Hacker „schenken“ Europa Daten von 70.381 marokkanischen Geheimdienstlern

Eine der geleakten Listen von Geheimdienstmitarbeitern.

„Jabaroot“ hat die Drohung umgesetzt und Daten zu Geheimagenten veröffentlicht, die in ganz Europa für Marokko spionieren sollen. Auch bei der „Ceuta-Invasion“ sollen marokkanische Geheimdienstler federführend gewesen sein. Bei Jabaroot könnte es sich um einen marokkanischen Snowden handeln, der aus Deutschland operieren könnte. Gedroht wird nun, auch Einsatzbefehle für den Ansturm auf die spanische Exklave Ceuta vor einem Monat zu leaken.

Es ist wohl die größte Geheimdienstkrise in der jüngeren Geschichte Marokkos, welche die „Hackergruppe“ über die Veröffentlichung von 70.381 Mitarbeitern der Geheimdienste des autoritären Königreichs ausgelöst hat. Jabaroot, was übersetzt etwa Allmacht oder Macht bedeutet, hat über einen Telegram-Kanal entsprechende Listen veröffentlicht, der nun aber nicht mehr zugänglich ist. Auch andere Speicherorte sind nicht mehr zugänglich. Bei Google Drive erscheint die Nachricht: „Sie können auf diesen Inhalt nicht zugreifen, da er gegen unsere Nutzungsbedingungen verstößt.“

Die Daten sind aber nun in der Welt. Jabaroot schrieb, man finde hier „die Namen, Geburtsdaten und Identifikationsnummern von 70.000 Agenten der marokkanischen Geheim- und Sicherheitsdienste, die in ganz Europa bei den schmutzigsten Geheimdienstaufgaben im Einsatz waren, wie Spionage, das Anbringen von Abhörgeräten und die Bestechung von Politikern und Unternehmern“. Damit wird zum Beispiel auf Marokkogate angespielt.

Marokko setzte alle Hebel in Bewegung, um eine weitere Verbreitung zu verhindern. Doch die Daten befinden sich längst auf vielen Computern und werden analysiert. Dass Jabaroot diverse erfolgreiche Hacker-Angriffe auf marokkanische Institutionen durchgeführt hat, ist klar. Das wurde zum Beispiel auch vom Fraunhofer-Institut für Kommunikation im vergangenen Jahr dokumentiert. Es war gelungen, Zugang zu vielen sensiblen Informationen strategisch wichtiger marokkanischer Behörden zu erlangen. Dass sensible Daten von zehntausenden Mitarbeitern verschiedener Geheimdienste geleakt werden konnten, zeigt den Umfang der Angriffe an. Veröffentlicht wurden neben den Namen in den Listen auch deren Registrierungsnummern im öffentlichen Dienst, die Ausweisnummern, die Bankverbindung für die Bezahlung oder sogar das Rekrutierungsdatum.

Dass es sich um korrekte Daten handelt, bestreitet nicht einmal das Regime in Marokko. Es versucht die Bedeutung aber herunterzuspielen und die Verantwortung auf den regionalen Widersacher Algerien zu lenken. Aus Rabat wird behauptet, hinter Jabaroot stünden „algerische Patrioten“. Das Königreich behauptet auch, die Daten seien veraltet und stammten von Angriffen auf „Versicherungsgesellschaften“ und „Gesundheitsorganisationen“. Die Geheimdienste DGSN und DGST haben „kategorisch“ jegliche „Verletzung“ ihrer „Informationssysteme oder Sicherheitsdatenbanken“ von sich gewiesen und betonen, dass diese „den höchsten Standards der Cybersicherheit entsprechen“. Dass bei Versicherungen oder der Sozialversicherung aber auch das Datum vermerkt ist, wann die entsprechende Person beim Geheimdienst angeworben wurde, darf stark bezweifelt werden.

Prüfungen der Daten haben unter anderem ergeben, dass zum Beispiel aktuell in der marokkanischen Botschaft in der spanischen Hauptstadt Madrid fünf Mitarbeiter auf der Gehaltsliste der Geheimdienste stehen, 15 Prozent aller Mitarbeiter. Sie wurden in den hier veröffentlichten Screenshots von Listen herausgestrichen. In allen diplomatischen Vertretungen Marokkos im spanischen Staat sollen es sogar elf sein. Die Nervosität in verschiedenen Vertretungen in Europa sei so groß, dass schon verschiedene „Diplomaten“ aus Hauptstädten abgezogen worden seien, wird auch berichtet. Das konnte unabhängig aber bisher nicht bestätigt werden.

In dem Datenpaket, das Jabaroot veröffentlicht hat, befinden sich aber auch noch weitere brisante Hinweise. Denn veröffentlicht wurden schon jetzt Auszüge aus den Einsatzbefehlen der Agenten, die vor und während des Ansturms auf Ceuta am 30. Juli nach Fnideq gereist sein sollen. Die Stadt grenzt an die spanische Exklave Ceuta an. Diese Geheimdienstler sollen den „Massenandrang“ mitorganisiert haben, wie der Ansturm in deutschen Medien gerne genannt wird. Andere sprechen von einer „Invasion“.

Sturm auf Ceuta. Screenshot aus dem YouTube-Video von elfarodeceuta.es

Dass das marokkanische Königreich tief in die Vorgänge verstrickt sein musste, daran bestand vom ersten Augenblick an kein Zweifel. Es kommen nicht fast 100.000 Menschen an eine stark abgesicherte Grenze, ohne dass Marokko davon Kenntnis hat und das zulässt (Erneut setzt Marokko seine Bevölkerung zur Erpressung ein). Es ist zudem durch zahlreiche Videos und Aussagen von Beteiligten belegt, dass viele Marokkaner von den Sicherheitskräften mit Lastwagen und Bussen extra zur Exklave gebracht wurden.

Dass sich unter denen, die Ende Juli die Grenze gestürmt haben, auch Geheimdienstler befanden, war spanischen Sicherheitskräften schnell klar. Die paramilitärische Guardia Civil hat einige über Aufnahmen der Überwachungskameras an der Grenze auch schnell identifiziert. Dass das kein Einzelfall gewesen sei, habe deren Generalstab der Zeitung „El Espanol“ bestätigt.

Jabaroot hat auch die Liste dieser Geheimdienstler veröffentlicht und auch die Spione werden angeführt, die sich derzeit weiterhin in Ceuta aufhalten sollen. Angekündigt wurde, auch die Liste derer zu veröffentlichen, die für den Ansturm auf die Grenze verantwortlich waren. Jabroot droht, auch die Einsatzbefehle zu veröffentlichen und spricht von einer „Operation“. Es handele sich um einen „offiziellen marokkanischen Plan, beginnend in Spanien, Marokkaner nach Europa zu überführen“. Jabaroot spricht mit der bisherigen Veröffentlichung von einem „großen Geschenk an Europa und insbesondere an Spanien“. Verantwortlich für die Operation Ceuta soll der Geheimdienstchef Abdellatif Hammouchi und Fouad Ali el Himma sein, der wichtigste Berater von König Mohamed VI.

Die renommierte französische „Le Monde“ hat die Daten analysiert und stellt fest, dass sich darin auch Angaben befinden, die bisher nicht öffentlich waren, wie zum Beispiel das Geburtsdatum von Hammouchi (7. Oktober 1966). Die Recherchen hätten ergeben, dass hinter Jabaroot fünf Ex-Spione des marokkanischen Geheimdienstes stecken. Sie sollen wegen gravierenden Widersprüchen den Dienst verlassen haben und sich im europäischen Exil befinden.

Andere Quellen behaupten aber, es handele sich vermutlich um keine Gruppe, sondern um einen „Einzelkämpfer“, eine Art marokkanischer Edward Snowden, der die marokkanischen Sicherheitsdienste von innen gut kennt. So zitiert die spanische Zeitung „El Mundo“ Cybersicherheitsfirmen, die Spuren von ihm verfolgt hätten. Das französische Unternehmen CybelAngel meint, diese führten sie zu einer Person, die „möglicherweise Informatikingenieur“ sei. Der bezeichne sich selbst als „Tunesier“ und „lebt in Deutschland“, was auch die Konkurrenz bestätigt habe. Die spanische Firma Navak meint demnach, dass es sich um einen ehemaligen marokkanischen Geheimdienstler handeln müsse, denn der Grad der Penetration „lässt sich ohne vorherigen privilegierten Zugriff kaum erklären“.

Wird die spanische Regierung von Marokko erpresst?

Soweit einige Spekulationen über Jabaroot. Man darf jedenfalls auf weitere Veröffentlichungen gespannt sein. Vor allem angesichts dessen, dass Jabaroot auch eine interessante Frage gestellt hat: „Wen interessieren die Pegasus-Daten in Bezug auf Pedro Sánchez?“ Tatsächlich wurde 2022 bekannt, dass in Spanien nicht nur katalanische Aktivisten und Politiker über die israelische Spionagesoftware Pegasus ausgespäht wurden, sondern auch die Handys von spanischen Regierungsmitgliedern. Alle Hinweise wiesen auf Marokko hin, das unter anderem auch den französischen Präsidenten Emmanuel Macron angegriffen habe.

Auffällig war, dass sich die Position der Sánchez-Regierung ab diesem Zeitpunkt völlig verändert hat. Sánchez leitete einen radikalen Schwenk in der Frage der Westsahara ein. Nach Donald Trump erkannte auch die ehemalige Kolonialmacht Spanien plötzlich die Souveränität Marokkos über die von Marokko illegal besetzte Westsahara an. Dass Spanien und der sozialdemokratische Regierungschef Marokko trotz der Vorgänge in Ceuta weiter mit Samthandschuhen anfasst, lässt erneut die Gerüchte ins Kraut schießen, dass Rabat über viel Erpressungsmaterial verfügen könnte. Die Skandale um den Ex-Sozialistenschef Zapatero und ehemalige Führungsmitglieder der Sánchez-Regierung bieten dafür auch Material.

Die Lage in Ceuta hat sich in einem Monat alles andere als normalisiert. Noch immer halten sich einige tausend vor allem junge Menschen in der Exklave auf, die beim Massenansturm dabei waren. „Vermummte Personen mit paramilitärischem Erscheinungsbild, die in Übergriffe verwickelt sind“ nennt die Lokalzeitung die Rechtsradikalen, die die Lage ausnutzen, um Stimmung zu machen. Die Ultras sind ungehindert in die Exklave gereist und greifen dort Marokkaner und andere an, die sie dafür halten. Sie zerstören und brennen deren improvisierte Behausungen ab. Dass die Polizei entweder nicht anwesend ist oder sogar untätig dabei zuschaut, wie hier im Video zu sehen, lässt tief blicken.

Ralf Streck

Der Journalist und Übersetzer Ralf Streck wurde 1964 in Flörsheim am Main geboren. Er studierte Politikwissenschaft und Turkologie an der Universität in Frankfurt. Seine journalistische Laufbahn begann bei Radio Dreyeckland in Freiburg, wo er eine Fortbildung zum Fachjournalist für Umweltwirtschaft absolvierte. Er lebt seit mehr als 20 Jahren im Baskenland, ist spezialisiert auf linke Unabhängigkeitsbewegungen und berichtet für diverse Medien in Europa vor allem von der Iberischen Halbinsel.
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