 vor Chr. in das Land zurückgekehrt. Viele sind in Babylonien geblieben. Das war nicht nur Trägheit und Anpassung an die neuen Verhältnisse. Nein, sie haben gelernt, dass man auch außerhalb des Landes Gott verehren kann. Das Exil ist kein gottloser Ort. Für die Universalisten ist der konstitutive Zusammenhang von Volk und Land zerbrochen. Des Herrn ist die Erde, und darum kann man auf Gottes Erde wo auch immer nach der Tora leben.

Ein Teil der Exilanten ist heimgekehrt. Auf dem Zion hat sich die Gemeinde neu konstituiert. Man nannte sich „Haus Jakob“, weil man vor der Geschichte Israels gleichsam noch einmal neu anfangen wollte. In diesem „Haus Jakob“ ist die Vision „Schwerter zu Pflugscharen“ entstanden. Die Gemeinde auf dem Zion hat Gottes Tora als gewaltfreie Lebensordnung verstanden und sich als gewaltfreie Gesellschaft konstituiert: „Wenn auch alle Völker noch ihren Weg (der Gewalt und / militärischen Rüstung) gehen, / ein jedes im Namen seines Gottes, / so gehen wir doch (jetzt schon) unseren Weg (der Absage an Gewalt und militärische Rüstung) / im Namen des Ewigen unseres Gottes für immer und ewig.“ (Micha 4,5

Haben die Universalisten um den Zweiten Jesaja ihren Auftrag so verstanden, dass sie in der Diaspora den Völkern Gottes Tora bringen, so geht die Gemeinde auf dem Zion davon aus, dass ihr Konzept einer gewaltfreien Gesellschaft nach Gottes Tora auf die Völker eine derart faszinierende Wirkung ausübt, dass diese zum Zion wallfahren und dort Gottes gewaltfreie Tora lernen und den Krieg und Konfliktlösungen auf dem Wege der Gewalt verlernen.

Das in der Perserzeit entstandene Jonabüchlein proklamiert die Universalität Gottes. Gott ist nicht nur der Gott Israels, sondern auch der Gott der Assyrer, der einstigen Todfeinde Israels. Gott kümmert sich nicht nur um Israel, sondern auch um die anderen Völker.

Und auch das Wort Jesaja 19,23-25 weist in nachexilische Zeit: „Zu der Zeit wird eine Straße sein / von Ägypten nach Assyrien, / dass die Assyrer nach Ägypten / und die Ägypter nach Assyrien kommen / und die Ägypter samt den Assyrern Gott dienen. / Zu der Zeit wird Israel der dritte sein / mit den Ägyptern und Assyrern, / ein Segen mitten auf der Erde; / denn der Herr Zebaoth wird sie segnen und sprechen: / ‚Gesegnet bist du Ägypten, mein Volk, / und du, Assur, meiner Hände Werk, / und du, Israel, mein Erbe!‘“

Die beiden Großmächte Ägypten und Assur und dazwischen Israel − das war die damals bekannte Welt. Israel ist nicht allein und nicht exklusiv Gottes Volk. Ägypten wird im Munde Gottes als ,,mein Volk“ bezeichnet, Assur als „meiner Hände Werk“ und Israel als „mein Erbe“.

Als Volk Gottes hat Israel einen Auftrag an den Völkern, ob in der Diaspora oder auf dem Zion. Damit ist das deuteronomistische Konzept der Erwählung Israels auf Kosten der Völker mit Vernichtungsweihe und Völkermord an den Bewohnern Kanaans nicht überwunden, aber es wird entschieden bestritten. Die Restauration der Gemeinde der Heimgekehrten um Esra und Nehemia zeichnet sich freilich durch das Bemühen aus, die Identität des Volkes Gottes durch Abgrenzung und Absonderung neu zu gewinnen. Das Ideal des Siedlers, der mit der einen Hand baut, mit der anderen seine Waffe hält, beruft sich auf die Überlieferungen um Esra und Nehemia (besonders Nehemia 4).

Israel und das Land

Den Erzeltern wird von Gott Land verheißen. Abraham und Sara, Isaak und Rebekka, Jakob und seine Frauen leben in Sippenverbänden als Nomaden auf dem Weg von Weideplatz zu Weideplatz, in der Steppe am Rande des Kulturlandes. Von einem Leben im Kulturland, wo Milch und Honig fließen, haben sie immer wieder geträumt. Der Gott der Erzeltern verspricht ihnen die Erfüllung dieser Sehnsucht.

Nach neueren Forschungen sind die Traditionen mit den Landverheißungen erst im Exil entstanden, als Israel des Landes verlustig gegangen war. Abraham ist aus Ur in Chaldäa ausgezogen, aus Babylonien. Im Exil wurden diese Geschichten erzählt. Wir müssen uns von der Vorstellung frei machen, es handelte sich, wenn wir die Bibel von Genesis bis Josua lesen, um Geschichtsschreibung in unserem Sinn mit einem elementaren Interesse an der Vergangenheit. Dem ist nicht so. Wir haben es mit einem Nationalepos zu tun, mit der Gründungslegende des Volkes Israel. Diese Gründungslegende wird erzählt, indem die Gegenwart angeredet wird. So wie Gott „damals“ sein Volk aus der Unterdrückung in Ägypten herausgeführt und befreit hat, so wird er auch jetzt sein Volk aus der Gewaltherrschaft der Babylonier herausführen und befreien. So wie Gott „damals“ dem Abraham Land versprochen und ihn aus Babylonien herausgeführt hat, so wird er auch jetzt die Nachfahren Abrahams aus Babylonien herausführen in das „angestammte“ Land.

Die Auszugserzählungen und die Landnahmeerzählungen sind mit Motiven ausgestaltet, die die Macht Gottes illustrieren. Das Motiv der Verstockung des Pharao soll die Verzagten im Exil in ihrem Glauben stärken, dass Gott, der mit dem Pharao „damals“ geradezu spielte, auch jetzt mächtiger ist als die babylonischen Machthaber und ihre Götter.

Die Grenzen des Landes werden in den Landverheißungen sehr unterschiedlich umrissen. Genesis 15,18 „vom Strom Ägyptens bis zum Euphrat“ darf man keineswegs exklusiv verstehen, so als würde das Volk Israel allein das Land vom Nil bis zum Euphrat besitzen. Vielmehr ist damit gesagt, dass die Nachkommen Abrahams in diesem weiten Land leben werden. Da ist die Situation der Diaspora bereits angesprochen. 2 Samuel 24,2 „von Dan bis Beerscheba“ entspricht wohl der Vorstellung der Deuteronomisten. Nach Genesis 13,14f. wird Abraham nur das Land verheißen, das er um sich herum erblicken kann.

Und die Landnahme hat sich keineswegs so blutrünstig und gewalttätig zugetragen, wie die Bücher Deuteronomium und Josua erzählen, sondern als eine allmähliche Infiltration von nomadischen und halbnomadischen Verbänden in das Kulturland sowie als Aufstandsbewegungen im Lande schon ansässiger unterprivilegierter Gruppen. Das Volk Israel ist also nicht allein aus Ägypten und der Wüste in das Kulturland eingewandert, sondern es besteht zum wahrscheinlich größeren Teil aus Bevölkerungen, die in Kanaan schon ansässig waren. Diese Erkenntnis ist, angesichts des Hasses nicht weniger biblischer Überlieferungen auf die kanaanäische Urbevölkerung von erheblicher Bedeutung.

Die Motive der Gewalt und der Verstockung sollen Gottes Macht bezeugen. Gott verherrlicht sich am Pharao und an den Ägyptern wie an den Ureinwohnern des Landes Kanaan; die ihm wie nichts gelten, die er um seines Volkes Israel willen vertreibt und deren Vernichtung er gebietet. Und Gott hat sich auch durch David verherrlicht, dem ein Menschenleben wie nichts galt; der als Mafiaboss seine Raubzüge im Südland unternahm und danach Männer, Frauen und Kinder massakrierte (1 Samuel 27,8-12) und der brutale Eroberungskriege führte. 2 Samuel 8,2: ,,Er schlug auch die Moabiter und ließ sie sich auf den Boden legen und maß sie mit der Messschnur ab; und er maß zwei Schnurlängen ab; so viele tötete er, und eine volle Schnurlänge, so viele ließ er am Leben. So wurden die Moabiter David untertan, dass sie ihm tributpflichtig wurden.“ David, der Liebling Gottes − welches Gottes? Die Reduzierung von Davids Schuld auf die Affäre mit Bathseba ist Ausdruck einer grauenhaften Verblendung. David war ein Massenmörder. (Ergänzung: Und wenn David kein Massenmörder war, wenn er nur von der Überlieferung als ein solcher bezeugt wird, bleibt die Frage, welches Interesse die Erzähler hatten, David so darzustellen.)

Im Spannungsbogen des israelitischen Nationalepos wird die fiktive Geschichte Israels erzählt von der Herausführung aus Ägypten, Wüstenwanderung mit Bundesschluss und Gabe der Tora am Sinai, Landnahme, Königtum, Reichsteilung bis hin zum Untergang der Staaten Israel 722 v.Chr. und Juda 585 v.Chr., der Zerstörung Jerusalems und des Tempels und der Deportation der Oberschicht ins babylonische Exil.

In diesem Spannungsbogen entsprechen sich freilich der Auszug aus Ägypten und der Einzug in das Land. Israel wird mit der Erwählung, mit dem Bund und der Tora und mit dem Land begabt, damit es nach Gottes Tora lebt als eine Gesellschaft, die Gott entspricht. Israel ging des Landes verlustig, weil es seinen Auftrag, nach Gottes Tora zu leben, nicht erfüllte. Die Gabe des Landes ist kein Blankoscheck, sie ist an die Bedingung geknüpft, die Tora zu tun und zu leben.

Das wird im Exil und danach unterschiedlich interpretiert. Die einen haben den Verlust des Landes begriffen als einen grundlegenden Paradigmenwechsel und gesagt: unser Auftrag liegt nicht mehr im Land, sondern in der Diaspora. Wir sollen Gottes Tora der Völkerwelt bezeugen. Das können wir nur, wenn wir unter den Völkern leben. Wie sollen die Völker mit Gottes Tora, seiner guten Weisung zum Leben bekannt werden, wenn wir ins Land zurückkehren und dort für uns leben? Gott ist nicht an das Land gebunden, Gott ist kein Landbesitzer wie die anderen Götter, unser Gott ist der eine und einzige, der Gott Israels und der Völker, der Schöpfer des Himmels und der Erde. Ihm gehört die ganze Erde. Und weil ihm die ganze Erde gehört, können wir auf seiner Erde, wo auch immer, nach seiner Tora leben.

Das Gottesvolk hat in der Diaspora auf die Menschen in den Gastvölkern eine große Attraktivität ausgeübt wegen des ethischen Monotheismus und der Gottebenbildlichkeit, der Heiligkeit eines jeden Menschen. Viele Menschen aus den Gastvölkern haben sich dem jüdischen Glauben zugewandt, wurden Glieder des Gottesvolkes.

Damit geschieht ein weiterer entscheidender Paradigmenwechsel. Das Gottesvolk ist nicht mehr eine ethnische Größe in Kontinuität mit der biblischen Zeit. Das Gottesvolk wird zur Glaubensgemeinschaft bestehend aus Menschen aus allen Völkern.

Die andere Konzeption wird von der Gemeinde, die sich nach dem Exil auf dem Zion konstituierte, vertreten Es handelte sich wahrscheinlich nur um eine kleine Gruppe, eine Minderheit. Diese Minderheit hatte die Vision, nach Gottes Tora auf dem Zion zu leben als Gottes gewaltfreie Kontrastgesellschaft. Das würde sich herumsprechen und die Völker neugierig machen, die zum Zion wallfahren, um hier die gewaltfreie Tora Gottes zu lernen und sie dann zu Hause zu leben.

Zum Staat Israel

Es ist keine Frage, dass die staatskritischen Traditionen in der Bibel Ersten Testamentes in der Minderheit sind gegenüber der geballten Wucht der staatstreuen Überlieferungen von der Erwählung Davids und des Zion, der Jerusalemer Hoftheologie – Thron und Altar –, die den ewigen Bestand der davidischen Dynastie proklamieren, vom Königtum als einer gottgewollten Institution und so fort. Es ist fast ein Wunder, dass die königskritischen Überlieferungen nicht getilgt wurden, wie der Gideonspruch Richter 8,23: „Ich will nicht Herrscher über euch sein, / und auch mein Sohn soll nicht Herrscher über euch sein, / der Ewige soll Herrscher über euch sein.“

Oder die Jotamfabel Richter 9: Nicht der Ölbaum, nicht der Feigenbaum, nicht der Weinstock nehmen die ihnen angetragene Königswürde an, sondern der Dornstrauch. Das Königtum wird mit der schattenspendenden Wirkung des Dornstrauchs geradezu verhöhnt. Vernichtender kann die Kritik am Königtum, am Staat nicht mehr ausfallen.

Und 1 Samuel 8: Die Ältesten Israels kommen zu Samuel und sprechen zu ihm: „,Siehe, du bist nun alt geworden, und deine Söhne wandeln nicht in deinen Wegen. So setze nun einen König über uns, der uns zum Recht verhelfe, wie ihn alle Völker haben.‘ Das missfiel Samuel, dass sie sagten: Gib uns einen König … Und Samuel betete zum Ewigen. Der Ewige aber sprach zu Samuel: ‚Gehorche der Stimme des Volkes …, denn sie haben nicht dich, sondern mich verworfen, dass ich nicht mehr König über sie sein soll‘.“

Ein widersprüchlicher Text. Auf der einen Seite bedeutet ‚einen König haben wollen‘ eindeutig die Verwerfung Gottes als König über Israel. Sodann ist die Begründung der Ältesten entlarvend: „wie ihn alle Völker haben.“ Mit dem Wunsch, einen König zu haben und damit ein Staat zu sein, will Israel wie die Völker sein, also seine besondere Berufung, eben nicht wie die Völker zu sein, zurückgeben.

Und obwohl Gott eindeutig sagt „mich haben sie verworfen“, soll Samuel dem Wunsch der Ältesten nachgeben. Darin kommt eher eine zaghafte, unentschlossene Kritik am Königtum zum Ausdruck, wie wohl sie in der Sache deutlich ist und mit der Verwerfung von Gott als König gleichgesetzt wird. Das Königtum ist eben bereits ein geschichtliches Faktum.

Das Königtum in Israel war eine vorübergehende Episode von etwa 400 Jahren: Von 587 vor bis 1948 nach Christus, sieht man einmal von der Herrschaft der Hasmonäer im 2./1. Jahrhundert v.Chr. ab, war das Gottesvolk Israel ohne staatliche Verfasstheit.

Viele Autoren biblischer Überlieferungen im Exil und nach dem Exil haben mit der Katastrophe von 587 v.Chr. begriffen, dass die Staatlichkeit Israels nicht der Weg Gottes mit seinem Volk war. Das neue Verständnis Gottes als Gott Israels und aller Völker verträgt sich einfach nicht mit der Bindung Gottes an einen bestimmten Staat. Der Bund Davids ist nach Jesaja 55,3 auf das Gottesvolk übergegangen. Der Institution des Königtums kommt keine religiöse Weihe zu. Die Jerusalemer Hoftheologie war ein Irrweg.

Auch die Gemeinde auf dem Zion erwartet nicht die Wiedererrichtung eines Staates, sondern dass die Tora zur Herrschaft kommt.

Und die in exilisch-nachexilischer Zeit entstandene Priesterschrift, die zum Rahmenwerk der Tora, des für Juden wichtigsten Teiles der Bibel wurde, erwartet ebenfalls keinen Staat mehr. Sie beginnt auf der ersten Seite der Bibel mit einem antistaatlichen Paukenschlag, dem Schöpfungshymnus Genesis 1 mit der Erschaffung des Menschen nach Gottes Ebenbild. Der Mensch als Ebenbild Gottes ist nicht zur Herrschaft über den Menschen bestimmt, nur zur Herrschaft über die nichtmenschliche Kreatur. Die ägyptische Königsideologie, wonach nur der Pharao Gottes Sohn ist, wird von der Priesterschrift demokratisiert.

Die so genannten Gott-Königspsalmen proklamieren nicht die Restauration eines Staates, sondern das Königtum Gottes über alle Völker (Psalm 93; 96-99). Mit dem Gott Israels, der im Exil zum Gott Israels und aller Völker geworden ist, ist kein Staat zu machen. Staaten sind partikulare menschliche Machtgebilde. Wer Gott mit ihnen in Verbindung bringt, macht den einen und universalen Gött partikular.

In einem letzten Teil will ich nun versuchen, die biblischen Linien bis zum Israel-Palästina Konflikt heute wenigstens andeutungsweise auszuziehen und werde mich dabei auch auf das Kairos-Palästina-Dokument „Die Stunde der Wahrheit“ (2009) beziehen.

Welche Konsequenzen ergeben sich aus den biblischen Einsichten für das Verständnis des Israel-Palästina-Konflikts heute?

Ich knüpfe noch einmal an die hermeneutischen Vorüberlegungen an. Ich halte die Missachtung der Pluralität der biblischen Zeugnisse, das Konstrukt von der Einheit Gottes in der Bibel für schlichtweg fatal. Das heißt, wir kommen nicht umhin, die Pluralität der biblischen Zeugnisse ernst zu nehmen, sie kritisch zu sichten und uns zu entscheiden, welche Zeugnisse wir für verbindlich erachten. Wir haben es in der Bibel mit Zeugnissen auf dem Weg der Gotteserkenntnis im Streit um die Wahrheit Gottes zu tun, gleichsam mit einer Sammlung von Akten eines Prozesses, in dem es um die Wahrheit Gottes geht. In diesem Prozess kommen die verschiedensten Zeugen zu Wort, Zeugen einer Sippenreligion, Zeugen einer Stammesreligion, Zeugen von staatlich verfassten Gesellschaften und Zeugen, die Gott nicht als eine Staatsgottheit ansehen, sondern als Gott aller Völker und als Schöpfer des Himmels und der Erde. Einen abschließenden Richterspruch, welches Zeugnis der Bibel von Gott denn nun wahr sei, suchen wir in der Bibel vergeblich. Dieses Urteil nimmt uns niemand ab.

Und jetzt sehe ich zwei Kriterien für meine Urteilsbildung. Ich kann hinter die Zeugnisse von Gottes Universalität nicht zurück. Das heißt, ich kann nicht in gleicher Weise die Zeugnisse von Gottes Partikularität und von Gottes Universalität, von Israels Erwählung durch Gott auf Kosten der Völker und Israels Erwählung durch Gott auf die Völkerwelt hin als verbindliche Zeugnisse von Gott verstehen. Es wäre schlichtweg vermessen zu meinen, Gott wäre nur der Gott meiner Gesellschaft, meines Stammes, meiner Nation und meines Volkes und meiner Religion und habe mit den anderen Gesellschaften, Stämmen, Völkern und Religionen nichts zu tun. Hier kann ich dem Kairos-Palästina-Dokument https://www.kairospalestine.ps/sites/default/files/German.pdf nur zustimmen. Es betont das Gefälle der biblischen Überlieferungen auf die universalistischen Traditionen hin: (2.3; 6.1: „Gott ist nicht der Verbündete einer Seite gegen eine andere“.) Das gesamtbiblische Zeugnis ist universalistisch angelegt. Die universalistische Urgeschichte ist der Auftakt und das Ausgangstor in die Bibel.

Ich konstatiere ausdrücklich, dass Gott nach meinem Verständnis an Israel partikular handelt, aber auf das universale Ziel der Völkerwelt hin. Nach dem Scheitern der universalen Urgeschichte (Genesis 1-11), weil der Mensch nicht so ist, wie Gott den Menschen gedacht und gewollt hat, macht Gott mit Abraham/Israel einen Neuanfang, er erwählt und beruft dieses Volk, um es nach seiner Tora als eine Gesellschaft zu gestalten, die ihm entspricht – mit dem universalen Ziel ,,durch dich sollen gesegnet werden alle Völkerschaften der Erde“ (Gen 12,3).

Und das zweite Kriterium, das der Universalität Gottes entspricht, ist das Kriterium der Universalität des Menschen, den Gott nach seinem Bild geschaffen hat. Der Mensch, jeder Mensch ist Gott heilig. Die Universalität des Menschen wird mehrfach im Kairos-Palästina-Dokument betont: 2.5 „Wir erklären, dass die israelische Besatzung palästinensischen Landes Sünde gegen Gott und den Menschen ist, weil sie die Palästinenser ihrer grundlegenden Menschenrechte beraubt, die ihnen von Gott verliehen worden sind. Sie entstellt das Ebenbild Gottes in dem Israeli, der zum Besatzer geworden ist, und sie entstellt das Ebenbild Gottes in dem Palästinenser, der unter der Besatzung leben muss.“ (4.23 – ;,Im Antlitz des Feindes das Ebenbild Gottes zu sehen“; 8 – „jeder Mensch von Gott geschaffen ist und die gleiche menschliche Würde erfahren hat“; 9.2 – ,,in dem anderen das Antlitz Gottes zu sehen“).

Und dieses Kriterium von der Universalität des Menschen meint die Universalität der Menschenrechte.

Diese beiden Kriterien sind nun in den Israel-Palästina-Konflikt einzubringen.

Israel ist Gottes Volk, ja Gottes Volk mit dem Auftrag, nach Gottes Tora zu leben und so eine Gesellschaft zu werden, die Gott entspricht, die exemplarische Gesellschaft in Gottes Vorstellung, ein Volk, das die universale Heiligkeit des Menschen bezeugt und so zum Segen und zum Licht der Völker wird. Inwiefern bezeugt das im Staat Israel gesammelte Volk Gottes die universale Heiligkeit des Menschen gegenüber der palästinensischen Bevölkerung?

Darum ist die Fixierung auf das Land höchst problematisch (1) Sie macht den einen und universalen Gott partikular, bindet ihn an ein Land. Gott ist kein Landeigentümer, ihm gehört die Erde (2) Nicht ein bestimmtes Land oder bestimmte Orte sind heilig in dem Sinn, dass da Gott in besonderer Weise anwesend und erfahrbar wäre. Allenfalls dann, wenn das Land zum Ort würde, in dem Menschen aller Völker, Kulturen und Religionen beispielhaft im Frieden lebten. Kairos-Dokument 2.3: „Wir glauben, dass unser Land einen universellen Auftrag hat.“ 2.31: „Es ist Gottes Land, und deshalb muss es ein Land der Versöhnung, des Friedens und der Liebe sein Und das ist auch möglich. Gott hat uns als Zwei Völker hierher gestellt …“ Als Gottes Land kann „Erez Israel“ gerade nicht exklusiv in Anspruch genommen werden. (3) Alle Glieder des Volkes Israel haben in „Erez Israel“ nie und nimmer Raum. Zwei Drittel der Judenheit leben außerhalb von Israel. Sie verstehen sich als Juden im Vollsinn des Wortes und bestreiten jüdischen Israelis den Anspruch, nur in „Erez Israel“ könne man seine jüdische Identität leben. (4) Das Land ist von Nichtjuden bewohnt. Was soll mit ihnen geschehen?

Das Existenzrecht des Staates Israel bestreite ich nicht. Kein Zweifel am Existenzrecht Israels, kein Zweifel am Recht der Palästinenser, in Würde zu leben. Aber welcher Staat Israel pocht auf seinem Existenzrecht? Der zionistische, friedlos expandierende Kolonialstaat Israel? Der Staat Israel, der permanent die Menschenrechte und das Völkerrecht verletzt? Israel muss endlich sagen, in welchen Grenzen es in seiner Existenz anerkannt werden will. Wie sollen denn die Grenzen Israels, wenn man sich schon auf die Bibel fundamentalistisch als einen politischen Atlas beruft, umrissen sein? (Israel hat bis heute keine Verfassung. Die Unabhängigkeitserklärung vom 14 Mai 1948 benennt nicht das Territorium des neuen Staates. Ein Staat ohne ein klar umgrenztes Territorium ist ein Unding.)

Wenn man in der Vorstellung lebt, die Sicherheit Israels sei ständig bedroht und ein Holocaust könne sich jederzeit wiederholen, dann ist nahezu alles erlaubt. Israel könne es sich, so Benjamin Netanjahu, um seiner Sicherheit willen nicht leisten, den Siedlungsbau nicht weiter voranzutreiben, sprich: Israel könne sich um seiner Sicherheit willen nicht leisten, sich an das Völkerrecht halten.

Die theologische Überhöhung des Staates Israel halte ich für einen Irrweg. Die Rheinische Synode, die in ihrer Erklärung 1980 den Staat Israel [als] „ein Zeichen der Treue Gottes sah“, hat sich zu dieser theologischen Aussage verstiegen angesichts der unermesslichen Schuld von Christen in Deutschland. Sie ist einer Kompensation dieser Schuld geschuldet. Staaten sind Menschenwerk, säkular. Kein Staat – auch nicht der Staat Israel – hat eine theologische Qualität. Die EKD-Studie Christen und Juden III (2000, S. 87) hat die Erklärung der Rheinischen Synode korrigiert:

„Nach dem Zeugnis der Schrift dient die Gabe des Landes, dessen Mittelpunkt der Zion ist, dem Zweck, Frieden und Gerechtigkeit für Israel und die Völker zu erreichen (vgl. Micha 4, Jesaja 2). Nach seiner Gründungsurkunde will sich der Staat Israel an diesem prophetischen Erbe messen lassen. Eine Verabsolutierung des Landes, die von nationalreligiösen Kräften in Israel, aber auch von manchen christlichen Zionisten betrieben wird, widerspricht dem Geist der Propheten Israels. Eine religiöse Überhöhung des Staates Israel ist theologisch unzulässig und gefährdet die Bemühungen um einen friedlichen Interessenausgleich zwischen den Bürgern des Staates Israel und seinen arabischen Nachbarn.“

Das Kairos-Papier sagt 9.3: „Macht den Staat zu einem Staat für alle seine Bürger und Bürgerinnen; der auf Achtung der Religion, aber auch Gleichberechtigung, auf Gerechtigkeit, auf Freiheit sowie auf der Respektierung des Pluralismus gegründet ist, und nicht auf der Herrschaft einer Religion oder einer zahlenmäßigen Mehrheit.“

Als Volk Gottes ist Israel ein besonderes Volk, mit Gottes Tora und Bund begabt und beauftragt. Als Volk Gottes darf Israel nicht wie die anderen Völker werden. Als Staat aber muss Israel wie die anderen Staaten werden, demokratisch und säkular, muss es die Menschenrechte und das Völkerrecht achten.

Die Nichtunterscheidung von Israel als Volk Gottes und Israel als Staat kann nur Unheil anrichten. Das Unheil trifft die palästinensische Bevölkerung. Der Staat Israel kann nicht nach Gottes Tora leben, weil die Tora und die jüdischen Traditionen für die nichtjüdische Bevölkerung unzugänglich sind und weil dieser Staat ständig auf seine Sicherheit bedacht ist, sich ständig bedroht fühlt, seine Sicherheit nicht Gott überlässt, sondern sich selber sichern muss. Damit wir uns recht verstehen, natürlich muss ein säkularer Staat auf seine Sicherheit bedacht sein, aber ein Staat, der sich Gott verdankt? Wie sollte das palästinensische Volk diesen Staat Israel als Segen und als Licht erfahren?

Es hat den Anschein, als sei das zionistische Projekt, dem jüdischen Volk in Palästina eine sichere Heimstätte zu schaffen, im Scheitern begriffen. In vielen Ländern der Erde leben Juden sicherer als in Israel. Nicht wenige Juden verlassen Israel. Viele Juden bezeugen, dass man außerhalb von Israel seine jüdische Identität im Vollsinn des Wortes leben kann.

Das Grundübel des Israel-Palästina-Konflikts sehe ich darin, dass er religiös aufgeladen ist. Es wird zu viel von Gott geredet und wo zu viel von Gott geredet wird, wird notwendig falsch von Gott geredet. Es geht um die Enttheologisierung dieses Konflikts. Heilig ist allein Gott und der Mensch, Gottes Ebenbild. Kein Land und kein Gebot sind heilig in dem Sinn, dass sie die Vertreibung oder gar Tötung auch nur eines einzigen Menschenlebens rechtfertigen könnten.

In diesem Sinn ist Kritik am Staat Israel Christenpflicht. Die Benennung der Verbrechen durch den Staat Israel wird häufig als Antisemitismus denunziert. Das kann uns nicht beirren. Wir sind durch unser Schweigen zu den Verbrechen des NS-Staates an der Judenheit schuldig geworden. Wir dürfen nicht wieder durch Schweigen schuldig werden, diesmal durch Schweigen zu den Verbrechen des Staates Israel an dem palästinensischen Volk.

Hinweise zum neuen Band ǀ Gewalt und Kriegstheologie in der Hebräischen Bibel. Ein Lesebuch der Schalom-Bibliothek – Mit Texten von Peter Bürger (Hg.), Friedrich Erich Dobberahn, Jürgen Ebach, Bruno Kern, Ansgar Moenikes, Bernhard Lang, Thomas Nauerth, Egon Spiegel und Jochen Vollmer. (edition pace ǀ Regal: Pazifisten & Antimilitaristen aus jüdischen Familien, 16). Hamburg: BoD 2026. (ISBN: 978-3-6963-9675-6; Paperback; 400 Seiten; 16,99 Euro).

Bibliotheksportal | Alle Publikationen des Regals „Pazifisten & Antimilitaristinnen aus jüdischen Familien“ erscheinen zunächst als Digitale Erstausgaben und sind frei abrufbar auf dem Projektportal www.schalom-bibliothek.org – dort auch weitere Beiträge https://schalom-bibliothek.org/lesesaal/ und alle Informationen zu den bisherigen Buchangeboten.

Jochen Vollmer

Dr. Jochen Vollmer, geb. 30.09.1939; gest. 26.03.2014, war „ein leidenschaftlicher Alttestamentler mit einem fast prophetischen Habitus“ (H. Wagner) und wirkte u.a. als Friedenstheologe der Evangelischen Arbeitsgemeinschaft für Kriegsdienstverweigerer in Württemberg (EAK). Nach einem Aufsatz „Vom Nationalgott Jahwe zum Herrn der Welt und aller Völker“ (Pfarrerblatt 2011) wurde ihm „Antisemitismus“ unterstellt, weil er einer bestimmten theologischen Sicht des Staates Israel nicht folgen wollte. – Siehe auch den Wikipedia-Eintrag https://de.wikipedia.org/wiki/Jochen_Vollmer_(Theologe) zu ihm.
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