Gloria Steinem, die CIA und wie wir uns heute erinnern

Gloria Steinem. Bild:Jay Godwin/LBJ Library/gemeinfrei

Gloria Steinem ist tot. Sie war eine der wichtigsten amerikanischen Feministinnen, die mit anderen wie Betty Friedan, Shulamit Firestone oder Bella Abzug Rechte für Frauen durchsetzte.

 

Sie gründete das feministische Magazin MS und die MS Foundation, das Woman Media Center, sie kämpfte für gleichen Lohn, für das Recht von Frauen, ein Konto zu besitzen oder eine Kreditkarte, ohne ihren Mann zu fragen, gegen Männergewalt und sexuelle Belästigung, gegen Vergewaltigung in der Ehe, für das Recht auf Verhütung und Abtreibung.

Steinem schlich sich undercover in Hugh Hefners Playboy-Imperium ein und verkleidete sich als Bunny, um eine Reportage über ihre Erlebnisse zu schreiben. Sie organisierte einen Fonds für die Verteidigung der schwarzen Aktivistin Angelas Davis, als die vor Gericht stand. Sie ließ sich bei einer Demonstration gegen Apartheid in Südafrika verhaften. Nun ist sie tot, mit 92 Jahren starb sie in ihrer Wohnung an der Upper East Side.

Auftritt: die linken amerikanischen Cancel-Künstler, ein merkwürdiger Verbund aus — zumeist — Männern, einige davon besser bei Donald Trumps MAGA aufgehoben, Tankies, die die Sowjetunion noch heute für eine Bastion des Fortschritts halten, Männer, die ihr vorwerfen, sie habe die traditionelle Familie zerstört, natürlich die unvermeidlichen Transaktivisten, aber auch Frauen, die finden, sie war zu hübsch, um erfolgreich sein zu dürfen.

Sie werfen Steinem vor, die habe die Befreiung von Frauen über die Klassenfrage gestellt! Tatsächlich, das hat sie! Ja, die Klassenfrage! Ich erinnere mich, damals, als es noch nennenswerte K-Gruppen an der Uni gab, da machte man als aufrechte Feministin nicht mit, denn die teilten einem zum Flugblätterabtippen ein, während Männer die Reden schwangen.

Offenbar gibt es große Gruppen von linken Männern, die noch den schönen Zeiten nachtrauern, als die Frauen noch den Abwasch machen, und sie selber alle Zeit der Welt hatten, politisch zu arbeiten. Zu schade, dass das heute nicht mehr einzufordern ist. Ist daran Gloria Steinem schuld? Wahrscheinlich irgendwie schon. Ich weiß nur, dass viele Männer immer noch granteln, dass ihr wichtiger Arbeiterkampf zurückstehen muss, weil Frauen zu wenig putzen.

Dann gibt es noch die, die ihr vorwerfen, Zionistin gewesen zu sein. Es stimmt, die säkulare Tochter eines jüdischen Vaters hat sich oft gegen Antisemitismus verwandt. Und sie hat sich in einem offenen Brief gegen sexuelle Gewalt durch die Hamas ausgesprochen. Steinem weigerte sich allerdings, Israel zu besuchen, solange Bibi Netanyahu dort am Ruder ist.

Der Hauptvorwurf aber ist: Sie hat für die CIA gearbeitet! Ja, das stimmt. Und das kam so: Kurz nach dem Zweiten Weltkrieg trafen sich Michael Josselson und Melvin Lasky in Berlin. Josselson war ein russisch-jüdischer Este; Lasky ein jüdischer Intellektueller aus der Bronx, der in den Moskauer Prozessen zum Antikommunisten geworden war. Berlin war damals die Frontstadt, besetzt von den vier Alliierten, zwischen denen es 1948 zum Bruch kommen sollte.

Die beiden sorgten sich, dass die Sowjets die Oberhand gewonnen würden und wandten sich an Lucius D. Clay, den US-Stadtkommandanten. Clay finanzierte eine Debattenzeitschrift, die Lasky 1948 aus der Taufe hob: Der Monat; für den Edelfedern wie Ernest Hemingway, Günther Grass, Hannah Arendt und George Orwell die Berliner mit freiheitlichen Gedanken fütterten

Josselson hatte derweil bei der CIA angeheuert, die aus dem Office of Secret Services hervorgegangen war, dem US-Geheimdienst im Zweiten Weltkrieg. Kurz nach dem Ausbruch des Koreakriegs, der die Gemüter zum Zittern brachte, luden er und Lasky luden zum Congress for Cultural Freedom ein.

Schirmherr war der vor den Nazis geflüchtete Arthur Koestler, der bereits vom kommunistischen Glauben abgefallen war, als unter dem Hitler-Stalin-Pakt, „auf dem Moskauer Flughafen das Hakenkreuz gehisst wurde und der Chor der Roten Armee das Horst-Wessel-Lied sang“, schreibt Frances Stonor Saunders in Who Paid the Piper.

Mit Geldern aus dem Marshallplan und der Ford- und der Rockefeller-Stiftung förderte die Agency bald auch antikommunistische Verlage und Zeitschriften, Bücher und Rundfunksender, Kunstausstellungen und Filmfestivals und sozialdemokratische Politiker wie Willy Brandt.

Ihr langer Arm in Deutschland war John McCloy. Im Sommer 1959 fand in Wien das Weltjugendfestival statt, organisiert vom (kommunistischen) Weltbund der demokratischen Jugend. Zehntausende von Studenten aus aller Welt kamen. Time-Chef Jackson bat McCloy, dazu einen Artikel über die „freundliche und konstruktive“ Besatzung Deutschlands durch die USA zu verfassen. Dafür engagierte McCloy eine amerikanische Studentin: Gloria Steinem.

So kam Steinem zur CIA. Sie wusste damals nicht, wer die ganze Unternehmung finanzierte, aber als es herauskam, stand sie dazu. Und wenn man sich an den Kalten Krieg erinnert und weiß, dass die UdSSR damals noch Kritiker in die Gulags verschleppt hat, kann man die Initiatoren durchaus verstehen.

Natürlich mutierte die CIA relativ bald in diese finstere Truppe, die kommunistische Politiker überwarf oder was sie dafür hielt, was in dem Sturz des demokratisch gewählten iranischen Regierungschefs Mohammed Mossadegh gipfelte; ein Putsch, der uns heute noch beschäftigt.

Steinems Rolle war zwar relativ nachrangig, aber das verzeiht ihr die amerikanische Linke bis heute nicht. Insbesondere die „Tankies“, die noch heute an Väterchen Stalin festhalten. Das Ironische daran ist, dass es heute die amerikanische MAGA-Rechte ist, die der großen Zeit von Russland nachtrauert. Es ist wie in den Zeiten des Hitler-Stalin-Pakts, als der Chor der Roten Armee das Horst-Wessel-Lied sang, und alle waren eins.

Es ist manchmal nicht einfach, die Linken und die Rechten zu unterscheiden, schon gar nicht in Amerika. Aber klar ist, mit Feminismus haben die beiden nicht viel am Hut.

Eva C. Schweitzer

Eva C. Schweitzer pendelt zwischen Berlin und New York, wo sie eine Dissertation über den Times Square verfasst hat; sie arbeitet als Buchautorin und freie Journalistin über Medien, Entertainment und Politik. Ihr letztes Buch war „Links Blinken, rechts abbiegen“ beim Westend Verlag; derzeit schreibt sie ein Buch über die Tucholsky-Familie. Sie leitet auch den Verlag Berlinica Publishing, der Bücher aus Berlin nach New York bringt. Zuvor war sie Redakteurin beim Tagesspiegel in Berlin.
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4 Kommentare

  1. Zitat: „Natürlich mutierte die CIA relativ bald in diese finstere Truppe…“ Ich wage zu behaupten, daß die CIA nicht zu irgendetwas mutiert ist, sondern schon vorher so war. Das war nur der Moment, als in der Wahrnehmung von den betreffenden Leuten das Lügengebäude der CIA Risse bekam.

  2. Gloria Steinem ist tot.

    Wenn ein Nachruf zu einer Möbiusschleife der Selbstbefindlichkeit wird, fliegt in den Kurven des Relativistischen jegliche Glaubwürdigkeit aus der Bahn. Schon richtig, der Feminismus ist nicht die Klassenfrage, aber ein Fuß ohne Bein ist höchstens dekorativ – wenn ein schicker Schuh dran ist, gell? –, mit dem auch die selbstbestimmte Frau nicht zielgerichtet treten kann.

  3. Aus einer Schnapslaune heraus könnte man die Einschätzungen von Frau Schweitzer einfach mal an einer erfundenen Intellektuellen der damaligen Gegenseite durchexerzieren:
    „Sie hat für die STASI gearbeitet! Ja, das stimmt.“ … „Sie wusste damals nicht, wer die ganze Unternehmung finanzierte, aber als es herauskam, stand sie dazu.“ … „Und wenn man sich an den Kalten Krieg erinnert und weiß, dass die USA damals in ihren Kriegen Verbrechen an der Zivilbevölkerung begangen hat, kann man die Initiatoren durchaus verstehen.“ … „XXXS Rolle war zwar relativ nachrangig, aber das verzeihen ihr die europäischen Demokraten bis heute nicht, insbesondere die Paralemtarier, die ihre ersten Schritte in die Politik noch in der NSDAP gemacht hatten.“
    Man stelle sich den Aufschrei vor: die Republik würde sich eine ganze Woche lang demonstrativ ekeln vor einer derartigen Schönfärberei des SED-Unrechts. Die Autorin wäre für immer und ewig erledigt und hätte sich mit Aufrufen zu einer strafrechtichen Würdigung auseinanderzusetzen. Aber schon klar: mit ein bisschen Parteilichkeit für den Wertewesten gehen dergleichen Texte glatt durch…

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