
Die einen sehen das Rechenzentrum als notwendigen Beleg für Österreichs Innovationsfähigkeit, die anderen als unzumutbare Belastung. Im Hitze- und Dürresommer wächst der Widerstand gegen das Projekt.
Einen Sommer wie diesen hat Österreich noch nicht erlebt. Mehrere Tage über 40 Grad Celsius m Osten des Landes und einfach kein Regen mehr. Wasserkraftwerke müssen abgeschaltet werden und es gab Gesundheitswarnungen vor dem Aufenthalt unter freier Sonne.
Selbst im Trash-TV des übermächtigen Red-Bull-Konzerns („Servus-TV“) schaffen die reaktionären Stimmen gerade kein Unentschieden mehr. In Österreichs Medienlandschaft wird meist sorgfältig darauf geachtet, dass beide Seiten des Arguments zu hören sind. Den ökologisch Besorgten stehen deshalb immer die „Realisten“ gegenüber. Letztere sagen dann Dinge wie „früher ist es auch heiß gewesen“ oder verlautbaren man dürfe jetzt „unsere“ Industrie nicht gefährden, weil nur die, die nötige „Innovation“ bringen kann. Will sagen, wir bleiben beim bisherigen: Autos, Erdöl, Flugreisen und so weiter.
Nicht, dass irgendwer aufhören würde, dies zu sagen, aber den Soundbites fehlt gerade jeder Verve, so als würde man es bei ausgetrockneten Flüssen und Seen, bei Milliardenverlusten bei der Ernte und dem „Mega-Ansturm“ auf die längst ausverkauften Klimageräte schon selbst nicht mehr ganz glauben. Nach Jahren bewusster oder unbewusster Leugnung beginnt die Wirklichkeit ins Gebein zu sickern: Das Klima hat sich tatsächlich in einer bedrohlichen Weise verändert.
Die Stimmung ist deshalb im Keller. Alkoholkonsum in Austria ist niedrig wie nie (Rotwein soll jetzt zu Industriealkohol verarbeitet werden). Die Gasthäuser sperren nachmittags und am Wochenende zu, weil es einfach zu heiß ist und niemand mehr auf „ein Achterl“ kommt. Es scheint, als sei die Energiemenge, die zur Leugnung der Lage gebraucht wird, einfach zu groß geworden. Die spannende Frage wäre nun: Und ändert man jetzt was?
Politisch eher nicht. Die Lage ist gerade so schlimm, dass der Umwelt- und Landwirtschaftsminister Norbert Totschnig (ÖVP) auf Tauchstation gegangen ist und will wohl erst nach dem nächsten Regen wieder auftauchen wird. Das könnte im Osten des Landes noch etwas dauern.
Am Beispiel Kronstorf
Neben der Klimakrise ist der Umgang mit der KI wohl einer der zentralen Konflikte unserer Zeit. Beide kondensieren sich an dem KI-Rechenzentrum auf einer 50 Hektar großen Fläche im oberösterreichischen Kronstorf. Das geplante Zentrum wird im Endausbau riesig sein.
Zur Einordnung: Die im Moment gebaute erste Ausbaustufe wird einen Stromverbrauch von 150 Megawatt haben, was immerhin circa eineinhalb Prozent des österreichischen Stromverbrauchs entspricht. Geplant sind in der Endausbaustufe allerdings bis zu 500 Megawatt. Das entspräche dem Verbrauch von rund 900.000 Haushalten. Das Bundesland Oberösterreich besteht aus lediglich 676.000 Privathaushalte.
Pikanterweise deckt Österreich seinen Strombedarf im Wesentlichen durch Wasserkraft und genau die macht bei Hitze und Trockenheit schlapp. Der Konzern Google beantragte, in weiser Voraussicht, die Baugenehmigung für Kronstorf bereits vor zwanzig Jahren.
Weil das österreichische Umweltverträglichkeitsprüfungsgesetz (UVP-G) „Rechenzentren“ gar nicht kennt, musste dies auch nicht als solches bewilligt werden. Bei Google werden sie sich deshalb vermutlich beglückt die Händchen gerieben haben, dass ihnen die aufwendige Umweltverträglichkeitsprüfung erspart bleib.
Genau hierum ist nun ein politischer Streit entstanden. Die enorme Hitze und Trockenheit in Österreich können so interpretiert werden, dass sich damit die Tatsachenlage verändert habe und eine Prüfung nun erfolgen muss.
Nicht nur wegen dies ganz fraglos enormen Stromverbrauchs des Rechenzentrums, sondern auch wegen der Wasserentnahme aus dem Fluss Enns. Das Rechenzentrum darf angeblich laut Entscheid 200 Liter Wasser in der Sekunde aus dem Fluss entnehmen. 100 Liter davon verdunsten und 100 Liter werden pro Sekunde in den Fluss zurückgeleitet.
Allerdings sind diese dann auf 30 Grad Celsius erwärmt. Umweltorganisationen und die Grünen halten diese Mengen für bedenklich, Wirtschaftsverbände nicht. Für einen Fluss mögen 100 Liter, auch wenn sie in jede Sekunde eingeleitet werden, nicht viel sein. Aber bei einem Gewässer, das im Sommer 2026 ohnehin bereits überhitzt ist, könnte dies den im Fluss lebenden Organismen den Rest geben.
Und wo bleibt die Innovation?
Zumindest müsste dies einmal geprüft werden. Die wirtschaftsnahen Verbände wie Industriellenvereinigung oder Wirtschaftskammer schlugen nun ihrerseits Alarm. Wenn einmal eine Genehmigung erteilt wurde, dann müsse die auch bestehen bleiben. Denn was hieße dies sonst für den Industriestandort Österreich?
Außerdem würde – ein Argument das übrigens kaum zu widerlegen ist – Österreich und Europa gerade beim Wettrennen um den Ausbau der KI abgehängt. Unabhängig davon, wie sehr man den Heilsversprechungen der Tech-Bros aus dem Silicon Valley glauben schenkt oder nicht, dann zeigt sich bereits in wie vielen Bereichen, von Medizin über Verwaltung bis hin zum Militär, heute bereits KI-Lösungen zum Einsatz kommen.
Sollte Europa keine eigenen Rechenkapazitäten aufbauen und eigenen Expertise entwickeln, dann begibt man sich in eine komplette Abhängigkeit gegenüber den USA. Auch die kann niemand wollen. Deshalb beeilen sich Gewerkschaften und Umweltverbände in Österreich zu betonen, dass sie nicht „gegen die KI“ sind.
Der Ausbau müsse aber geregelt erfolgen. Arbeitnehmerschutz und Umweltauflagen müssen gewährleistet bleiben und dürfen nicht hergeschenkt werden für die Profitabsichten eines Unternehmens. Der übliche Teufelskreis: Höhere Auflagen bedeutet weniger „Innovation“, ohne Auflagen entsteht der ruinöse Wildwuchs, der zu genau den Verhältnissen geführt hat, die im Jahr 2026 in Österreich zu bestaunen sind.
Apropos „Innovation“. Der Konzern Google (Motto ehemals: „Don’t be evil“) hat die Weltöffentlichkeit jahrzehntelang mit „grünen Visionen“ beschenkt, die auf Hochglanz poliert präsentiert wurden. In Österreich darf man sich fragen: Wo ist denn nun diese Innovation?
Google hatte seit Genehmigung des Rechenzentrums zwanzig Jahre Zeit, um ökologische Konzepte zu entwickeln. Nun will man das Rechenzentrum einfach ans österreichische Stromnetz anschließen, ohne auch nur den Versuch zu machen, grünen Strom vor Ort selbst zu produzieren, und gießt das warme Wasser einfach in den Fluss, ohne Konzepte für die Nutzung der Abwärme zu haben. Aber ja, man will Projekte zum Schutz des Fischbestandes in der Enns unterstützen. Mehr Innovation geht halt im Moment nicht.
Das Bewusstsein wächst
Die kleine Gemeinde Kronstorf findet sich nun im Zentrum eines weltweiten Konflikts. Die Bürger vor Ort sind voller Befürchtungen, dass sie Lärm (das Zentrum brummt angeblich die ganze Nacht), Verlust an Wasserqualität und vieles mehr ausbaden müssen. Im Gegenzug bieten Rechenzentren nur wenig Arbeitsplätze. Es liegt in der Natur der Sache, denn Digitalisierung soll ja gerade menschliche Arbeitskraft ersetzen. Es wurde eine Petition getsratet.
Wie schwerwiegend das Problem weltweit werden könnte, belegt eine Studie der UN-Universität. Man schätzt, dass der Wasserverbrauch durch die KI im Jahr 2030 dem Wasserbedarf von 1,3 Milliarden Menschen entsprechen könnte, das ist knapp ein Sechstel der Weltbevölkerung.
Österreich Satiremagazin „Tagespresse“ brachte die Paradoxie gut auf den Punkt: Der Bau eines riesigem KI-Zentrums sei jetzt einfach nötig, um endlich Maßnahmen gegen die Klimakatastrophe zu finden.
Ob in den USA oder in Österreich: Überall wächst der Widerstand. Der ist bezeichnenderweise überparteilich. Die Rednecks in Amerika jubeln Bernie Sanders zu und Bauernverband und Greenpeace sind sich in Österreich bei der Skepsis gegenüber Rechenzentren eigentümlich nah.
Im Hitzesommer 2026 spürt man einfach, es wird knapp mit den überlebenswichtigen Ressourcen und man muss jetzt wirklich klug sein und das verbliebene Wasser und den kostbaren Strom sorgsam einsetzen. Diese gewisse, allgemeine Bewusstseinserweiterung darf als positiver Effekt des Sommers 2026 vermerkt werden und es bleibt zu hoffen, dass er nicht vom nächsten Regen wieder weggespült wird.



Hat Österreich eigentlich mittlerweile seinen 380KV-Ring fertig?
Oder basteln die da immer noch dran rum?