Im Zeitalter der KI werden Fehler menschlich

Bild: Maurício Mascaro/Pixnio.com/CC0

 

Wir werden überflutet von Texten, die von den LLMs, großen Sprachmodellen der Künstlichen Intelligenz, erzeugt werden. Angeblich sind schon mehr KI-erzeugte Texte als von Menschen verfasste im Internet unterwegs. Sie wurden so gut anhand des von Menschen erzeugten Content trainiert, dass sie grammatikalisch korrekte und fehlerfreie Texte jeden Stils über alle möglichen Inhalte produzieren können. Turing-Tests können sie normalerweise leicht überstehen, oft erscheinen sie besser und strukturierter als Texte von Menschen..

Wie gut KI-generierte Texte von solchen unterschieden werden können, die von Menschen geschrieben wurden, wird mit zunehmender KI-Benutzung eine immer heißere Frage. Nicht wegen des Wahrheitsgehalts, sondern weil es wichtiger wird, wer etwas sagt oder schreibt – für Prüfungen, Bewerbungen, für die Autorschaft von Nachrichten, Artikeln, Büchern, Postings oder auch für persönliche Botschaften. Wir wollen natürlich wissen, mit wem wir es zu tun haben.

Man kann für bestimmte Belange sich lieber an Chatbots wenden und ihnen mehr vertrauen als Menschen, eben weil sie anscheinend keine von eigenen Interessen getriebene Menschen sind, aber man will nicht getäuscht werden, egal ob von der KI oder von Menschen. Das führt dazu, dass Menschen sich überlegen, ihre Texte so zu schreiben, dass sie sich erkennbar von den KI-erzeugten unterscheiden. Daher gibt es nicht nur paradoxerweise KI-Programme, die erkennen sollen, ob Texte von Menschen oder LLMs verfasst wurden, sondern auch solche, die damit beworben werden, dass sie Texte, auch KI-generierte, „humanisieren“, also so umschreiben, als wären sie von Menschen geschrieben. Das ist paradox, weil LLMs an von Menschen trainierten Texten geschrieben werden, weswegen sie ja menschenähnlich schreiben sollen, allerdings mehr Information verarbeiten und korrekter schreiben können.

Jetzt heißt es gerne, menschlich sei es, Fehler zu machen. Das war bis vor kurzem ein Mangel der Menschen, die die Fehler ins Zusammenspiel mit den Maschinen brachten, der berühmte human error. Das wird schon lange als herausragende menschliche Eigenschaft gehandelt: errare humanum est. Bei KIs, die klüger werden sollen, wird der Irrtum – die bekannten Halluzinationen – aber als auszumerzendes Problem gesehen, womit allerdings wahrscheinlich auch die Chance auf Kreativität verspielt würde. Der menschliche Irrtum soll für 80-90 Prozent der Unfälle verantwortlich sein, entsprechend auch für Probleme mit der Cybersicherheit, wo nicht die Firewall von Hackern überwunden wird, sondern die Menschen in die Falle gelockt werden, um die Türen zu öffnen.

Wie auch immer, so scheinen Schlauberger jetzt darauf zu kommen, ihre Faulheit zu verteidigen und KI-erzeugte Texte als die ihren auszugeben, indem sie in diese „Tippfehler“ oder grammatikalische Fehler einstreuen. Das ist eine Wende, schließlich wurden Schüler lange mit korrektem Schreiben nach den Standardregeln gequält. Schreib- und Grammatikfehler wurden markiert, zogen die Note herunter und sollten so ausgemerzt werden, dass das Geschriebene den jetzt von KI generierten gleicht. Jetzt wo diese das Ziel meist perfekt umsetzen, auch was Verständlichkeit und wohlgebaute, wenn auch meist kurze Sätze betrifft, werden die Fehler und Schlampereien von früher zum Ausweis des Menschlichen geadelt.

The Atlantic spricht von einem „Typo Vibe Shift“ und schreibt: „Für manche sind sie kein Zeichen von Faulheit mehr, sondern ein Beweis für menschliche Note.“ Absichtlich werden in Bewerbungsschreiben oder in Selbstdarstellungen auf Dating-Sites Tippfehler eingestreut. Romanautoren wie Lázló Krasznahorkai schreiben Romane mit endlosen Sätzen, in denen keine Punkte mehr vorkommen. Es wird Originalität und Authentizität simuliert, um gegen die Simulation anzutreten.

„Was viele Menschen mittlerweile in schriftlichen Mitteilungen suchen – egal, ob diese von einem Kollegen oder einem Popstar stammen –, ist eine eigene Stimme. Sie möchten die unverwechselbaren Sprachrhythmen eines CEOs, eines Influencers oder einer Berühmtheit hören, damit sie davon überzeugt sind, etwas Authentisches zu lesen. Vor Jahrhunderten verfassten Autoren aus demselben Grund Errata-Listen, aus dem heute Bewerber absichtlich Tippfehler in ihre Anschreiben einbauen – um sich der verallgemeinernden Kraft neuer Technologien zu widersetzen und zu beweisen, dass hinter ihrer Arbeit ein echter Mensch steht.“ – The Atlantic

Das Beispiel zeigt sehr schön, wie wir in der Falle sitzen.  Es gibt nicht nur KI-Programme, die entlarven, ob Texte oder Teile von ihnen wahrscheinlich von KI oder von Menschen geschrieben wurden. Es gibt auch Ratschläge, wie man nicht „humanisieren“ soll (eben nicht durch Typos, die irritieren würden und den Text in den Augen von KI nicht vermenschlichen)  und selbstverständlich auch Programme, um von KI erzeugte Texte zu „humanisieren“. Und die ChatBots halluzinieren auch gerne, wenn sie nicht mehr weiter wissen – humanisiert sie das?

Das wird auch bei von Menschen, in dem Fall von mir geschriebenen Texten gemacht und sieht dann so aus: „Das Beispiel zeigt uns ganz deutlich, dass wir in der Falle sitzen. Es gibt nicht nur KI‑Programme, die herausfinden, ob ein Text oder ein Teil des Textes wahrscheinlich von einer KI oder von einem Menschen geschrieben wurde. Es gibt auch KI‑Programme, die von KI erzeugte Texte menschlicher klingen lassen. Ich finde das sehr spannend.“

Florian Rötzer

Florian Rötzer, geboren 1953, war Gründer des Online-Magazins Telepolis und von 1996 bis 2020 dessen Chefredakteur. Seit 2022 ist er Redakteur beim Overton Magazin. Er ist Autor mehrerer Bücher, zuletzt In der Wüste der Gegenwart, das er zusammen mit Moshe Zuckermann geschrieben hat.
Mehr Beiträge von Florian Rötzer →

Ähnliche Beiträge:

30 Kommentare

  1. Ich lass manchmal Texte von KI prüfen. Da werd dann zuweilen ungefragt Passagen umgeschrieben, weil es so elegante, präziser oder ausdrucksstärker wären. Nicht selten ist es allerdings eine Verschlimmbesserung. Und meinen eigenen Stil erkenne ich meist nicht mehr wieder. Wenn da was rauskommt, bei dem ich sagen würde, dass ich es so ggfl. auch schreiben würde, nehme ich das als netten Tipp auf, übernehme es aber auch nicht 1 zu 1. Ich betrachte KI inzwischen nicht mehr als Wissensbasis oder Problemlöser, sondern als Anregung, andere Lösungswege zu suchen, insbesondere, wenn sich KI mal wider stur immer wieder wiederholt.

    1. Legen Sie Chat GPT zweimal im Abstand von 2 Wochen die selbe Frage vor. Und dann beurteilen Sie nach dem dritten mal die Zuverlässigkeit.
      AI ist reine Energievergeudung. Bestenfalls als sprachbasierte Suchmaschine brauchbar.

  2. Demnächst wir eine KI alle Schreibarbeiten von Florian Rötzer übernehmen um seine Texte zu humanisieren.
    Während sich Florians Texte bislang zu 90% darum drehten mühsam zu begreifen wie eine Maschine denkt, wird sich die Maschine dann den menschlichen Themen zuwenden können wie Zuneigung und Liebe.
    Ja, Maschinen sind einfach die besseren Menschen.

    1. An ein schönes Abendessen zu zweit beim Italiener und menschliche Streicheleinheiten ❤️ kommt bislang noch keine KI heran.

      Aber auch das kann sich vielleicht noch ändern. Nicht alle, aber viele Sci-Fi-Filme wurden inzwischen von der Realität eingeholt und überholt. In dem Spielfilm „Westworld“ aus dem Jahr 1973 (das ist ein halbes Jahrhundert her) mit dem schon lange vestorbenen Schauspieler Yul Brynner gibt es auch androide Sexarbeiterinnen bzw. „Sex-Roboter“. Die Qualität kann meinereiner selbstverständlich nicht beurteilen. Vielen Menschen wäre das vermutlich auch egal. Da bin ich mir inzwischen ziemlich sicher. Der Homo sapiens als Spezies ist ein Irrläufer der Evolution: 😵‍🚧

  3. Ich mach’s mal nett. Mit Vermenschlichung von Texten hatte Herr Rötzer noch nie Probleme. Seine Texte waren häufig extrem menschlich. Herr Rötzer war schon KI, da dachte niemand daran, dass es so etwas je geben würde. Oder so. Jedenfalls wissen wir jetzt warum das immer so war. Vermenschlichung seiner Texte.

    1. Bei Telepolis sagte man seinerzeit, „das hat er wieder hingerötzert“. Insofern wäre das heute eine besondere Auszeichnung 🙂
      (Mit Verlaub und nicht bös gemeint, eher im Gegenteil. Ich denke auch, das war damals tendenziell eher wohlwollend gemeint.)

  4. Und bei manchen Captcha-Verfahren muss man vielleicht inzwischen, um als Mensch erkannt zu werden, ein paar Fehler einbauen (allerdings dann eher nicht so offensichtliche Fehler wie Tippfehler, Grammatikfehler, Fehler im Satzbau oder Interpunktionsfehler in Texten – schließlich ist es recht einfach, einfach Mal hier und da einen Tippfhler Interpunktionsfehler oder ähnlich einzubauen, dafür muss halt nach einer Textgenerierung einfach nur ein weiteres kleines Programm über die Textausgabe laufen gelassen werden).

    ps. Wer was gesagt oder geschrieben hat, zählt in der Mathematik (und theoretischen Informatik) dann doch eher weniger, da es eben dort kein „Beweisprinzip durch Autorität“ gibt (Ausnahme: Mathematikwitze), in allen anderen Bereichen gibt es ein solches „Beweisprinzip durch Autorität“ dann aber anscheinend doch ;-), sonst wäre eben nur relevant, ob etwas korrekt oder wahr ist und nicht von wem diese oder jene Aussage verbrochen wurde ;-).

    1. bald können sie auch den besseren vanGogh hinbekommen… bei den Architekturzeichnungen können sie verschiedene skizzierte „pseudo Freihandzeichnungen“ wählen… und mit den räumlichen Perspektiven haben sie kein Problem beim Bauherren Punkte zu sammeln

  5. Selten so viele Irrtümer und Unwahrheiten gelesen wie in letzter Zeit in Texten von Chatbots. Inzwischen google ich allem hinterher, was die Google KI behauptet – sie liegt bei Mainstream-Sachen fast immer richtig, und bei schwierigeren oder seltenen Fragen fast immer falsch.

    Auch spiele ich mit dem Bildgenerieren per KI herum. Die Anleitungen, die KIs geben, sind fast immer falsch. Nur einfache Sachen sagen sie richtig.

    Nur brauche ich für Mainstream und Einfaches keine KI.

    Das Zeug ist viel schlechter, als ich dachte.

    1. Ich hatte mal eine interessante „Diskussion“ mit einem LLM. Ich habe es kritisiert, dass es alles „mainstreamt“, Mainstream der Wissenschaft, aber keine Garantie gäbe, dass der Mainstream immer richtig liegt. Mein Beispiel war der Wechsel vom geozentrischen zum heliozentrischen Weltbild. Das LLM hätte natürlich für den Mainstream argumentiert. Das hat es auch „eingesehen“. Im Prinzip habe ich es so ausgetrickst.

      1. Sie haben es nicht ausgetrickst, die Dinger sind programmiert, Ihnen Recht zu geben, weswegen der Ein oder Andere auch schon einen Gott-Komplex entwickelt hat, oder zum Selbstmord überredet wurde, gerade hat ein Mann seine Frau und 6 Kinder und sich selbst ermordet.

    2. Wenn das alles so häufig und so schlecht ist, dann wäre es doch ein Einfaches gewesen dafür wenigstens mal ein paar Beispiele als dieses unbestimmte Tralalla zu geben. Natürlich dann auch zuzüglich der Art sowie Größe der verwendeten Modelle, des Auftrags und dazugehörigen Promptings. Aber da ist gar nichts.

  6. Mal eine grundsätzliche Frage: Diese 5 Kommentare Limitierung pro Beitrag ist ja schon durchaus etwas nervig und eigentlich auch recht schräg, aber wenn mir von den 5 Kommentaren 4 weggeblockt und gar nicht veröffentlich werden (warum auch immer, man erfährt ja keinen Grund), ich aber dennoch die Meldung bekomme, dass ich 5 Kommentare erreicht hätte, dann ist das doch schon ein wenig bekloppt oder?

    1. „dann ist das doch schon ein wenig bekloppt oder?“
      ja, „bekloppt“ verunsichernd ist vermutlich beabsichtigt.
      Fördert Hab Acht Haltung und diszipliniert.
      Wir sind möglicherweise Versuchsratten für irgendwas und wem.

      1. Auf die Art kriegen die mich jedenfalls nicht dazu mal ein wenig Geld hier zu lassen. Eine Medienplattform ist für mich dann wertvoll, wenn die Community sich austoben darf und das scheint hier gerade rückläufig zu sein. Sehr schade!

        1. sich auszutoben…da würde ich lieber den fitness Raum oder den trimmdich Pfad bevorzugen, ist auch gesünder… oft fragt man sich muss es sein? aber es kann auch eine Einschränkung sein… was nun

          1. Jeder wie er mag. Für mich schränkt es den Wert deutlich ein. Und wo ist denn das Problem? Platzprobleme sind ja nun eher nicht anzunehmen oder?

        2. Gezielte Verunsicherung durch offensichtliche Absurditäten ist gängige Psycho-Praxis erfolgreicher Herrschaft.. Nicht nur Teil von Verhörpraxen in weltweiten Polizeistationen und Folterkellern, sondern in so gut wie jeder Abteilung vertikaler Ordnung.
          Von den Bildungs- und Erziehungsanstalten über die Arbeitsplätze bis hin zum öffentlichen (privat + staatlich) Informations(un)wesen.

  7. Das wird noch sehr übel werden, weil vermutlich in ein paar Jahren, geschweige denn in 10 oder 20, kaum jemand noch selbstständig Texte schreiben wird. Es ist einfach zu bequem, das einer KI zu überlassen. Dann kann sich mangels Übung auch kein persönlicher Stil entwickeln, der einen aktuell noch etwas schützen kann gegen den Vorwurf, eine KI zu sein. Das wird zukünftig alles sehr generisch klingen. Der Link im Beitrag zu kiin.ai war aufschlussreich für mich, als Zeichen dafür, was schon so stattfindet, wie weit fortgeschritten der Prozess zur KI-Abhängigkeit bei der Texterzeugung offenbar schon ist.

    Ich bin Mitte der 60er geboren, habe selbstständiges Schreiben noch gelernt und dann auch Jahrzehnte lang praktiziert, musste beruflich immer ohne große Hilfe, allenfalls Wörterbuch, Texte auf Deutsch und Englisch lesen und verfassen, es gab ja nicht mal das Internet, muss man sich mal vorstellen. Inzwischen schreibe ich nur noch Deutsch, Englisch lasse ich mir übersetzen, die entsprechenden KI-Modelle sind extrem gut geworden. Wenigstens kann ich noch beurteilen, dass die tatsächlich besseres Englisch schreiben als ich. Also auch ich bin hier schon faul geworden.

    Wobei „faul“ das nicht wirklich trifft. Schließlich ist es für ein biologisches System durchaus normal, wenn es seine kognitive Last verringert. Das spart Energie, gerade das Hirn ist hier ein Großverbraucher. Der Leib spricht zu mir: Du sollst dir nicht den Kopf zerbrechen, Zucker und Zeit und Vitamine verbrauchen, wenn du dir das sparen kannst! Da hört man gerne zu. Das ist nicht faul, sondern schlau.

    Und sollte man Menschen verurteilen, die erst durch die KI in die Lage versetzt werden, Texte zu schreiben, Forenbeiträge beispielsweise? Sie könnten ja viele Gründe haben, warum es ohne Hilfe nicht geht, mit Intelligenz hat das selten was zu tun. Vielleicht freuen sie sich nun an der Teilhabe?

    Also ich sehe das recht düster. Irgendwann verfassen Nutzer nur noch vollständig KI-generierte Beiträge, moderieren diese etwas nach, und ab damit. Dann haben wir Benutzerforen, in denen KIs miteinander diskutieren – und die Nutzer das nicht einmal so richtig merken. Vielleicht halten sie ihre Beitrage auch für die eigenen. Schließlich haben sie den Prompt verfasst, als kognitive Rechtfertigung, und erst dieser Prompt hat schließlich das Resultat erscheinen lassen. Aufgrund dieser Kausalität kann schnell die Illusion auftreten, man hätte selbst sehr viel getan.

    Vielleicht mal ein Beispiel, wie ich das meine. Unter der Annahme, dass textgenerierende LLMs so ähnlich arbeiten wie Bildgenerierungs-KIs: Am Prompt einer Bildgenerierungs-KI (beispielsweise einfach am google gemini-Prompt) eingeben: „Male mir ein schönes Bild im Stil von Van Gough von einem Schreiberling, der mühsam über den Tisch gebeugt, bei Kerzenlicht, mit Tinte ein Buch schreibt.“ – Da kommt ein wirklich sehr nettes Bild bei heraus. Vermutlich bekäme jeder von uns, stochastisch bedingt, ein anderes Bild, wohlgemerkt: zum gleichen Prompt. Ist das nun mein Bild? Kann ich stolz darauf sein? Und: Sollten wir nun statt textuell in Bildern kommunizieren und ich würde das Bild hochladen als Beitrag, wessen „Stimme“ würde man hören?

    Jedoch: Kaum jemand müsste in der heutigen Zeit 42,2 km über den Asphalt latschen, völlig fertig danach. Man könnte auch einen E-Roller nehmen, super frisch noch im Ziel. Dennoch gibt es Marathonläufer, die absolvieren diese Strecke tatsächlich fußläufig, vielleicht sogar mit Spaß? Das als Argument und Hoffnung vielleicht, dass das autonome Schreiben bleibt. Als Spaß, als Hobby, als Gehirnakrobatik.

    Ich bin Mitglied in einer Schreibgruppe, die sich regelmäßig persönlich trifft, um nach einer kurzen Schreibanregung spontan einen längeren Text zu verfassen und diesen anschließend vorzulesen. Macht Spaß, ist aber zuweilen anstrengend, wie ein 1000 m Lauf. Unnötig? Vielleicht wird sowas ja zunehmen, in dem Maße, wie Menschen von KI-Texten gelangweilt werden. Aber wenn sowas dann ohne kurze Seitenblicke auf das Handy gar nicht mehr beherrscht wird?

    Herrjeh, bin vielleicht zu mies drauf heute. Ist und wird vielleicht alles nicht so schlimm. Mal das Fenster öffnen, kurz durchatmen. Oh! Puh! Herrjeh.

    1. KI kann als Werkzeug genutzt werden, um die Produktivität zu erhöhen.
      Die Ausstoßmenge von Meinungstexten und Artikeln, Belletristik etc ist dann zwar beliebig vermehrbar, aber menschliche Aufmerksamkeit nicht. Irgendjemand soll das ganze Zeug ja auch noch lesen (oder sich vorlesen lassen). Die ungebremste Erzeugung von Texten und Bildern führt durch das Überangebot zu einem Wertverlust.
      Es wird enden wie bei allen Handwerkskünsten, die der Massenproduktion zum Opfer gefallen sind: Einige betreiben es als Hobby, wenige Spezialisten überleben in Nischen. Und dem Rest ist es egal, solange die Produkte der Unterhaltungsindustrie bezahlbar sind.

    2. @ Annando:
      Gut ausdifferenzierter Kommentar, aber ob das jetzt nur düster ist, scheint mir eher eine Sache der eigenen Entscheidung zu sein. Es hat Ähnlichkeiten mit der »Aura« bei Walter Benjamin (»Das Kunstwerk im Zeitalter seiner technischen Reproduzierbarkeit«). Ferner wird ja auch hier im Forum mit einem vorgegebenen Font gearbeitet, dabei sind Handschriften gelegentlich auch sehr interessant – Handschriftlichkeit macht bekanntlich auch was mit einem Text. Und was gedruckte Typografien angeht, bin ich immer etwas angestrengt, wenn ein älteres Buch in der Hand liegt, Sütterlin und andere sehr ornamentale Schriften sind mir erstmal ein Graus.

      Merkwürdig ist es doch vor allem für reine Rezipienten, wenn ich nur Publikum bin und mir LLM-Texte vorgetanzt werden. Btw. gibt es bei Poetry Slams manchmal folgendes: Das Publikum nennt fünf Begriffe und die Autoren haben ca. 45 min. Zeit daraus einen Text zu basteln. Gut, das ist dann im Ergebnis meistens reines Entertainment.

      Um Ihr Marathonbeispiel zu nehmen, vielleicht gibt es da irgendwann Live-Schreibwettbewerbe, mit Kamera und Kommentar (geflüstert):


      Autorin-1 legt sich das Brause-Feder-Set zurecht, streicht über das handgeschöpfte Büttenpapier, befühlt das Wasserzeichen, atmet tief ein und – nein – wir sehen ein Montblanc Tintenfässchen in … grün? Währenddessen Autor-2 mit seiner viereinhalb Fingertechnik der Cherry-Tastatur schon 40 Worte ausgehämmert hat. Autor-3 hat mit seinem Think Pad offenbar einige Schwierigkeiten, er sitzt unvorteilhaft zum Fenster und hat bei der Entspiegelung des Displays gespart. Autorin-1 greift zu den vor ihr liegenden Wörterbüchern, zögert beim Oxford Dictionary und nimmt dann den Emotions-Thesaurus – sie hat wohl noch einiges vor. Und oh nein! Autorin-4 ist Cappuccino über das Apple-Book geschwappt, doch sie hält sich nicht lange mit den Kleenex auf, sondern reißt behände ein 500 Blatt Pack Druckerpapier auf – 80g holzfrei, ungebleicht – und nimmt den, jawoll, Lamy Tintenroller mit einer klassisch feinen M63M Mine in schwarz…

  8. errare humanum est Eine Maschine irrt sich nicht,der Irrtum ist eime wunderbare menschliche Eigenschaft

    Im Zempel von Delphi stand am Eingang

    „Erkenne dich selbst“
    will sagen daß du im Gegensatz zu den Göttern sterblich bist,also Mensch bist.

  9. Wir werden überflutet von Texten, die von den LLMs, großen Sprachmodellen der Künstlichen Intelligenz, erzeugt werden. Angeblich sind schon mehr KI-erzeugte Texte als von Menschen verfasste im Internet unterwegs. Sie wurden so gut anhand des von Menschen erzeugten Content trainiert, dass sie grammatikalisch korrekte und fehlerfreie Texte jeden Stils über alle möglichen Inhalte produzieren können. Turing-Tests können sie normalerweise leicht überstehen, oft erscheinen sie besser und strukturierter als Texte von Menschen.

    Lieber Herr Rötzer,

    das ist aber doch schon fast Panik: »Angeblich sind schon mehr KI-erzeugte Texte als von Menschen verfasste im Internet unterwegs.« Wer sollte die denn alle lesen? Und wozu, es wären doch alles Wiederholungen? Was vorstellbar ist, dass ein Großteil der publizierten Texte von LLM gegengelesen wurden, und das ist schlimm genug.
    Mal so als heitere Frage, ich verwende LLM eher selten und nie zur Texterstellung, habe also keine praktische Expertise; kann ich einem LLM heute schon sagen: „Bitte schreibe einen Text mit dem Thema XY so, wie ihn Florian Rötzer in den 2000ern formuliert hätte.“
    Ihre Texte hatten Wiedererkennungswert, denn man musste sie sich erarbeiten, und ich hatte immer den Eindruck, „das ist mit heißer Feder geschrieben“, wodurch es bisweilen etwas zwingendes hatte. Viele Kommentatoren haben das damals anders gesehen und moniert, egal, für mich war das durchaus »authentisch«. (Und wie ich gerade sehe, sehen das weitere Kommentatoren ähnlich.)

    Ansonsten sollen LLM (im geisteswissenschaftlichen Bereich) nicht »klüger werden«. Sie werden hier allerdings auch dafür gebaut, Grenzen zu ziehen und diese zu verengen sowie das Territorium des menschlichen Geistes zu kontrollieren und überschaubar zu halten. Für den durchschnittlichen User wird gerade common sense, was in der Sprachwissenschaft schon lange bekannt ist: Lesen bedeutet für die meisten Menschen, Buchstaben zu entziffern, sie zu Wörtern aneinanderreihen und einen semantisch und grammatikalisch wohlgeformten Satz zu erkennen. Doch das ist noch lange nicht Lesen. (Eine allgemeine Frage: Ob ein LLM einen Text jemals zweimal ließt? Oder noch öfter? Kann ein LLM anders betonen und dann anders weiter formulieren?)
    Bei den Wörtern gilt folgendes: Der Mensch versteht mehr Wörter (Kompetenz) als er in Sprache und Schrift verwendet (Performanz). Die Kompetenz ist also größer als die Performanz. Natürlich gibt es Leute, deren Performanz größer ist als ihre Kompetenz, landläufig als »Schwätzer« bezeichnet. Bei LLM ist es jedoch so, dass es ausschließlich Performanz ist: Also nichts, wovor man sich fürchten müsste – doch man sollte bei jenen vorsichtig sein, die sich davon übermäßig beeindrucken lassen, denn die sitzen bereits »in der Falle«.

    1. Danke für den Tipp, habe direkt mal rein geschaut.
      Ich würde Deine Aussage unterschreiben, v.a. , wenn man bedenkt, das K.I. womöglich schon im Einsatz ist, wenn es darum geht, die ICBMs zu starten. Ist natürlich alles geheim, aber die Vorstellung, das K.I. oder ein seniler Greis über das rote Knöpfchen die Gewalt haben, lässt mich beides nicht ruhiger schlafen.
      Da wird irgendwann die K:I: uns alle töten, wie Du sagst, sehe ich auch so.

    2. „Kaczynski, Theodore – Die industrielle Gesellschaft und ihre Zukunft“

      Auch von mir ein Dankeschön für den vollständigen Text.

  10. Wenn die Texte nicht mehr unterscheidbar sind, weil auch KI Fehler einbaut, dann ist es letztlich egal, wer den Text verfasst hat. Genauso ist es egal, wer das Bild gemacht hat, in dem Personen sind, die nicht im Bild waren oder umgekehrt. Dann ist letztlich alles Lüge. Bei Bildern muss man das heute schon voraussetzen. Bei Videos ist es genauso. Nichts ist mehr, wie es scheint. Doch wenn alles Lüge ist, ist automatisch nicht nur der Alternativbereich mit Lügen durchsetzt, auch der Mainstream ist eine Lüge. Und in Zeiten der Kriegspropaganda ist die Lüge eh die Normalität. Was uns alles allein im Mainstream an Lügen über den Krieg in der Ukraine berichtet wird… Demnach müssten die ukrainischen Truppen bereits kurz vor Moskau stehen. Und Russland ist endgültig Geschichte, Erobert von einem 20 Mio. Volk mit kaum mehr als 3 Mio. Soldaten. Also, die deutsche Wehrmacht muss sich echt schämen, dass sie von 41 – 45 es nihct geschafft haben, die Sowjetunion zu erobern. In der Propaganda standen sie bereits 1941 in Moskau. Aber so ist nun mal Propaganda, sie hat fast 0 Wahrheitsgehalt.

  11. Für welche Art Urteile soll es denn von Belang sein, ob ein Text einerseits von einem Menschen resp. einer KI verfasst, bzw. andererseits als ein menschlicher oder robotischer Text wahr genommen wird?

    Florian hat für seine Erwägungen eine Auswahl getroffen und sich dabei auf „The Atlantic“ berufen:

    Es wird Originalität und Authentizität simuliert, um gegen die Simulation anzutreten.

    Wieso eigentlich „Simulation“?
    So lange Roboter keine eigenen Zwecke in die Welt setzen*, sehe ich keine „Simulation“, denn sie bedienen sich aus dem Körper der geschriebenen Sprache, deren originale Quelle human bleibt, so oft die Produkte auch robotische Schleifen durchlaufen mögen. Algorithmische Vorgaben erfüllen ebenfalls nicht die Kriterien für „Simulation“, sie lösen ab, was in vorrobotischen Zeitaltern an kulturellen Vorgaben, namentlich herrschaftlichen, unterwegs gewesen ist, und worauf eigene Semiotiken gegründet worden sind. Das klassische Beispiel ist das Kirchenlatein, das bis in jüngste Zeit Basis aller herrschaftlichen Semiotiken geblieben war, von den Behördensprachen über den akademischen Jargon bis zur Simulation beider Quellen durch Emporkömmlinge und Hochstapler, nicht zu vergessen die Abteilung der Snake Oil Peddler aller Branchen, vom Gebrauchtwagenhändler über den Versicherungsvertreter bis zum Anlageberater. Nicht zu vergessen den Unternehmensberater, eine Branche, die ich aus eigener Anschauung kenne.

    Umgekehrt: Was ist denn die Währung von „Originalität und Authentizität“? Richtig: Geneigtheit.
    Jeder Mensch neigt biographisch zu diesem und jenem, und solche Neigungen können Roboter voraussetzungsgemäß nicht ersetzen, sie bedienen sie allenfalls, wie menschliche Sprecher das auch zu tun pflegen, doch solche Bedienung hat – bislang jedenfalls – eine verengte Grundlage im Körper der Schriftsprache, die robotisch nivelliert wird. El-G hat oben schon darauf angespielt: Ohne originale Zwecksetzung können Roboter keine eigene Prosodie erschaffen, können allenfalls eine kopieren, wenn ihnen dies auf algorithmischer oder Kommandoebene vorgegeben wird, und die typischen Höflichkeitsfloskeln und Benimmregeln, denen KI’s nach meiner Erfahrung folgen, sind Beispiele für nivellierte Prosodie, die binnen kurzem kein verständiger Mensch prosodisch wahr, geschweige ernst nehmen wird.

    Was bleibt denn dann als ein eigentümlicher Bestandteil biographischer Geneigtheit für Texte, der von der Robotik so affiziert wird, daß jemand einen Verlust von „Authentizität“ zu beklagen hat und fälschlich von „Simulation“ redet – letzteres wäre allenfalls im Falle juristisch relevanter Fälschungen oder KI-unterstützter Liebesbriefe zu rechtfertigen?
    Richtig. Vertrauen.

    Dazu möchte ich zweierlei anmerken.
    Das Erste dürften viele von mir erwarten: A bas „Vertrauen“!. Spült eure Vertrauenssehnsucht, eure Vertrauensseligkeiten ins Klo! Sie haben ihren Platz auf dem Liebeslager, in sehr seltenen Fälle auch noch in einem engen Familienkreis, ansonsten sind sie für den A….!

    Das Zweite: Während ich den Text abfasste, ist mir eine biographische Episode eingefallen, die ich beispielhaft zum Besten geben will.
    Im Jahr 1971 hat mir mein „bester Freund“, korrekterweis muß ich schreiben: mein Geliebter, obgleich unser Verhältnis in eurer auf den Kopf gestellten Sprache „nix Sexuelles“ sondern „nur“ Erotik hatte, eine damals ziemlich kostbare Scheibe geschenkt, eine Blues-Anthologie mit Lightning Hopkins, Sonny Terry / Brownie McGhee und John Lee Hooker. Gefallen haben mir die Stücke alle, genossen habe ich viele, aber eines machte mir Gänsehaut:
    https://youtu.be/njG574TaSWU?si=YfLOy2ryh8irCF2X
    „Now in 1953, I’m writing this tune here, I’m teaching the blues to this cat. Yeaaah – now you’re cookin‘ with gaaaz – like that o_old fiddle tone, boy. It’s just a beat. Your fancy chords don’t mean nothin‘, if you ain’t got that beat! Throw that fancy chords away …“ (John Lee Hooker)
    Das teilte ich Thomas mit. Er hat gegrinst: Deshalb habe ich Dir die Scheibe geschenkt, das Stück, und einige andere, sind, wie Du.
    Wieso?!
    Authentisch
    Das Wort hat mich damals schon irritiert. Es hat eine lange, sehr lange Weile gedauert, bis ich auf den Trichter kam, was Thomas „eigentlich“ hat sagen wollen:
    It’s physical!
    Das ist es, was meine Sprache, meine Prosodie schon damals ausgezeichnet hat, auch und gerade, wenn ich „akademisch“ daher gered‘ hab. Das, was mich – und nicht nur mich – fasziniert hat, wenn „Spider Woman“ ihre persönliche Sprache auf einer Tanzfläche zugleich erfand und vorgeführt hat – primär sich selbst.
    Spült alle eure Vorstellungen von „Authentizität“ ins Klo! Just keep this slow beat – für den Anfang. It’s physical. Es ist das, was ihr, die ihr klug und „intelligent“ sein wollt, euch von eurer Seele nahezu abtrennen laßt, wenn ihr nicht grad Fußball spielt oder schaut – oder Ähnliches.

    Neenee, der Versuch einer Revision ist alles andere, als eine Immuntherapie gegen Herrschaftswissen und Herrschaftsgewalt, aber ohne sie geht rein gar nichts.
    Sage ich!
    Es ist die „gemeinsame Wirklichkeit“, die Wirklichkeit, die nur in krass pathologischen Fällen einmal „verloren gehen“ kann.
    Und weil ich nicht wie eine kaputte Platte einmal mehr „Witchcraft“ verlinken will, hier „Sammy“ Samantha Fish, 2014, aus einer Zeit, als ihre Kräfte noch nicht industriell verschlissen waren, „Killing Floor“:
    https://youtu.be/oJFBtRUMCEw?si=Kb7ymxr9J_fHL7tq&t=59

    * „Gefallen wollen“ ist kein eigener Zweck, weil der Robot keinen imaginierten Körper hat, der gefallen soll und daher will. So reiht sich robotische „Gefallsucht“ – welcher Herkunft immer – bloß ein in menschliche Konventionen der Gefälligkeit!

Schreibe einen Kommentar

Bitte beachten Sie unsere Kommentarregeln : Bleiben Sie sachlich, respektvoll und beim Thema. Wir behalten uns vor, insbesondere Kommentare zu entfernen, die Beleidigungen, Spam oder persönliche Angriffe enthalten.

Pro Beitrag sind maximal 5 Kommentare (inklusive Antworten auf andere Kommentare) zulässig.

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert

Bitte schreiben Sie mindestens 100 und höchstens 10000 Zeichen.

0 / 10000 Zeichen