
In Deutschland tat man sich mit Heine oft schwer. In Israel auch. Einige Aphorismen zum heiter-tiefsinnigen Denken dieses außergewöhnlichen Dichters der Freiheit.
1
Heine schrieb seinerzeit: „Wir haben das körperliche Indien gesucht und haben Amerika gefunden; wir suchen jetzt das geistige Indien – was werden wir finden?“ Geistig fand sich, bereits zu Heines Zeiten, die „Selbstverneinung des Willens“.
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Heine spricht von einer „Dame, welche schon anfing, nicht mehr jung zu sein“. Hat man je einen giftigeren Euphemismus gehört? Gerade indem er auf konventioneller ritterlicher Korrektheit beharrt, entlarvt er, was die patriarchale Kultur im Verlauf der gesamten Geschichte, welche eine bigotte gentlemännische Tradition bis zum heutigen Tag zu leugnen versucht, dem Bewusstsein der Frauen einprägte: die kulturelle Auffassung, wonach das (weibliche) Altern zu vertuschen und zu verhüllen sei, die pathetische Verzweiflung an der Hinnahme des Unumgänglichen, vor allem aber – das aufkommende Peinlichkeitsgefühl, wenn sich herausstellt, dass die Verhüllungsbestrebungen misslingen, und die Tatsache, dass die Dame wahrhaftig „schon anfing, nicht mehr jung zu sein“, nicht mehr zu leugnen ist.
3
Heine schreibt: „Kritiker – wie Lakaien vor der Saaltüre bei einem Hofball, sie können schlechtgekleidete und unberechtigte Leute abweisen und gute einlassen, aber sie selbst, die Türsteher, dürfen nicht hinein.“ Die Zeiten haben sich geändert; Heines Aussage stimmt mit der Realität nicht mehr überein. Nicht nur hat MRR, der bekannteste Kritiker der deutschen Literatur, mit seinen Memoiren ein spannendes, gutgeschriebenes Buch verfasst, welches zum Bestseller avancierte und seinem betagten Autor großen Ruhm bescherte, es sieht auch ganz danach aus, dass die meisten Menschen nicht mehr die Bücher der Schriftsteller selbst lesen, sondern sich mit der Lektüre ihrer Besprechungen begnügen. Dies ist nicht unbedingt dem Werk der Türsteher zuzuschreiben: Der Hofball ist einfach nicht mehr das, was er mal war – die eigentliche „Party“ findet außerhalb des Palastes statt, angemessene Kleidung ist nicht mehr verlangt, und alle sehen sich mittlerweile dazu berechtigt, „hineinzudürfen“.
4
Heine notiert: „Juden – sie waren die einzigen, die bei der Christwerdung Europas sich die Glaubensfreiheit behaupteten.“ Keine wunderbarere Ironie als diese: Die nach oberem Gebot befolgte, religiöse Selbstghettoisierung der „Juden“ und ihre ideologisch überhebliche Absetzung von der gojischen Welt als „Glaubensfreiheit“ auszulegen, zugleich aber auch auf Momente repressiver Kolonisierung, die der Christianisierung der westlichen Welt innewohnten, und auf den aus dieser späterhin erwachsenen Judenhass zu verweisen! Um dies auf den Punkt zu bringen, musste man in der Tat ein Jude sein, der von „beiden Seiten“ gekostet hatte und sich von keiner von ihnen hat verwirren lassen.
5
„Ihr müßt den Rhein töten –“, heißt es bei Heine – unkommentiert. Und doch hat er in diesem einen unvollendeten Satz die zentralen Postulate seiner politischen Ausrichtung codiert: seinen unerschütterlichen Glauben an die universell-emanzipatorische Botschaft der Französischen Revolution, seinen Abscheu vor dem sich gesellschaftlich-politisch-kulturell vergrabenden Deutschland seiner Zeit in seiner spießbürgerlich gefeierten Provinzialität, die antinationalistische, kosmopolitische Einstellung, die seine Biographie und sein Denken in einem bewegte, vielleicht sogar auch seine Kritik der irrationalen Mystifizierung von „Vater Rhein“. Jahre später wird sich der prägnanteste Ausdruck dieser Irrationalität in den Anfangstakten des „Rheingolds“, jenes Prologs der gewaltigen Wagnerschen Tetralogie „Der Ring des Nibelungen“, in welcher der germanisch-deutsche Strom eine in der Tat beunruhigende Rolle spielt, finden. Nun wäre Heine aber nicht Heine, wenn er nicht mit gleicher gesinnungstreuer Verve den abgrundtiefen Ernst des ersten Diktums unterwanderte. An anderer Stelle vermerkt er in ähnlicher aphoristischer Kürze: „Ihr habt den Rhein, wascht euch –.“
6
Heine stellt fest: „Weise erdenken die neuen Gedanken, und Narren verbreiten sie.“ So ist es. Es erhebt sich freilich die Frage, wo man die Aufzählung der Narren ansetzt. Bei den biblischen Propheten? Bei den christlichen Evangelisten? Bei den sogenannten deutschen Volksaufklärern? Bei diversen Marxologen, die Marxens Lehre bis zur Unkenntlichkeit deuteten? Vielleicht bei Millionen von Lehrern in den modernen Schulen oder bei den unzähligen Professoren hinter den Universitätskathedern? Vielleicht sollte man überhaupt von den größten „Verbreitern“ aller Zeiten reden, jenen, die keine sich ihnen durch moderne Massenmedien anbietende Option auslassen, um jeden – alten wie neuen – Gedanken zu vereinnahmen und ihn, wo immer, unter möglichst vielen Menschen als effektiv vermarktbare Ware zu verbreiten? Wenn die neuen Gedanken in der Tat an alle gerichtet sind, werden sie sich dem, was der demokratischen Dialektik notwendig innewohnt, nicht entziehen können: Das erklärte Postulat, die neuen Gedanken allen zugänglich zu machen, erfordert eine derartige Simplifizierung dieser Gedanken, dass nur „Narren“ sich bereit erklären dürften, sich die Last ihrer Vermittlung und Verbreitung aufzubürden.
7
Heine schreibt: „Mein Geist fühlt sich in Frankreich exiliert, in eine fremde Sprache verbannt.“ Man kann die Bedeutung dieses Diktums, trotz seiner bescheidenen Formulierung durch den großen deutschen Dichter, kaum überschätzen. Er, der sich als ausgesprochenen – unter seinen Zeitgenossen in der Tat auch besonders mutigen – Anhänger der emanzipatorischen Revolutionsbotschaft der Franzosen verstand, der sich ihrer Kultur verbunden fühlte und einen Großteil seines Lebens in ihrem Land zubrachte, vermochte es nicht, sich der Wirkmächtigkeit der „Heimat“ der deutschen Sprache in seinem Geist zu entziehen.
Adorno, einer der ersten Philosophen der Shoah, wurde um eine Erklärung dafür gebeten, dass er sich nach dem Zweiten Weltkrieg entschieden hatte, nach Deutschland zurückzukehren; er gab unter anderem seine unbezähmbare Affinität zur deutschen Sprache, ein ihm notwendiges Lebensbedürfnis, als Begründung an. Man hat vieles über den Menschen als Abbild seiner heimatlichen Landschaft geschrieben, über Sitten, Gebräuche und Tradition, über Geschmacks- und Geruchserinnerungen, übers heimatliche Wetter und über diverse andere Heimatverbundenheit prägende Faktoren – zu wenig jedoch über die „Heimat“ der Sprache, jene „Heimat“, die Dichtern und Denkern das Gefühl des Exils gegeben und sich selbst noch in den letzten Dialogen „italienischer“ Mafiosi in Hollywoodfilmen erhalten hat.
8
Heine sagt: „In dunklen Zeiten wurden die Völker am besten durch die Religion geleitet, wie in stockfinstrer Nacht ein Blinder unser bester Wegweiser ist; er kennt dann Wege und Stege besser als ein Sehender – Es ist aber töricht, sobald es Tag ist, noch immer die alten Blinden als Wegweiser zu gebrauchen.“ Diese Behauptung ist heute nicht mehr ohne weiteres zu akzeptieren. Seitdem sie aufgestellt worden ist, hat sich in wachsender Deutlichkeit erwiesen, mit welcher Dunkelheit gerade das strahlende Licht einer sich selbst verratenden Aufklärung die Menschheit zu überziehen vermag. „Aber die vollends aufgeklärte Erde strahlt im Zeichen triumphalen Unheils“, postulieren Horkheimer und Adorno, die zentrale These ihrer „Dialektik der Aufklärung“ formulierend. Gleichwohl behält auch Heine recht: Die aufatmende Leichtigkeit, mit der heute die restlichen Ideale der historischen Aufklärung weggetreten werden und man sich mit ihren reaktionärsten Kritikern verbündet, bezeugt aufs deutlichste, wie notwendig es sei, dass die Kritik der Aufklärung aufgeklärten Geistes sei – und dass jeder Blinde einen treuen Blindenhund vom aufgeklärten Sozialstaat erhalte, so dunkel-regressiv sich dieser Staat in der gegenwärtigen Geschichtsphase ansonsten gebärden mag.
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Heine vermerkt die „demokratische Wut gegen das Besingen der Liebe – warum die Rosen besingen, Aristokrat! Besing die demokratische Kartoffel, die das Volk nährt!“ Eine tiefe Wahrheit scheint in diesem verdichteten Diktum auf. Heine steht ja nicht im Verdacht, die Bedeutung der einfachen Nahrung, die den Fundamentalhunger des Volkes stillt, abwertend beurteilt zu haben. Er hätte sich gewiss dem materialistischen Postulat des religiösen Judentums verschrieben, wonach es ohne Mehl keine Thora geben könne. Es ist auch durchaus anzunehmen, dass ihm die Kartoffel als legitimer Gegenstand lyrischen Dichtens gegolten hätte. Schließt aber eines überhaupt das andere aus? Und hat sich der aristokratische Rosengesang in der Tat überlebt, seitdem die demokratische Wut begonnen hat, Rosen besingende Aristokraten um ihren Kopf zu kürzen?
Keine – noch so nachvollziehbare – demokratische Wut wird je einen akzeptablen historischen Einspruch gegen eine in der Sphäre des Adels und in seinem Dienste entstandene Kunst oder Kunstform einlegen können; denn wäre dem so, müsste man das Beste der hohen Kunst von der Renaissance bis zur Moderne eliminieren. Heines Forderung, die Kartoffel zu besingen, gibt sich denn ironisch – die Formulierung des Postulats lässt keinen Zweifel daran. Zugleich verbirgt sich aber hinter dem ironischen Tonfall ein zutiefst ernstes Bewusstsein: Es ist ausgemacht, dass die demokratische Wut fortbestehen wird, solange die aristokratische Lyrik als Ideologie der Ignorierung des im Volke herrschenden Hungers fungiert. Dies hat seine Gültigkeit bis zum heutigen Tag bewahrt, da das Volk an keinem wirklichen Hunger mehr leidet und die historische Aristokratie auf Niemehrwiedersehen verschwunden ist.
10
Heine schreibt: „Wir begreifen die Ruinen nicht eher, als bis wir selbst Ruinen sind.“ Die Behauptung ist keineswegs selbstverständlich. Ist die Erfahrung einer Sache tatsächlich die Voraussetzung dafür, dass man sie versteht? Zweifellos verleiht die erlebte Erfahrung eines Gegenstandes seinem Verstehen eine andere Dimension als seine abstrakte Wahrnehmung, aber ist sie seinem begrifflichen Verstehen deshalb auch schon unabkömmlich? Wie soll man beispielsweise Schopenhauers Mitleidsphilosophie rezipieren, die Philosophie eines Denkers, der in seinem persönlichen Leben als wahrhafter Misanthrop bekannt war? Oder die Schriften jener, die den Krieg verurteilen, ohne ihn je auf eigener Haut erlebt zu haben? Oder die, in denen tiefe Überlegungen über die Existenz bzw. Nichtexistenz Gottes angestellt werden? Es mag freilich sein, dass Heine etwas ganz anderes meinte: Bekanntlich hat eine der psychoanalytischen Tradition verpflichtete Therapie keinen Zweck, wenn sie mit der rationalen Erklärung des Problems des Patienten durch den Therapeuten beginnt und endet. Das vorgezogene Verstehen dieses ihn peinigenden Problems wird dem Patienten kaum etwas nützen; er wird die Ruinen seines Lebens nicht begreifen und bewältigen können, solange er sie nicht psychisch (wieder)erlebt hat – und dabei in der Tat zeitweilig selbst zur „Ruine“ geworden ist.
11
Plötzlich „entdeckten“ sie ihn im Staat der Juden und beschlossen, ihn „heimzubringen“, zum „Schoß seines Volkes“ zurückzuführen. Eine Bestseller-Biographie verfassten sie ihm, Tagungen organisierte man zu seinen Ehren, eine Straße wurde nach ihm benannt und nicht nur seine jüdische Rehabilitierung – die Rejudaisierung –, nicht nur seine Rekonvertierung post mortem wird durch „Personen des öffentlichen Lebens“ (ignorant und überspannt in einem) mit größter ideologisch befeuerter Verve betrieben, sondern sogar seine Zionisierung a posteriori. Und man hört, wie sich der unglückliche Dichter in seinem Grabe umdreht und aufschreit : „Gewald! Erbarmen, liebe Juden, Erbarmen! Haben mir nicht die Deutschen schon genug angetan? Meine Intentionen verstanden sie nicht. Meine Lieder verleibten sie sich ein und mißbrauchten sie für ihre ideologischen Bedürfnisse. All dessen entkleideten sie mich, wofür ich teuer bezahlt hatte. Es war gegen sie gerichtet, merkten sie das nicht: gegen ihren verfluchten Nationalismus, gegen ihre kleinbürgerliche, ihre asketische Spießigkeit, ihre grauenhafte Obödienz, ihre psycho-politische Flucht vor der Freiheit! Brauche ich nun auch noch euch? Die Barbarei, mit der ihr andere unterdrückt, die perverse Freude, mit der ihr euch euern schändlichen Taten hingebt? Brauche ich euer entstelltes Nationaljudentum, repressiv und chauvinistisch? Vor allem aber: euren schrecklichen Verrat an der jüdisch-diasporischen Tradition einer genuinen Sensibilität für Leid und Sehnsucht nach Freiheit? Erbarmen, Juden! Laßt mich in Ruhe verrotten! Gebt eure staatlichen Ehrungen denen, die eures Staates würdig sind! Ich war nie unter ihnen und werde es nie sein! Und vergeßt bitte nicht – als ich sagte ‚Alle beide stinken’, meinte ich nicht nur den christlichen, sondern durchaus auch den jüdischen Fanatiker.“




Heine nur politisch begreifen zu wollen, ist eine Reduktion!
Er war ein Meister der Sprache!
Sein „Buch der Lieder“ zeigt die deutsche Sprache in ihrer ganzen Schönheit, indem
er Gefühle mittels Sprache hochpräzise ausdrückt.
„Wunderbar“ und „wundervoll“ z.B. drücken verschiedene Dinge aus.
Warum ausgerechnet Heine in Herrn Zuckermanns Weltsicht eingebaut wird, erschließt sich mir nicht.
Und wenn schon, dann gibt es auch da bessere Zitate!
An Heine erinnert zu werden ist ein schöner Fingerzeig, wieder mal aus diesem Kessel ewig gleichen Rechthabens des Overtone Prekariats auszubrechen.
Einige Zitate sind mir nicht bekannt gewesen. Das macht mich neugierig. Daher mein Dank an Herrn Moshe Zuckermann
Wo das unter Nr 11 angeführte Zitat zu finden ist, weiß das KI von Google nicht
Es verweist auf die “ Disputation“ von Heine, die so endet wie hier zitiert:
“ Welcher Recht hat, weiß ich nicht –
Doch es will mich schier bedünken,
Daß der Rabbi und der Mönch,
Daß sie alle beide stinken. “
Das sonstig unter 11 Zitierte scheint aus einer anderen Quelle zu stammen.
Gibt es dazu eine genauere Info?
Heiter-tiefsinnig ist wohl die richtige Bezeichnung. Der Heine an sich ist für mich sein Gedicht über Köln. Ja, das war richtig, dass das gesagt wurde.
Zu Köllen kam ich spätabends an
Zu Köllen kam ich spätabends an,
Da hörte ich rauschen den Rheinfluß,
Da fächelte mich schon deutsche Luft,
Da fühlt ich ihren Einfluß —
Auf meinen Appetit. Ich aß
Dort Eierkuchen mit Schinken,
Und da er sehr gesalzen war,
Mußt ich auch Rheinwein trinken.
Der Rheinwein glänzt noch immer wie Gold
Im grünen Römerglase,
Und trinkst du etwelche Schoppen zuviel,
So steigt er dir in die Nase.
In die Nase steigt ein Prickeln so süß,
Man kann sich vor Wonne nicht lassen!
Es trieb mich hinaus in die dämmernde Nacht,
In die widerhallenden Gassen.
Die steinernen Häuser schauten mich an,
Als wollten sie mir berichten
Legenden aus altverschollener Zeit,
Der heil’gen Stadt Köllen Geschichten.
Ja, hier hat einst die Klerisei
Ihr frommes Wesen getrieben,
Hier haben die Dunkelmänner geherrscht,
Die Ulrich von Hutten beschrieben.
Der Cancan des Mittelalters ward hier
Getanzt von Nonnen und Mönchen;
Hier schrieb Hochstraaten, der Menzel von Köln,
Die gift’gen Denunziatiönchen.
Die Flamme des Scheiterhaufens hat hier
Bücher und Menschen verschlungen;
Die Glocken wurden geläutet dabei
Und Kyrie eleison gesungen.
Dummheit und Bosheit buhlten hier
Gleich Hunden auf freier Gasse;
Die Enkelbrut erkennt man noch heut
An ihrem Glaubenshasse. —
Doch siehe! dort im Mondenschein
Den kolossalen Gesellen!
Er ragt verteufelt schwarz empor,
Das ist der Dom von Köllen.
Er sollte des Geistes Bastille sein,
Und die listigen Römlinge dachten:
In diesem Riesenkerker wird
Die deutsche Vernunft verschmachten!
Da kam der Luther, und er hat
Sein großes „Halt!“ gesprochen —
Seit jenem Tage blieb der Bau
Des Domes unterbrochen.
Er ward nicht vollendet — und das ist gut.
Denn eben die Nichtvollendung
Macht ihn zum Denkmal von Deutschlands Kraft
Und protestantischer Sendung.
Ihr armen Schelme vom Domverein,
Ihr wollt mit schwachen Händen
Fortsetzen das unterbrochene Werk,
Und die alte Zwingburg vollenden!
O törichter Wahn! Vergebens wird
Geschüttelt der Klingelbeutel,
Gebettelt bei Ketzern und Juden sogar;
Ist alles fruchtlos und eitel.
Vergebens wird der große Franz Liszt
Zum Besten des Doms musizieren,
Und ein talentvoller König wird
Vergebens deklamieren!
Er wird nicht vollendet, der Kölner Dom,
Obgleich die Narren in Schwaben
Zu seinem Fortbau ein ganzes Schiff
Voll Steine gesendet haben.
Er wird nicht vollendet, trotz allem Geschrei
Der Raben und der Eulen,
Die, altertümlich gesinnt, so gern
In hohen Kirchtürmen weilen.
Ja, kommen wird die Zeit sogar,
Wo man, statt ihn zu vollenden,
Die inneren Räume zu einem Stall
Für Pferde wird verwenden.
„Und wird der Dom ein Pferdestall,
Was sollen wir dann beginnen
Mit den Heil’gen Drei Kön’gen, die da ruhn
Im Tabernakel da drinnen?“
So höre ich fragen. Doch brauchen wir uns
In unserer Zeit zu genieren?
Die Heil’gen Drei Kön’ge aus Morgenland,
Sie können woanders logieren.
Folgt meinem Rat und steckt sie hinein
In jene drei Körbe von Eisen,
Die hoch zu Münster hängen am Turm,
Der Sankt Lamberti geheißen.
Der Schneiderkönig saß darin
Mit seinen beiden Räten,
Wir aber benutzen die Körbe jetzt
Für andre Majestäten.
Zur Rechten soll Herr Balthasar,
Zur Linken Herr Melchior schweben,
In der Mitte Herr Gaspar — Gott weiß, wie einst
Die drei gehaust im Leben!
Die Heil’ge Allianz des Morgenlands,
Die jetzt kanonisieret,
Sie hat vielleicht nicht immer schön
Und fromm sich aufgeführet.
Der Balthasar und der Melchior,
Das waren vielleicht zwei Gäuche,
Die in der Not eine Konstitution
Versprochen ihrem Reiche,
Und später nicht Wort gehalten — Es hat
Herr Gaspar, der König der Mohren,
Vielleicht mit schwarzem Undank sogar
Belohnt sein Volk, die Toren!
Ich empfehle auf’s Schärfste insbesondere die erste Strophe seines ‚Sklavenschiffs‘:
https://www.heinrich-heine.net/sklaved.htm
Aktueller denn je in Zeiten, wo das Brot unten immer knapper wird und die Spiele ausufern wie kaum zuvor.
Und wer es auf unvergleichliche Art gesprochen hören möchte, dem empfehle ich das Album ‚Heinrich Heine: Lyrik und Jazz‘ des Attila Zoller Quartetts, Sprecher Gert Westphal, Musikauswahl Joachim E. Behrendt.
Dank an Herr Zuckermann, dass er Heinrich Heine auf so nachdenkliche, erfrischende Weise wachgerufen hat. Ja, Heine hätte es verdient, jeden Tag gelesen zu werden und tritt doch im öffentlichen Bewusstsein immer mehr zurück.
Mein Lieblingsaphorismus von ihm ist:
„Ich habe die friedlichste Gesinnung.
Meine Wünsche sind: eine bescheidene Hütte,
ein Strohdach, aber ein gutes Beet,
gutes Essen, Milch und Butter, sehr frisch,
vor dem Fenster Blumen,
vor der Tür einige schöne Bäume,
und wenn der liebe Gott mich ganz glücklich machen will, läßt er mich die Freude erleben, daß an diesen Bäumen etwa sechs bis sieben meiner Feinde aufgehängt werden“. (Persönliches, Werke Bd 7, S.413, übrigens aus dem gleichen Zyklus, wie Zuckermanns Nr 7).
Ich beschränke mich darauf, nur einen Aphorismus zu kommentieren, diesen hier:
„Heine notiert: „Juden – sie waren die einzigen, die bei der Christwerdung Europas sich die Glaubensfreiheit behaupteten.“
Die Interpretation Zuckermanns, die sich an dem Wort „Glaubensfreiheit“ stört, kratzt nur an der Oberfläche, denn wie ich es sehe, meint es Heine diese Glaubensfreiheit durchaus ernst und nicht ironisch.
Und die Bemerkung, Heine habe „auf Momente repressiver Kolonisierung, die der Christianisierung der westlichen Welt innewohnten“ hinweisen wollen, ist stark verharmlosend.
Warum will sich die grausame Realität, der Ketzerverbrennerei, des Hexenwahns, des Kirchenbanns, der Folterungen, der schrecklichen Verfolgung nicht linientreuer Glaubensgemeinschaften nicht in einer anderen Ausdrucksweise Geltung verschaffen? Noch im 18. Jahrhundert konnte in Frankreich der 19 jährige Jean-François de La Barre hingerichtet, weil er eine katholische Prozession nicht angemessen gegrüßt hatte. Warum sind es „Momente repressiver Kolonisierung“, die der Christianisierung innewohnten – wo es doch eine ihrer charakteristischsten Eigenschaft war, Andersgläubige gnadenlos zu verfolgen?
Und abschließend zur Glaubensfreiheit: Natürlich ist es ein Akt der Glaubensfreiheit, wenn sich eine verfolgte Minderheit wie die Juden gegen diese wahnsinnige, verfolgerische Christenheit abschottet und es schafft, in ihrer Mitte, wie eine Oase, zu überleben. Allein dadurch waren die jüdischen Wohnstätten, oft Ghettos, Inseln der Freiheit, weil sie jedem denkenden Menschen vor Augen führten, dass es zum allmächtigen lieben Christengott, durchaus Alternativen gab. Und dass die Kommandogewalt des Papstes an diesen Ghettomauern ihre Grenze hatte, bedeutete: Es gibt Menschen, die der unterdrückerischen Kirche nicht folgen! Allein und vor allem dafür wurden die Juden gehasst und verfolgt. Ihre bloße Existenz war das Schibboleth der Freiheit.
Nur wenn man vergleichen kann, beginnt man zu zweifeln, zu denken – und zu verstehen.