Hochgeschwindigkeitszug entgleist in Spanien mit 300 Stundenkilometern

Unfall des Hochgeschwindigkeitszugs
Unfall des Hochgeschwindigkeitszugs. Screenshot aus Video der Guardia Civil

Einige Waggons kollidierten dabei mit einem entgegenkommenden Zug, weshalb bei dem schweren Zugunglück in Cordoba schon 39 Tote geborgen wurden. Der Unfall auf gerader Strecke wirft viele Fragen auf und der Vorgang erinnert viele hier an den entgleisten Alvia-Zug 2013, bei dem sogar 80 Menschen ihr Leben verloren.

Spanien extrem kostspieliges Hochgeschwindigkeitszugnetz, auf welches das Land stolz ist, muss sich angesichts des schweren Zugunglücks in Andalusien nun massive Fragen gefallen lassen. Das Unglück nährt neue Zweifel am dem Aushängeschild des Landes, eine teure Insel, die zudem nicht an Nachbarstaaten angebunden ist. Am Sonntagabend entgleisten nun auf gerader Strecke einige hintere Wagen eines Hochgeschwindigkeitszugs in Adamuz in der andalusischen Provinz Cordoba. Der Schnellzug sei dabei mit einer Geschwindigkeit von etwa 300 Stundenkilometern gefahren. Besonders fatal wurde der Vorgang, da die entgleisten hinteren Waggons des aus Malaga kommenden Zugs dann frontal auf einen in Gegenrichtung fahrenden Schnellzug geprallt sind. Dieser Zug befand sich aus der Hauptstadt Madrid kommend auf dem Weg ins andalusische Huelva.

Angesichts der enormen Kräfte, die bei einem Aufprall mit solch hohen Geschwindigkeiten wirken, zeigen sich am Rand von Adamuz danteske Szenen. Es sind zerstörten und umgestürzten Waggons auf Video zu sehen. Zwei davon sind zudem eine Böschung hinabgestürzt. Das seien nur noch „Trümmerhaufen aus Eisen“, erklärte der andalusische Regionalpräsident Juanma Moreno. „Es gibt wenig Hoffnung, dass sich darin noch lebende Personen befinden.” Aus den Trümmern wurden nach bisherigen Erkenntnissen 39 Leichen geborgen, mehr als 150 Menschen seien verletzt worden, davon einige so schwer, dass damit gerechnet wird, dass die Zahl der Todesopfer noch ansteigt.

Der spanische Transportminister Óscar Puente sagt, dass die Zahl der Toten „noch nicht endgültig” sei. Die Zahl der Toten hätte aber ohnehin noch viel höher ausfallen können. Insgesamt befanden sich in beiden Zügen etwa 500 Menschen, 300 in dem aus Malaga kommenden Zugs des privaten Zugbetreibers Iryo und knapp 200 Menschen waren im Alvia aus Madrid auf dem Weg nach Huelva.

Ein „außergewöhnlich seltsamer“ Unfall

Eine Erklärung für den Unfall liefert der wegen Pleiten, Pech und Pannen unter starker Kritik stehende Minister nicht. Er spricht von einem „außergewöhnlich seltsamen“ Unfall und einem „fatalen Zufall”. Denn der Zug sei auf gerader Strecke verunglückt und „neu“ gewesen, „nicht älter als vier Jahre“. Die Gleise der Strecke seien zudem auch gerade erst überholt worden, fügte der Transportminister an. Die Arbeiten wurden im Mai 2025 abgeschlossen und man habe 700 Millionen Euro in den andalusischen Teil des Hochgeschwindigkeitsnetzes investiert.

Puente spricht damit die immer wieder geäußerte Kritik an fehlender Instandhaltung an. Denn mit der Liberalisierung des Netzes hat die Nutzung der Strecken deutlich zugenommen. Im Jahr 2024 wurden fast 40 Millionen Passagiere im Hochgeschwindigkeitsnetz hier befördert, eine Zunahme um 22 Prozent gegenüber dem Vorjahr. Seit der Öffnung des Wettbewerbs sind es sogar schon 77 Prozent.

So stellt sich die Frage, ob bei den Arbeiten gepfuscht wurde, die Baubranche ist in Spanien sehr anfällig für Korruption. Vor gut einem Jahr hatte Puente den Chef des staatlichen Schienennetzbetreibers Adif nach undurchsichtigen Vorgängen nach nur neun Monaten im Amt wieder geschasst. Im vergangenen Jahr gab es Durchsuchungen bei der Adif. Es könnte auch Probleme am Iryo-Zug gegeben haben, wird spekuliert. Der Zug soll aber erst vier Tage vor dem Unglück überprüft worden sein. Minister Puente meint, mit Untersuchungsergebnissen sei frühestens in einem Monat zu erwarten. Der Zugverkehr auf Hochgeschwindigkeitsstrecken in Andalusien wurde bis auf weiteres ausgesetzt.

In Spanien kommen Erinnerungen an das schwere Zugunglück vor 13 Jahren in Angrois kurz vor Santiago de Compostela hoch. Als der Alvia-Zug dort mit knapp 200 Stundenkilometern aus einer Kurve flog, verloren 80 Menschen ihr Leben. Dieser Unfall ist nie richtig aufgearbeitet worden. Die Schuld wurde per Urteil erst elf Jahre später dem Zugführer zugeschrieben, dabei war das „Europäische Eisenbahnverkehrsleitsystem“ (ERTMS) abgeschaltet. Über das Sicherheitssystem wäre der Zug automatisch wegen zu hoher Geschwindigkeit gestoppt worden.

Größtes Hochgeschwindigkeitsnetz nach China

So darf man gespannt sein, was sich hinter dem neuen schweren Zugunglück verbirgt. Klar ist, dass sich Spanien ein extrem kostspieliges Hochgeschwindigkeitsnetz leistet, das mit mehr als 4000 Kilometern nicht nur das größte Europas ist, sondern weltweit nur von China übertroffen wird. In dieses Netz fließen fast alle Ressourcen und es wird enorm kostspielig immer weiter ausgebaut, obwohl nach Studien keine einzige Strecke rentabel ist.

Lange waren diese Schnellzugstrecken sicher und zuverlässig. Der Unfall 2013 in Angrois fand offiziell nicht im Hochgeschwindigkeitsnetz statt, sondern nach dem Übergang ins normale Netz und genau dort fehlten dann Sicherheitselemente. Unfälle und Probleme häuften sich lange vor allem im Nahverkehr und der Mittelstrecke, wo immer mal wieder Züge entgleisen, zum Teil auch mit Todesopfern wie 2016 mit vier in O Porriño.

In diesem ausgebluteten System, weil enorm viel Geld ins Hochgeschwindigkeitsnetz fließt, kommt es vermehrt zu Unfällen, aber vor allem zu massiven Zugausfällen und Verspätungen. So fiel zum Beispiel am Tag der Regionalwahlen 2024 in Katalonien praktisch das gesamte Zugnetz aus, mit Ausnahme der Hochgeschwindigkeit. Doch auch im mit vielen Milliarden gefütterte Hochgeschwindigkeitsnetz häufen sich in den letzten Jahren Probleme. So stellt sich auch längst die Frage, ob das Land nicht längst technisch und finanziell mit einem überdimensionierten Hochgeschwindigkeitsnetz überfordert ist.

Der Unfall wird dazu führen, dass die rechte Volkspartei (PP) erneut den Rücktritt des sozialdemokratischen Transportministers fordern wird. Das Zugunglück und der zu erwartende Streit um die Verantwortlichkeiten wird zudem den Wahlkampf überlagen. Wahlen in der bevölkerungsreichsten Region Andalusien finden im Juni statt. Die rechte PP will unter Moreno ihre absolute Mehrheit in der einstigen sozialdemokratischen Hochburg verteidigen. Die PP dürfte den Unfall auch dafür zu nutzen versuchen, um die ungeliebte Zentralregierung von Pedro Sánchez zu Fall zu bringen, woran sie seit der Regierungsbildung arbeitet. Die PP hatte die Wahlen 2023 gewonnen, bekam aber keine Mehrheit, da nur die ultrarechte VOX-Partei eine PP-Regierung mittragen wollte.

Ralf Streck

Der Journalist und Übersetzer Ralf Streck wurde 1964 in Flörsheim am Main geboren. Er studierte Politikwissenschaft und Turkologie an der Universität in Frankfurt. Seine journalistische Laufbahn begann bei Radio Dreyeckland in Freiburg, wo er eine Fortbildung zum Fachjournalist für Umweltwirtschaft absolvierte. Er lebt seit mehr als 20 Jahren im Baskenland, ist spezialisiert auf linke Unabhängigkeitsbewegungen und berichtet für diverse Medien in Europa vor allem von der Iberischen Halbinsel.
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15 Kommentare

  1. Wie gut, dass wir im Westen genau wissen, dass wir immer alles besser machen als China. Sonst müssten wir am Ende noch rüberschauen und lernen, wie man das größte und mit Abstand meistgenutzte Hochgeschwindigkeitsbahnnetz der Welt effizient und sicher hält.

  2. ‚Auf gerader Strecke‘ und ‚aus der Kurve geflogen‘ hört sich für mich nicht gerade ähnlich an, mich erinnert es eher an Eschede.

    1. Dachte ich auch zuerst. Wenn die hinteren Wagons entgleisen spricht das eher für ein Wagenproblem, nicht eins des Gleises.
      Was haben diese Züge für ein Radsystem?

  3. Ich tippe auf ein Radlagerschaden, möchte aber nicht unbedingt darauf wetten.
    Wahrscheinlicher ist aber, das „Putin“ seine Finger mit im Spiel hatte. 😉

  4. In China gab es wohl erst einen Unfall mit Toten im Hochgeschwindigkeitsnetz. Am 23. Juli 2011 kam es nahe Wenzhou zu einem Auffahrunfall zweier Hochgeschwindigkeitszüge nach einer Signalstörung auf einem Viadukt. Dabei starben 40 Menschen, mehr als 210 wurden verletzt.

    In den USA kommt es durchschnittlich zu rund 1.700 Entgleisungen pro Jahr, hauptsächlich im langsamen Güterverkehr.
    Jährliche Todesfälle durch Zugunfälle in den USA liegen in den letzten 10 Jahren im Bereich von etwa 200 bis über 1.000 pro Jahr. Der Großteil entfällt dabei auf Kollisionen an Bahnübergängen.

    In der BRD kommt es jährlich etwa zu:
    100 Toten an Bahnübergängen
    12 Tote bei Arbeitsunfällen
    15-160 toten Fahrgästen

    1. China ist nicht Europa , da gibt es richtig lange Strecken…
      Europa ist viel zu dicht besiedelt für solch Art Verkehrsmittel ..
      Ich habe das noch nie verstanden, warum man jeden Blödsinn mitmachen muss..
      Magnetschwebebahn , die bringen wirkliche Sicherheit mit in diesen Kontext , aber halt andere Nachteile …

  5. „Die Baubranche ist sehr anfällig für Korruption“ sehr nett, wohl schon jetzt die Untertreibung des Jahres. Spanien ist korrupt bis ins Mark, auf allen Ebenen. Hab lang genug in Malaga gelebt um das zu wissen. Ohne das kleine Extra ist man fast überall gleich auf der Liste der Leute, die man nicht nett behandelt. Egal ob Behörden oder Unternehmer. Die Ukraine könnte von den Spaniern noch was lernen in Sachen Korruption, die stecken da ihr Herzblut rein und machen eine Kunstform daraus. Denn plumpe Bestechung löst bestenfalls nur Stirnrunzeln oder gar Empörung aus.

    Lieber Gruss

    P.S.: Zum Glück war meine Ex aus Malaga nicht in dem Zug, den sie sonst auch benutzt, da ihr aktueller Partner in London lebt und sie zum Flugzeug nach Madrid muss. Was den Opfern natürlich nicht hilft, sondern nur meine persönliche Betroffenheit etwas relativiert.

  6. Im Jahre 2024 wurden fast 40 Millionen Passagiere auf dieser Strecke befördert. Jetzt
    gab es wahrscheinlich einen Defekt an einem der hinteren Waggons dieses Zuges.
    Das kann mal passieren ! Es ist traurig das es geschah, aber wir verlassen uns auf
    eine hochkomplizierte Technik, bei der ein kleines Problem zur Katastrophe werden kann.
    Der Zug fuhr 300 kmh. Bei dieser Geschwindigkeit enstehen an den verschiedensten
    Bauteilen gewaltige Kräfte. Ein Rad, ich habe es einmal auf einen Durchmesser von 80 cm
    geschätzt, dreht sich in der Sekunde ca. 33 Mal und legt fast 83 m zurück. Das sind Stahl-
    räder, die wahrscheinlich einen aufgepressten Radreifen besitzen. Wenn dieser Radreifen
    durch irgendetwas auf der Schiene einmal leicht beschädigt wird, kann sich dass zu einem
    Riss und dem Zerlegen des Reifens bei der nächsten kleinen „Unebenheit“ in der Schiene
    auswirken. Das ist nur eine Möglichkeit von einem Versagen. Es können auch Bolzen brechen
    oder sich lösen oder am schlimmsten eine Sabotage an den Schienen oder des Fahrwerks
    sein. Die Bahnfahrt bleibt aber trotzdem unzählige Male sicherer als die Fahrt mit einem
    PKW.

    1. „aufgepressten Radreifen “

      Auch so ein totaler Krampf …

      Ich habe diese Räder früher selber hergestellt , nichts auf der Welt hätte die Teile ruinieren können .
      Aber mit Radreifen, ich habe das nie verstanden warum man diesen Weg ging. Hat wohl 10…€ bei der Herstellung eingespart, und Wartung ist natürlich wesentlich günstiger…
      Waren übrigens von den Russen die Karuselldrehmaschinen wo ich daran gerarbeitet habe, die anderen haben nichts getaugt o))))

      Und nach der Wende fragte mich Mitarbeiterin Jobcenter „Karuselldreher“ , muss man denn so etwas lernen ? o)))))

      Geld sparen und wirkliche Sicherheit, man kann nur eines von beiden haben ..
      Entgleisen kann ein Wagon aus tausenden verschiedenen Gründen, das ist nicht das wirkliche Problem, sondern das man unbedingt mit 300 und mehr durch die Gegend fahren muss, und da hat natürlich solch ein Fehler ganz andere Auswirkungen . In meiner Ecke befindet sich die engste Zugkurfe Europas , und das erste nach der Wende , was gemacht wurde, teures Hochgeschwindigkeitsgleis verlegt … o((

  7. 300 Stundenkilometer ..

    Mir haben Sie Schein weggenommen, „mehrfach Verkehrsauffällig“ Autobahnauffahrt Freitags Nachts auf dem Nachhauseweg immer zu schnell „80“ .. Sollte Idiotentest, eher habe ich auf Scheint verzichtet o(
    Ich habe ICE erlebt, wie es da eine Türe fast aufgerissten hat durch den Fahrtwind, und bin dann nie wieder so ein teil gefahren. Buch oder Noti und normale Bahn, steh ich heute drauf o))
    300 h/km , Kippenschachtel auf einem Gleist wirkt da als Sprungschanze o((

  8. Je schneller ein Fahrzeug, je schneller ein Zug, umso höher der Energieverbrauch !
    Viel wichtiger als die Geschwindigkeit ist die Gesamtreisezeit im ÖPV, d.h. die Anbindung ans Bahnnetz.

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