Heul leise, Bärbel!

Kanzleramt mit Taschentüchern
Quelle: Dieses Bild wurde mittels ChatGPT entwickelt.

Nach dem Bundeskanzler beklagt sich aktuell auch Bärbel Bas über die Wut, die sie erfährt. Die Mandatsmimosen leben jedoch in im besten Deutschland, das es für Politiker je gab. Ein Kommentar.

Dass es der Bundeskanzler sehr schwer hat, wissen wir nun seit geraumer Zeit. Er hatte sich öffentlich beklagt, keiner habe so viel zu ertragen wie er. Caren Miosga hielt – nach dem Spiegel-Interview des richtlinieninkompetenten Klageweibes – in ihrer Sendung im Nachklapp abwechselnd Stichwortkarten und Taschentücher hin. Sie hat sich indes im Laufe der letzten Monate auf jämmerliche Gäste spezialisiert – wem das gegen ihn in Stellung gebrachte Unrecht quält, besucht die ARD-Kummerkastentante. In der Tat mag es jener Friedrich Merz nicht so leicht haben – das Erbe, das er angetreten ist, war recht vergiftet. Und auch er hat nichts dafür getan, um dieses Erbe auszuschlagen. Stattdessen tappte er voll rein und eskalierte manche Problematik seines Vorgängers – eines Mannes, dessen Namen wir alle längst vergessen haben. Bevor Sie also Mitleid mit Herrn Merz bekommen sollten, denken Sie daran, dass das Label des »schlechtesten Bundeskanzlers aller Zeiten« nicht einfach nur eine bösartige Unterstellung ist, sondern Empirie.

Es wurde an dieser Stelle bereits darauf hingewiesen, wie vor vielen Jahren Helmut Schmidt – einer der Vorgänger Friedrich Merz‘ –, über eine »Träne im Knopfloch« bei hohen Staatsleuten oder Regierungschefs dachte. Das gezieme sich nicht, glaubte er – ein Kanzler haben den Bürgern nicht so vertraut vorzukommen, als dass er sich bei ihnen ausjammern könnte. Merz hat selbstverständlich nicht das Format eines Helmut Schmidt – oder eines Willy Brandt oder auch nur Helmut Kohl. Kein Kanzler seit 1998 konnte in puncto staatsmännischem Auftretens mit den Altvorderen mithalten. Schön wäre es also, wenn er nicht auf die Tränendrüse eines Publikums drückte, das ihn mehr und mehr als Kanzler ablehnt, ihn nicht zimperlich anpackt – dass er nebenbei sein Kabinett ansteckt mit dem Gejammer, ist aber in der Tat zum Heulen.

Politiker gefährdet wie nie zuvor?

Nun also auch die Mutter der Nation, die SPD-Prusseliese Bärbel Bas. Auch sie beklagt sich aktuell, dass ihre Person – nicht ihre Persönlichkeit! –  stark polarisiere. Auch sie müsse viel ertragen. Nicht weniger als der Bundeskanzler höchstpersönlich. Die arme Frau, die irgendwann von den Sozialdemokraten zur mütterlichen Instanz des Landes erhoben wurde, ohne dass die höchste Instanz im Lande – der Souverän – danach gefragt wurde, ob sie derlei Mutterersatz überhaupt zu akzeptieren gewillt ist, wird offenbar regelrecht gemobbt. Ja, selbst die Arbeitgeber haben vor Monaten herzlich gelacht, als Bas auf einer Bühne über Dinge sprach, von denen sie offensichtlich wenig Ahnung hat – und als sie neulich erst im Bundestag klarmachte, dass es sowas wie eine Einwanderung in die deutschen Sozialsysteme gar nicht gäbe, lachten schon wieder viele Bürger über sie. Wenn auch bitter. Selbst der eigenen Fraktion ging diese Aussage ein wenig zu weit.

Natürlich müssen Leute wie Merz oder aktuell Bas mit Kritik leben. Oft mit sehr schroffer Kritik, die am Rande der Beleidigung operiert – oder vielleicht sogar darüber hinausgeht. Eine Frage, die daher angemessen wäre: Woran liegt das? Und stimmt es tatsächlich, dass Politiker so gefährdet seien wie nie zuvor? Diese Behauptung vernimmt man immer wieder – selbst Kommunalpolitiker würden beschimpft, wenn sie Wahlplakate kleben. Aber darf man das nicht als Bürger, Politiker beschimpfen? Kann der Wähler was dafür, dass Leute in die Politik streben, die offenbar zu zartbesaitet sind, um in diesem Geschäft zu bestehen? Denken wir nur mal an die Bonner Republik zurück: Willy Brandt musste wirklich viel ertragen – selbst seine uneheliche Geburt wurde zum Gegenstand der Debatte. Allerdings kam die herabwürdigende Diskussion aus dem politischen Milieu und dessen steigbügelhaltenden Medienbetrieb selbst. Gift und Galle: Darin sind die zeitgenössischen Mandatsmimosen heute mindestens so gut, wie die damaligen Politiker – und zwar partei- und fraktionsübergreifend.

Aber wie war das noch damals, kurz nach der Wende, im Jahr 1990 in der Bundesrepublik? Binnen eines halben Jahres wurden zwei Spitzenpolitiker Opfer von Attentaten. Eine geistige verwirrte Frau – so sagt man – stach im April 1990 auf Oskar Lafontaine ein. Und ein halbes Jahr später, im Oktober jenes Jahres, erwischte es Wolfgang Schäuble; er wurde zum Opfer eines Schussattentates. Zeit seines Lebens saß der Christdemokrat im Rollstuhl. Das sind Szenen einer Zeit, von der Politiker heute so tun, als sei damals die Welt für sie, für die politische Klasse, noch in Ordnung gewesen. Gut, Lafontaine und Schäuble waren nie Bundeskanzler. Aber sie hatten – mit Verlaub an Herrn Merz und Frau Bas – wirklich viel zu ertragen. Vor ihnen lebte mancher Politiker auch schon gefährlich. Man denke an die RAF und ihre Aktionen – angeblich wollte sie Franz-Josef Strauß entführen und mit diesem Coup die Vorgängerterroristen freipressen; es hat dann aber »nur« für den Berliner Spitzenkandidaten der Union gereicht, einen Mann namens Peter Lorenz. Nach einer Amnestie kam der aber wieder frei. Und da will man den Kritikern und den wütenden Bürgern erklären, dass es Politiker nie so schwer hatten wie heute? Dass sie so viel zu ertragen hätten, wie niemand dieser Zunft zuvor? Wie geschichtsvergessen kann man nur sein?

Mandatsmimosen und die »Gewalt« der Worte

Niemand geht mit gezückter Pistole oder verstecktem Messer im Ärmel auf die heutigen Mandatsmimosen zu – zum Glück, muss man sagen! Ihr Gejammer stützt sich rein auf das, was in den Netzwerken so über sie geschrieben wird – vieles davon dürfte sicherlich auch aus Falschbehauptungen bestehen, hier und da liest es sich auch ehrabschneidend. Aber ist das nicht alles besser als die Exzesse gegen Politiker aus vergangenen Tagen? Heutzutage gibt es in der Bundesrepublik recht wenige gegen Politiker gerichtete Gewalttaten – es ist freilich auch schwieriger für Attentäter geworden, schließlich wird das Spitzenpersonal stark von den normalen Bürgern abgeschottet und von Einheiten geschützt. Gut, die Ausnahme ist der Fall von Walter Lübcke, der aber viele Rätsel aufgibt und kein exemplarischer Fall von Wut und Hass auf Politiker darstellt, sondern NSU-Bezüge aufweist. Friedrich Merz reiste erst kürzlich zum Grab des Regierungspräsidenten. Sein Statement: »Dieser Mord muss als Warnung dienen.« Dennoch gilt für die Poltiker im Lande: Sie leben – nochmal: zum Glück – in relativer Sicherheit, die einzige Gewalt, mit der sie tun bekommen, sind die bösen Worte der Bürger. Gemeinhin nennt man unfreundliche Sprechakte heute auch »Gewalt« – man darf noch nicht mal darüber sinnieren, ob das eine bodenlose Dramatisierung ist, ohne gleich als Rechtfertiger ebenjener Gewalt betrachtet zu werden. Wortgewalt: dieses Substantiv gibt es freilich in der Tat schon lange im Deutschen – es meint nur etwas gänzlich anderes als das, was die Heulbojen dauernd von sich geben. Und fürwahr ist nicht wenig, was man der politischen Zunft angedeihen lässt, so gar nicht wortgewaltig. Dafür umso ehrlicher und authentischer.

Das heutige Berliner Mimosenparlament sollte tunlichst zurückdenken an jene Tage, als man Politikern noch körperlich zusetzte, als man sie zum Ziel feiger Attentate erkor. Das würde das, was den heutigen Politikern widerfährt, schon mal in ein realistischeres Licht rücken. Aber sie haben sich darauf verständigt, auch Worte wie ein Attentat zu bewerten. Für sie ist Kritik sofort Ausdruck von Delegitimierung, von Staats- und Politikerhass und von rechtem Gedankengut. Wenn sie sich in kalkulierter Larmoyanz an die Presse wenden, um von ihrem schlimmen und beklagenswerten Schicksal zu berichten, muss man die schwarze Pädagogik dahinter sehen – oder besser, die emotionale Erpressung, mit der sie den Bürgern kommen. Denn sie degradieren empörte und wütende Vertreter des Souveräns zu mobbenden Scharfrichtern, denen man dringend das Wasser abgraben müsse. Was so viel heißt wie: sie sind mundtot zu machen, aus Netzwerken zu entfernen und öffentlich zu stigmatisieren.

Bärbel Bas, die ihren Kanzler nun nachäfft, versteht sich darauf besonders gut. Sie sagt, dass sie polarisiere – was übersetzt heißt, dass alles was sie tut, im Gegensatz zu dem steht, was ein Großteil der Bürger annimmt. Sie stellt sich also – oft in unerträglich maternalistischer Manier – gegen die Bürger und jammert dann, dass sie eine Polarisation auslöst. Wie sie das erklärt, das hat etwas Unschuldiges, etwas geradezu Passives und Zurückhaltendes. Als komme dieser Zustand über sie wie ein Naturgesetz, dem sie schutzlos ausgesetzt ist. Kurz: Bas ist das Opfer – und sie soll damit angeblich exemplarisch für die politische Kaste allgemein und für weibliche Politiker im Besonderen stehen. Ein verletztes Politiker-Ego löst keine Staatskrise aus – Politiker-Egos nicht mehr hart anfassen zu dürfen: das ist die Staatskrise. Bas sollte entzückt sein, dass Bürger sie so hart anfassen dürfen. Denn das ist das bisschen Restdemokratie, das wir uns noch gönnen – ein Rest, der freilich ausgemerzt werden soll, die EU und ihre Mitgliedsräuberbanden basteln emsig an der schönen neuen Welt. Dieses dauernde weicheiernde Gehabe ist die Grundlage für einen Kampf gegen die Meinungsfreiheit und für die Stigmatisierung der Unzufriedenheit als staatsschädigend. Diejenigen, die es nicht verkraften, öffentlich abgemeiert zu werden, setzen ihre Tränen als Waffen ein, um lästige Bürger zu brandmarken und sie zum Schweigen zu bringen.

Roberto De Lapuente

Roberto J. De Lapuente, Jahrgang 1978, ist gelernter Industriemechaniker und betrieb acht Jahre lang den Blog »ad sinistram«. Von 2017 bis 2024 war er Mitherausgeber des Blogs »neulandrebellen«. Er war Kolumnist beim »Neuen Deutschland« und schrieb regelmäßig für »Makroskop«. Seit 2022 ist er Redakteur bei »Overton Magazin«. De Lapuente hat eine erwachsene Tochter und wohnt in Frankfurt am Main.
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3 Kommentare

  1. „… und ist die Tat geeignet, sein öffentliches Wirken erheblich zu erschweren …“

    Man muss sich schon fragen, was für Staatslenker wir haben, deren öffentliches Wirken schon durch eine etwas saftige Bezeichnung erheblich erschwert wird.

    1. Staatsjuristenbullshit. Einzig und allein dazu da, willkürlich vorgehen zu können.

      Im übrigen finde ich es durchaus interessant, das der Politikerkaste, die Abermilionen Deutschen die Kranken-, Arbeislosen- und Rentenversicherung wegreformiert und durch ihre Politik Millionen gar um ihre ganze wirtschaftliche Existenz bringt, nur verbalen Gegenwind spürt.

  2. Guten Tag,

    vielen Dank an die Redaktion für den sehr guten Artikel. Habe wie üblich beim Autor nur den ersten Satz quergelesen, um informiert zu werden, gegen wen die personifizierte Hasstirade diesmal läuft Die zweite Information, dass U. Poschardt „nachlegt“, habe ich zur Kenntnis genommen -der Rückzug von 32 Autoren aus dem Westend-Overton-Window wird also ex post argumentativ erhärtet.

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