Ischinger: „Solange die Ukraine Europa verteidigt, ist die Gefahr nicht so groß“

Als Titelbild für die Münchner Sicherheitskonferenz 2026 wurde der Auftritt von Selenskij 2025 gewählt. Wolfgang Ischinger sagt denn auch: „Die Ukraine hat mit weitem Abstand oberste Priorität. Wie der Krieg dort endet, ist für Deutschland und Europa die Schicksalsfrage schlechthin.“ Bild: MSC

Wolfgang Ischinger, Leiter der Münchner Sicherheitskonferenz, die nächsten Freitag beginnt, hat es geschafft, in einem Interview einen Aufreger oder Aufmacher zu setzen. Prof. Dr. h.c. Ischinger, ehemaliger Staatssekretär des Auswärtigen Amts unter Joschka Fischer, der Deutschland in den ersten völkerrechtswidrigen Angriffskrieg nach dem Zweiten Weltkrieg hineingezogen hatte, deutscher Botschafter in Washington und London und in transatlantischen Organisationen gut vernetzt, machte immerhin eines klar, was von der offiziellen Politik möglichst verschwiegen wird: „Solange die Ukraine Europa verteidigt, ist die Gefahr nicht so groß. Dadurch sind Putins Armeen dort gebunden, und er verliert jede Woche Tausende Soldaten.“ Ischinger vergisst natürlich, dass auch die Ukraine jede Woche Tausende Soldaten verliert. Aber das darf man als Kriegsbefürworter natürlich nicht laut sagen (Wir sollen den Krieg finanzieren, aber seine Wirklichkeit nur selektiv sehen).

Es gibt also nach Ischinger ein Interesse europäischer Länder daran, den Krieg fortzusetzen und die Ukraine militärisch zu unterstützen. Um die Ukrainer und die Souveränität der Ukraine geht es dabei nur am Rande. Der Krieg war, damals noch unter der Führung von Washington, durch den rüden Abbruch der Verhandlungen über die sicher überzogenen, aber wahrscheinlich teilweise verhandelbaren Sicherheitsinteressen Russlands provoziert worden, Moskau hatte sich allerdings durch die Ankündigung militärischer Maßnahmen selbst die Falle gestellt. Wie ein Mantra wurde von der Nato der Öffentlichkeit eigentlich verräterisch die Formel vom „brutalen und nicht provozierten Krieg“ eingehämmert.

Der auf Druck der Unterstützerländer, vor allem wohl durch Boris Johnson erfolgte Abbruch der Friedensverhandlungen kurz nach Beginn des Krieges, machte deutlich, dass man von Seiten der Nato glaubte, Russland besiegen zu können. Mit Butscha, das alte antirussische Einstellungen reaktivierte oder wieder evozieren ließ, konnte Russland in der westlichen Öffentlichkeit zudem als das abgrundtief Böse dargestellt werden, das von der regelbasierten Ordnung des Guten bekämpft werden muss. Allerdings in der Arbeitsteilung, dass der Westen Geld und Waffen stellt und die Ukraine ihre Menschen. Jetzt werden bereits nach dem Oberbefehlshaber Syrskyi 90 Prozent der neuen Soldaten zwangsmobilisiert, 10 Prozent würden sich freiwillig melden. Das ist einerseits eine Folge davon, dass die Streitkräfte nicht mit mehr Geld Ukrainer oder Söldner/Legionäre locken können und es keine Bereitschaft unter den verbliebenen ukrainischen Männern im wehrpflichtigen Alter mehr gibt, noch in den aussichtslosen Krieg einzutreten, um das Ende nur hinauszuziehen. Der Widerstand gegen die Zwangsmobilisierung (Busifizierung) wächst.

Mit dem Slogan, einen gerechten Frieden diplomatisch, ökonomisch oder militärisch zu erzwingen, wird von europäischer Seite, die weiterhin Waffen und Geld liefert, gefordert, angeblich zum eigenen Schutz den Kriegs fortzusetzen. Derzeit ist nicht abzusehen, dass, abgesehen vom Schutz der Nato vor einem behaupteten russischen Angriff, für die Ukraine Besseres herauskommen wird, eher umgekehrt: Die Ukraine wird weiter Menschen verlieren, die mit Gewalt gekidnappt und an die Front für die Sicherheit der Nato gebracht werden. Sie wird auch weiter Territorium verlieren und die Menschen im Hinterland werden unter den schlimmer werdenden Kriegsbedingungen, jetzt vor allem die durch russische Angriffe auf die Energie-Infrastruktur verursachte Kälte, leiden.

„In dem Augenblick, in dem es einen Waffenstillstand in der Ukraine gibt, ändert sich die Lage“

Ischinger erklärt den Krieg in der Ukraine und dessen Ausgang zur „Schicksalsfrage“ Europas, höher kann man es nicht hängen. Weil die US-Regierung seiner wohl zutreffenden Ansicht nach nicht „in der für uns überschaubaren Zeit zur aktiven militärischen Unterstützung der Ukraine zurückkehren“ wird, liege „bei uns Europäern also eine noch größere Last“ – der militärischen Unterstützung, kann man hinzufügen. Wenn die Ukraine weiter kämpft, wird dies natürlich auch Russland machen, wird der Krieg weitergeführt, der zunehmend auch Zivilisten und zivile Infrastruktur auf beiden Seiten trifft.

Ischinger kommt zu einer bemerkenswerten Aussage, nach der Feststellung, dass die Europäer der Aufgabe „nicht wirklich voll gerecht“ werden, die Ukraine militärisch zu unterstützen: „Schauen Sie sich doch an, wie die Menschen in Kiew gerade fast schutzlos in der Kälte sitzen gelassen werden. Das russische Vorgehen – angeblich zu verhandeln und gleichzeitig die Ukrainer mit Terror zu überziehen – ist der Gipfel des Zynismus.“ Ist es aber nicht auch Zynismus, die Ukrainer  – man müsste eher sagen: die ukrainische Regierung – weiter zu drängen, den Krieg fortzuführen, was zu noch mehr Toten, Invaliden und Verletzten und zu weiterer Zerstörung der Infrastruktur führen wird?

Nach Ischinger müsste die Ukraine den Krieg noch bis 2029 weiterführen, weil erst dann das aufgerüstete Europa einen angeblich zu erwartenden russischen Angriff kontern könnte. Putin wolle schließlich „den Zustand vor 1997 wiederherstellen“. Auf die Frage, ob „uns“ die Ukraine derzeit vor einem Angriff Russlands schützt, antwortet er unverblümt: „Ja. In dem Augenblick, in dem es einen Waffenstillstand in der Ukraine gibt, ändert sich die Lage. Dann kann Putin seine Aufrüstung in aller Ruhe fortsetzen, und die Bedrohungslage verschärft sich für die Nato-Länder an der Ostflanke.“ Die Ukrainer sterben und leiden mithin für „uns“.

Für Deutschland und die EU fordert Ischinger eine massive und effektive Aufrüstung, „einen konsolidierten europäischen Verteidigungsmarkt“, und ein „neues und starkes Europa“ unter deutscher Führung, offenbar auch mit Atomwaffen. Von Abrüstungspolitik, Friedenspolitik, Deeskalation etc. ist keine Rede, es geht nur um Krieg und die Vorbereitung dazu.

Zum Schluss des Interviews erklärt Ischinger, dass Europa das Ziel „der Abwehr Russlands“ habe. Wenn Europa da scheitern würde, wäre auch Amerika bedroht, meint er: „Deshalb liegt es im ureigensten Interesse der USA, Europa dabei zu helfen, Russland erfolgreich abzuschrecken und zum Abzug aus der Ukraine zu zwingen.“ Das scheint tatsächlich die Politik der europäischen Unterstützungsländer der Ukraine zu sein. Dass ein Ende des Kriegs angestrebt werde, wird nur vorgeschoben. Man lebt in der Illusion, Russland in der Ukraine „erfolgreich abzuschrecken“, was bisher noch nicht gelungen ist und wahrscheinlich auch nicht erreicht werden kann. Die USA unter welchem Präsidenten auch immer werden wie Biden und Trump keinen Eintritt in einen Atomkrieg wegen der Ukraine riskieren.

Wie soll Europa, so Ischinger, „Russland erfolgreich abschrecken und zum Abzug aus der Ukraine zwingen“, wenn der Ukraine die Soldaten ausgehen und die bequeme Arbeitsteilung nicht mehr funktioniert? Das antirussische Europa, Ischinger ist einer der Propagandeure, kämpft verzweifelt darum, nicht eingestehen zu müssen, dass man seit 2014 eine falsche, jedenfalls unrealistische Politik verfolgt hat, nachdem man es zugelassen hatte, den ausgehandelten friedlichen Übergang in der Ukraine durch die geförderten rechten Nationalisten und später die Minsker Abkommen scheitern zu lassen, während die CIA bereits ein Netz von Stützpunkten aufbaute und zur Vorbereitung auf den Krieg ein Festungsgürtel in den zivilen Bereichen der Städte in der Region Donezk errichtet wurde, die damit der Zerstörung anheim gegeben wurden. Anstatt nach der Versenkung von Hunderten von Milliarden durch Sanktionen und Waffenlieferungen und Hunderttausenden von Toten aus Fehlern zu lernen und eine realistische Friedensmission zu verfolgen, bleibt man stur beim Weiter so. Noch sterben ja die Anderen.

Florian Rötzer

Florian Rötzer, geboren 1953, war Gründer des Online-Magazins Telepolis und von 1996 bis 2020 dessen Chefredakteur. Seit 2022 ist er Redakteur beim Overton Magazin. Er ist Autor mehrerer Bücher. In diesen Tagen erschien sein Buch In der Wüste der Gegenwart, das er zusammen mit Moshe Zuckermann geschrieben hat.
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15 Kommentare

  1. So lange solche Leute wie Ischinger nicht im Knast sitzen, sowie eben auch alle anderen Schuldigen, wird sich nichts zum Besseren wenden!

    1. Ich plädiere eher für die Geschlossene.
      Allerdings müsste zuerst ein entsprechend großer Gebäudekomplex gebaut werden, Fassungsvermögen mindestens 5000 Personen, um die geistig-gestörten aus Politik und Medien alle sicher unterzubringen, die ihm Gesellschaft leisten würden.

  2. Solch Art Politiker& Co im eigenem Reich, eher würde Russland freiwillig verzichten auf solch Art Eroberung o))
    Militarisierung Weltraum und ja, die A Bombe, das muss finanziert werden, ohne das der Steuerzahler die Wahrheit erfährt , für was man sein Geld einsetzt o(
    Dazu brauch man Russland, und nur dazu ..

    1. Ist es nicht vollkommen egal, ob der Steuerzahler das merkt? Der kann sich doch eh nicht wehren. Zumindest solange er nicht anfängt, sich zusammen zu rotten und in großem Stil diese Kriegstreiber auf Pfähle zu spießen. Und ich schätze, genau gegen diese Möglichkeit rüsten die gerade auf, nicht gegen Russland. Oder zumindest versuchen sie es, denn es ist sehr wahrscheinlich, daß sie auch dabei so erfolgreich sind, wie beim Ankurbeln der Wirtschaft.

      1. Genau so wie der Krieg gegen UNS geht, rüsten die auch gegen UNS auf.
        Die Bundeswehr im Inneren, Merkel,..erinnert ihr euch… hm…???

  3. Es gibt einen Krieg in der Ukraine zwischen Russland und der Ukraine (sowie des Westens). Die Ursachen dafür sind bekannt. In der Ukraine gibt es im Krieg keine Wahlen. In Russland wurde während des Krieges eine Präsidentenwahl abgehalten, die Putin deutlich gewann. Der Wertewesten nimmt Unmengen von Schulden auf, um aufzurüsten, in Russland geht auch ein erheblicher Teil des BIP in die Rüstung. Das BIP in Russland wächst trotz immer neuer Sanktionen stärker als in Westeuropa. Russland erobert langsam immer mehr vom ehemals ukrainischen Territorium und es ist nichts bekannt, dass die Menschen dort in nennenswerter Zahl in Richtung Restukraine flüchten. So, und nun lassen wir das mal setzen und ordnen dann die Aussagen des Herrn Ischinger ein.

  4. Ischinger ist zu alt, um zur Verantwortung gezogen zu werden und das weiss er!
    Deshalb die zynischen, menschenverachtenden Saetze, sein Leben ist vorbei, er hat genug transatlantische Weisheiten unter die Europaeer gebracht, ES REICHT!!

  5. Fällt nur mir die Ähnlichkeit des Titelbildes für die Münchner Sicherheitskonferenz 2026 auf:

    https://www.spiegel.de/fotostrecke/joseph-goebbels-hitlers-propagandaminister-fotostrecke-7027.html

    Sucht euch selber aus welches Bild dem von Selenskij ähnelt 😉

    Spätestens seit Nethanjahu & Co., und Gaza, wissen wir, dass es auch rechtsextreme Juden gibt 😉

    Wieso soll das in der ukrainische Regierung anders sein als in der aktuellen israelischen Regierung?

    Übrigens vor einiger Zeit hörte ich mal davon, dass auch rechte Israelis gegen Putin kämpfen – in der Ukraine, als Söldner für Selenskij neben anderen internationalen Söldnern aus der rechten Ecke…. 😉

    Sarkastische Grüße
    Bernie

  6. Ein alter, schwerstverwirrter Mann sollte diese Angriffskriegskon… äh „Sicherheitskonferenz“ nicht leiten.
    Aber wahrscheinlich ist der Mann der richtige für diese antirussische Veranstaltung westlicher Kriegstreiber.

    Und wenn irgendwann das Thema „Russland“ nicht mehr so wichtig sein wird, dann wird sie zur antichinesischen Veranstaltung.

    Guter Artikel, Herr Rötzer.

  7. Bisher hatte die oberste Priorität der Völkermord den die Juden in Palästina begehen. Die Nato Länder haben über Jahrzehnte die Bevölkerungen nicht über die Kriegsverbrechen informiert. Anstatt nach Gaza in den Urlaub wurde das Land der Juden als Urlaubsdestination angepriesen. Anstatt den Mord- und Totschlag an der palästinensischen Bevölkerung anzuprangern wurde über tote Juden in einem Weltkrieg fabuliert.
    Jetzt sind die Amerikaner am Mittelmeer anstatt in ihrem Land und werden dort McDonalds bauen anstatt Reparationen zu bezahlen und dann wieder an den Mississippi zu fahren und dort ihre Fentanyl-Subkultur auszuleben die hier keiner haben will.
    Der Ischinger ist eine Nutte weil er nicht die Konventionen der Vereinten Nationen erfüllt sondern wie das ganze Nato-Bordell eine Agenda verfolgt die inkompatibel damit ist.
    Die Siedler haben in der Al-Minya-Moschee in Betlehem den Koran verbrannt.
    Das Militär hat in Nablus einen Siebzigjährigen geschlagen. Dieser musste in ein Krankenhaus gebracht werden.
    Das Militär hat in Gaza-Stadt den sechzehnjährigen Mohammed al-Sarhi erschossen.

    Die Ukraine ist irrelevant. Wichtig ist dass diese Leute die den jüdischen Kriegsverbrechern die Hand schütteln als solche benannt werden.

    Mitmachen bei der Einforderung der Menschenrechte für Palästina.
    https://eci.ec.europa.eu/055/public/#/screen/home

  8. So wie Jesus für die Menschheit starb, so sterben die Ukrainer für die Europäer. Aber wenn Russland besiegt ist, wird die Ukraine größer denn je wieder auferstehen. Für 2029, wenn die Herrschaft von Trump zu Ende ist, wird die Dekolonialisierung Russlands mit Unterstützung der USA ins Auge gefasst und der Höllensturz der Russen findet statt, und der Westen wird erlöst. So wird die Basisstruktur des christlichen Denkens eschatologisch umgesetzt.

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