Im Zeitalter der KI werden Fehler menschlich

Bild: Maurício Mascaro/Pixnio.com/CC0

 

Wir werden überflutet von Texten, die von den LLMs, großen Sprachmodellen der Künstlichen Intelligenz, erzeugt werden. Angeblich sind schon mehr KI-erzeugte Texte als von Menschen verfasste im Internet unterwegs. Sie wurden so gut anhand des von Menschen erzeugten Content trainiert, dass sie grammatikalisch korrekte und fehlerfreie Texte jeden Stils über alle möglichen Inhalte produzieren können. Turing-Tests können sie normalerweise leicht überstehen, oft erscheinen sie besser und strukturierter als Texte von Menschen..

Wie gut KI-generierte Texte von solchen unterschieden werden können, die von Menschen geschrieben wurden, wird mit zunehmender KI-Benutzung eine immer heißere Frage. Nicht wegen des Wahrheitsgehalts, sondern weil es wichtiger wird, wer etwas sagt oder schreibt – für Prüfungen, Bewerbungen, für die Autorschaft von Nachrichten, Artikeln, Büchern, Postings oder auch für persönliche Botschaften. Wir wollen natürlich wissen, mit wem wir es zu tun haben.

Man kann für bestimmte Belange sich lieber an Chatbots wenden und ihnen mehr vertrauen als Menschen, eben weil sie anscheinend keine von eigenen Interessen getriebene Menschen sind, aber man will nicht getäuscht werden, egal ob von der KI oder von Menschen. Das führt dazu, dass Menschen sich überlegen, ihre Texte so zu schreiben, dass sie sich erkennbar von den KI-erzeugten unterscheiden. Daher gibt es nicht nur paradoxerweise KI-Programme, die erkennen sollen, ob Texte von Menschen oder LLMs verfasst wurden, sondern auch solche, die damit beworben werden, dass sie Texte, auch KI-generierte, „humanisieren“, also so umschreiben, als wären sie von Menschen geschrieben. Das ist paradox, weil LLMs an von Menschen trainierten Texten geschrieben werden, weswegen sie ja menschenähnlich schreiben sollen, allerdings mehr Information verarbeiten und korrekter schreiben können.

Jetzt heißt es gerne, menschlich sei es, Fehler zu machen. Das war bis vor kurzem ein Mangel der Menschen, die die Fehler ins Zusammenspiel mit den Maschinen brachten, der berühmte human error. Das wird schon lange als herausragende menschliche Eigenschaft gehandelt: errare humanum est. Bei KIs, die klüger werden sollen, wird der Irrtum – die bekannten Halluzinationen – aber als auszumerzendes Problem gesehen, womit allerdings wahrscheinlich auch die Chance auf Kreativität verspielt würde. Der menschliche Irrtum soll für 80-90 Prozent der Unfälle verantwortlich sein, entsprechend auch für Probleme mit der Cybersicherheit, wo nicht die Firewall von Hackern überwunden wird, sondern die Menschen in die Falle gelockt werden, um die Türen zu öffnen.

Wie auch immer, so scheinen Schlauberger jetzt darauf zu kommen, ihre Faulheit zu verteidigen und KI-erzeugte Texte als die ihren auszugeben, indem sie in diese „Tippfehler“ oder grammatikalische Fehler einstreuen. Das ist eine Wende, schließlich wurden Schüler lange mit korrektem Schreiben nach den Standardregeln gequält. Schreib- und Grammatikfehler wurden markiert, zogen die Note herunter und sollten so ausgemerzt werden, dass das Geschriebene den jetzt von KI generierten gleicht. Jetzt wo diese das Ziel meist perfekt umsetzen, auch was Verständlichkeit und wohlgebaute, wenn auch meist kurze Sätze betrifft, werden die Fehler und Schlampereien von früher zum Ausweis des Menschlichen geadelt.

The Atlantic spricht von einem „Typo Vibe Shift“ und schreibt: „Für manche sind sie kein Zeichen von Faulheit mehr, sondern ein Beweis für menschliche Note.“ Absichtlich werden in Bewerbungsschreiben oder in Selbstdarstellungen auf Dating-Sites Tippfehler eingestreut. Romanautoren wie Lázló Krasznahorkai schreiben Romane mit endlosen Sätzen, in denen keine Punkte mehr vorkommen. Es wird Originalität und Authentizität simuliert, um gegen die Simulation anzutreten.

„Was viele Menschen mittlerweile in schriftlichen Mitteilungen suchen – egal, ob diese von einem Kollegen oder einem Popstar stammen –, ist eine eigene Stimme. Sie möchten die unverwechselbaren Sprachrhythmen eines CEOs, eines Influencers oder einer Berühmtheit hören, damit sie davon überzeugt sind, etwas Authentisches zu lesen. Vor Jahrhunderten verfassten Autoren aus demselben Grund Errata-Listen, aus dem heute Bewerber absichtlich Tippfehler in ihre Anschreiben einbauen – um sich der verallgemeinernden Kraft neuer Technologien zu widersetzen und zu beweisen, dass hinter ihrer Arbeit ein echter Mensch steht.“ – The Atlantic

Das Beispiel zeigt sehr schön, wie wir in der Falle sitzen.  Es gibt nicht nur KI-Programme, die entlarven, ob Texte oder Teile von ihnen wahrscheinlich von KI oder von Menschen geschrieben wurden. Es gibt auch Ratschläge, wie man nicht „humanisieren“ soll (eben nicht durch Typos, die irritieren würden und den Text in den Augen von KI nicht vermenschlichen)  und selbstverständlich auch Programme, um von KI erzeugte Texte zu „humanisieren“.

Das wird auch bei von Menschen, in dem Fall von mir geschriebenen Texten gemacht und sieht dann so aus: „Das Beispiel zeigt uns ganz deutlich, dass wir in der Falle sitzen. Es gibt nicht nur KI‑Programme, die herausfinden, ob ein Text oder ein Teil des Textes wahrscheinlich von einer KI oder von einem Menschen geschrieben wurde. Es gibt auch KI‑Programme, die von KI erzeugte Texte menschlicher klingen lassen. Ich finde das sehr spannend.“

Florian Rötzer

Florian Rötzer, geboren 1953, war Gründer des Online-Magazins Telepolis und von 1996 bis 2020 dessen Chefredakteur. Seit 2022 ist er Redakteur beim Overton Magazin. Er ist Autor mehrerer Bücher, zuletzt In der Wüste der Gegenwart, das er zusammen mit Moshe Zuckermann geschrieben hat.
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11 Kommentare

  1. Ich lass manchmal Texte von KI prüfen. Da werd dann zuweilen ungefragt Passagen umgeschrieben, weil es so elegante, präziser oder ausdrucksstärker wären. Nicht selten ist es allerdings eine Verschlimmbesserung. Und meinen eigenen Stil erkenne ich meist nicht mehr wieder. Wenn da was rauskommt, bei dem ich sagen würde, dass ich es so ggfl. auch schreiben würde, nehme ich das als netten Tipp auf, übernehme es aber auch nicht 1 zu 1. Ich betrachte KI inzwischen nicht mehr als Wissensbasis oder Problemlöser, sondern als Anregung, andere Lösungswege zu suchen, insbesondere, wenn sich KI mal wider stur immer wieder wiederholt.

  2. Demnächst wir eine KI alle Schreibarbeiten von Florian Rötzer übernehmen um seine Texte zu humanisieren.
    Während sich Florians Texte bislang zu 90% darum drehten mühsam zu begreifen wie eine Maschine denkt, wird sich die Maschine dann den menschlichen Themen zuwenden können wie Zuneigung und Liebe.
    Ja, Maschinen sind einfach die besseren Menschen.

    1. An ein schönes Abendessen zu zweit beim Italiener und menschliche Streicheleinheiten ❤️ kommt bislang noch keine KI heran.

      Aber auch das kann sich vielleicht noch ändern. Nicht alle, aber viele Sci-Fi-Filme wurden inzwischen von der Realität eingeholt und überholt. In dem Spielfilm „Westworld“ aus dem Jahr 1973 (das ist ein halbes Jahrhundert her) mit dem schon lange vestorbenen Schauspieler Yul Brynner gibt es auch androide Sexarbeiterinnen bzw. „Sex-Roboter“. Die Qualität kann meinereiner selbstverständlich nicht beurteilen. Vielen Menschen wäre das vermutlich auch egal. Da bin ich mir inzwischen ziemlich sicher. Der Homo sapiens als Spezies ist ein Irrläufer der Evolution: 😵‍🚧

  3. Ich mach’s mal nett. Mit Vermenschlichung von Texten hatte Herr Rötzer noch nie Probleme. Seine Texte waren häufig extrem menschlich. Herr Rötzer war schon KI, da dachte niemand daran, dass es so etwas je geben würde. Oder so. Jedenfalls wissen wir jetzt warum das immer so war. Vermenschlichung seiner Texte.

    1. Bei Telepolis sagte man seinerzeit, „das hat er wieder hingerötzert“. Insofern wäre das heute eine besondere Auszeichnung 🙂
      (Mit Verlaub und nicht bös gemeint, eher im Gegenteil. Ich denke auch, das war damals tendenziell eher wohlwollend gemeint.)

  4. Und bei manchen Captcha-Verfahren muss man vielleicht inzwischen, um als Mensch erkannt zu werden, ein paar Fehler einbauen (allerdings dann eher nicht so offensichtliche Fehler wie Tippfehler, Grammatikfehler, Fehler im Satzbau oder Interpunktionsfehler in Texten – schließlich ist es recht einfach, einfach Mal hier und da einen Tippfhler Interpunktionsfehler oder ähnlich einzubauen, dafür muss halt nach einer Textgenerierung einfach nur ein weiteres kleines Programm über die Textausgabe laufen gelassen werden).

    ps. Wer was gesagt oder geschrieben hat, zählt in der Mathematik (und theoretischen Informatik) dann doch eher weniger, da es eben dort kein „Beweisprinzip durch Autorität“ gibt (Ausnahme: Mathematikwitze), in allen anderen Bereichen gibt es ein solches „Beweisprinzip durch Autorität“ dann aber anscheinend doch ;-), sonst wäre eben nur relevant, ob etwas korrekt oder wahr ist und nicht von wem diese oder jene Aussage verbrochen wurde ;-).

  5. Selten so viele Irrtümer und Unwahrheiten gelesen wie in letzter Zeit in Texten von Chatbots. Inzwischen google ich allem hinterher, was die Google KI behauptet – sie liegt bei Mainstream-Sachen fast immer richtig, und bei schwierigeren oder seltenen Fragen fast immer falsch.

    Auch spiele ich mit dem Bildgenerieren per KI herum. Die Anleitungen, die KIs geben, sind fast immer falsch. Nur einfache Sachen sagen sie richtig.

    Nur brauche ich für Mainstream und Einfaches keine KI.

    Das Zeug ist viel schlechter, als ich dachte.

  6. Mal eine grundsätzliche Frage: Diese 5 Kommentare Limitierung pro Beitrag ist ja schon durchaus etwas nervig und eigentlich auch recht schräg, aber wenn mir von den 5 Kommentaren 4 weggeblockt und gar nicht veröffentlich werden (warum auch immer, man erfährt ja keinen Grund), ich aber dennoch die Meldung bekomme, dass ich 5 Kommentare erreicht hätte, dann ist das doch schon ein wenig bekloppt oder?

  7. Das wird noch sehr übel werden, weil vermutlich in ein paar Jahren, geschweige denn in 10 oder 20, kaum jemand noch selbstständig Texte schreiben wird. Es ist einfach zu bequem, das einer KI zu überlassen. Dann kann sich mangels Übung auch kein persönlicher Stil entwickeln, der einen aktuell noch etwas schützen kann gegen den Vorwurf, eine KI zu sein. Das wird zukünftig alles sehr generisch klingen. Der Link im Beitrag zu kiin.ai war aufschlussreich für mich, als Zeichen dafür, was schon so stattfindet, wie weit fortgeschritten der Prozess zur KI-Abhängigkeit bei der Texterzeugung offenbar schon ist.

    Ich bin Mitte der 60er geboren, habe selbstständiges Schreiben noch gelernt und dann auch Jahrzehnte lang praktiziert, musste beruflich immer ohne große Hilfe, allenfalls Wörterbuch, Texte auf Deutsch und Englisch lesen und verfassen, es gab ja nicht mal das Internet, muss man sich mal vorstellen. Inzwischen schreibe ich nur noch Deutsch, Englisch lasse ich mir übersetzen, die entsprechenden KI-Modelle sind extrem gut geworden. Wenigstens kann ich noch beurteilen, dass die tatsächlich besseres Englisch schreiben als ich. Also auch ich bin hier schon faul geworden.

    Wobei „faul“ das nicht wirklich trifft. Schließlich ist es für ein biologisches System durchaus normal, wenn es seine kognitive Last verringert. Das spart Energie, gerade das Hirn ist hier ein Großverbraucher. Der Leib spricht zu mir: Du sollst dir nicht den Kopf zerbrechen, Zucker und Zeit und Vitamine verbrauchen, wenn du dir das sparen kannst! Da hört man gerne zu. Das ist nicht faul, sondern schlau.

    Und sollte man Menschen verurteilen, die erst durch die KI in die Lage versetzt werden, Texte zu schreiben, Forenbeiträge beispielsweise? Sie könnten ja viele Gründe haben, warum es ohne Hilfe nicht geht, mit Intelligenz hat das selten was zu tun. Vielleicht freuen sie sich nun an der Teilhabe?

    Also ich sehe das recht düster. Irgendwann verfassen Nutzer nur noch vollständig KI-generierte Beiträge, moderieren diese etwas nach, und ab damit. Dann haben wir Benutzerforen, in denen KIs miteinander diskutieren – und die Nutzer das nicht einmal so richtig merken. Vielleicht halten sie ihre Beitrage auch für die eigenen. Schließlich haben sie den Prompt verfasst, als kognitive Rechtfertigung, und erst dieser Prompt hat schließlich das Resultat erscheinen lassen. Aufgrund dieser Kausalität kann schnell die Illusion auftreten, man hätte selbst sehr viel getan.

    Vielleicht mal ein Beispiel, wie ich das meine. Unter der Annahme, dass textgenerierende LLMs so ähnlich arbeiten wie Bildgenerierungs-KIs: Am Prompt einer Bildgenerierungs-KI (beispielsweise einfach am google gemini-Prompt) eingeben: „Male mir ein schönes Bild im Stil von Van Gough von einem Schreiberling, der mühsam über den Tisch gebeugt, bei Kerzenlicht, mit Tinte ein Buch schreibt.“ – Da kommt ein wirklich sehr nettes Bild bei heraus. Vermutlich bekäme jeder von uns, stochastisch bedingt, ein anderes Bild, wohlgemerkt: zum gleichen Prompt. Ist das nun mein Bild? Kann ich stolz darauf sein? Und: Sollten wir nun statt textuell in Bildern kommunizieren und ich würde das Bild hochladen als Beitrag, wessen „Stimme“ würde man hören?

    Jedoch: Kaum jemand müsste in der heutigen Zeit 42,2 km über den Asphalt latschen, völlig fertig danach. Man könnte auch einen E-Roller nehmen, super frisch noch im Ziel. Dennoch gibt es Marathonläufer, die absolvieren diese Strecke tatsächlich fußläufig, vielleicht sogar mit Spaß? Das als Argument und Hoffnung vielleicht, dass das autonome Schreiben bleibt. Als Spaß, als Hobby, als Gehirnakrobatik.

    Ich bin Mitglied in einer Schreibgruppe, die sich regelmäßig persönlich trifft, um nach einer kurzen Schreibanregung spontan einen längeren Text zu verfassen und diesen anschließend vorzulesen. Macht Spaß, ist aber zuweilen anstrengend, wie ein 1000 m Lauf. Unnötig? Vielleicht wird sowas ja zunehmen, in dem Maße, wie Menschen von KI-Texten gelangweilt werden. Aber wenn sowas dann ohne kurze Seitenblicke auf das Handy gar nicht mehr beherrscht wird?

    Herrjeh, bin vielleicht zu mies drauf heute. Ist und wird vielleicht alles nicht so schlimm. Mal das Fenster öffnen, kurz durchatmen. Oh! Puh! Herrjeh.

  8. errare humanum est Eine Maschine irrt sich nicht,der Irrtum ist eime wunderbare menschliche Eigenschaft

    Im Zempel von Delphi stand am Eingang

    „Erkenne dich selbst“
    will sagen daß du im Gegensatz zu den Göttern sterblich bist,also Mensch bist.

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