
Hinterbliebene suchen unter den Leichen der bei den Protesten im Januar Getöteten vor dem Zentrum für forensische Diagnostik und Laboruntersuchungen (Kahrizak) der Provinz Teheran nach ihren Angehörigen. Bild aus einem Video, das am 13. Januar 2026 in den sozialen Medien veröffentlicht und in einem Bericht von Iran Human Rights verwendet wurde.
Die Islamische Republik, ihre Gegner und der Streit um die Januartoten von 2026.
Als Masoud Pezeshkian am 23. September 2026 vor die UN-Generalversammlung in New York trat, sprach er über Opfer. Am Vortag, sagte der Präsident der Islamischen Republik (IR), habe der amerikanische Präsident sein Land als terroristisch bezeichnet. Pezeshkian drehte den Vorwurf um: „Wir sind Opfer von Terrorismus geworden.“ Er erinnerte an die amerikanisch-israelischen Angriffe, an getötete Kinder und an die Tötung Khameneis. Auf Bildschirmen waren Opfer der Angriffe zu sehen.
Diese Toten waren keine Erfindung. Die Angriffe von außen und die Gewalt der bewaffneten Organe des Regimes gegen die eigene Bevölkerung gehören zur selben Geschichte, ohne einander aufzuheben.
Neun Tage vor Pezeshkians Rede hatte die UN-Fact-Finding Mission ihren bislang ausführlichsten Bericht über die Proteste veröffentlicht, die am 28. Dezember 2025 begonnen hatten. Nach 73 Interviews und der Auswertung von Videos, Fotografien, Satellitenbildern, medizinischen Unterlagen und anderem Material kam sie zu dem Ergebnis, dass Sicherheitskräfte des Regimes in allen 31 Provinzen Menschen getötet hatten. Für einen Teil der untersuchten Taten sah die Mission Gründe für die Annahme von Verbrechen gegen die Menschlichkeit.
In New York spielte dieser Teil der jüngsten Geschichte der IR kaum eine Rolle. Acht Monate zuvor war eine Frage offen geblieben, die inzwischen über die Rekonstruktion zweier Januarnächte hinausreicht: Wer tötete die Menschen am 8. und 9. Januar?
Die Regimeführung legte ihre Antwort früh fest. Die Proteste hätten mit berechtigten wirtschaftlichen Forderungen begonnen und seien dann von organisierten, aus dem Ausland unterstützten Kräften übernommen worden. Bewaffnete Gruppen hätten Polizisten, Angehörige der Bassij-Miliz und Zivilisten getötet, Gebäude angegriffen und Menschen erschossen, um deren Tod anschließend den Sicherheitskräften anzulasten. Israel und die Vereinigten Staaten erscheinen in dieser Darstellung nicht nur als politische Unterstützer der Protestbewegung, sondern als Kräfte hinter einer bewaffneten Operation.
Am 21. Januar veröffentlichte der Sicherheitsrat des Landes, ein dem Innenressort zugeordnetes Gremium und nicht der Oberste Nationale Sicherheitsrat (ONSR), seine Chronologie. Organisierte „Kerne des Aufruhrs“ hätten zwischen dem 30. Dezember und dem 7. Januar friedliche Proteste in Gewalt verwandelt. Am 8. und 9. Januar seien gezielte bewaffnete Angriffe gefolgt, die der „Tötungsproduktion“ und der Destabilisierung der Städte gedient hätten. Die Erklärung sprach von Menschen, die verbrannt, enthauptet oder mit Messern getötet worden seien, und von einem breiten Einsatz von Schusswaffen. Insgesamt seien 3.117 Menschen ums Leben gekommen; 2.427 bezeichnete das Regime als „Märtyrer“, darunter Zivilisten und Angehörige staatlicher Kräfte.
Ali Akbar Pourjamshidian ordnete die übrigen 690 Toten „Terroristen, Aufrührern und Angreifern auf militärische Einrichtungen“ zu, wie AFP berichtete. Damit waren nahezu alle anerkannten Toten politischen Kategorien zugewiesen. Für Demonstrierende, die von Sicherheitskräften erschossen worden waren, blieb in dieser Bilanz kaum Platz.
Bevor die Terrorerklärung entstand
Die Proteste begannen am 28. Dezember 2025 unter Händlern in Tehran. Der Absturz der Währung, Inflation und die wirtschaftliche Lage lösten zunächst Geschäfts- und Marktproteste aus. Innerhalb weniger Tage verbreiteten sich die Demonstrationen. Aus wirtschaftlichen Forderungen wurden politische; immer häufiger richteten sich Parolen gegen die Staatsordnung selbst.
Keine der hier ausgewerteten unabhängigen Untersuchungen legt Belege dafür vor, dass Mossad, Reza Pahlavi oder eine andere ausländische Kraft diese ersten Proteste organisiert hätte.
Amnesty International und Human Rights Watch veröffentlichten am 8. Januar eine gemeinsame Untersuchung über die ersten Protesttage. Sie dokumentierten mindestens 28 getötete Demonstrierende und Passanten zwischen dem 31. Dezember und dem 3. Januar in dreizehn Städten und acht Provinzen. Grundlage waren 26 Interviews, Dutzende überprüfte Videos, offizielle Erklärungen und die Einschätzung eines unabhängigen Pathologen. In Azna verifizierten die Organisationen eine Aufnahme, auf der ein Angehöriger der Revolutionsgarde (IRGC) auf Demonstrierende schießt.
Hengaw hatte bis zum 7. Januar 27 Getötete identifiziert, darunter fünf Minderjährige. Diese Todesfälle liegen vor Pahlavis Aufruf vom 6. Januar zu den großen Aktionen am 8. und 9. Januar und vor der Nacht, die später zum Kern der staatlichen Terrorismuserklärung wurde.
Am Abend des 8. Januar verschwand Iran weitgehend aus dem Internet. Die Kommunikationssperre traf das Land ungefähr zu dem Zeitpunkt, an dem die Proteste ihren Höhepunkt erreichten. Das Regime erklärte später gegenüber der UN-Mission, die Abschaltung habe die Koordination gewalttätiger Gruppen verhindern sollen.
In den folgenden Tagen gelangten Videos nach außen. Ärzte berichteten über Verletzte, Familien suchten nach Vermissten. In fünf Videos aus dem forensischen Zentrum in Kahrizak identifizierte Amnesty mindestens 205 unterschiedliche Leichensäcke. Auf einer Aufnahme war ein elektronisches System zur Erfassung der Toten zu sehen, dessen Zähler 250 erreichte.
Ein sechsminütiges Video aus Tehranpars führte näher an einen Tatort. Auf dem Dach einer Polizeistation stehen bewaffnete Männer und schießen mit automatischen Waffen in Richtung der Menschen auf der Straße. Die UN-Mission konnte auf dem Material kein Gegenfeuer und keine andere unmittelbare tödliche Bedrohung für die Schützen erkennen. Vergleichbare Aufnahmen aus Karaj zeigten Schüsse aus dem Bereich einer Polizeistation.
Medizinische Unterlagen und Scans zeigten Metallpellets in Augen, Kopf, Brust und Oberkörper. Der Leiter der Farabi-Augenklinik in Tehran gab an, zwischen dem 8. Januar und dem Morgen des 10. Januar seien dort mehr als 700 Menschen wegen Augenverletzungen behandelt worden. Medizinisches Personal berichtete über Verletzungen, die auf Schüsse aus kurzer Entfernung hindeuteten.
Eine Minderheit der Demonstrierenden übte Gewalt aus. Polizeieinrichtungen wurden angegriffen, Gebäude in Brand gesetzt und bewaffnete Angehörige der Sicherheitskräfte verletzt, in einigen Fällen auch getötet. Die UN-Mission bestätigte unter anderem eine Aufnahme, auf der ein Angehöriger der Sicherheitskräfte getreten wird, und eine weitere, auf der ein Demonstrierender eine improvisierte Flammenwaffe einsetzt. Die meisten von der Mission überprüften Aufnahmen und Zeugenaussagen zeigten nach ihrem Befund friedliche Demonstrierende. Die Gewalt einzelner Teilnehmer erklärt die Zahl der Toten nicht von selbst.
Die „Tötungsproduktion“
Am 18. Januar meldete das Geheimdienstministerium (MOIS) die Festnahme von mehr als 300 Personen, die es als einflussreiche Akteure und Anführer der Ereignisse vom 8. Januar bezeichnete. Hinweise aus der Bevölkerung hätten zur Identifizierung „bewaffneter terroristischer Teams“ geführt. Diese hätten Menschen getötet, um deren Tod den Sicherheitskräften anzulasten, oder selbst Angehörige staatlicher Kräfte angegriffen.
Die veröffentlichte Mitteilung nennt keine Opfer, die einem solchen Team konkret zugerechnet werden. Sie enthält keine Ballistik oder Tatortrekonstruktion, anhand derer sich für einen einzelnen Todesfall eine Verbindung zu Mossad prüfen ließe.
Einen Tag zuvor hatte das MOIS die Festnahme eines angeblichen 32-köpfigen Bahai-„Spionagenetzwerks“ bekanntgegeben. Der Dienst warf ihm unter anderem Brandstiftung und Angriffe auf staatliche Einrichtungen vor und verwies bei einer Person auf Reisen nach Israel. Im März meldete das MOIS die Festnahme von 97 „Soldaten Israels“. Auch diese Veröffentlichungen lieferten keine öffentlich nachprüfbare Zuordnung eines identifizierten Januartoten zu einem nachgewiesenen Mossad-Akteur.
Die Justiz hatte die politische Täterzuordnung zu diesem Zeitpunkt längst vorgenommen. Am 12. Januar erklärte der Justizvorsitzende Gholamhossein Mohseni Ejeyi, hinter den „gewaltsamen und terroristischen Handlungen“ stünden israelische und amerikanische Stellen, die Akteure unterstützt und zur „Tötungsproduktion“ aufgefordert hätten. Eine Woche später sprach er von „amerikanisch-zionistischen Unruhen“ und verlangte eine rasche Bestrafung der Beschuldigten.
Das Regime übermittelte der UN-Fact-Finding Mission seit Januar 75 Dokumente. Die Mission berücksichtigte die Behauptungen staatlicher Stellen der IR über getötete Sicherheitskräfte, bewaffnete Demonstrierende und terroristische Gruppen. Zahlreiche Informationsersuchen blieben unbeantwortet; in anderen Fällen fehlte das Ausgangsmaterial, mit dem sich staatliche Behauptungen nachprüfen ließen.
Das MOIS erklärte, Festgenommene, Waffen und ausländische Verbindungen identifiziert zu haben. Damit müsste sich zumindest in einzelnen Fällen zeigen lassen, welcher Januartote durch welchen Schützen und welche Waffe ums Leben kam und worauf die behauptete Verbindung zu einem ausländischen Auftraggeber beruht. Eine solche öffentlich nachvollziehbare Rekonstruktion ließ sich in den für diesen Beitrag ausgewerteten staatlichen Veröffentlichungen nicht finden.
Für den Schusswaffeneinsatz der Sicherheitskräfte liegt dagegen Material unterschiedlicher Herkunft vor. Die UN-Ermittler untersuchten Videos, Fotografien, Satellitenbilder, medizinische Unterlagen, Zeugenaussagen und staatliche Dokumente und zogen forensische und militärische Fachleute hinzu. Eine endgültige Opferzahl konnten sie nicht feststellen. Sie dokumentierten aber Tötungen durch Sicherheitskräfte in allen 31 Provinzen. Wiederkehrend waren Schrotmunition und scharfe Munition; Menschen wurden an Kopf, Augen, Hals, Brust und Bauch getroffen, andere von hinten erschossen. Bewaffnete Sicherheitskräfte standen auf Dächern und anderen erhöhten Positionen.
Iran Human Rights veröffentlichte im September eine Liste mit mehr als 4.200 nach eigenen Angaben über Monate gesammelten und überprüften Namen von Getöteten. Unter ihnen befanden sich mindestens 420 Frauen und 281 Minderjährige. Für 3.356 Fälle mit bekanntem Todesdatum fiel der Tod auf den 8. oder 9. Januar. Die Organisation bezeichnet die Zahlen als Mindeststand und weist darauf hin, dass Kommunikationssperren, Druck auf Familien und fehlender Zugang zu Krankenhäusern und forensischen Akten die Dokumentation erschweren.
Nach dem Schießen begann der Streit um die Einordnung der Toten selbst. Amnesty berichtete von Familien, die unter Druck gesetzt worden seien, öffentlich zu erklären, ihre Angehörigen seien Mitglieder der Bassij gewesen oder von „Terroristen“ getötet worden. Die UN-Mission erhielt unabhängig davon ähnliche Aussagen. Familien berichteten, sie sollten unterschreiben, Angehörige seien von „Terroristen“ getötet worden; andere Tote sollten nachträglich staatlichen Kräften oder der Bassij zugerechnet werden.
So entstand aus einer unübersichtlichen Zahl individueller Todesfälle eine staatliche Ordnung der Opfer: hier „Märtyrer“, dort „Terroristen“ und „Aufrührer“.
Eine Erklärung verbreitet sich
Reza Pahlavi hatte am 6. Januar zu landesweiten Aktionen am 8. und 9. Januar aufgerufen. Nach Beginn der Gewalt rief er nicht zum Rückzug auf. In einem CBS-Interview vom 12. Januar fragte Norah O’Donnell ihn nach der Verantwortung dafür, Menschen weiter auf die Straße zu rufen, während die Zahl der Toten stieg. Pahlavi antwortete: „This is a war and war has casualties.“ Schnelleres Handeln von außen, argumentierte er anschließend, könne weitere Tote verhindern.
Seine Mobilisierung gehört zur Geschichte der Eskalation. Als Erklärung für deren Beginn reicht sie schon chronologisch nicht aus: Die ersten dokumentierten Tötungen und die Aufnahme des schießenden IRGC-Angehörigen in Azna liegen vor seinem Aufruf.
Zur selben Zeit tauchten einzelne Elemente der staatlichen Tätererklärung außerhalb des Sicherheitsapparats auf. In einem Beitrag bei Al Jazeera vom 12. Januar wurden die Ereignisse als von Israel angestiftete Revolte beschrieben; Mossad-Agenten hielten sich demnach unter den Demonstrierenden verborgen.
Der Brief vom 18. Januar ist vorsichtiger. Er kritisiert politisches Versagen, Korruption, Diskriminierung und Repression, verteidigt das Recht auf Protest und fordert eine unabhängige Untersuchung der Toten. Eine mögliche ausländische Einmischung, heißt es ausdrücklich, mindere die Verantwortung der politischen, geheimdienstlichen und sicherheitspolitischen Führung des Regimes nicht. Zugleich beruft sich der Text auf Berichte über eine gewaltsame Intervention israelischer Akteure, deren Ausmaß er selbst als noch ungeklärt bezeichnet.
Zu diesem Zeitpunkt lagen bereits die ersten Untersuchungen von Amnesty und Human Rights Watch, überprüfte Aufnahmen staatlicher Schüsse und Bilder aus Leichenhallen vor. Für die Behauptung, israelische Akteure hätten einen wesentlichen Teil der Januartoten verursacht, gab es keinen Nachweis.
Die politische Stoßrichtung des Briefes ist auf den ersten Blick nicht die der Justiz oder vom MOIS. Interessant ist die Überschneidung: Israel erscheint auch hier nicht allein als Staat mit einem Interesse an der Schwächung der IR, sondern als Akteur innerhalb der gewaltsamen Eskalation.
Bei Hamidreza Jalaeipour wird diese Annahme konkreter. Er führte die frühen Protestphasen auf Währungsverfall, Arbeitslosigkeit und gesellschaftliche Unzufriedenheit zurück. Für die spätere Phase nannte er neben wütenden Jugendlichen und bewaffneten Organisationen neu entstandene Zellen, die nach seiner Darstellung von Mossad und Pahlavi-Sympathisanten angestachelt worden seien.
Sein Sohn Mohammadreza Jalaeipour, stellvertretender Leiter der Abteilung für strategische Angelegenheiten im Präsidialamt, vertrat am 10. Januar im Staatsfernsehen eine verwandte, aber weniger weitgehende Position. Er verteidigte das Recht auf friedlichen Protest und führte die Beteiligung vieler junger Menschen auf Perspektivlosigkeit und Wut zurück. Teile der Mobilisierung vom 8. und 9. Januar bezeichnete er als gewaltorientiert beziehungsweise „neofaschistisch“, Pahlavi-nah und als Unterstützer amerikanischer und israelischer Angriffe.
Eine eigene Behauptung Mohammadreza Jalaeipours, Mossad habe diese Gruppen gesteuert oder die Januartoten verursacht, lässt sich anhand der verfügbaren Quellen nicht belegen. Einen Monat später sprach er selbst von der „Katastrophe“ des 8. und 9. Januar und forderte die Anerkennung des Ausmaßes der Opfer, Raum für kollektive Trauer, Unterstützung der Hinterbliebenen und eine gerechte Behandlung Verantwortlicher.
Die Unterschiede sind größer als die Gemeinsamkeit. Mohammadreza Jalaeipour vertrat keine nachweisbare Mossad-These; der Brief vom 18. Januar lässt das Ausmaß einer israelischen Intervention ausdrücklich offen. Hamidreza Jalaeipour sprach von durch Mossad angestachelten Zellen, der Al-Jazeera-Beitrag direkt von Mossad-Agenten unter Demonstrierenden. Was diese Aussagen verbindet, ist nicht eine gemeinsame politische Position, sondern eine Täterzuschreibung, deren entscheidender Nachweis bis heute aussteht.
Vom äußeren Feind zum Todesurteil
Am 18. März begann eine Serie von Hinrichtungen im Zusammenhang mit den Januarprotesten. Bis Ende August dokumentierten Human Rights Watch und das Boroumand Center 29 Hingerichtete. Mehrere waren 18 oder 19 Jahre alt; fünf wurden öffentlich gehängt. Bei 16 der 29 enthielten die Anklagen keinen Vorwurf einer Tötung. In mindestens zehn weiteren Fällen erhob der Staat Vorwürfe einer Beteiligung an tödlichen Vorfällen, klagte die Beschuldigten aber nicht wegen Mordes an.
Die Organisationen berichten über sehr kurze Verfahren, fehlenden Zugang zu frei gewählten Anwälten, Folter und Misshandlung sowie die Verwendung erzwungener „Geständnisse“. Verurteilt wurde unter anderem wegen weit gefasster Straftatbestände wie „Krieg gegen Gott“, „Verderbnisstiftung auf Erden“, Spionage oder „operativer Tätigkeit im Auftrag feindlicher Staaten“.
Die Verbindung zur Sprache vom äußeren Feind ist keine nachträgliche Interpretation. Mindestens acht im Zusammenhang mit den Protesten Hingerichtete waren nach der HRW-Untersuchung unter einem 2025 verschärften Gesetz über Spione und Kollaborateure mit Israel und „feindlichen Staaten“ verurteilt worden. Ashkan Maleki und Mehrdad Mohammadinia wurden laut Mizan wegen „operativer Tätigkeit“ für Israel, die Vereinigten Staaten und „feindliche Gruppen“ zum Tode verurteilt. Mehdi Khanaki wurde eine Tätigkeit zugunsten Israels und der Vereinigten Staaten vorgeworfen; staatliche Stellen verbanden seinen Fall mit einem „US-zionistischen Putsch“. Eine Beteiligung Khanakis an einer Tötung wurde nach der von HRW ausgewerteten staatlichen Darstellung nicht behauptet.
Amnesty International hatte im Mai 41 Menschen erfasst, die wegen der Januarproteste festgenommen worden waren, zum Tode verurteilt wurden und in Gefahr waren, hingerichtet zu werden. Mindestens fünf waren zum Zeitpunkt der ihnen vorgeworfenen Tat minderjährig. Amnesty spricht von einem Einsatz der Todesstrafe zur Unterdrückung von Dissens.
Am 30. September wurden Ali Hemmati und Majid Nik-Andish in Mashhad gehängt. Die Justiz machte sie für Gewalt in Tabarsi am 8. Januar verantwortlich, bei der vier Angehörige der Sicherheitskräfte getötet worden seien. Sie berief sich unter anderem auf Geständnisse und warf den Männern bewaffnete Gewalt, Brandstiftung sowie Angriffe mit Messern und Molotowcocktails vor. In der amtlichen Bekanntmachung wurden Hemmati und Nik-Andish als „Akteure des Feindes“ im „Putsch vom Dey 1404“ bezeichnet.
Damit hat die Erklärung der Januarereignisse eine zweite Bedeutung bekommen. Die Vorstellung eines von außen gesteuerten Aufstands findet sich nicht mehr nur in politischen Stellungnahmen über die Toten, sondern auch in Gesetzen, Anklagen und amtlichen Mitteilungen über Hinrichtungen.
Wer Mossad-Agenten unter den Demonstrierenden, von Mossad angestachelte Zellen oder eine gewaltsame israelische Intervention als Tatsachen beschreibt, behauptet mehr als ein israelisches Interesse an einer Schwächung der IR. Er trifft eine Aussage darüber, wer innerhalb der Protestbewegung handelte und wie die Gewalt entstand.
Das hat inzwischen unmittelbare Bedeutung. Die Justiz hat Menschen unter einem Gesetz über Zusammenarbeit mit „feindlichen Staaten“ zum Tode verurteilt und Protestfälle mit einem ausländischen „Putsch“ verbunden. Human Rights Watch und das Boroumand Center beschreiben Schnellverfahren und öffentliche Hinrichtungen als Mittel zur Abschreckung; Amnesty spricht von einer Instrumentalisierung der Todesstrafe gegen Dissens.
Der Schutz der iranischen Bevölkerung vor amerikanischer oder israelischer Intervention und der Schutz derselben Bevölkerung vor den Sicherheitsorganen sind keine gegensätzlichen Aufgaben.
Minab
Dann kam der Krieg.
Bei einem amerikanisch-israelischen Angriff wurde eine Schule in Minab getroffen. Nach Angaben des Regimes starben dort 168 Kinder und Lehrkräfte. Die Zahl stammt aus staatlichen Quellen und bedarf unabhängiger Prüfung. Minab wurde rasch zu einem der sichtbarsten Symbole der zivilen Opfer des Krieges.
Das Regime machte die Zahl zum Namen einer internationalen Verhandlungsdelegation. Im Juni reisten Mohammad Baqer Qalibaf und Abbas Araqchi mit der Delegation „Minab 168“ zu Gesprächen; die Bezeichnung wurde auch bei weiteren diplomatischen Kontakten verwendet.
Die 168 Toten von Minab erhielten einen Ort, eine Zahl und eine diplomatische Delegation.
Die Januartoten erhielten Kategorien.
Ein Teil wurde zu „Märtyrern“, deren Tod in die staatliche Geschichte einer terroristischen Operation einging. Ein anderer Teil wurde zu „Terroristen“ und „Aufrührern“. Für die Menschen, die nach den Untersuchungen von Amnesty, Human Rights Watch und der UN-Mission durch Sicherheitskräfte getötet worden waren, blieb in dieser Einteilung kaum Platz.
Die offizielle Regimepropaganda setzte Minab gezielt zur Verdrängung der Opfer der staatlichen Gewalt im Januar ein. Im Januar musste das Regime erklären, weshalb während der Niederschlagung einer Protestbewegung Tausende Menschen starben. Nach Minab konnte sie vor der internationalen Öffentlichkeit für eine von außen angegriffene Bevölkerung sprechen.
Die Kinder von Minab sind nicht weniger tot, weil die IR ihre Namen politisch verwendet. Die Januartoten sind nicht weniger tot, weil Israel die IR bekämpft. Die Bevölkerung von Iran kann Opfer äußerer Angriffe und Opfer ihrer eigenen Staatsordnung sein. Beides kann gleichzeitig wahr sein.
Wer erklärt die Toten?
Nicht jeder Todesfall im Januar lässt sich einem bestimmten Täter zuordnen. Eine Minderheit der Demonstrierenden übte Gewalt aus; auch bewaffnete Sondereinsatzkräfte des IRGC, der Bassij-Miliz und der Spezialgarde der Polizei (FARAJA) wurden verletzt oder in wenigen Fällen getötet. Pahlavi beeinflusste die Mobilisierung. Israel und die Vereinigten Staaten hatten ein offenes Interesse an einer Schwächung der IR.
Für Tötungen durch Sicherheitskräfte liegt Material verschiedener Herkunft vor: geolokalisierte Videos, Aufnahmen bewaffneter staatlicher Kräfte, medizinische Unterlagen, Scans, Zeugenaussagen, Bilder aus Krankenhäusern und Leichenhallen sowie die Untersuchung der UN-Fact-Finding Mission. Iran Human Rights hat mehr als 4.200 Namen veröffentlicht und beschreibt die Liste ausdrücklich als dokumentierten Mindeststand.
Das MOIS behauptete bewaffnete terroristische Teams, ausländische Verbindungen und eine gezielte „Tötungsproduktion“. Die Justiz sprach von amerikanisch-israelisch gesteuerten Unruhen. Später tauchte der ausländische „Putsch“ in Todesurteilen und Hinrichtungsmeldungen auf.
Was fehlt, ist der Schritt, der diese Behauptungen zu einer Erklärung eines großen Teils der Januartoten machen würde: die nachvollziehbare Verbindung identifizierter Opfer zu konkreten Schützen und dieser Schützen zu einer israelischen oder anderen ausländischen Befehlslinie.
Die bislang öffentlich vorgelegten Belege tragen nicht die weitergehende Behauptung, eine von Israel gesteuerte Operation erkläre einen großen Teil des Blutvergießens vom Januar.
Minab zeigt die Macht eines konkreten Opferbildes: ein Ort, eine Zahl, getötete Kinder, eine Delegation, die ihren Namen trägt.
Die Januartoten wurden anders geordnet: Märtyrer oder Terroristen, Opfer der IR oder Feinde der IR. Einige der Überlebenden wurden zu Angeklagten. Einige der Angeklagten zu Hingerichteten.
Das Regime verfügt für die Januarereignisse selbst über Polizeiakten, Gerichtsmedizin, das MOIS, das IRGC, angeblich beschlagnahmte Waffen, Vernehmungen und Tatortmaterial.
Wenn ihre Erklärung stimmt, kann sie mehr vorlegen als eine Erklärung.

