Israel droht, in Richtung einer Theokratie zu gehen

 

Die Minister der neuen israelischen Regierung. Screenshot von PMO-YouTube-Video

Der Philosoph  Moshe Zuckermann über die Netanjahu-Regierung, einer Mischung aus einer teilweise messianischen Orthodoxie und Zionismus und einer explosiven Verbindung von Religion und Politik.

 

Am Donnerstag ist die neue Netanjahu-Regierung angetreten. Es gab Proteste, auch in der Knesset, gegen die rechts und rechts-religiös orientierte Regierungskoalition, in der es auch einige Vorbestrafte im Kabinett gibt. Netanjahu müsste sich eigentlich auch vor Gericht verantworten. Wie schätzt denn die Nicht-Likud-Bevölkerung in Israel diese Regierung ein? Und was ist von ihr zu erwarten?

Moshe Zuckermann: Die Koalition ist die Likud-Partei plus die Parteien, die jetzt ganz fest zusammengerückt sind. Das ist die Partei Otzma Yehudit von Itamar Ben-Gvir, die Shas-Partei von Eryi Deri, die Religiösen Zionisten von  Bezalel Smotrich und die Partei des orthodoxen Judentums (Vereinigtes Thora-Judentum) unter Yitzhak Goldknopf. Diese vier Parteien zeichnen sich dadurch aus, dass sie alle religiös sind. Im Grunde genommen kommen alle von der Orthodoxie her, aber einige haben sich zum Zionismus hin gewandt.

Es ist also eine Mischung aus Orthodoxie, teilweise messianisch, und Zionismus. Das lässt die Koalition so sehr rechtsradikal werden. Likud ist schon rechts genug, Teile sind auch rechtsradikal, aber die eigentlichen Rechtsradikalen ist Otzma Yehudit von  Itamar Ben-Gvir und die Religiösen Zionisten von Smodrich, die mit der Siedler-Bewegung zusammenhängen. Die Shas-Partei, das ist die Partei von Aryeh Deri, vertritt die national orthodoxen Juden, die  größtenteils orientalischer Provenienz sind. Das sind also die Leute, die aus Marokko, aus dem Irak, aus dem Jemen, aus Syrien usw. kommen.

Wenn du fragst, wie es dem Nicht-Likud-Israel geht, so sind diese Parteien ja das Nicht-Likud-Israel. Es hat sich eine Koalition gebildet, die eine Mischung aus einem Klerikalismus ist, den wir so noch nie hatten. Das wirkt sich auf das Leben selber aus, aber wirkt sich vor allem auch innen- und außenpolitisch aus. Der gesamte Rechtsruck manifestiert sich heute in der Knesset.

Warum ist diese rechts-religiöse Bewegung heute so ausgeprägt? Gibt es dafür einen Grund?

Moshe Zuckermann: Ich erkläre das mal, weil ich glaube, dass man das in Deutschland nicht ganz überschaut. Ursprünglich gab es die orthodoxen Juden, die eigentlich mit dem Zionismus nichts am Hut hatten und teilweise auch antizionistisch gewesen sind. Das war der vierte Koalitionspartner, die Partei Torah Judentum. Am Unabhängigkeitstag haben sie in den 60er und 70er Jahren schwarze Fahnen aus dem Fenster gehängt. Es gibt dafür einen religiösen Grund. Nach dem orthodoxen und vor allem dem messianisch orthodoxen Verständnis darf der Staat Israel als Staat der Juden noch gar nicht da sein, weil der Messias noch nicht gekommen ist.

Das hat sich verändert, als man diese Quadratur des Kreises geschafft hat, die den Zionismus und den Messianismus mit der Erklärung zusammengebracht hat, dass der Messias erst kommen muss, aber er  schon unterwegs ist. Am Zionismus erweist sich ja, dass er schon unterwegs ist. Wie ich schon oft erklärt habe, begann nach 1967, als die Gebiete erobert wurden, die von diesen Leuten als das Land der Urväter angesehen wurden, die Siedlungsaktivität im Sinne: Das ist das uns Gott verheißene Land. Dann fing man an, das das Land zu besiedeln, und wir sind heute in der Phase, wo der Zionismus in eine Sackgasse geraten ist, weil er weder ein noch aus weiß. Er segelt immer weiter und es ist klar, dass er damit eine binationale Struktur verstellt. Die beiden Parteien, die den Messianismus mit dem Zionismus verbunden haben, sind die Parteien von Smodrich und Ben-Gvir, und es sich auch die Leute, die in den Siedlungen leben.

Darüber hinaus gibt es die Shas-Partei, die ursprünglich vom aschkenasischen orthodoxen Judentum ausgesandt worden ist, um ins Parlament zu gehen eine politische Mach zu schaffen. Das haben die gemacht, das sind die orientalischen Juden, die selber ursprünglich orthodox waren, aber mittlerweile zum orthodoxen Nationalen geworden sind. Dieser Komplex von religiösen Parteien, die sich zum großen Teil mittlerweile zionisiert haben, ist die große Gefahr. Der Likud war ursprünglich eine liberal-konservative und im Großen und Ganzen säkulare Partei. Da finden sich nicht unbedingt die Religiösen. Im Verein mit Likud, in der ein großer Teil der Großisrael-Ideologie anhängt, und diesen orthodoxen oder religiösen Parteien ist dieses Unglück über uns gekommen. Vom Anspruch her geht das teilweise auch in Richtung Theokratie.

Im Moment befindet sich die gesamte Gewaltenteilung und parlamentarische Struktur in einem Chaos

Das Westjordanland soll ja weiter besiedelt werden, die Siedler sollen gestärkt, Siedlungen sollen legalisiert werden. Es ist die Rede von der Annexion des Westjordanlands. Davon aber kam bei Netanjahu in seiner ersten Rede überhaupt nichts zur Sprache. Er sprach letztlich im Wesentlichen wieder davon, dass man sich gegen Iran rüsten muss. Das sei die große Bedrohung. Hofft er denn, mit diesem alten Argumente die inneren Konflikte befrieden zu können?

Moshe Zuckermann: Ja, das ist genau so. Netanjahu ist erst mal persönlich in der Bredouille. Wie du schon sagtest, hat er einen Prozess am Hals. Und wenn er den nicht gewinnt, dann kommt er ins Gefängnis. Das war der Grund, warum er unbedingt diese Wahl gewinnen musste, um diesen Prozess zu annullieren bzw. ihn so lange zu verschieben, bis man zu irgendeiner Einigung kommt. Das war die ursprüngliche Intention.

Aber mittlerweile ist hinzugekommen, dass er von diesen Parteien, die ich aufgezählt habe, abhängig wurde, und dass die Anti-Netanjahu-Front, die übrigens nicht unbedingt links ist, sondern einfach nur Anti-Netanjahu, für ihn nicht mehr als Koalitionspartner infrage kam. Dadurch ist er in Bredouille geraten, dass er so erpressbar wurde, weil er unbedingt genau diese Anzahl von Mandaten brauchte, um eine feste Koalitionsregierung mit 64 Sitzen bilden zu können. Aber das wussten auch diejenigen, die mit ihm die Koalition eingegangen ist. Und vor allem deshalb haben sie angefangen, ihn zu erpressen. Das ist  wirklich der Wahnsinn im Moment, also das totale Chaos, wenn jetzt Leute, von denen man früher kaum was gehört hat und die teilweise Faschisten sind, heute zentrale Ministerposten haben. Man muss sich vorstellen, dass  Aryeh Deri, der wegen Korruption schon mal im Gefängnis saß, jetzt Innenminister wird. Das heißt die Katze hütet sozusagen die Milch. Man muss bedenken, dass solche Leute wie Smodrich mittlerweile Handhabe haben über die Siedlungspolitik im Westjordanland.

Daran kann man ja sehen, dass Netanjahu schon entscheidende Weichen gestellt hat, wenn er die Ministerien so besetzt.

Moshe Zuckermann: Die große Frage ist, ob er das alles so gewollt hat, dass er die Weichen gestellt hat? Oder ist er jetzt in die Bredouille geraten? Ich sage das jetzt nicht in dem Sinne, dass ich ein Milligramm Empathie für Netanjahu habe, ich versuche nur strukturell zu sagen, dass in dem Moment, wo er sich auf diese Koalitionspartner eingelassen hat und sie für ihn unabdingbar geworden sind, um seinem Prozess zu umgehen, wussten sie genau, was sie zu fordern haben. Ich weiß nicht, ob man das in Deutschland mitbekommen hat, dass er die gesamten Ministerien aufteilen und zerfasern musste, um genügend Pöstchen – ich kann schon nicht mehr von Posten reden – zum Verteilen zu haben. Deswegen hat seine eigene Partei angefangen zu murren, weil er die ganzen wichtigen Ministerien weggegeben hat und für die eigenen Leute wenig übrig blieb. Das Ergebnis ist, dass sich im Moment die gesamte Gewaltenteilung in Israel und die gesamte parlamentarische Struktur in einem Chaos befindet. Wir werden das noch ziemlich zu spüren bekommen, wenn die schon jetzt angestellten Anträge für Gesetzgebungen umgesetzt werden.

Ein Widerstand ist wohl kaum zu erwarten?

Moshe Zuckermann: Der einzige Widerstand, den ich im Moment aus der Koalition erwarte, ist, dass Leute aus der Likud-Partei, die ziemlich frustriert und verbittert sind, weil  sie hintan angestellt wurden, anfangen zu murren. Aber sie haben keine Kraft gegen Netanjahu, er ist wirklich King Bibi, wie er genannt wird. Er ist zwar ein Prothesengott, wie ich gerade versucht habe darzustellen, weil er von Leuten abhängig ist, die nicht der Likud-Partei angehören. Aber in der Likud-Partei ist er der einzige, der überhaupt noch Wahlen gewinnen kann. Also du hast recht, dass dies in seinen Interessen liegt, aber auf der anderen Seite hat er sich damit in ein Koordinatensystem verwickelt, das ihn im Moment in seiner Allmacht sehr schwächt.

„Die Iran-Karte wird ausgespielt, um abzulenken von den innenpolitischen Problemen“

Einerseits gibt es die Gefahren, die du beschrieben hast, in Richtung Theokratie und überhaupt der Stärkung der Religiösen, was sich vielleicht schon daran abzeichnet, dass so wenig Frauen in der Regierung sind. Aber wenn er nun die Iran-Karte als erstes ausspielt, könnte es da dann auch wirklich gefährlich werden?

Moshe Zuckermann: Also die Iran-Karte spielt ja schon seit vielen Jahren aus. Ich muss das immer wieder betonen, wenn ich so gefragt werde. Ich bin nicht dafür, dass der Iran oder Saudi-Arabien oder Israel oder irgendein Land hier Nuklearwaffen besitzt. Aber weil nun klar ist, wer die Nuklearwaffen in dieser Region hat, wird es entweder dazu kommen, dass die gesamte Region nuklearisiert wird oder dass man dazu kommt, die ganze Region atomwaffenfrei zu machen. Die Iran-Karte wird im Moment ausgespielt, um abzulenken von den innenpolitischen Problemen. Das korrespondiert mit der Politik, die die Amerikaner die letzten Jahre betrieben haben. Es gab keine konsistente Iranpolitik, und es gab ja schon mal ein Abkommen, mit dem man für die nächsten 6, 7 oder 8 Jahre Ruhe hätte haben können. Das ist ja von Trump aufgelöst worden.

Deswegen ist der Iran wieder aktuell geworden. Für Israel ist nicht so sehr das Problem, dass der Iran es angreifen würde. Es ist klar, dass es ein Gleichgewicht des Schreckens gibt. Wenn heute Iran versuchen würde, Tel Aviv zu zerstören, dann würde auch von Teheran nicht sehr viel übrig bleiben. Das ist, glaube ich, beiden Seiten klar. Der Iran ist im Moment für Israel militärisch ein Problem, weil er die Hisbollah im Libanon unterstützt. Das geschieht über das syrische Territorium, weswegen es die vielen Luftangriffe gab. Jetzt könnte dies vielleicht über Beirut geschehen. Es gab, glaube ich, auch schon die ersten Attacken Israels auf Beiruts Flughafen. Das heißt also, das Problem ist eigentlich nicht so sehr der Iran selbst, sondern der Iran als Unterstützer der Hisbollah, die ein Vorposten von Iran ist.

Offensichtlich unterstützt die USA auch weiterhin die Netanyahu-Regierung. Erst gerade wurden ein paar Milliarden Israelhilfe, also vor allem Militärhilfe, von Biden für Israel genehmigt.

Moshe Zuckermann: Das stimmt, allerdings hängt das nicht mit Netanjahu zusammen. Die USA stehen unverbrüchlich hinter Israel. Das ist eine Verbindung, die sich geopolitisch nicht verändert hat. In der Vergangenheit hieß es, dass das auch mit der Macht der jüdischen Lobby in Amerika zusammen hänge. Aber auch aus geopolitischer Sicht war für die Amerikaner immer von Interesse, dass Israel stark bleibt. Das ist zum Teil auch das große Problem von uns Linken in Israel. Wir haben immer erhofft, dass die Kritik an Israels Politik von der EU, aber vor allem von Amerika kommt. Aber das kann man vergessen. Amerika will ein starkes Israel haben, auch mit der Okkupation. Und Netanjahu ist nur eine von denen, die schon seit jeher von Amerikanern unterstützt worden sind. Von der EU ist sowieso nichts zu erwarten, solange Deutschland so stark ist in der EU.

Ein Großteil der Bevölkerung könnten in 10 Jahren orthodoxe Juden sein

Wir hatten schon davon gesprochen, was möglicherweise von der religiösen Seite zu erwarten ist. Ich habe gelesen, die religiösen Juden wollen mit dem Militärdienst gar nichts mehr zu tun haben. Sie siedeln zwar, aber wollen die Siedlungen nicht beschützen, das sollen die anderen machen. Israel ist ja eigentlich ein Hightech-Land, wissenschaftlich orientiert, aufgeklärt. Gibt es da auch einen Riss zwischen Land- und Stadtbevölkerung? Oder was ist mit den Leuten in den Start-ups? Sind die auch sehr religiös?

Moshe Zuckermann: Das ist interessant, was du fragst. Die orthodoxen Juden wollen aus religiösen Gründen nicht dem Militär dienen. Das ist eine Abmachung aus Ben Gurions Zeit, dass man die nicht unbedingt braucht. Nur eine symbolische Zahl von Leuten wurde aus dem orthodoxen Bereich rekrutiert. Das hat die israelische Bevölkerung immer verbittert, so dass es einen großen Orthodoxen-Hass unter den säkularen Israelis gibt, weil sie sich unterhalten lassen vom Staat. Der Staat subventioniert im Grunde genommen alles, was in der Orthodoxie passiert. Es gab ja genügend Kriege und es gab genügend Sicherheitsprobleme, dass sie sich nicht rekrutieren lassen.

Das sind nicht die Nationalreligiösen, also nicht Anhänger von Smodrich und von Ben-Gvir, sondern eben die des Thora Judentums. Das sind wirklich die Orthodoxen, die aus religiösen Gründen sagen, unser Job ist es, Torah zu lernen und nicht mit einem Staat zusammenzuarbeiten, mit dem wir sowieso nicht a priori etwas zu tun haben wollen. Das ist der Status quo gewesen. Das wird jetzt aber auch zu einem demografische Problem. Und das verbittert die säkularen Juden besonders, weil diese Leute Gottes Gebot, dass man sich vermehren soll, sehr ernst nehmen. Wenn du ans Meer zu bestimmten Zeiten ans Meer gehst, wenn sie das dürfen, dann siehst du orthodoxe Familien und 30-Jährige, die schon sechs, sieben Kinder haben. Es können auch noch viel mehr sein. Das ist das Gottesgebot. Die Kinder wachsen als orthodoxe Juden auf, und es gibt Berechnungen, dass wir innerhalb von 10 Jahren in eine ernsthafte demografische Krise geraten könnten, wenn ein Großteil der Bevölkerung wirklich orthodoxe Juden sind, was mit dem Zionismus dann gar nichts mehr zu tun hat.

Der Zusammenhang mit Hightech ist eine besonders interessante Angelegenheit. Die Orthodoxen werden von ihrer Erziehung und Ausbildung her natürlich nicht mit den Disziplinen erzogen, die notwendig sind für Wissenschaften oder Mathematik. Deshalb gibt es eine ganze Menge Hightech-Leute, die sagen: Warum sollen wir denn eigentlich für diese Leute schuften? Wir produzieren hier sozusagen das Netto-Sozialprodukt von Israel und die profitieren davon. Darauf ist die Antwort, und das ist ernst, obgleich es sich für deutsche Ohren wie wahnsinnig anhören muss, was Moshe Gafni, einer der Minister von Thora Judentum, sagte: Es soll so sein, dass die Hälfte der Bevölkerung Militärdienst macht und die  die zweite Hälfte soll Torah lernen.

Es gab sogar von der Chabad-Bewegung die These, dass die Syrer im Yom Kippur Krieg im Oktober 1973 stehengeblieben waren, weil man die Gebetsriemen angelegt hatte. Das heißt also, er gibt hier ernsthafte Realpolitik, die sich aber auf Irrationalismen aus prämodernen Zeiten. Die religiösen Menschen glauben in der Tat, der Grund, warum man den Krieg gewonnen hat, ist, dass es Gott gewollt hat und sie gut gebetet haben. Zum Passahfest singt man dieses rituellen Gesang, dass es in jeder Generation jemanden gab, der uns vernichten wollte, und immer hat der liebe Gott uns vor diesen Feinden gerettet. Wie man das nach Auschwitz noch singen kann? Wir wissen doch, dass in unserer Generation, d.h. im 20. Jahrhundert, der liebe Gott wenigstens 6 Millionen Juden nicht gerettet hat. Aber das ist ja eben das Problem des Gottesglaubens, was im Katholizismus und in anderen Religionen genauso ist. Privat können die Menschen das glauben, was sie wollen, aber wenn das zur Matrix der Politik wird, dann hat man es mit einer Regression dieses eigentlich modernen Staates zu tun, die man so nicht voraussehen konnte.

Wir wussten immer, dass die Religiösen religiös sind, aber dass sie so eine Macht erringen würden, wie sie das in dieser Koalition erreicht haben, das ist für uns, für einen Großteil der Leute hier, ein Schock. Da muss man kein Linker, sondern nur säkular sein. Es gab ja beispielsweise die Forderung, dass am Sabbat keine Energie mehr produziert werden sollte. Netanjahu musste dann beruhigen und sagen, keine Angst, es wird auch am Sabbat Energie produziert. Es gibt heute einen sehr starken Mann, Avi Maoz von der Anti-LGBTQ-Partei Noam, der zum Minister für Jüdische Identität ernannt wurde und dessen Forderungen sich anhören wie zu Inquisitionszeiten. Es gab sogar die Forderung von Orit Strook, Ministerin für Nationale Missionen und Mitglied der Partei von Smotrich, die sagte: Wenn es für einen Arzt gegen seine religiösen Glauben ist, einen Homosexuellen oder einen Araber zu behandeln, dann müsse man ein Gesetz schaffen, dass er nicht behandeln muss.

Das soll ja auch für Hotels oder Geschäfte gelten. Wenn du das jetzt so sagst, hat man immer die Assoziation, dass sich Israel parallel zum Islamismus bewegt, der Islamismus ist ja auch eine Politisierung des Islam. Was daraus wird, sieht man ja in Afghanistan. Gibt es da Zusammenhänge?

Moshe Zuckermann: Die Parallele ist die Klerikalisierung der israelischen Politik, eine Verbindung von Religion und Politik, die im Moment sehr stark zu Tage tritt. Man muss jetzt abwarten, wie das in den kommenden Monaten wirklich laufen wird. Aber es ist vollkommen klar, das ist ja das, was ich mit Klerikalisierung gemeint habe. Alle Verbündeten von Netanjahu sind orthodoxe oder jedenfalls straff religiöse Parteien, die auch mit ihrer Religion Politik machen wollen. Man versucht, es in Richtung Theokratie zu treiben. Der Islamische Staat ist eine Theokratie. In Israel besteht im Moment dieser Bedrohung.

Du bist ja säkular, ein Linker, ein Marxist. Es muss einem doch vor den Kopf stoßen, wenn in dieser Zeit so eine Entwicklung stattfindet.

Moshe Zuckermann: Wir brauchen jetzt nicht nur über mich persönlich reden. Und wenn du das schon fragst, für mich ist sowieso unfassbar, was aus diesem Land geworden ist, also sowohl die Faschisierung als auch das Niveau des Rassismus, der mittlerweile nicht nur auf den Straßen, sondern auch im Parlament transportiert wird, die Art und Weise, wie man xenophob oder islamophob ist, aber auch die Art und Weise, wie man gegen Frauen und gegen Homosexuelle natürlich ist. Für mich ist das mittlerweile wirklich ein Land, das hinter seine Minimalansprüche aus der ehemaligen Gründung des Staates zurückfällt. Das hat mit dem Staat, in dem ich im Jahre 1949 geboren wurde, herzlich wenig zu tun. Zu fragen wäre allerdings, ob im Zionismus oder in der Entwicklung des Zionismus im 20. Jahrhundert schon etwas angelegt war, das jetzt dialektisch nur umkippt und zutage kommt.

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11 Kommentare

  1. „Zu fragen wäre allerdings, ob im Zionismus oder in der Entwicklung des Zionismus im 20. Jahrhundert schon etwas angelegt war, das jetzt dialektisch nur umkippt und zutage kommt.“

    Danke für dieses Interview sowie vorherige Ausführungen zur aktuellen politischen Entwicklung in Israel, Moshe Zuckermann.
    Dem Philosophen, zumal marxistisch geprägt, obliegt die Aufgabe zu reflektieren, warum national(istisch) ausgerichtete Gesellschaften in kapitalistischer Konkurrenz verstärkt in (durch den Liberalismus) überwunden geglaubte Erklärungsmodelle wie zB einen mystisch-religiösen Zionismus oder Andere zurückfallen (müssen).
    Davon bitte mehr….

  2. „Das heißt also, das Problem ist eigentlich nicht so sehr der Iran selbst, sondern der Iran als Unterstützer der Hisbollah, die ein Vorposten von Iran ist.“ Aber nur, weil man wie selbstverständlich von der israelisch-iranischen Verfeindungsbeziehung ausgeht, wie wenn es sich dabei um einen objektiv in der Natur verankerten Umstand handelte. Der Fortgang des Interviews zeigt dagegen, dass es tief fliessende Parallelen zwischen den beiden Gesellschaften gibt. Stichwort Entsäkularisierung.

    Zur Tendenz der angesprochenen Politisierung der Religion, müsste man noch anfügen, dass sie sich auch in anderen grossreligiösen Räumen findet, im christlichen etwa in Gestalt des evangelikalen Fundamentalismus, der in Südamerika, gewissen afrikanischen Staaten und auch im Westen einen fallweise einschneidenden politischen Einfluss hat. Auch der Hinduismus erlebt eine politische Renaissance und in diversen asiatischen Ländern nimmt der Einfluss buddhistischer Strömungen deutlich zu.

    Die Vermutung liegt nahe, dass ein grosser Anteil der Menschen von einer säkularen Welt heillos überfordert ist, was findige politische Köpfe für sich zu nutzen wissen.

    1. Die säkulare Welt liefert nicht mehr die Wohlstandsoffenbarungen für die Zukunft, wie es früher durchaus der Fall war. Deshalb werden die naheliegenden biederen und einfachen Modelle der tradierten Kultur übernommen, welche oft religiösen Charakter haben. Und Israel hat diese ja massiv gefördert, um der säkularen PLO das Wasser abzugraben.
      Aber es wird auch wieder bessere Zeiten geben. Es werden auch wieder bessere Erklärungen geliefert werden. Und zwar auf Modell-Ebene, als auch durchdekliniert übertragen in die spezielle Situation.

    2. Schauen wir nur auf unsere Gesellschaft: Auch hier wird Rationalität zunehmend durch Glauben ersetzt. Einem „säkularen“ Glauben an eine als „Wissenschaft“ etikettierte Ideologie des globalen Kapitalismus, dessen extreme Ausprägungen das pietistische Verhalten der GRÜNEN und deren Jugendbewegungen FfF und „last generation“ sind.

      Wissenschaft im Sinne der Aufklärung – also nicht Christliche Wissenschaft, Klimatismus, Transhumanismus (aka. Eugenik) usw. – ist ein Prozess, der durch beständige Kritik fortschreitend, ein immer besseres Verständnis der Wirklichkeit erreichen kann. Wirklichkeit in diesem Zusammenhang ist das, was wirkt und deshalb zukünftige Entwicklungen bestimmt.

  3. Die größte Gefahr für Israel geht von Israel aus.

    Israels Sicherheit ist auf Dauer nicht möglich, wenn es seine arabischen Nachbarn nicht als gleichberechtigte und respektierte Partner behandelt.

    Gegenwärtig verlässt sich Israel auf die bedingungslose Unterstützung der USA, das könnte sich aber ändern, wenn die USA meint, dass es für sie vorteilhaft ist, Israel fallen zu lassen. (Das beste Beispiel US-amerikanischer Politik dafür ist, als die USA nach dem Sieg über Nazi-Deutschland und im Alleinbesitz der Atombombe zur Überlegung gekommen sind, dass es keine Verwendung für die Sowjetunion mehr gäbe.)

    Israel muss daher alles mögliche tun, um zu einer glaubwürdigen versöhnung mit seinen Nachbarn zu kommen, leider ist den gegenwärtigen israelischen Politikern der Machterhalt in der Knesset wichtiger als Israels zukünftige Sicherheit.

  4. Ich glaube es ist umgekehrt. Ich halte es für möglich, dass die Gründung des Islamischen Staats nicht nur durch die Feindschaft zu Israel motiviert war, sondern auch durch die Gründung Israel inspiriert war. Wahrscheinlich betrachteten die Islamisten den Zionismus als Vorbild. Hierzu zwei Zitate. „Wenn hier Palästina ist, dann gehört das Land dem Volk, das hier lebte, bevor sie (die Zuhörer) gekommen sind. Nur wenn hier Erez Israel ist, haben sie das Recht, in Ein Hakohoresh und Degana zu leben.“ (Menachem Begin, zitiert nach Fischer Weltgeschichte 36 S. 175) „Lasst uns heute die Mörder nicht verdammen. Was wissen wir denn von ihrem grausamen Hass auf uns? Sie müssen seit acht Jahren in den Flüchtlingslagern des Gazastreifens leben, während wir, gleichsam unter ihren Augen, das Land, auf dem sie und ihre Vorfahren lebten, zu dem unseren machen…“ (Moshe Dayan, zitiert nach Fischer Weltgeschichte 36 S. 191) Moshe Dayan folgert: „Wir sind eine Siedlergeneration, die ohne Helm und Gewehr keinen Baum pflanzen und kein Haus bauen kann.“ Es ist also offensichtlich, dass bei der Gründung Israels als Staat von vornherein das politischen Judentum eine wichtige, wenn nicht sogar die entscheidende Rolle spielte.

  5. Die Frage wäre doch wenn der Zionistenkongress
    vor beginn des 2. Weltkriegs
    in Basel stattfand
    wieso hat dann Nazideutschland nicht mal geplant die Schweiz anzugreifen.
    Man bedenke auch das die grösste Gemeinschaft an reichen Juden in Europa in der Schweiz existiert(e).
    Auch bedenkliches Detail (Quelle Wiki) :
    Von 1907 bis 1950 (mit geringen Unterbrechungen) veröffentlichte die Zionistische Weltorganisation die Wochenzeitung Haolam (הָעוֹלָם ha-ʿŌlam, deutsch ‚Die Welt‘) als ihr Zentralorgan. Sie erschien zunächst in Köln, dann an unterschiedlichen europäischen Verlagsorten.

    1. IIRC fanden eine knappe Handvoll Zionistenkongresse in Basel statt, aber zwischen ca. 1897 bis 1901. Somit war das für die Nazis nicht mehr interessant. Andererseits arbeiteten die Nazis und Zionisten teilweise zusammen – Haavaraabkommen.

      Und rein militärisch hätte ein Angriff auf die Schweiz keinen Sinn ergeben, da die Schweiz zwar neutral war, den Achsenmächten aber bspw. Transporte mit der Eisenbahn durch die Alpentransversale erlaubte. Man hatte im wesentlichen schon, was man benötigte und bei einem „Endsieg“ hätte Deutschland genug Zeit gehabt, um sich um die Schweiz zu kümmern.

  6. So weit ich weiss gingen die Zionistenkongresse bis vor Kriegsbeginn.
    Das sie danach ausgesetzt wurden macht auch nix da es dann an die Umsetzung des Zionistenvorhabens ging.
    Das Haavaaraabkommen ist harmlos gegen Berichte wie die Zionisten
    weniger betuchte Juden
    an die SS auslieferten.
    Selbstverständlich hatte die SS-Elite sowie die heilige Familie (Maria und Josef Goebbels, Adolf und Eva ) Konten in der Schweiz.
    Bei einen Angriff wäre der Frankenkurs gefallen.
    Nicht vielleicht doch der ausschlaggebendere Grund ?
    Militärstrategisch wäre eine Eroberung der Schweiz vielleicht nicht wichtig
    aber im Sinne des Anti-Zionismus?
    Der Anti-Zionismus also nur Propaganda für die SA-Prolls solange man diese benötigte ?
    Wenn man die Neutralität der Schweiz im laufe der letzten 200 Jahre genauer analysiert bleibt eigentlich nur eine Marketingstrategie fürs Bankenwesen über. Hat auch ganz gut funktioniert bisher.
    Desweiteren habe ich noch nie (mit Ausnahme des Frauenwahlrechts in den 70 vielleicht) von einen linken Volksentscheid in der Schweiz gehört. Schon lustig das Volk der reichsten Nation der Welt kann sich einfach nicht zu einen linken Volksentscheid durchringen.
    Nun könnte man weiter schreiben über Club de Berne Calvin und Zwingli
    sprengt aber meinen Zeitrahmen etwas.
    Hier noch ein Link für alle Freunde der Schweiz als Hort der Demokratie, Rechtsstaatlichkeit und Menschlichkeit.
    https://www.google.com/amp/s/www.tagblatt.ch/amp/schweiz/khashoggi-bundespraesident-ueli-maurer-haelt-den-fall-fuer-erledigt-ld.1087834

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