
Orientierungspunkte zur Gewaltfreien Sozialen Verteidigung (GSV).
[Vorbemerkung: Eine Gesellschaft, die sich verteidigt, ohne töten zu wollen und ohne das eigene Land durch (Bürger-)Krieg ruinieren zu lassen – das ist kein weltfremder Wunsch, sondern Gegenstand einer seit Jahrzehnten erforschten und historisch vielfach erprobten Konzeption. Darüber schreibt Egon Spiegel in seinem jüngsten Buch „Gewaltfreie Soziale Verteidigung“ , dem das hier dargebotene einführende Kapitel entnommen ist.]
Ob wir auf Gewalt besser mit Gegengewalt antworten oder auf Gewalt verzichten, ist nicht nur eine Frage des Menschenbildes, das wir im Laufe der Zeit gewonnen und verinnerlicht haben. Ob wir eher geneigt sind, uns militärisch oder gewaltfrei zu verteidigen, ist auch eine Frage praktischer Erwägungen. Im Folgenden dazu ein paar Orientierungspunkte.
1. Frieden als der Normalfall
Stell dir vor, du zeichnest auf ein weißes Blatt Papier einen kleinen schwarzen Punkt. Lege das Blatt jemandem vor und frage diesen, was er sieht. Er wird sagen: einen Punkt. Nicht: eine große weiße Fläche mit einem winzigen Punkt darauf. Unser Blick heftet sich an das Dunkle und blendet aus, was es umgibt.
Genauso verhält es sich mit unserem Bild von der Welt. Wir sehen den Krieg und übersehen den Frieden, in dem er stattfindet.
Das ist keine Beschönigung, sondern eine nüchterne Feststellung über Größenverhältnisse. An diesem Morgen sind in Deutschland Millionen Menschen zur Arbeit gefahren, haben an roten Ampeln gehalten, obwohl niemand sie dazu zwang, haben Kinder in Kitas gebracht, Rechnungen bezahlt, Streit im Büro ausgehalten, ohne zuzuschlagen. Nichts davon war eine Nachricht wert, erst recht nicht das Gesamt unseres Alltags. Krieg ist eine Nachricht wert, weil er die Ausnahme ist.
Kinder spielen nicht Frieden. Sie spielen Krieg – weil das Normale nicht gespielt werden muss. Es ist selbstverständlich da.
(1.1) Eine verzerrte Geschichtsschreibung
Unser Menschenbild verdankt sich zu einem guten Teil einer Geschichtsschreibung, die sich vornehmlich an Kriegen und Dynastien festmacht. 333 Issos Keilerei! Mauern und Türme, Lanzen und Rüstungen überdauern im Boden, in Museen und Vitrinen. Die Sorge um ein krankes Kind, die Verteilung von Nahrung, die Pflege alt gewordener Menschen, das Ringen um einen Kompromiss in einer Dorfgemeinschaft hinterlassen keine Ausstellungsstücke. Was wir in Museen sehen, ist das Harte, das Haltbare, das Tödliche. Was wir nicht sehen, ist das viel breitere Band der Sozialgeschichte.
Wer die Menschheitsgeschichte an ihren Waffenfunden und Schießscharten abliest, kommt zwangsläufig zu dem Schluss, der Mensch sei im Kern ein gewaltbereites Wesen. Wer die flüchtigen sozialen Phänomene einbezieht, sieht einen Menschen, der sich permanent in der Zerreißprobe zwischen Friedfertigkeit und Gewaltbereitschaft befindet – und der sich, sehr viel häufiger als es die Chronik vermerkt, für das Erste entscheidet.
Hinzu kommt die Marktlogik der Medien: bad news sells. Die Nachrichtenlage bildet nicht die Wirklichkeit ab, sondern das Auffällige an ihr. Das ist legitim – wir wollen vor Gefahren gewarnt werden –, aber es hat einen Preis. Wer täglich Katastrophen konsumiert, hält Katastrophen für den Normalzustand und zieht daraus den fatalen Schluss, jeder Versuch, etwas zu ändern, sei aussichtslos.
(1.2) Die weichenstellende Bedeutung des Menschenbilds
Man könnte all dies für eine Stimmungsfrage halten. Es ist mehr. Denn wer davon ausgeht, dass Gewalt die eigentliche menschliche Wirklichkeit ist, muss folgerichtig auf Gewalt setzen, um sich zu schützen. Das Bild des allseits und vornehmlich gewaltbereiten Menschen ist die stille Voraussetzung jeder militärischen Sicherheitspolitik.
Umgekehrt gilt: Wer erkennt, in welchem Ausmaß unser Alltag von gelingender, unspektakulärer Gewaltfreiheit getragen wird, wird die Frage anders stellen. Nicht mehr: „Wie können wir uns gegen die Gewalt wappnen, die uns von Natur aus umgibt?“ Sondern: „Wie können wir das, was ohnehin funktioniert, so stärken und organisieren, dass es auch dem Ernstfall standhält?“
Das ist keine kleine, bedeutungslose Verschiebung. Sie ist die Grundlage der hier vorgelegten Einführung in die Gewaltfreie Soziale Verteidigung (GSV).
Auch ein Sprachproblem gehört hierher. Das Wort „Gewaltfreiheit“ ist unglücklich gebildet: Es nennt zuerst die Gewalt und macht die Gewaltlosigkeit bzw. Gewaltfreiheit zum Abgeleiteten, zum Nachträglichen. Als wäre Gewalt das Original und Gewaltfreiheit die Kopie. Tatsächlich ist es umgekehrt. Ein besseres Wort haben wir nicht, also verwenden wir dieses – aber mit dem Wissen um seine Schieflage.
2. Die militärische Vereinnahmung von Verteidigung
Eine Bemerkung, die man in Diskussionen über dieses Thema fast immer zu hören bekommt, lautet: „Sie wollen also, dass wir uns nicht verteidigen.“
Hier zeigt sich ein zentraler Kurzschluss. Ihn möchte ich zuerst aus dem Weg räumen.
Dass ein Land sich gegen einen Angriff wehren darf, steht hier nicht zur Debatte. Es gibt geradezu eine moralische Pflicht zur Selbstverteidigung, eine Verantwortung, sich und andere zu schützen. Die internationale Diskussion nennt das responsibility to protect – Schutzverantwortung. Dagegen ist nichts einzuwenden. Jeder Mensch, jede Gruppe, jedes Volk hat das Recht, geschützt zu werden, mehr noch sogar: die Pflicht, sich und andere zu schützen.
Der Streit beginnt erst einen Schritt später. Er betrifft nicht das Ob der Verteidigung, sondern das Wie. Und genau an dieser Stelle wird in der öffentlichen Debatte fast immer eine Gleichung eingeschmuggelt, die niemand begründet: Verteidigung ist Sache des Militärs. Wer das Zweite ablehnt, so die stillschweigende Folgerung, lehnt damit auch das Erste ab.
Die Lehre der gewaltfreien Aktion ist die Antwort auf genau diese Frage. Es gäbe sie nicht, gäbe es nicht den Angriff und die Notwendigkeit, sich zu wehren. Sie ist nicht Ausdruck einer Verweigerung der Verteidigung, sondern ein Verteidigungskonzept.
(2.1) Zum Begriff der Gewaltfreien Sozialen Verteidigung
Der Begriff stammt aus der Friedensforschung der 1960er und 1970er Jahre und unterstreicht, dass es dieser Konzeption nach nicht in erster Linie darum geht, Territorien an seinen Grenzen zu verteidigen, sondern soziale Strukturen, Institutionen, Lebensformen, Menschenrechte – kurz: das, was die Lebensqualität in einer Gesellschaft ausmacht. Und das mit den vereinten Kräften ihrer Mitglieder, mit einem Wort: sozial.
Begrifflich deutet es sich damit schon an: Ein Territorium kann man besetzen; eine Gesellschaft kann man nur dann beherrschen, wenn sie es sich gefallen lässt. Wer Verteidigung territorial denkt, verliert in dem Moment, in dem die feindlichen Truppen die Grenze überschreiten. Wer Verteidigung sozial denkt, fängt in diesem Moment erst mit dieser an.
Im englischen Sprachraum spricht man von civilian-based defense, civil defense oder social defence, auf Deutsch auch von „ziviler Verteidigung“ – wobei dieser Ausdruck missverständlich ist, weil er im Behördendeutsch etwas anderes bezeichnet, nämlich den Bevölkerungsschutz im Kriegsfall (Bunkerbau, Sirenen, Notvorräte). Gemeint ist hier allerdings etwas anderes: nicht Schutz vor den Folgen des Krieges, sondern Widerstand statt Krieg.
Zum weiteren Verständnis: Ich formuliere bewusst „Gewaltfreie Soziale Verteidigung“ statt „gewaltfreie, soziale Verteidigung“ (also mit Komma) und ordne damit „gewaltfrei“ und „sozial“ nicht additiv im Sinne von einer Verteidigung, die als gewaltfreie und soziale zu verstehen ist, sondern verwende „gewaltfrei“ als Adjektiv von „sozialer Verteidigung“. Ich möchte damit deutlich machen, dass das hier vorgestellte Konzept einer „sozialen Verteidigung“ explizit ein gewaltfreies ist und nicht etwa auch nur in Ansätzen, durchaus denkbar, militärisches.
(2.2) Sicherheitslogik und Friedenslogik
In der deutschen Debatte hat sich eine Redeweise eingebürgert, die zwei Dinge nebeneinanderstellt: hier die „Sicherheitslogik“, dort die „Friedenslogik“. Die Sicherheitslogik, so heißt es, sei das Nötige, die Friedenslogik das Wünschenswerte. Erst müsse Sicherheit hergestellt werden, dann könne man sich den Luxus des Friedenschaffens leisten.
Diese Reihenfolge ist falsch, und zwar aus einem sachlichen Grund. Sicherheitslogik ist nicht die Vorstufe der Friedenslogik, sie ist ein Bestandteil von ihr. Die Frage ist nur, mit welchen Mitteln für Sicherheit gesorgt wird. Beides ist nicht nebeneinander und nicht nacheinander zu denken, sondern ineinander.
Bedenklich ist, dass sich sogar Pazifistinnen und Pazifisten in diesen Dualismus hineinziehen lassen und dann für den Vorrang der Friedenslogik plädieren. Damit räumen sie ein, was zu bestreiten ist: dass Sicherheit eine militärische Angelegenheit sei und Frieden eine moralische. Gewaltfreiheit ist aber nicht in erster Linie ein Ideal, das hochzuhalten wäre. Sie ist eine empirische Größe: Sie funktioniert, ist erforscht, dokumentiert und analysiert. Auf dieser Ebene – und nur auf dieser – ist die Auseinandersetzung mit dem Argument zu führen, das allein Militär Sicherheit garantieren könne.
Dasselbe gilt für das Wort „wehrhaft“. Es ist derart verbunden mit Militärischem, dass demgegenüber Wehrhaftigkeit ohne Waffen ein Widerspruch in sich zu sein scheint. Ein Volk, das über Wochen und Monate hinweg ebenso kreativ wie diszipliniert die Zusammenarbeit mit einer Besatzungsmacht verweigert, ist im präzisen Wortsinn wehrhaft. Es wehrt sich, wenngleich nicht mit Waffen und Waffengewalt.
3. Zwei Modelle: hoher „Eintrittspreis“, hoher „Aufenthaltspreis“
Um zu verdeutlichen, dass das GSV-Konzept genau der Forderung nach Selbstverteidigung und Wehrhaftigkeit entspricht, pflege ich in Vorlesungen und im Rahmen von Vorträgen die beiden Verteidigungsmodelle plakativ einander gegenüberzustellen. Dabei zeigt sich, dass Militärs die Zusammenhänge oft schneller begreifen als Zivilisten. Sie sind gewohnt strategisch und taktisch zu denken.
(3.1) Das militärische Modell im Sinne des Ringens
Militärische Verteidigung funktioniert nach dem Muster des Ringkampfs oder – martialischer – nach dem des Käfigkampfes. Zwei Körper stemmen sich gegeneinander. Wer mehr Kraft aufbringt, gewinnt. Übersetzt in die Sprache der Sicherheitspolitik: Wer angreift, muss mit einer Gegenwehr rechnen, die mindestens so stark und hart ist wie der Angriff selbst. Wird ein Land bombardiert, bombardiert es zurück. Der Angreifer soll wissen, dass ihn das Betreten des fremden Landes teuer zu stehen kommt.
Das ist die Logik der Abschreckung: ein hoher Preis für den Eintritt.
Sie hat eine gewisse Plausibilität. Sie hat aber auch bekannte Schwächen. Sie erzeugt Rüstungsspiralen, weil der Preis für den Eintritt ständig erhöht werden muss, um glaubwürdig zu bleiben. Sie versagt gegenüber einem entschlossenen Gegner, der bereit ist, den Preis zu zahlen. Sie funktioniert bei extremer Asymmetrie überhaupt nicht: Kein Preis, den 57.000 Grönländerinnen und Grönländer militärisch aufrufen könnten, wäre für die Vereinigten Staaten abschreckend. Und sie kostet, wenn sie versagt, genau das, was sie schützen soll – Menschen, Städte, Lebensgrundlagen, Zukunft. Moralisch soll das militärische Verteidigungsmodell hier gar nicht erst diskutiert werden.
(3.2) Das gewaltfreie Modell im Sinne von Judo
Die Gewaltfreie Soziale Verteidigung funktioniert nach einem anderen Muster, nämlich dem der japanischen Kampfkünste. Man stemmt sich dem Angriff nicht entgegen, sondern nimmt ihn auf und führt ihn ins Leere. Der Angreifer stürzt in seinen eigenen Schlag.
Auch hier muss der Aggressor mit einer Reaktion rechnen – aber nicht mit Gegengewalt, sondern mit massenhaftem, beharrlichem, gewaltfreiem Widerstand. Er kommt herein, ja. Aber er kann nicht bleiben. Er kann das Land nicht regieren, nicht verwalten, nicht wirtschaftlich nutzen, nicht politisch vereinnahmen und die Besetzung weder den Besetzten gegenüber noch im eigenen Land und auch nicht vor der weltweiten Öffentlichkeit moralisch rechtfertigen.
Das ist die Logik der Gewaltfreien Sozialen Verteidigung: ein hoher Preis für den Aufenthalt.
(3.3) Gewaltfreie Soziale Verteidigung auf drei Schauplätzen
Damit dieser Preis tatsächlich anfällt, wirkt die GSV auf drei Feldern möglichst gleichzeitig und parallel:
A: im besetzten Land. Hier findet der eigentliche Widerstand statt: Nichtkooperation in Verwaltung, Wirtschaft und Alltag, dazu der Aufbau paralleler Strukturen, die das gesellschaftliche Zusammenleben am Besatzer vorbei ermöglichen.
B: im Land des Angreifers. In ihm gibt es neben jenen, die die Besetzung des anderen Landes offen oder stillschweigend begrüßen, Zweifelnde, Kritische, Empörte. Sie sind die wichtigste Ressource des Widerstands. Jede Nachricht über Unrecht, jedes Bild von unbewaffneten Menschen, die geschlagen werden, vergrößert diese Gruppe. Kein Regime kann einen Krieg führen, den seine eigene Bevölkerung nicht will.
C: in der Weltöffentlichkeit. Sie entscheidet über moralische oder völkerrechtliche Legitimität, über diplomatische Unterstützung, über wirtschaftlichen Druck, über die Kosten der Isolation (z.B. durch das Ausmaß von Sanktionen).
Die GSV darf also nicht auf das Territorium reduziert werden, das besetzt wird, sondern muss als ein Konzept verstanden werden, das ein Agieren auf allen oben genannten drei Feldern vorsieht.
(3.4) Gewaltfreiheit im Spannungsfeld von „pur“ oder „mix“
Gewaltfreie Aktivitäten entfalten ihre eigentliche Stärke, wenn mit ihnen keinerlei Gewalt verbunden ist bzw. einhergeht. Also pur.
Was an dieser Stelle nicht diskutiert werden kann, ist, ob sie nicht auch dann sinnvoll sein können, wenn sie neben bzw. verbunden mit militärischen Verteidigungsmaßnahmen zu einer – wenn auch nur minimalen – Reduzierung von Gewalt und damit Leid beitragen.
Bleiben wir aber bei der gewaltfreien Aktion an sich. Sobald aus einem Demonstrationszug ein einziger Stein fliegt, verändert sich die Lage vollständig. Die Bilder, die um die Welt gehen, zeigen nicht mehr die Brutalität der Besatzer gegen Wehrlose, sondern eine Auseinandersetzung zwischen zwei gewaltbereiten Parteien. Die Solidarität im Feld C kippt. Das Mitgefühl im Feld B kippt: Die Zweifelnden im Land des Angreifers hören auf zu zweifeln, denn nun geht es um den Schutz der eigenen Soldaten, die Propagandisten sehen sich bestätigt. Und im Feld A trägt jeder einzelne Stein zur Rechtfertigung der Repressionen bei.
Der berühmte Satz Gandhis, dass der Baum im Samen liege, ist eine strategische Aussage: Wer eine Rose will, darf kein Unkraut säen. Gewalt führt zu Gewalt, Gewaltfreiheit zu Gewaltfreiheit. Das Ziel liegt im Weg. Wer einem falschen Wegweiser folgt, wird nicht ans Ziel kommen. So ist die Entscheidung für den Gewaltverzicht auch eine betont rationale und nicht nur emotionale. Sie ist, neben ihrer Verankerung in einem bestimmten Menschenbild und der Weigerung, anderen Gewalt anzutun, auffallend nüchtern zielorientiert.
(3.5) Ein naheliegender Einwand
„Die Gewaltfreie Soziale Verteidigung setzt voraus, dass der Gegner überhaupt auf öffentliche Missbilligung reagiert. Was ist mit einem Regime, dem alles egal ist?“
Der Einwand ist berechtigt und wird von mir an anderer Stelle ausführlich behandelt. Hier nur so viel: Erstens gibt es kein Regime, dem wirklich alles egal ist; auch Diktaturen brauchen Legitimation und Zustimmung im Volk, Verbündete, Handelspartner, Kredite und Soldaten, die morgens aufstehen und, von der Richtigkeit ihres Handelns überzeugt, loyal und bereitwillig ihren Dienst leisten. Zweitens hat sich immer wieder auch gezeigt, dass mit zunehmender Brutalisierung der Unterdrückung der Widerstand der Betroffenen nicht unbedingt gebrochen wird, sondern sich sogar verstärkt. Drittens funktioniert die Gewaltfreie Soziale Verteidigung nicht nur über Beschämung des Aggressors, sondern über handfeste Unregierbarkeit. Ein Land, das sich nicht verwalten lässt, wirft keinen Ertrag ab, gleichgültig, wie gefühlskalt die Besatzer vorgehen.
Die Frage ist im Übrigen nicht nur eine praktische, also ob Gewaltfreiheit ausnahmslos immer oder unter vergleichbaren Bedingungen besser oder schlechter als die militärische Alternative und zu welchem Preis funktioniert. Sie ist auch eine moralische: Was bin ich bereit zu ertragen, ohne das aggressive Verhalten des Anderen mit gleicher Münze und auf dem Level seines Verständnisses von Menschlichkeit heimzuzahlen?
4. Zum Vorfeld einer Konflikteskalation
Ein Krieg bricht nicht aus wie ein Gewitter. Er wird gemacht – über Jahre, in Sitzungen, im Rahmen der Erstellung von Haushaltsplänen, in Redaktionskonferenzen, durch Beschaffungsvorgänge. Wer verstehen will, wie eine Gesellschaft sich verteidigt, muss verstehen, wie es überhaupt so weit kommen kann. Denn die wirksamste Verteidigung setzt lange vor dem ersten Gewaltakt ein.
(4.1) Der Vorkrieg
Bevor Truppen marschieren, marschieren Einflüsterer, Ideologen und Propagandisten. Der Zustand, in dem ein Krieg vorbereitet, denkbar, schließlich unvermeidlich gemacht wird, lässt sich als Vorkrieg bezeichnen. Ihn kennzeichnen wiederkehrende Merkmale.
Das Feindbild. – Ein Volk, eine Regierung, eine Religionsgemeinschaft wird zur Bedrohung erklärt und in seiner/ihrer Vielfalt auf eine Formel reduziert. Aus Menschen werden „die Russen“, „die Chinesen“, „der Westen“. Am Ende dieser Entwicklung steht häufig die Herabsetzung des Gegners auf die Stufe des Tieres – die äußerste Form der Entwürdigung, und zugleich die Voraussetzung dafür, ihn töten zu können, ohne darüber moralisch zu erschrecken.
Die Ablenkungsfunktion. – Zwischenstaatliche Konflikte werden mitunter gepflegt, weil sie im Inneren nützlich sind. Sie lenken von Problemen ab, stiften Zusammenhalt, verschaffen einer Führung Zustimmung. Ein gemeinsamer Sündenbock verbindet.
Die Rüstungsdynamik. – Rüstung ist als Antwort auf eine Bedrohung gedacht und erzeugt sie gleichzeitig. Was der eine als Absicherung betrachtet, erlebt der andere als Drohung und rüstet nach; die Fachliteratur nennt das Sicherheitsdilemma. Hinzu kommt die schlichte ökonomische Tatsache, dass eine Rüstungsindustrie Aufträge braucht und dafür Argumente liefert. Weltweit werden für Militär Summen aufgewendet, mit denen sich die Ausgaben für zivile Konfliktbearbeitung nicht auch nur ansatzweise messen lassen.
Die Einstimmung. – Es gibt eine Phase, in der eine Bevölkerung auf Krieg eingestimmt wird: durch die Normalisierung militärischen Denkens im Alltag, durch die Gewöhnung an Uniformen im öffentlichen Raum, durch ein endloses Puzzle an Kriegsvorbereitungen, durch die eigendynamische Verengung der Debatte auf die Frage, welches Ausmaß an Rüstung für den angenommenen Fall notwendig sei. Alle Fragen nach Alternativen ziehen den Verdacht auf Naivität oder Illoyalität auf sich.
(4.2) Kriegskosten
Sechzig bis achtzig Millionen Tote im Zweiten Weltkrieg (größtenteils Zivilisten) ist eine Zahl, hinter der sich ein unvorstellbares Ausmaß an Leid verbirgt: das Sterben jedes Einzelnen, dieser Moment des letzten Atemzugs, der Schmerz, die unbeschreibliche Erfahrung, dass das Leben jäh endet, dabei oft ein letzter Blick in die Augen dessen, der es unwiederbringlich zu Ende setzt.
Zur Bilanz eines Krieges gehören außerdem: Verwundete, die ihr Leben lang versehrt bleiben; Traumatisierungen bei Opfern wie bei Tätern, die über Generationen weitergegeben werden; zerstörte Städte und Infrastrukturen; verseuchte Böden, verminte Felder, zerstörte Ökosysteme; Flucht und Vertreibung; die Zerrüttung von Rechtsstaatlichkeit; die Verrohung des Umgangs miteinander, die auch nach dem Waffenstillstand nicht endet. Und ökonomisch: die Kosten der Zerstörung, die Kosten des Wiederaufbaus, die Kosten der Versorgung von Kriegsversehrten über Jahrzehnte.
Es gehört zu den unrühmlichen Leistungen kollektiver Verdrängung, dass wir dies alles wissen und dennoch von „Verteidigung“ sprechen und von „Sieg“. Was wird hier „verteidigt“ und mit welchem Ergebnis? Was meint hier „Sieg“ angesichts unzähliger Toter und Verwundeter?
Eine Tatsache, die in Debatten häufig übergangen wird, gehört ebenfalls hierher: Ein erheblicher Teil der Gewalt in Kriegen richtet sich gegen Frauen. Sexualisierte Gewalt ist dort keine Entgleisung, sondern ein Massenphänomen, oft sogar System. Und die Kinder? Wer über Verteidigungsformen spricht, ohne das Leid und den Schmerz der Ohnmächtigen zu benennen, spricht an der Wirklichkeit vorbei.
(4.3) Krieg als Ausdruck von Politikversagen
Keine Frage: Psychisch bedingte, kriminelle oder terroristische Gewalt trifft das Zusammenleben eruptionsartig, plötzlich, an einem konkreten Punkt, meist nicht vorhersehbar. Hier ist unmittelbares, unter Umständen gewaltsames Eingreifen nötig, hier ist der Einsatz der Polizei gefragt.
Krieg hingegen unterliegt rationalen Erwägungen. Er wird geplant, finanziert, verhandelt, angekündigt. Er kann auf der Ebene der Vernunft angebahnt und durchgeführt, aber auch gar nicht erst in Erwägung gezogen bzw. verhindert werden. Tritt er dennoch ein, ist er nicht Schicksal, sondern Ausdruck eines Versagens von Politik. Krieg ist die Beschämung eines jeden, der Politik, erst recht: gute Politik, zu machen beansprucht.
Wer beides gleichsetzt – wer den Angriff eines Staates behandelt wie einen absolut unvorhergesehenen Amoklauf –, macht einen Kategorienfehler und zieht daraus falsche Schlüsse. Ein schmerzender Zahn bedarf einer akuten zahnärztlichen Behandlung. Gegen die Gefahr einer flächendeckenden Zunahme von Karies bedarf es Maßnahmen der öffentlichen Gesundheit. Im Sinne der zweiten Kategorie gibt es nur eines: eine Politik, die den Krieg nicht einmal als Ausnahme in Erwägung zieht, mehr noch, die stolz darauf ist, ihn absolut auszuschließen.
(4.4) Im Vorfeld des Ernstfalls
Wer mit der Gewaltfreien Sozialen Verteidigung zuwartet, bis feindlich gesinnte Truppen die Grenze überschreiten, hat den entscheidenden Zeitraum bereits verspielt. Die GSV setzt viel früher an – um nur ein paar Maßnahmen anzureißen:
- im Widerspruch gegen die Entmenschlichung von Sprache in Gesprächen, in den Medien (hate speech), in der Politik;
- in der Pflege konkreter Beziehungen über alle Grenzen hinweg: durch beispielsweise Städtepartnerschaften, Austauschprogramme, wissenschaftliche Kooperationen, kurz, in der Forcierung aller nur denkbarer globaler Netzwerke;
- in der Aufmerksamkeit für Desinformation und ihre Mechanismen;
- im Streben nach einer öffentlichen Auseinandersetzung darüber, welche Interessen durch die Eskalation eines politischen Konflikts bedient werden;
- durch den beharrlichen Hinweis auf die Möglichkeit einer gewaltfreien Konfliktbearbeitung jenseits eines Ignorierens des Konflikts oder Gewaltanwendung;
- durch das Einüben eines gewaltfreien Umgangs mit kollektiver Aggression, durch ein Training in gewaltfreier Aktion.
Die hier nur angedeuteten Präventionen und Interventionen sind unspektakulär und wirken langsam. Sie sind vor allem auch dann gesellschaftlich nützlich, wenn es nicht zu einem Angriff kommt.
Buchhinweis (Quelle des Kapitelauszuges):
Egon Spiegel: Gewaltfreie Soziale Verteidigung. (Reihe ǀ edition pace). Hamburg: BoD 2026. (ISBN: 978-3-6967-6472-2; Paperback; 304 Seiten; 14,99 €).
Zum Verfasser: Egon Spiegel, Prof. Dr. theol. habil. Prof. h. c., Diplomtheologe, Diplompolitologe, ausgebildeter Pastoralreferent, ehemaliger Inhaber des Lehrstuhls für Praktische Theologie an der Universität Vechta, gegenwärtig Advisory Professor am UNESCO-Lehrstuhl für Peace Studies der Nanjing University in Nanjing/China, diverse Lehraufträge und Gastprofessuren, international vielfältig vernetzt, zahlreiche friedenswissenschaftliche Publikationen. – Website: www.egon-spiegel.net


Eine interessante Argumentation, der ich in Teilen zustimmen kann. Aber der Autor hat Prämissen bei den Kriegszielen. Er geht von einer Beherrschung und Ausbeutung aus mit dem Mittel der ansässigen Bevölkerung, die ihre Arbeitskraft reproduzieren soll und komplexe Aufgaben bewältigen soll.
Kriege, wie der Vernichtungskrieg gegen die Sowjetunion oder der Genozid an den Palästinensern erfüllen diese Prämissen nicht. Gegen Vernichtung kann man kein sozuales Konzept stellen.
Wendet man die Idee des Autors auf den Ukrainekrieg an, würde man dagegen schnell zu guten Einsichten gelangen.