Immer noch zum Gruseln – das „Gespenst des Totalitarismus“

Totalitarismuskritik von Arendt: „Niemand hat das Recht zu gehorchen“ Bild: SeSchu/CC BY-SA-4.0

Die Faschisierung ist in Europa und anderswo auf dem Vormarsch. Brauchen da antifaschistische Aufklärung und politische Bildung die Unterstützung durch die Totalitarismustheorie? Ein Gespräch mit Georg Loidolt.

Kürzlich erschien eine Kritik des traditionsreichen Theorems vom „Totalitarismus“. Der machte, wie der Autor darlegt, als Kampfbegriff gegen diverse extremistische Bestrebungen Karriere und tut immer noch seine Dienste zum Schutz des „freien Westens“, auch wenn dieser heute nicht mehr wiederzuerkennen ist. Wie man bei Wikipedia nachlesen kann, erfolgte der Startschuss im Jahr 1923, als der italienische Antifaschist Giovanni Amendola in einem Zeitungsartikel Mussolinis Regime erstmals als „sistema totalitario“ kennzeichnete – als „totalitäres System“, das „absolute und unkontrollierte Herrschaft“ anstrebe.

 

Eine große Denkerin in faschistischer Tradition klärt auf

Mit der trivialen Feststellung, dass sich staatliche Souveränität einem Absolutismus verpflichtet weiß, der keine höhere, „kontrollierende“ Instanz kennt (wozu sich ein Trump heutzutage offen bekennt), begann also der Werdegang einer Theorie, die im antikommunistischen Roll Back des Kalten Kriegs von sich reden machte.

Deutsche Migranten wie Carl Joachim Friedrich oder Hannah Arendt spielten hier eine wichtige Rolle. Friedrich gilt heute als „ungelesener Autor“, die politische Theoretikerin Arendt machte dagegen mit ihrem 1951 erschienenen Werk „The Origins of Totalitarianism“ Furore, das sie 1955 unter dem deutschen Titel „Elemente und Ursprünge totaler Herrschaft“ veröffentlichte und das als eines der Standardwerke der Totalitarismusforschung gilt.

Arendt, die in der Nachkriegszeit zur bedeutenden politischen Theoretikerin aufstieg bzw. stilisiert wurde, setzte anhand formaler Merkmale den Nationalsozialismus mit dem Stalinismus gleich. Damit schuf sie das Modell für die Feindbildpflege von NATO und Co. im West-Ost-Gegensatz, wo der realsozialistische Gegner hinter dem „Eisernen Vorhang“ als Inbegriff des Bösen dingfest gemacht wurde. Mit dem Resultat, dass die Vergangenheitsbewältigung der Nachkriegs-BRD sich nicht groß beim Holocaust aufhalten musste (der bis zur Ausstrahlung der US-TV-Serie in den späten 70ern sowieso ein Randthema darstellte), sondern das alte Feindbild vom gottlosen (vorher: jüdischen) Bolschewismus fortschreiben konnte. Selbst das für den Schutz der Verfassung zuständige Gericht, das u.a. das KPD-Verbot erließ, war, wie man jetzt erfährt, NS-belastet.

„Ist Hannah Arendt für aufklärende politische Bildung unverzichtbar?“, fragte jüngst ein Beitrag bei Overton, der auf die bemerkenswerte philosophische ‚Grundierung‘ der wissenschaftlichen Karriere Arendts einging – nämlich auf deren positive Stellung zur faschistischen Philosophie von Martin Heidegger. Diese philosophische Orientierung spielt erstaunlicherweise auch da eine Rolle, wo die Totalitarismustheoretikerin als maßgebliche Instanz für eine zeitgemäße politische Bildung in Anspruch genommen wird. Da wird die grundlegende, bisher angeblich übersehene Bedeutung der „Geburtlichkeit“ des Menschen gewürdigt, so von Lena Köhler, die das jetzt in einer umfangreichen Studie über „Hannah Arendts pädagogische Figur der Natalität“ dargelegt hat. Demnach muss Bildungsarbeit das „eigene Geworden- und Eingebundensein zum Ausgangspunkt des Verstehens“ machen, denn: „Erst die kritische Reflexion der Situiertheit und Rückwendung zum bereits Gegebenen führt zur eigenständigen Orientierung des Menschen in der Gegenwart.“

Dass Arendt sich nach 1945 an der Rehabilitierung ihres ehemaligen Protektors beteiligte – in einer „Komplizenschaft“, die während der Adenauerära en vogue war –, hat der Totalitarismustheoretikerin nicht groß geschadet, wird in der verbreiteten Arendt-Verehrung vielmehr als belanglose, private Angelegenheit dargestellt. Dieser hehren, allseits anerkannten Persönlichkeit kann man doch keine Vorwürfe machen, so der Konsens in diversen Beiträgen, die zum Rückblick aufs Todesjahr 1975 bzw. Geburtsjahr 1906 erscheinen. Oder wie es ein Kommentator bei Overton treffend formulierte: „Was juckt es die stolze Eiche, wenn sich die Sau an ihr reibt?“ Ja. klar, wer auf dem Standpunkt des Heldenkults steht, den kratzen doch keine sachlichen Einwände.

Wenn man sich von diesem Kult nicht beeindrucken lassen will, dann geht es schlicht und ergreifend darum, Nachfragen zu den diversen theoretischen Leistungen Arendts zu stellen. Und da hat man es mit einem weiten Feld zu tun: von der Zionismuskritik bis zu Statements in Sachen US-Rassismus; von der Entdeckung der „Banalität des Bösen“ im Fall Eichmann bis zum Verweis auf das banale Faktum, dass Altnazis wie Globke im Adenauerstaat ihre Heimat fanden; von den seltsamen Essays über Walter Benjamin oder Bert Brecht (mit denen Arendt kaum etwas gemein hatte) bis zur „Vita Activa“, die als Arendts philosophisches Hauptwerk gilt und deren Grundlinien sie (nach eigener Auskunft) Heidegger verdankt; und natürlich gehört die Totalitarismustheorie dazu. Zu dieser immer noch populären Theorie hier ein Nachtrag, ein Gespräch mit dem Buchautor Georg Loidolt.

 

Was heißt hier schon totalitär?

Johannes Schillo: Das Adjektiv „totalitär“ bedeutet so viel wie das griechische „katholikos“: allumfassend. Man kann es natürlich im politischen Zusammenhang kritisch gebrauchen. Im Overton-Text hieß es vom BRD-Kulturbeauftragten Weimer, der Mann sei „etwas totalitär gestrickt“. Das vor allem im Blick darauf, dass zur Zeit die Kunstsphäre, wie Stefan Ripplinger in einer Studie nachgewiesen hat, umfassender Kontrolle unterliegt: Ein palästinasolidarisches Buch im Schaufenster des Buchladens, ein israelkritisches Exponat auf einer Ausstellung – schon schreiten Aufsichtsbehörden ein oder werden dazu aufgerufen. Ähnliche Beispiele sind ja bekannt. Ist das totalitär?

Georg Loidolt: Grundsätzlich gilt: Demokratischer Herrschaft ist der Standpunkt umfassender Kontrolle und Aufsicht nicht fremd. Rechtsfreie Räume darf es auch in einer freiheitlichen Gesellschaft nicht geben und politikfrei ist im Grunde gar nichts, kein Katholikentag und kein Sportevent. Wir hatten hier in Wien gerade den European Song Contest vor der Haustüre – ein sinnfreies Tralala, das sich aber schärfster politischer Betreuung erfreute: Russland und Belarus müssen ausgeladen werden, Israel darf auf keinen Fall fehlen, wie das ganze Ding ja überhaupt ein Fest nationalen Kunstschaffens sein soll.

Vielleicht mal näher am Totalitarismus-Begriff von Arendt, in dem der Zusammenhang von Terror und (scheinbar im Widerspruch dazu) Massenbasis herausgestellt wird. Ich habe in meinem Buch die USA, das „demokratische Musterland“, als Beispiel genommen. Dort werden ICE-Trupps losgeschickt, die zielstrebig so genannte Illegale terrorisieren und damit beim Rest der Bevölkerung Angst und Schrecken verbreiten, sofern sie nicht zur MAGA-Basis gehört. Bei einem solchen Einschreiten wird auch schon mal scharf geschossen, um wohlmeinenden Mitbürgern klarzumachen, dass sich gegen das allerbrutalste Vorgehen der Staatsgewalt keine Bedenken regen dürfen. Und wenn ein demokratischer Staat sich mit ernsthaftem Wider- oder gar Aufstand konfrontiert sieht, werden sowieso ganz andere Saiten aufgezogen, dafür gibt es ja ein eigenes Notstandsrecht.

Blickt man in Politiklexika, erfährt man allerdings: Das Programm totalitärer Herrschaft besteht darin, die demokratische zu negieren. Totale, durch keine Grundrechte oder Gewaltenteilung gebremste Kontrolle der Gesellschaft soll ihr Ziel sein, also Herrschaft um ihrer selbst willen. Dass etwa die Staatszwecke unter einem Hitler oder Stalin ganz andere waren, interessiert da nicht. Genau so wird auf der anderen Seite die Gemeinsamkeit ignoriert, die bürgerliche Nationalstaaten unterschiedlicher Couleur aufweisen – dass nämlich faschistische wie demokratische Regime den nationalen (Kapital-)Erfolg zum Maßstab der internationalen Konkurrenz machen, sich gegen andere durchsetzen und letztlich im militärischen Kräfteringen ihr Menschenmaterial verschleißen. Dass es süß und ehrenvoll ist, fürs Vaterland zu sterben, propagieren dann beide.

 

Worin besteht denn nun Arendts Beitrag?

Schillo: Du hast in Deinem Buch „Gespenst des Totalitarismus“ herausgestellt, dass Totalitarismus ein Kampfbegriff der liberalen Eliten ist. Denen gehe es darum, die herrschenden Verhältnisse zu bewahren. Dein Buch zielt überhaupt auf den Nachweis, wie Du in der Einleitung schreibst, „dass es sich bei der Theorie des Totalitarismus um eine oberflächliche und deshalb auch beliebig einsetzbare Bloßstellung feindlicher politischer Mächte handelt“.

Loidolt: Ja, es handelt sich überhaupt nicht um eine schlüssige Theorie. Was Arendt geliefert hat, ist alles andere als konsistent. Werfen wir mal einen Blick auf die historische Erklärung, die sie den „Ursprüngen“ des totalitären Unwesens widmet. Da geht Arendt auf den Kapitalismus ein, an dem sie durchaus eine Kritik hat. Einerseits bringe der Imperialismus dessen wahres Gesicht zum Vorschein, denn zunächst sei die bürgerliche Gesellschaft, wie Arendt im einschlägigen Essay („Über den Imperialismus“) schreibt, vor der Konsequenz der Expansion zurückgeschreckt, auch dank der abendländischen Tradition, „die sich mit der Französischen Revolution für ein ganzes Jahrhundert noch einmal durchsetzte“. Der „Mob“, die überflüssig gewordene Bevölkerung als Basis des Imperialismus, und die „Avantgarde“ bringen diese Zurückhaltung schließlich zu Fall – konsequenterweise, da die Mäßigung des Systems gar nicht wirklich, sondern vorgespielt war.

Oder beides zugleich, denn Arendt nennt das in einem Atemzug: „Dieser Heuchelei, diesem segenreichen Mangel an Konsequenz nämlich ist es ebenso sehr zu verdanken wie der Stärke der abendländischen Tradition“, dass der Kapitalismus erst 300 Jahre nach Hobbes sein bereits von diesem beschriebenes wahres Gesicht zeigte. Andererseits (so heißt es in „Elemente und Ursprünge“) habe der Imperialismus „sozialen Verhältnissen, vor allem der Klassengesellschaft, und politischen Strukturen, dem Nationalstaat, eine Gnadenfrist von fast einem halben Jahrhundert“ verschafft und „die bereits Ende des neunzehnten Jahrhunderts deutlich überalterten sozialen und politischen Strukturen Europas“ vor dem Untergang bewahrt, die deswegen erst durch zwei Weltkriege zu Fall kamen.

Die Ursprungsfrage ist also etwas vertrackt: Der Imperialismus entsteht laut Arendt aus einer krisenhaften Auflösung des Kapitalismus und setzt dessen ökonomische Bestimmungen außer Kraft. Erst er habe bewirkt, dass die „beiden überflüssigen Kräfte, das überflüssig gewordene Kapital und die überflüssig gewordene Arbeitskraft, sich miteinander verbanden und gemeinsam ihre Heimat verließen“. Arendt hält dazu in ihrer grundlegenden Schrift als wesentlichen Punkt fest, „daß der Imperialismus das erste Phänomen war, dem gegenüber die marxistische Theorie der Wirtschaft versagte“. Sie stellt ein „Bündnis zwischen Mob und Kapital“ fest, das dem Konzept des Klassenkampfes widersprochen habe und deswegen vom Marxismus negiert worden sei. Die Weltanschauung des Mobs habe das Volk geeint, also die Klassenspaltung überwunden, an deren Stelle der Imperialismus die Welt in „Herren- und Sklavenrassen, in farbige und weiße Völker“ aufgeteilt habe.

Den Glauben an das Proletariat hätten die Marxisten aber auch nach dem „Zusammenbruch der internationalen Solidarität“ im Ersten Weltkrieg nicht aufgeben wollen. Genauso habe der Marxismus verkannt, dass „die imperialistische Politik die Bahnen der ökonomischen Gesetzmäßigkeit längst verlassen hatte und der ökonomische Faktor längst dem imperialen zum Opfer gefallen war“. So versuchten sozialistische Theoretiker „die ‚Gesetzmäßigkeit‘ des Imperialismus zu entdecken“, als „in Südafrika selbst längst alle rationalen Profitberechnungen dem ‚Rassenfaktor‘ aufgeopfert waren“. Worin dieses Opfer genau bestehen soll, bleibt Arendts Geheimnis.

Schillo: Ja, die Frau ist gegen den Marxismus, das merkt man. Sonst ist alles ziemlich konfus. Sobald die französische Republik steht, erobert Napoleon den ganzen Kontinent, und die englische Bourgeoisie beherrscht die Weltmeere. Bei Arendt aber ist die Expansion ein spätes Zerfallsprodukt. Da denkt man doch gleich an Lenin und seine These vom „letzten Stadium des Kapitalismus“, bei dem Arendt anscheinend Anleihen gemacht hat. Und dann ist auch noch der „Mob“ an den Weltkriegen schuld, nämlich nach einem ominösen „Zusammenbruch“ des Internationalismus.

Das ist so schief wie die Rede vom „Ausbruch“ eines Krieges. 1914 ist doch nichts zusammengebrochen! Die Führung der Gewerkschaftsbewegung hat z.B. in Deutschland ihre national verantwortungsbewusste Rolle unter verschärften Bedingungen weiter gespielt und brave deutsche Arbeiter in eine „Burgfriedenspolitik“ eingebunden – ein nationaler Schulterschluss, an den etwa die heutige Gewerkschaftsinitiative „Sagt NEIN!“ in kritischer Absicht erinnert. Seitdem ist Sozialpartnerschaft, die den Gegensatz von Kapital und Arbeit nicht mehr kennt, eine Selbstverständlichkeit. Aber solche Dinge sind doch nie bolschewistisches Programm gewesen. Wie kommt man von daher auf die Gleichsetzung Rot = Braun?

 

Totalitarismustheorie als Erklärung des Faschismus?

Loidolt: Dieser scheinbaren Erklärung geht es nur um die Abgrenzung zur demokratischen Herrschaft. Auch die Zwecke von Kommunismus und Faschismus werden ignoriert, obwohl die Unterschiede auf der Hand liegen: Der Kommunismus will den Klassengegensatz samt dem dazugehörigen Kampf und den Krieg als notwendige Konsequenz des Konkurrenzprinzips beenden, während Krieg als „Kampf ums Dasein“ für Mussolini und Hitler eine biologische Notwendigkeit aller Lebewesen darstellt, wie ich in meinem Buch gezeigt habe. Der ehemalige Verteidigungsminister Österreichs (1987–1990) namens Robert Lichal warb in diesem Sinne für das Bundesheer mit den Worten: „In der Wiese herrscht Krieg!“ Und der US-Präsident Trump benennt das Verteidigungs- in „Kriegsministerium“ um, damit aller Welt klar wird, dass eine dem nationalen Egoismus verpflichtet Politik („America first!“) militärische Auseinandersetzungen notwendigerweise einschließt – und sich sogar öffentlich dazu bekennt.

Die Gleichsetzung, die mit der Totalitarismustheorie in Mode kam, beruht auf dem politischen Willen, Kommunismus und Nationalsozialismus als „Verbrechen“ zu „entlarven“. So hat ja Alice Weidel in ihrem Gespräch mit Musk Hitler zum Kommunisten erklärt, denn die staatlichen Aufträge der Nazis an das Kapital gelten Fanatikern der freien Marktwirtschaft ja schon als grundsätzlicher Verstoß. Jede Negation des Laissez-Faire-Kapitalismus wird da bereits als Sozialismus gebrandmarkt, ja sogar das „Fiat-Geld“ der Zentralbanken gerät unter Verdacht. Kurz gesagt: Die staatliche Aufsicht mit ihren (notwendigen) Eingriffen in die Verkehrsformen der freien Konkurrenz und in die bürgerlichen Sitten kann vom Standpunkt eines Marktidealismus als eine Gemeinsamkeit hochstilisiert werden, die zur Gleichsetzung von Rot und Braun führt.

Schillo: Was kann man denn damit heute anfangen, wo eine Faschisierung in der Form stattfindet, dass „rechtspopulistische“ Bewegungen ganz korrekt ihre Wahlerfolge einfahren (worauf die Demokraten in der BRD mit Verbotsdrohungen reagieren), eine neofaschistische Frau Meloni im besten Einvernehmen mit einer christdemokratischen Frau von der Leyen steht und überhaupt demokratische Parteien eine eigene Brandmauer errichten müssen, weil die Unterschiede sonst kaum auf- bzw. ins Gewicht fallen würden?

Loidolt: Die Totalitarismustheorie kommt letztlich immer wieder mit dem Stereotyp „Gewaltherrschaft“. Da verschwinden die Unterschiede zwischen einzelnen faschistischen Bewegungen (Italien, Deutschland) und natürlich zwischen dem, was eine NSDAP oder KPdSU wollte. Die Warnung vor Totalitarismus ist also nur eine Affirmation des Status quo, genauso wie der Kampf gegen rechten Populismus bzw. Faschismus – sofern ein solcher Kampf nicht zugleich gegen Kapitalismus und Imperialismus antritt.

Johannes Schillo

Johannes Schillo arbeitet als Autor, Journalist und Redakteur von Fachzeitschriften. Der Sozialwissenschaftler beschäftigt sich in seinen Artikeln und Büchern mit aktuellen Fragen aus (Weiter-)Bildung und Kultur. Zuletzt ist von ihm erschienen: „Ein nationaler Aufreger – Zur Kritik der Erinnerungskultur“ (Klemm + Oelschläger, 2022) und (zusammen mit Norbert Wohlfahrt) „Deutsche Kriegsmoral auf dem Vormarsch“ (VSA, 2023).
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37 Kommentare

  1. Was mich an (links)-liberaler Kritik an Faschismus, Totalitarismus usw. stört: Man fokussiert auf „bösartige“ Tendenzen in der menschlichen Natur, die ist aber wie sie ist und die deshalb mit Moral und Rechtsstaat gezähmt werden muss (die Hülle der Zivilisation ist dünn). Aus meiner Sicht wird zu wenig auf die äußeren Umstände eingegangen, die die „bösartigen“ Tendenzen erst zum Tragen bringen, was weniger mit Moral als mit dem politischen System, das Gesellschaft und Wirtschaft organisiert, zu tun hat.
    Den Schlußsatz von Loidolt wiederhole ich gern:

    Die Warnung vor Totalitarismus ist also nur eine Affirmation des Status quo, genauso wie der Kampf gegen rechten Populismus bzw. Faschismus – sofern ein solcher Kampf nicht zugleich gegen Kapitalismus und Imperialismus antritt.

    1. @ garno:

      Nur weil der Mensch so ist, wie er gerade vorgefunden wird, ist dieser Zustand noch lange nicht seine »Natur«.
      Ihrer Bewertung des Schlußsatzes schließe ich mich an, der ist gut.

    2. Ja, das erlebt man regelmäßig, wie diese Diktatur ((Un)Rechts-, Kredit-/Geldsystem) aus Menschen Schweine macht. Ähnlich wie bei manchen Tieren: wenn man sie zu sehr bedrängt wechseln sie von Flucht zu Angriff. Leider greifen sie in diesem Fall nicht die eigentlich Verantwortlichen an (die Mittel haben sie gar nicht), sondern bringen sich gegenseitig um.

    3. Meiner Meinung nach kann man das eine nicht vom anderen trennen, also die „bösartigen“ Tendenzen des Menschen bzw. bestimmter Menschen vom politischen und ökonomischen System. Auch das politische und ökonomische System hat ganz viel mit Moral zu tun.

      Das in den Sonntagsreden immer viel gepriesene und hoch gelobte Grundgesetz von 1949 mit seinen Normen ist nichts anderes als ein rechtlicher Wertekanon und grundlegender moralischer Kodex. Es ist das rechtliche Ergebnis einer gescheiterten Demokratie (der sogenannten Weimarer Republik) und der Diktatur des Dritten Reiches inklusive Zweitem Weltkrieg, Holocaust und Euthanasie. Unabhängig davon, wie man einzelne Artikel des GG auslegt und interpretiert, das zentrale Ziel des Grundgesetzes ist es zu verhindern, dass sich die Geschichte wiederholt und aus einer Demokratie eine Ochlokratie, eine Diktatur oder ein anderes totalitäres politisches System wird.

      Im GG heißt es im Artikel 20 explizit: (1) „Die Bundesrepublik Deutschland ist ein demokratischer und sozialer Bundesstaat.“

      Wer aber definiert, was „demokratisch“ und was „sozial“ ist? Formaljuristen würden darauf antworten: Das „Volk“, denn in Art. 20 (2) GG heißt es: „Alle Staatsgewalt geht vom Volke aus. Sie wird vom Volke in Wahlen und Abstimmungen und durch besondere Organe der Gesetzgebung, der vollziehenden Gewalt und der Rechtsprechung ausgeübt.“

      In den 1980er gab es die „geistig-moralische“ Wende eines gewissen Dr. Helmut Kohl von der CDU. Diesem „christlichen“ und „demokratischen“ Politiker war die Politik von Willy Brandt und Helmut Schmidt zu „sozial“. Mit dem Slogan „Leistung muss sich wieder lohnen.“ gewann er die Wahl und war 16 Jahre lang deutscher Bundeskanzler. War Kohl ein „böser“ Mensch? Bislang ist nichts bekannt, dass er irgendjemand aus niederen Beweggründen ermordet hätte. Tatsache ist aber, dass die Politik von Herrn Kohl dazu geführt hat, dass der Sozialstaat nicht mehr auf einer Ebene mit der Demokratie steht wie es im Artikel 20 (1) GG heißt. Der Sozialstaat ist seit der „geistig-moralischen Wende“ nur noch dass, was sich die Wirtschaft bzw. die Unternehmer und Aktionäre leisten wollen.

      Diese neoliberale und asoziale Politik wurde von Gerhard Schröder (SPD), Angel Merkel (CDU), Olaf Scholz (SPD) fortgeführt und hat mit Friedrich Merz (CDU) bislang seinen Höhepunkt erreicht: „Der Sozialstaat, wie wir ihn heute haben, ist mit dem, was wir volkswirtschaftlich leisten, nicht mehr finanzierbar.“ (Friedrich Merz 2025 auf dem Landesparteitag der CDU in Osnabrück)

      Tatsache ist, der reichste Deutsche, ein sogenannter „Superreicher“ verfügt 2026 über ein Vermögen von mehr als 50 Milliarden Euro, das sind 50.000 Millionen Euro. 2018 hat ein einzelner Aktionär der BMW Group, ein sogenannter „Leistungsträger“ 622 Millionen Euro Dividende kassiert. (Nur so am Rande: Für diese 622 Millionen Euro Dividende müsste ein Durchschnittsverdiener 10.000 bis 11.000 Jahre lang arbeiten. Was sagt da Markus Lanz dazu?)

      Auf der anderen Seite sind im letzten Winter 2025/26 allein in Hamburg mehrere Obdachlose erfroren. Der gesetzliche Mindestlohn beträgt seit 01.01.2026 lausige 13,90 Euro brutto pro Stunde. Jeder 5. Rentner hat weniger als 1.400 Euro netto im Monat zur Verfügung. Der Median lag 2025 bei 1.990 Euro (Rente inklusive Einnahmen aus Vermögen, Erwerbstätigkeit und Transferzahlungen z. B. Grundsicherung im Alter). Das heißt, die Hälfte der Rentnerinnen/Rentner hatte weniger als 1.990 Euro im Monat zur Verfügung. 2025 haben sich rund 1,5 Millionen Bürger in diesem „demokratischen und sozialen Bundesstaat“ bei den Tafeln angestellt, weil das Geld nicht für die Miete und zum Essen reicht.

      Und jetzt kommen wir wieder auf das „Böse“ im Menschen zurück. Ist ein Bundeskanzler, der sich selbst als „christlich-demokratisch“ bezeichnet, solche Zustände entweder negiert oder gutheißt und die Schere zwischen Arm und „Superreich“ mit seiner Politik noch weiter vergrößern will, ein „böser“ Mensch?

      Hannah Arendt sprach einmal von der „Banalität des Bösen“. Diese Banalität des Bösen kann sich als hypermoralischer Aktionismus oder amoralischem Desinteresse an diesen asozialen Zuständen zeigen.

    4. Recht eigentlich betrachtet ist Demokratie eine sozialistische Utopie.
      Es scheint aber allzu leicht die Menschen mit einer entsprechenden Dosis falschen Bewusstseins, von der Herrschaft mittels geeigneter Manipulationsorgane verabreicht, soweit zu traumatisieren, dass sie spuren, wenn das „Reich”, „Vaterland”, die „Nation”, der „Westen” oder sonst irgendeine die Profite einer räuberischen Klasse sichernde und gefällige ideologische Konstruktion es befiehlt.
      Erschreckend und traurig, dass dies immer noch, nach den verheerenden Erfahrungen des letzten Jahrhunderts, verfängt. Vermutlich bräuchte es eine noch längere als die ohnehin schon verhältnismäßig lange Friedensphase, gemessen am jahrhundertelangen Gemetzel räuberischer Clans, um dieses Trauma restlos zu überwinden. Ist es am Ende ein Grund zur Verzweiflung oder eher gar ein Trost, dass jetzt um ein finales Gemetzel auf dem Spielplan steht, angezettelt zu Gunsten einiger weniger Psychopathen, die ohnehin schon, nach allem was ich nach immerhin 65 Jahren vom Leben weiß, in einer ganz privaten Hölle leben müssten.

  2. In einer freien Gesellschaft hat sich der Staat aus dem Privatleben seiner Bürger möglichst heraus zu halten. Totalitäre Ideologien wollen bis ins Privatleben hinein alles bestimmen. Da unterscheiden sich linke von rechten Ideologien nicht, die unfrei und totalitär sind. Beide entstammen der Ideenwelt des Kollektivismus, also der Vorstellung, das Wohl der Gesellschaft sei wichtiger als das Wohl des Einzelnen.

    Heute ist es vor allem in der politischen Rechten üblich, Kommunismus absichtlich mit Kollektivismus zu verwechseln, um die Nazionalsozialisten als linke Partei umdeuten zu können. Diese absichliche Verfälschung (eine dreiste politische Lüge, die auf der Original-Propaganda der Hitler-Partei basiert) wird genutzt, um alles Schlechte der (vermeintlichen) Linken in die Schuhe zu schieben. Das verfängt bei vielen, denen der historische Hintergrund fehlt.

    Dabei geht allerdings verloren, was politisch links und rechts einst bedeutete, nämlich ob die Gleichheit aller Menschen im Vordergrund steht (politische Linke) oder andere Werte (politische Rechte). Kollektivismus gab es auch bei den Nazis, die klar die Ungleichheit aller Menschen erklärten, indem sie Slaven zu “Untermenschen” und Juden als die unterste Kathegorie aller Menschen wähnten. Nazis waren also zweifelsfrei Kollektivisten, jedoch ebenso klar rechtsextrem, denn sie lehnten die Gleichheit aller Menschen diametral ab.

    Eine Warnung vor Totalitarismus ist nicht mehr notwendig. Der Totalitarismus ist längst da. Vor allem die Grünen jedoch auch grosse Teile der SPD, der CDU, der FDP und der Linkspartei sind totalitär, siehe z.B. das totalitäre Corona-Verbrechen, bei dem bis ins Privatleben hinein ideologisch vorgeschrieben wurde, was zu tun ist. Auch die vollständige Abschaffung der Meinungsfreiheit einerseits durch die EU, die jeden Kritiker für vogelfrei erklärt, wenn er gefährlich wird, als auch der Kampf der DEP, der Deutschen Einheitspartei aus SPD, Grünen, CDU und Linkspartei gegen die Meinungsfreiheit, in dem unerwünschte Äusserungen kriminalisiert und ein Denunziationssystem etabliert werden, sprechen eine eindeutige Sprache. Meinungsfreiheit war gestern in Deutschland und dem Rest der EU.

    Ist das nun Sozialismus oder gar Kommunismus, was die DEP will? Weit gefehlt. Es ist wie das Corona-Beispiel und die Rückkehr des “gesunden Volkskörpers” zeigen, klar kollektivistisch. Aber das System, in dem Oligarchen alles zusammenraffen und zum Schluss beinahe das gesamte Eigentum besitzen, und mit denen macht die Regierung mit ihrer kollektivistischen Ideologie einen Deal, heisst Faschismus. Wie es Faschismus-Erfinder Benito Mussolini einst treffend formulierte:

    “Faschismus müsste eigentlich Korporativismus heissen, denn es ist die Verbindung von Staatsmacht mit Konzernmacht.”

    Gemeint sind die Konzerne der West-Oligarchen, die in der West-Propaganda verbrähmend als angebliche Philanthropen dargestellt werden.

    Wer also die neuen Faschisten nun eigentlich sind, könnte die Neue Antifa leicht feststellen – es genügte ein Blick in den Spiegel.

    1. Sie sollten nicht dem Trugschluss verfallen, dass die AfD nicht auch Teil der DEP ist. Die „Alternative“ ist „gewollte“ Opposition, nicht mehr und nicht weniger. Mit ihrem propagierten nationalistischen Kollektivismus verdeckt sie nur ihre wahren neoliberal-totalitären Ziele. Warum wohl ist das BSW so gefährlich, dass man es bei der letzten BTW, sagen wir, nicht sachgerecht behandelte? Es bedient das Neoliberal-Totalitäre nicht. Gaaanz böse.

      1. Die “AfD” ist eine Abspaltung der der Nationalisten in der FDP, gegründet in der Friedrich-von-Hayek-Gesellschaft von Wirtschaftsliberalen. Christian Lindner ist damals aus Protest ausgetreten. Die “AfD” ging, um die 5 %-Hürde zu knacken, mit Teilen von NPD-Leuten zusammen, also mit waschechten Neonazis. Im ersten Machtkampf der neugegründeten Partei gewann eine der beiden wirtschaftsliberalen Gruppierungen gegen die andere. Petry und Lucke traten daraufhin aus. Die Neonazis bildeten innerhalb der “AfD“ eine Untergruppe namens “der Flügel”. Nach dem entlarvenden Interview von Tilo Jung mit Andreas Kalbitz gelang es der “AfD”-Führung, sich von einigen Neonazis einschliesslich Kalbitz wieder zu trennen. Sie waren als Stimmenbeschaffer nicht weiter nötig. Höcke jedoch blieb und führt heute den (nur noch informell existierenden) Neonazi-Flügel an. Eine weitere relevante Gruppierung innerhalb der “AfD” bilden Konservative, die die CDU/CSU verlassen haben. Vereinzelt gibt es auch relevante Mitglieder, die formals in der Linkspartei waren, jedoch deren Globalisten-Kurs nicht weiter mittragen wollen, sowie weitere Personen, die aufgrund der Corona-Opposition und der EU-Opposition in die “AfD” eingetreten sind. Überwiegend ist die “AfD“ jedoch wirtschaftsliberal, insofern neoliberal. Der Partei stehen entsprechende Richtungskämpfe bevor, sobald sie demnächst in Regierungsverantwortung kommt. Je nach Bundesland sind hier unterschiedliche Ergebnisse zu erwarten. Auf Bundesebene bleibt sie der FDP eines Otto Graf Lambsdorff ähnlich.

        1. Das BSW wurde durch massive Wahlfälschung aus dem Bundestag heraus gehalten, da die Medienkampagne, die zusammen mit der Linkspartei geführt wurde, nicht ganz reichte. Die “AfD” wurde von der damaligen Merkel-Regierung absichtlich gross gemacht, um die Grünen zu konkurrenzieren, indem man sie ständig als die Bösen© hochgeschrieben hat. Erst als klar wurde, nun geht es nicht mehr zulasten der Grünen sondern der CDU, wurde der mediale Kurs geändert – zu spät. Natürlich ist dem Kapital eine wirtschaftsliberale Partei wie die “AfD” lieber als ausgerechnet die Linkspartei – auch wenn diese die Merz-Regierung mit dem Durchwinken der 500 Milliarden für Korruption, Haushaltslöcher und Krieg brav zugelassen hat, auftragsgemäss.

  3. Nötig wäre nur Aufklärung darüber, dass die „westliche Demokratie“ nur ein wohlklingendes Etikett ist. In Wirklichkeit eine reine Oligarchie, deren „Volksvertreter“ als die jeweils größten Soziopathen aus den Dominanzhierarchien der Parteien hervorgehen.

    Das demokratischen Prinzip der Isegorie ist reduziert auf eine theoretische und faktisch abgeschaffte „freie Rede“. Das demokratische Prinzip der zufälligen Auswahl durch Los für streng reglementierte Räte zur Berichterstattung und Vorschlagsbildung für die Gesamtversammlung ist scheinbar vergessen. Die Kapitalakkumulation im globalen Großkapital und die Massenverelendung durch ungehemmte Gier und Abschaffung jeglicher Ethik sind die zwangsläufigen Folgen.

  4. Es wirkt nicht sehr ausgewogen und an der Sache ´des Totalitarismjus interessiert, was in diesem Beitrag steht. Die nächste Tirade gegen Arendt als Person. Dazu eine Aufwertung von Carl Friedrich, der nicht gelesen werden würde. Fakt ist: Friedrich war in den 1940er und 1950er Jahren extrem einflussreich und hat die Debatte über die europäische Integration geprägt. Seine Disposition war die eines konservativen Technokraten, der das einfache Volk mit seinem Föderalismus-Entwurf, eng angelehnt an die Vorstellung der US-Regierung, als deren Berater er fungierte, völlig entmachtet hätte. Bestenfalls als ein juristischer demos hätte es existiert, ohne weitergehende Funktion als eine Säule des politischen Systems. Die interessanteste Frage: wie weit war Friedrich mit seinem supranationalen Technokratismus weg vom Totalitarismus? Auf jeden Fall war er sehr viel näher dran, als Arendt.

  5. Loidolt: “Dass es süß und ehrenvoll ist, fürs Vaterland zu sterben, propagieren dann beide.“ (faschistische und demokratische Regime)

    Ist das wirklich noch so? Zumindest in Deutschland haben die Angelsachsen den Deutschen das Nationale gründlich ausgetrieben, an dessen Stelle stehen nun die ideologischen Begriffe „Freiheit und Demokratie“ (die angelsächsische Versionen natürlich, wo es um Freiheit für das transnationale Kapital geht), für das wir sterben sollen.

    Agiert Kanzler Merz etwa für deutsche Interessen? Oder Leyen für europäische? Beide propagieren westliche Werte (nicht nationale Werte) und meinen damit die Freiheit des westlichen Kapitals. Allerdings stehen sie beide unter der transatlantischen Knute der USA, wo deutsche und europäische Interessen nur noch schlecht zu bedienen sind.

  6. Überspitzt gesagt:
    Bei Hanna Arendt wird das Böse banal und Kapital und Faschismus dürfen unter pseudodemokratischem Deckmantel weiter regieren.

  7. Wo sind eigentlich die Beispiele von Staaten die mit Totalitarismus und Faschismus eine glorreiche Zukunft geschaffen haben?

    1. @Infantino…: Wenn „glorreich“ heißen soll, dass es den Leute dort so gut geht, dass überall anderswo gesagt wird: ja, so wollen wir das bei uns auch haben – dann muss man konstatieren, dass noch nie und von keiner Staatsgewalt eine glorreiche Zukunft geschaffen wurde. Womit sich die Einschränkung der Frage auf „Totalitarismus und Faschismus“ erübrigt. Vielleicht liegt es ja doch an den gegenwärtig weltweit – also insbesondere auch dort, wo es demokratisch zugeht – herrschenden Verhältnissen, aka Kapitalismus, dass von einer glorreichen Zukunft nirgendwo die Rede sein kann, im Gegenteil: dass die Zukunft zunehmend und zu Recht als bedrohlich empfunden wird..

  8. Dies Ahrendt-Bashing ist noch kenntnisfreier, als der Vorgängertext.

    Ich erinnere den Leser, ich habe Ahrendt nicht studiert, weiß aber einiges über ihr Zeug aus Sekundärliteratur.
    Nun steht schon in der deutschen Wikipedia ein Hinweis, der das Loidolt’sche Unverständnis dokumentieren hilft. Unter „Zentrale Thesen“ heißt es da:

    Arendt stellt die These auf, dass jede Weltanschauung oder Ideologie durch eine totalitäre Bewegung übernommen und durch massiven Terror in eine neue Staatsform überführt werden kann.

    Darauf kann jemand wie meiner einer sich auf die Volltextsuche machen und in der englischen Veröffentlichungssprache folgende Textstelle aus „The Origins …“ binnen einer Minute finden:

    The difference between Marx’s historical and Darwin’s naturalistic ap-
    proach has frequently been pointed out, usually and rightly in favor of
    Marx. [But:] Engels could not think of a greater compliment to
    Marx’s … achievements than to call him the “Darwin of history.”‘
    If one considers … the basic philosophies
    of both men, it turns out that ultimately the movement of history and the
    movement of nature are one and the same. Darwin’s introduction of the
    concept of development into nature, his insistence that, at least in the field
    of biology, natural movement is not circular but unilinear, moving in an
    infinitely progressing direction, means in fact that nature is, as it were,
    being swept into history, that natural life is considered to be historical. The
    “natural” law of the survival of the fittest is just as much a historical Jaw
    and could be used as such by racism as Marx’s law of the survival of the
    most progressive class. … … ‘In his funeral speech on Marx, Engels said: “Just as Darwin discovered the law
    of development of organic life, so Marx discovered the law of development of human
    history.” … …
    Labor, according to Marx, is not a historical but a natural-
    biological force—released through man’s “metabolism with nature” by
    which he conserves his individual life and reproduces the species.? Engels
    saw the affinity between the basic convictions of the two men very clearly
    because he understood the decisive role which the concept of development
    played in both theories. The tremendous intellectual change which took
    place in the middle of the last century consisted in the refusal to view or
    accept anything “‘as it is” and in the consistent interpretation of everything
    as being only a stage of some further development. Whether the driving force
    of this development was called nature or history is relatively secondary.
    In these ideologies, the term “law” itself changed its meaning: from ex-
    pressing the framework of stability within which human actions and motions
    can take place, it became the expression of the motion itself.

    Totalitarian politics which proceeded to follow the recipes of ideologies
    has unmasked the true nature of these movements insofar as it clearly
    showed that there could be no end to this process. If it is the law of nature
    to eliminate everything that is harmful and unfit to live, it would mean
    the end of nature itself if new categories of the harmful and unfit-to-live
    could not be found; if it is the law of history that in a class struggle certain
    classes “‘wither away,” it would mean the end of human history itself if
    rudimentary new classes did not form, so that they in turn could “wither
    away” under the hands of totalitarian rulers.

    Das ist kritikabel, gewiß, aber als Erstes hat ein redlicher Leser (und Autor!) zur Kenntnis zu nehmen, daß Hannah das Konzept des „Historischen Materialismus“ in der Gestalt, die es in Stalins staatssozialistischer Legitimationsideologie hatte, dem Engels übergestülpt hat, was entweder ein Fehler, oder ein intellektuelles VErgehen ist, denn es ignoriert den „Diamat“, die philosophische Verballhornung Marxens durch Engels, welcher diese Gleichsetzung ausschlösse (nachzulesen beispielsweise im „Anti-Düring“ und auch in „Vom Urspruch der Familie …“).
    Dann hat sie via Engels dem Marx den Histomaten übergeholfen, den der überwiegend aufgelassen hatte (nachzulesen in den „Grundrissen“ und den TüM’s), wenngleich er das taktisch nicht an die Glocke gehängt hat.
    Der simple Fehler, oder das schlichte Vergehen, ist also „Stalinismus = Marxismus“ – jedenfalls an dieser Stelle.

    Und so landet sie halt bei der Phänomenologie des Stalinismus, von der in der Tat mit Fug und Recht zu sagen ist, sie weise eine Menge Identitäten zur Phänomenologie des Hitlerismus auf.
    Dazu zitiere ich einen meiner Kommentare zum Vorgängerartikel:
    https://overton-magazin.de/top-story/ist-hannah-arendt-fuer-aufklaerende-politische-bildung-unverzichtbar/#comment-384987

    Und jetzt lege ich euch die kürzestmögliche Würdigung der „Totalitarismustheorie“ vor, die, wie das mit Würdigungen, welche die BEzeichnung verdienen, nun mal so ist, zugleich ihre Kritik enthält. Sie stammt von Hegel, und Marx hat sie wohl hundertfach zitiert:
    Abstraktionen in der Wirklichkeit durchsetzen, heißt Wirklichkeit vernichten

    Ich bezweifle, dass verständigerweise je mehr zu diesem Thema zu sagen ist.
    Und ja, ich mag die Hannah.

    1. Liebe Hannah,
      in dem Zusammenhang, den ich oben ein wenig aufgefaltet habe, laste ich Dir als schlimmstes Vergehen an, daß Du mit kleinbürgerlich romantizistischem Widerwillen verweigert hast, den Darwin zu lesen, statt abfällig die ideologischen Versatzstücke des Neo-Darwinismus von Weismann et al wiederzukäuen. Hättest Du Darwin gelesen, hättest Du bemerken können, daß er mit seinen Theorien nicht im Reinen gewesen ist, daß er sie nur als Rohgerüst verstanden hat und ihm klar gewesen ist, daß darin ein „Lamarck’sches Moment“ fehlt, daß es ein intellektuelles Vergehen war, einen „Darwinismus“ zu erfinden, der einen „Lamarckismus“ ad acta gelegt hätte.

      Aber ruhe sanft, und wenn ich vorbei komme, kriegst auch Du ein Steinchen.

      1. Lieber Qana,
        dass HA den Darwin nicht gelesen hat (oder vielmehr, was ja noch schlimmer wäre: nicht verstehen wollte) das geht klar aus den von dir zitierten Zeilen hervor. Aber wieso zeigst du das nicht an eben diesen Zeilen auf, sondern fabulierst etwas von einem „Lamarck’schen Moment“ über das sich ChD sehr zu recht nie Sorgen gemacht hat?
        Ich habe „The Origin of Species“ vollständig im Original gelesen, und kann sagen, dass alles das, was HA da schreibt, nichts damit zu tun hat. Z.B. dass die Evolution
        „not circular but unilinear, moving in an infinitely progressing direction,“ sei. ChD hat aufgezeigt, wie die Evolution verlaufen ist und verläuft. Das bewegt sich alles im Endlichen. Mit „infinetely progressing“ beginnt schon HA‘ Interpretation. Auch dass da eine bestimmte „direction“ auszumachen wäre, ist philosophisch hineininterpretiert: Die einzelnen Schritte der Veränderung erfolgen ganz zufällig, und das was in sein jeweils gerade gegebenes Umfeld hineinpasst, überlebt. Mit solchen Philosphismen schafft sich HA den Darwin nach ihrem Bilde.

    2. Anstelle eines gelöschten Kommentars:

      Aus meiner Sicht der schlimmste Fehler Hannah’s: die romantizistisch-kleinbürgerliche Darwin-Verachtung geteilt zu haben, die gar nicht Darwin zum Gegenstand hatte – den hat sie offenbar nie gelesen – sondern die faschistoide Darwin-Auslegung von Weismann et al.

  9. ronie: on

    Johannes Schillo hat sich Verstärkung aus Wien geholt, und gemeinsam wird letztendlich geklärt, was mit Hanna Arendts Werk alles nicht stimmt. Gut, jetzt habe es verstanden, Arendt hat gar nicht die Funktionsweise von Totalitarismus im vorgefundenen Nationalsozialismus und Kommunismus verglichen, sondern sie gleichgesetzt, wenn auch mit unterschiedlicher Unterwäsche. Ihr Fehler war selbstverständlich, dass sie die real performte Demokratie (welche »das einfache Volk mit seinem Föderalismus-Entwurf […] völlig entmachtet hätte.« @Raphael), den Kuschel-Kapitalismus nicht einbezogen hatte.

    Weiter wurde Arendt und ihre Arbeit eindeutig als „nicht Marxistisch“ identifiziert. Schlimme Sache. Habe nun gerade ihre Werke aus meinem Besitz zum Altpapier gebracht, nachdem ich alle Wörter durchgestrichen hatte, nicht dass das noch jemand ließt, und ihr Foto an meiner WC-Tür auf den Kopf gestellt. Hannah Arendt werde ich, wenn ich dem liederlichen Nazi-Liebchen begegne, fest nehmen, Verzeihung, festnehmen und der neuen Wahrheit überantworten, die eine Betriebsanleitung ist, wie ich Wahrheit und wahres Denken denn zu fühlen habe, denn sonst ist alles so »vertrackt«.

    Was weiter? Bin gerade etwas müde, doch schlafen ist nicht, denn anders als somnambul ist das alles nicht zu ertragen; habe ich früher gedacht, wohl so ein angelernter Reflex. Dann schnell neu lernen, dass Imperialismus neben globalem Kapitalismus steht und er nicht die Konsequenz daraus ist.

    Ironie: off

    1. Ich denke, er will zu seinem vorhergehenden Artikel den Teil ergänzen, der wegen Klatsch und Tratsch in diesem keinen Platz einnehmen durfte: Arendts Totalitarismustheorie, jetzt kommt Hilfe aus Wien, sehr gut.
      Was ist nun Totalitarismus? Loidolt: „Totale, durch keine Grundrechte oder Gewaltenteilung gebremste Kontrolle der Gesellschaft soll ihr Ziel sein, also Herrschaft um ihrer selbst willen“.
      Loidolt scheint dieser Definition gar nicht zu widersprechen, nur der Zweck der „Gewaltherrschaft“ sei zu unterscheiden, das macht nach seiner Meinung den feinen Unterschied aus.
      Mit der T. könne man deshalb wenig anfangen, weil sie diesen feinen Unterschied nicht berücksichtige.

      Dazu einige Gedanken:
      Gewaltherrschaft ist nicht dadurch erträglich, dass sie sich mit einem paradiesischen Ziel rechtfertigt. Das Dumme ist, selbst zugegebene sozialstaatliche Vorteile (wie Bildung, fast kostenlose Wohnung, Nahverkehr usw.) werden sehr schnell selbstverständlich und was vorher war, wird ohnehin schnell vergessen.

      Ideologiegeschichtlich war es ohnehin anders: Die T. war deshalb so erfolgreich, weil sie diesen feinen Unterschied ziemlich erfolgreich auslöschte, und zwar indem sie zwei Gleichungen in die Nachkriegsgehirne einpflanzte: Kommunismus = Stalin; Stalin = Hitler daher: Kommunismus = Hitler. Vielleicht auch noch Gulag = KZ und noch manch andere Untergleichung. Daran war Arendt nicht unbeteiligt, gewollt hat sie es nicht. Aber auch das war praktisch: wenn selbst eine Arendt das sagt, ja dann…

      Es kommt aber noch ein anderer Aspekt hinzu: Weil der Kommunismus den göttlichen Führer durch das Kollektiv ersetzt und Faschismus durch den allseits geliebten Anführer, geraten beide in Konkurrenz zur ideologischen Alleinstellung der Kirche und Religion. Der Faschismus ist demnach auch die Antwort auf ein ganz anderes Herrschaftsproblem: Weil die christliche Ideologie nicht mehr ausreichte*, um das Verlangen nach revolutionärer Machtübernahme im Volk zu bändigen, half der weltliche Führerkult, um den Aufstandswillen und seine Organisationen ganz weltlich auszurotten. Die Juden gleich mit.
      Letzteres hatte Arendt durchaus erkannt. Inwieweit die erste Gleichung (Kommunismus = Stalin) bei ihr trotzdem verfangen hatte, weiß ich nicht, auf alle Fälle verfing sie sehr erfolgreich in der Rezeptionsgeschichte ihres Werkes.

      Ich komme auf ein Thema zurück, das wir früher schon diskutiert haben. Das ist die Befehlsstruktur. Wenn in einer Organisation das militärische Prinzip von Befehl und bedingungslosem Gehorsam durchgesetzt werden kann, hat diese zumindest für die unteren, die Befehlsempfänger, den nicht zu unterschätzenden Vorteil, dass er die Verantwortung für sein Handeln nicht selbst trägt. Er ist ja nur ein Befehlsempfänger (Was Arendt bei Eichmann konsterniert beobachten konnte).

      Jede fortschrittliche Organisation wird folglich bestrebt sein müssen, nicht in diese Falle zu laufen.

      Weitere Überlegungen zum Thema würden das Forum hier überfordern.

      *der Aspekt wird von Emanuel Todd aufgenommen, als Ursache für den sich ausbreitenden Nihilismus angeführt, und als Grund für den behaupteten Untergang der USA.

      1. @Routard benennt den Springpunkt der Argumentation:
        “ Loidolt: „Totale, durch keine Grundrechte oder Gewaltenteilung gebremste Kontrolle der Gesellschaft soll ihr Ziel sein, also Herrschaft um ihrer selbst willen“.
        Loidolt scheint dieser Definition gar nicht zu widersprechen, nur der Zweck der „Gewaltherrschaft“ sei zu unterscheiden, das macht nach seiner Meinung den feinen Unterschied aus.“
        Aber @Routard versteht offenbar gar nicht, WAS da der Fehler ist: „Herrschaft um ihrer selbst willen“ gibt es nicht, weil es sie gar nicht gehen kann: denn zur Herrschaft gehören immer auch die Beherrschten dazu. Ohne ein Mindestmaß an Zustimmung kann Herrschaft nicht funktionieren. Dabei muss man nicht einmal daran denken, dass es sonst einen Aufstand gäbe, sondern nur, dass es ja nicht Hitler/Stalin als Einzelpersonen waren, die den Terror ausgeübt haben, sondern sie sich auf ein Heer überzeugter Parteigänger und Handlanger stützen konnten.
        Und die, die sich also freiwillig und überzeugt der Herrschaft unterworfen haben, sollen das getan haben, weil Herrschaft für sich selbst schon ein Zweck wäre?!
        Der Grund für die Herrschaft und ihre Methoden (ob man sie nun als totalitär oder demokratisch einordnet) muss außerhalb ihrer selbst liegen. Und HA dreht das nun einfach um: die Überzeugungen, die einen hinreichend großen Teil der Bevölkerung so weit brachten, dass die Herrschaft von Hitler bezw. Stalin entstehen konnte, werden von ihr nun zu „Mitteln“ gemacht, mit deren Hilfe sich die Herrschaft um ihrer selbst willen etablieren und erhalten konnte.

        1. Ich habe es so verstanden (interpretiert), dass Loidolt die T. ablehnt, weil sie auf der Beschreibungsebene stehenbleibt, also abstrakt ist, während seiner Auffassung nach die untersuchten Gesellschaftssysteme,Stalin-Sozialismus und NS-Faschismus, sehr unterschiedliche Ziele verfolgen. Das erste sei auf ein humanes Ziel ausgerichtet, deshalb wäre deren Gewaltherrschaft eher legitim als die des Faschismus.

          Das von Ihnen angesprochene Thema ist aber ein anderes: Wie kann man erklären, dass sich autoritäre Herrschaftssysteme eines so großen Zuspruchs erfreuen ? Wie kann es sein, dass sich so viele beim bereitwilligen Befehle empfangen so wohl gefühlt haben? Ich habe nur einen Aspekt genannt: die Entlastung von Verantwortung. Auch, weil gerade dieser Aspekt für ein System, das eine sozialistische Zukunft anstrebt, den riesigen Nachteil hat, dass so gestrickte Untertanen für das angestrebte Ziel nicht mehr zu gebrauchen sind: Dienst nach Vorschrift, Absentismus, Diebstahl des gemeinsamen Eigentums sind dafür bekannte Symptome.

          Im Übrigen bin ich von einem Konzept „Herrschaft um ihrer selbst willen“ überhaupt nicht überzeugt. Herrschaft dient immer bestimmten und bestimmbaren Interessen. Trotzdem haben Sie recht: Seltsam ist, dass sich viele zu ihren Beherrschern/Führern bekennen, obwohl deren Politik ihren eigenen Interessen vollkommen zuwider läuft und so deren Herrschaft stabilisieren.

          Diese Frage würde ich mit der Psychologie des autoritären Charakters beantworten wollen.

  10. Dieser Artikel beruht auf einem Missverständnis. Natürlich glaubt Frau Weidel nicht, dass die Nazis Kommunisten waren. Dazu ist sie viel zu intelligent und hat von USA bis China Lebenserfahrung gesammelt. Ihre Behauptung ist reine Polemik, eine Retourkutsche auf die Behauptung der Linken = Kommunisten, die Populisten seien Nazis. Nein, lautet die Antwort, das kann nicht sein, denn die Nazis waren Kommunisten wie ihr. An und für sich kann das jeder verstehen, und die Populisten lachen über die gelungene Retourkutsche und die Linken ärgern sich. Aber im Sumpf der Polemik bewegen sich die hehren Philosophen nicht, egal wie wichtig er ist.
    Aber die Totalitarismusgefahr, die in der Repräsentativen Demokratie besteht, wird in der AfD ernst genommen, weshalb sie als einzig wirksames Gegengift die Direkte Demokratie fordert.

    1. Frau Weidel hat sich nicht zufällig nach einem Gespräch mit US-Partnern derart geäussert. Sondern in den USA werden der Kommunist und der Sozialismus durch die tiefe Prägung des Kalten Krieges weiterhin als Erzfeinde wahrgenommen. Das nutzen nun die MAGA-Bewegung und weitere Teile der Republicans, um durch die Umdeutung jeder Form von Kollektivismus zum “Kommunismus” die politischen Gegner verächtlich zu machen. Frau Weidel wird versucht haben, ob die Nummer hier in Deutschland auch läuft. Insbesondere die Reste der MAGA-Bewegung wollen natürlich nicht das Wort Faschismus benutzen, denn spätestens seit dem Manifest von Palantir sollte jedem klar sein, dass es sich bei der letzteren Organisation nicht nur um eine Firma, sondern um eine politische Organisation mit einem klar faschistischen Konzept handelt – und die MAGA-Leute arbeiten eng mit Palantir zusammen, genau wie ihre neofaschistische Konkurrenz der Globalisten.

      1. Man könnte die Palantir (P.Thiel) Konzeption auch auf den in den MAGA Kreisen der USA ziemlich einflußreichen Yarvin und seine „Neoreaction“ (NRx) zurückführen, nach dem „die Demokratie“ schuld am aktuellen Niedergang ist.
        Besser sei es, Gesellschaften würden von Eliten wie gut geführte Unternehmen geleitet. Starke, handlungsfähige Führung sei wichtiger als demokratische Beteiligung.
        Das kann man auch als Antwort auf die von E.Todd beschriebene Tendenz zum Nihilismus in den westlichen Gesellschaften sehen. Ob man das faschistisch nennen sollte? Wenn Faschismus die Bewegung ist, mit der die herrschende „Elite“ auf eine Bedrohung durch eine revolutionäre Kraft reagiert, sicher nicht.

        In Japan gab es wohl ein Gespräch zw. Todd und Thiel – ich habe es noch nicht ansehen können – hier ist veröffentlicht:
        https://www.youtube.com/watch?v=C3oFCv6E-20&utm_source=chatgpt.com

  11. Das Gespräch ist ebenso unergiebig wie es eine Debatte zwischen Papst und Kardinal über Buddhismus wäre.

    Ganz allgemein:
    Wenn einem Linken die Totalitarismustheorie nicht passt, so dürfte die entscheidende Ursache darin liegen, dass in dieser Theorie eben jene gewissen unfreien Begleitumstände linker Praxis so richtig schön behandelt und offengelegt werden. Also muss man dagegen anpinkeln. (Hoffentlich nicht gegen den Wind!)

    Die Erwiderung, dass man doch aber gute Ziele habe, kann nicht überzeugen, weil nur und ausschließlich die reale Praxis zu bewerten ist. Nichts anderes. Die vorgeblichen Ziele sind irrelevant!!!

    Und das Lustige ist ja, dass das auch heute noch so ist, denn sobald Leute/Gruppierungen, die sich selbst als links bezeichnen, in der Gesellschaft zu Macht/Einfluss gelangt sind, lassen sich so manche totalitären Aspekte erneut beobachten … Insbesondere im Hinblick Diskurs- und Freiheitsbeschränkungen und die Verringerung privater Spielräume.

    Dass heute von Leuten, die sich als „liberal“ bezeichnen, ebenfalls totalitäre Diskurs- und Freiheitsbeschränkungen gefordert und praktiziert werden, stellt dazu keinen Widerspruch dar. Zwischen „liberal“ um 1910 und „liberal um 2020 klafft eben ein großer Unterschied.

  12. „Für Hannah Arendt war Nikita Chruschtschows Sowjetunion kein totalitärer Staat mehr im strengen Sinne ihres Hauptwerks. Zwar blieb die Diktatur bestehen, aber sie wertete das „Tauwetter“ nach Stalins Tod und Chruschtschows Geheimrede von 1956 als Übergang zu einem autoritären Regime, das sich vom totalitären Terror verabschiedete.“ (Google KI)

  13. Ja, der Adorno. Ich schwöre, 99% der Abiturienten wissen nicht, was ein Adorno ist.
    Ein Riesenproblem der teutschen Wahrnehmung…

  14. So ganz verstehe ich die Diskussion nicht. Der Marxismus folgt schlicht dem Anliegen einer geordneten Güterversorgung und hat hierzu seine Theorie ausgebildet.
    Der Faschismus beruht nicht auf einer Theorie. Seine Philosophie setzt sich zusammen aus wirrem, religiös aufgeladenem Zeug, das erst die jeweiligen Herscherfiguren nachgeliefert haben.
    Der Faschismus folgt also dem Totalitarismus.

    *Heidecker war diesem tieferen Sinn ein Leben lang hinterher, konnte ihn aber nicht aufspüren weil es ein Blödsinn ist.

    1. Ich würde das Anliegen des Marxismus beschreiben als die Kritik des Kapitalismus mit dem Ziel eine gerechtere Gesellschaftsordnung zu schaffen.

      Ich frage mich gerade, ob der Faschismus eine Theorie hatte? Es wird mir Giovanni Gentile vorgeschlagen oder eben Adolf Hitler. Man müsste erst einmal klären, was eine Theorie ist und was Faschismus. Wenn man das Wort „Theorie“ eher umgangssprachlich nimmt, dann hatten sie ganz sicher Theorien. Die haben auch versucht systematische Erklärungen zu finden.

      Die Idee mit der Philosophie finde ich sehr interessant, besonders diese 2 Aussagen:

      „Seine Philosophie setzt sich zusammen aus wirrem, religiös aufgeladenem Zeug, das erst die jeweiligen Herscherfiguren nachgeliefert haben.“

      „Heidecker war diesem tieferen Sinn ein Leben lang hinterher, konnte ihn aber nicht aufspüren weil es ein Blödsinn ist.“

      Das wäre eine Kritik der Methodik der Philosophie. Ich bemerkte neulich, dass Klassizisten (Altertumswissenschaft) meinten, man könnte Heidegger oder Nietzsche nur verstehen, wenn man eine sehr tiefe Ausbildung in griechischer Philologie hätte.

      Diese Aussagen ergänzen sich auch mit der Antwort von Routard auf El-G um 18.14 Uhr in Teilen:

      „Weil der Kommunismus den göttlichen Führer durch das Kollektiv ersetzt und Faschismus durch den allseits geliebten Anführer, geraten beide in Konkurrenz zur ideologischen Alleinstellung der Kirche und Religion. “

      Mir wird jedenfalls immer unheimlich, wenn ich Philosophen wie

      https://en.wikipedia.org/wiki/Jason_Jorjani

      begegne. Die Umschreibung „religiös aufgeladenes Zeug“ trifft leider zu, wobei das gefährlich wird, wenn diese Übermenschen ihre Ideologie umzusetzen versuchen.

      WasTotalitarismus betrifft, sehe ich den auf OM veröffentlichten und übersetzten Sheldon Wolin mit dem Begriff des inverted totalitarism als passender, wobei sich eher die Frage aus historischer Sicht stellt: Wie viel Oligarchie verbirgt sich in den sogenannten (kontrollierten) Demokratien? Die Kritik, dass mit dem Vorwurf des Totalitarismus die staatliche Konkurrenz schlecht gemacht werden soll, sehe ich als gerechtfertig.

    2. Der Marxismus folgt schlicht dem Anliegen einer geordneten Güterversorgung.

      Das ist eine positive Seite und Wendung desselben Mißverständnisses, dem Hannah antikommunistisch das Wort gered‘ hat:
      Dies „Anliegen“ ist die Kehrseite des stalinistischen Despotismus, eine volksfreundliche Herrschaft zu errichten. Das war nicht das Anliegen von Marx, Engels, Lenin, Nadeschda Krupskaja, Alexandra Kollontai, Maxim Gorki, Rosa Luxemburg, Clara Zetkin, Ernst Thälmann, um ein paar Namen zu nennen, ihnen allen lag es überwiegend* fern, die Produzenten einer sozialistischen Wirtschaft zum „Volk“ herab zu setzen.

      * Es gab Übergänge und Grauzonen dieser – meiner – Differenzierung, aber das wäre dann eine andere Debatte.

      1. Den genannten Protagonisten würde ich in der Frage keinen geeinten Standpukt zuschreiben wollen. Aber du schreibst ja in einem anderen Post, dass nach Arendt jede Weltanschauung oder Ideologie durch eine totalitäre Bewegung übernommen kann.
        Also jede Weltanschauung, die nicht von Beginn an despotisch war.
        Natürlich, der Sozialismus will funktionieren, mehr eigentlich nicht. Damit stellt er einen Rahmen zur Verfügung innerhalb dessen etliche Entwürfe von Lebensformen denkbar sind.
        Der Faschismus hingegen tritt bereits mit totalitärem Anspruch in die Welt. Während der Totalitarismus dem Kapitalismus als Geburtsfehler anhaftet und früher oder später zwangsläufig eintreten muss.

  15. Mussolini trat 1922 an die Macht. Eine erste theoretische Schrift erschien 1925, das entgültige Manifest des Faschismus wurde 1935 veröffentlicht – jeweils in gemeinsamer Urheberschaft mit Gentile. Ich hab die Schwarte natürlich nicht gelesen. Die Standpunkte von denen berichtet wird, hören sich irgendwie aktuell an. Demnach wäre der Frieden nicht erstrebenswert, weil nichts Gutes darin läge, einen Ausgleich zu finden, Kompromisse zu schließen und die Verständigung mit anderen Nationen zu suchen. Und weiterhin würde das Individuum überhaupt erst in der Aufopferung für den Staat einen höheren Sinn erfahren.
    Nachgeliefert wurde das möglicherweise in der Erwartung, im Land des Katholizismus entsprechende Resonanz zu finden.
    Heidegger vermute ich, hat sich selbst nicht verstanden. Wie auch. Anders als all die weiteren Zweige, die auf dem Holz von Husserl gewachsen waren hat mich sein Zeug schlicht nicht interessiert.

  16. Der totalitäre Staat EU, baut vor den Augen ihrer Bevölkerungen, den staatsverfall.
    Der heutige Staat ist im Endeffekt jetzt schon EU politisch gehorchend, da das supranationale Recht über dem nationalen steht. Die heutigen Kriege dienen dazu den Verfall der mittleren und unteren Schichten zu beschleunigen, dadurch kann das 1% jede abweichende Meinung unterdrücken. Die aktuell praktizierte Zensur inklusive Sanktionen gegen anders denkenden Menschen, läuft seit St. Korona auf Hochdruck.
    Geschichtlich betrachtet ist dieser totalitarismus in der europäischen DNA fest verankert.

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