In den USA sind Polizisten an Schulen mit Schusswaffen, Taser und Elektroschock-Handschuhen unterwegs

Screenshot von Homepage des Herstellers Compliant Technologies.

 

Kürzlich machte die Meldung die Runde, dass das US-Heimatschutzministerium für die Mitarbeiter der wegen ihrer Übergriffe und Gewalt berüchtigten ICE massenhaft Elektroschockhandschuhe kauft (Elektroschock-Handschuhe für ICE sollen der Deeskalation dienen). Die Handschuhe, mit denen die ICE-Agenten Menschen, die nicht gehorsam sind, schmerzhafte Stromstöße versetzen können, sollen angeblich der Deeskalation dienen, also vermeiden, dass massivere Gewalt oder stärkere Waffen eingesetzt werden.

Der Hersteller von G.L.O.V.E. (Generated Low Output Voltage Emitter), Compliant Technologies, hatte sie ursprünglich als Waffen bezeichnet und nennt sie jetzt verharmlosend Geräte zur „leitfähigen Ablenkung und Deeskalation“, ideal für Strafverfolgungs-, Justizvollzugs- und Sicherheitsbehörden zur Herstellung sofortiger Kooperation. Die Wirkung soll praktisch sofort einsetzen, wenn der Handschuh direkt die unbekleidete Haut berührt. Nach Videos des Herstellers scheint der Schmerz so stark zu sein, dass die derart Behandelten zu Boden stürzen.

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Im Unterschied zu den sogenannten nichttödlichen Elektroschock-Knüppeln oder vor allem zu den Taser-Waffen, die einer Pistole gleichen, auch als Distanz-Elektroimpulswaffen bezeichnet werden und mit ihren Widerhaken Spuren (Wunden, Verbrennungen) auf dem Körper der Getroffenen hinterlassen, sind die Handschuhe nicht sofort als Waffen zu erkennen und hinterlassen keine Spuren, allerdings müssen die Träger in körperlichem Kontakt mit den elektrogeschockten Menschen treten. Zu vermuten ist, dass sie vielleicht den Einsatz von Schusswaffen reduzieren, aber die Schwelle zur Gewaltanwendung senken werden, um Menschen gefügig zu machen, zu foltern oder einfach zu bestrafen bzw. zu quälen. Angeboten werden auch E-Band Restrictors, Hand-, Fuß- oder Brustgeräte, die man an festgenommenen oder inhaftierten Menschen, ausdrücklich auch an Patienten anbringen kann, um sie dann auch aus sicherer Entfernung von bis zu 140 Metern mit Elektroschocks kontrollieren oder quälen  zu können.

Amnesty schrieb in einem Bericht: „Der Einsatz von Elektroschockwaffen mit direktem Kontakt, wie beispielsweise Elektroschockpistolen, Elektroschockstöcke und PESWs im Direktkontaktmodus, wurde auf der Straße, an Grenzen, in Haftanstalten für Migranten und Flüchtlinge, auf Polizeistationen und in Gefängnissen dokumentiert. Diese unmenschlichen Geräte wurden gegen Demonstranten, Frauen und Mädchen – darunter auch schwangere Frauen –, Kinder, Studierende, politische Gegner, Menschenrechtsverteidiger , Rechtsanwälte und Kriegsgefangene eingesetzt, um Drohungen auszusprechen, Strafen zu verhängen, Geständnisse zu erzwingen und andere Zwangsmaßnahmen durchzuführen. … Amnesty International betrachtet die Auswirkungen dieser Geräte als von Natur aus grausam, unmenschlich und erniedrigend und fordert seit langem ein Verbot ihrer Herstellung, Vermarktung, ihres Handels und ihres Einsatzes – eine Position, die auch der UN-Sonderberichterstatter für Folter vertritt.“

Die Handschuhe werden auch von Sicherheitskräften und Polizisten, School Resource Officers (SRO) an Schulen getragen. Bekannt ist das etwa an Schulen in Omaha, Nebraska, geworden, wo im Schuljahr 2025/2026 mindestens zwei Schüler mit den Elektroschockhandschuhen von Polizisten „behandelt“ wurden, um sie gefügig zu machen, nachdem sie sich angeblich handgreiflich gewehrt hatten. Omaha hatte 2025 für 66.000 US-Dollar 40 Handschuhe gekauft. Aufmerksam wurden Eltern und Lehrer allerdings erst aufgrund der Meldung, dass ICE Elektroschockhandschuhe erwerben will und in einem Video deren angeblichen Vorzüge gezeigt wurden. Man muss annehmen, dass die Eltern nicht informiert waren, wie weit die Schulleiter Bescheid wussten, ist nicht klar. Angeblich wurden sie bereits 2023 darüber von der Polizei informiert.

Aufgeschreckt forderte der Schulleiter von Omaha, Matthew Ray, der erst vor kurzem von den Handschuhen gehört haben will, die in den Schulen tätigen Polizisten (School Resource Officers), auf, die Handschuhe nicht mehr zu verwenden. Die Polizei von Omaha stimmte dem zu, auch wenn sie die Handschuhe als die „sicherste Option der Gewaltanwendung“ bezeichnete, aber die Polizisten an den Schulen vom Vorort Bellevue werden weiterhin die Handschuhe tragen, die hier seit 3,5 Jahren eingesetzt wurden. Sie hätten sich als „extrem effektiv“ erwiesen.

Die in Schulen tätigen Polizisten werden zwar jetzt teilweise keine Elektroschockhandschuhe mehr tragen, aber weiterhin mit Schusswaffen, Taser, Schlagstöcken und Pfefferspray bewaffnet sein. Außerhalb der Schulen wird auch die Polizei von Omaha weiter die Handschuhe einsetzen. Nun kann man fragen, warum nur die Elektroschockhandschuhe an Schulen verpönt sein sollen, aber Taser-Waffen, die tatsächlich gefährlicher sind, auch weil die Geschockten häufig auf den Boden stürzen, oder Schusswaffen weiterhin zur Standardausrüstung gehören. Aber die Eltern haben vermutlich Recht zu fürchten, dass die Handschuhe als angeblich harmlose Mittel, Kooperation zu erzwingen, viel schneller zur Disziplinierung von Schülern auch wegen kleiner Anlässe eingesetzt werden.

Die Bürgerrechtsorganisation ACLU hat für Ohio die SROs – ohne Bezug auf die Elektroschockwaffen – an Schulen untersucht. Es gebe keine Hinweise, so das Ergebnis des Berichts, dass die Schulen durch sie sicherer werden, aber es gebe Hinweise, dass sie Schaden zufügen, indem kleine Vorfälle auch schon beginnend bei Sechsjährigen aufgebläht und Schüler unnötig diszipliniert werden: „Die von den SROs erstellten Vorfallberichte sind ebenfalls voll von Fällen, in denen sie bei Streitigkeiten zwischen Schülern eingreifen mussten, bei denen sich diese gegenseitig beschimpften, sich stießen, Gerüchte verbreiteten und andere geringfügige Vergehen begingen, darunter auch, dass Schüler sich im Unterricht „respektlos“ verhielten und „Streitigkeiten mit einer Gruppe von Mädchen“ auslösten. Keines dieser Vergehen verstößt gegen Gesetze und rechtfertigt einen Einsatz der Strafverfolgungsbehörden.“

Florian Rötzer

Florian Rötzer, geboren 1953, war Gründer des Online-Magazins Telepolis und von 1996 bis 2020 dessen Chefredakteur. Seit 2022 ist er Redakteur beim Overton Magazin. Er ist Autor mehrerer Bücher, zuletzt In der Wüste der Gegenwart, das er zusammen mit Moshe Zuckermann geschrieben hat.
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