
Von der Individualität des Menschen.
Ungeachtet aller Unkenrufe ist es eine gesellschaftliche Leistung, Äpfel mit Birnen vergleichen zu können – daher die Fähigkeit, zu abstrahieren und zunächst scheinbar Unvergleichbares unter einem vergleichenden Gesichtspunkt (hier natürlich: Obst) zusammenzuführen.
Abstraktion in der Wissenschaft
Glanzpunkte von Abstraktionen finden sich in der Wissenschaft. Der Überlieferung nach hat Isaac Newton das Phänomen des fallenden Apfels mit einer Kraft in Verbindung gebracht, die beispielsweise auch Planeten in ihrer Umlaufbahn um die Sonne festhält. Diese Darstellung mag zwar nur ein Mythos sein. In jedem Fall aber handelt es sich um eine instruktive Geschichte einer fantastischen und wissenschaftlich fruchtbaren Abstraktion. Hier werden Äpfel unter dem Aspekt der Gravitation nicht nur mit Birnen, sondern sogar mit Planeten verglichen.
Auch der Entwicklung der Evolutionstheorie durch Charles Darwin liegt auf den ersten Blick eine kontraintuitive Abstraktion zugrunde. Voraussetzung ist, augenscheinlich disparate Entitäten wie Marienkäfer, Lindenbäume, Regenwürmer, Delfine oder Langusten unter den vergleichenden Gesichtspunkt „Lebewesen“ zu bringen, um zu erklären, wie die Arten entstanden, statt sie lediglich kategorisch vorauszusetzen oder sie einem Schöpfergott zuzurechnen.
Allerdings eignet sich die Evolutionstheorie nicht nur als Beispiel für den Glanz, sondern auch für das Elend von Abstraktionen. Dies ist der Fall, wenn sie in Form des Sozialdarwinismus missverstanden wird, sodass unter dem Gesichtspunkt der abstrahierenden Floskel „survival of the fittest“ ein hierarchisches Verhältnis von Lebewesen herbeifabuliert wird. Sowohl zwischen Arten – der Mensch als „Krone der Schöpfung“ – als auch, durch Anwendung von „Rassenlehren”, innerhalb von Arten. Maßgeblich sind hier nicht biologische, sondern moralische, an sozialen Verhältnissen orientierte Kriterien wie „höherwertig versus minderwertig“ oder „stark versus schwach“.
Differenzierung statt Gleichsetzung
Um bei der Anwendung der zunächst auf Lebewesen bezogenen Evolutionstheorie auf soziale Verhältnisse nicht in dieses Elend zu verfallen, müssen Abstraktionen auf eine Weise vorgenommen werden, die nicht nur Gleiches, sondern auch zu Unterscheidendes von sozialer und biotischer Evolution berücksichtigt. In diesem Sinne mag Evolution auf der Ebene ihrer Operationen zwar vergleichbar sein, doch auf grundlegend unterschiedliche Weise. Für die Evolution von Lebewesen ist die Operation der Reproduktion relevant, für die soziale Evolution die der Kommunikation.
Ebenso mag Evolution mit Blick auf ihre strukturellen und systemischen Aspekte vergleichbar sein – aber auch hier auf grundlegend unterschiedliche Weise. Während bei der Evolution von Lebewesen individuelle Organismen als evolutionär veränderbare Strukturen gelten, sind es bei der sozialen Evolution soziale Erwartungen – wie etwa Werte und Normen –, die sich als Strukturen verändern können.
Auch die Einheiten, die sich evolutionär verändern – gleichsam die „Gegenstände“ evolutionären Wandels – lassen sich zwar auf der Ebene ihrer Systematik vergleichen, manifestieren sich aber in unterschiedlicher Form. Bei biotischer Evolution sind es sich reproduktiv stabilisierende Arten (Spezies), die evoluieren. Bei sozialer Evolution hingegen sind es sich kommunikativ stabilisierende soziale Systeme – wie etwa Wirtschaft, Wissenschaft, Kunst oder Politik –, die sich verändern. Dazu konkreter in wissenschaftlicher Ausarbeitung: Räwel 2017.
Die Gefahr der Stereotypisierung
Ein anderes Beispiel des „Elends der Abstraktion“ offenbart sich, wenn Personen nicht in ihrer konkreten Individualität wahrgenommen werden, sondern stereotyp und stigmatisierend unter abstrahierenden Vergleichsgesichtspunkten wie Hautfarbe, Herkunft, Religion, Geschlecht oder sexuelle Präferenz. Das Elend umfasst dabei nicht nur negativ konnotierte Perspektiven wie Islamophobie, Homophobie oder Rassismus, sondern auch Fälle von „positiven“ Stereotypen, wenn etwa „den Juden“ eine besondere geschäftliche Tüchtigkeit zugeordnet wird.
Wenn man Stereotype als Abstraktionen analysiert, lässt sich eine besonders perfide Variante entlarven: stigmatisierende Kritik an Stigmatisierung, die auf diese Weise ihre eigene Stereotypizität invisibilisiert. Sie operiert reflexiv in der Abstrahierung von Abstraktionen. Diese Beobachtungsweise zeigt sich etwa in einem Artikel der NZZ vom 15. Dezember 2025 mit dem Titel „Judenhass, überall“. Hier wird der Begriff „Antisemitismus“ selbst abstrahierend verwendet, sodass er sich „überall“ beobachten lässt.
Beispiele sind der Eurovision-Song-Contest-Gewinner „Nemo“, der seinen Pokal zurückgibt, die Moderatorin Gülsha Adilji, die Nemos Handeln positiv kommentiert, und die „Klima-Ikone“ Greta Thunberg, die „Schulter an Schulter mit Kufiya oder Schleier tragenden Einwandererkindern“ demonstriert. Auf diese Weise kann „Judenhass überall“ stereotypisierend beobachtet werden. Indem Abstraktionen abstrakt beobachtet werden, kann die vermeintliche Entlarvung eines allgegenwärtigen Judenhasses selbst als stigmatisierendes Stereotyp entlarvt werden.
Abstrakt betrachtet lässt sich festhalten: Abstraktionen geraten dann in Gefahr, in Sphären des Elends abzudriften, wenn die konkrete, individuelle Beschaffenheit ihrer Gegenstände beim Vergleich unberücksichtigt bleiben. Dies ist besonders evident, wenn es um Menschen in ihrer Individualität geht, die – zumindest hinsichtlich ihrer konkret neuronal-psychischen Verfasstheit – faktisch unvergleichbar sind. Insofern ist es aufschlussreich, zu beobachten, wie unterschiedliche wissenschaftliche Perspektiven, die notwendigerweise auf Abstraktion setzen, wie etwa die Soziologie, mit diesem Problem umgehen, wenn sie sich mit der Individualität von Menschen auseinandersetzen müssen.
Handlungstheorie: Die Illusionen des methodologischen Individualismus
Zu beobachten ist: Die empirisch bzw. statistisch orientierte Sozialforschung lässt dieses Problem schlicht beiseite. Individuelle Menschen erscheinen bereits von vornherein nicht als Individuen, sondern als vergleichbare „Datenpunkte“. Das ist insofern unproblematisch, als es bei einer Vielzahl von Forschungsfragen nicht um individuelle Befindlichkeiten, sondern um statistisch messbare Aggregationen geht: Wie viel Prozent der Wahlberechtigten planen, bei der nächsten Wahl zu gehen? Wie viel Prozent sehen Migration, Inflation oder Klimawandel als wichtigstes politisches Problem? Welcher Anteil der Bevölkerung plant, in den nächsten zwölf Monaten ein Elektroauto zu kaufen?
Aufschlussreicher ist der Blick auf die unterschiedlichen Prämissen der etablierten soziologischen Paradigmen: handlungstheoretische im Unterschied zu systemtheoretischen Perspektiven im Sinne von Niklas Luhmanns. Diese begegnen dem Problem der Individualität des Menschen fundamental unterschiedlich.
Von einer faktischen, nicht abstrahierbaren Unvergleichlichkeit des Menschen in seiner Individualität lässt sich sprechen, wenn diese empirisch ernst genommen wird. Dies ist der Fall, wenn Individualität auf das spezifische Netzwerk von etwa 80 Milliarden Neuronen des Gehirns und ihre unmittelbar damit korrelierte psychische bzw. gedankliche und insofern stets flüchtige Verfasstheit bezogen wird.
Handlungstheorien, die sich oft primär an Max Weber orientieren, fassen Soziologie als Wissenschaft auf, die „soziales Handeln deutend verstehen und dadurch in seinem Ablauf und seinen Wirkungen ursächlich erklären“ will. „Soziales Handeln“ liegt demnach vor, wenn sich das sinnhaft orientierte Handeln auf das tatsächliche oder erwartete Verhalten anderer Menschen bezieht – es ist ein menschliches Verhalten (Tun, Unterlassen oder Dulden), dem der Handelnde einen subjektiven Sinn zuschreibt und das an anderen orientiert ist. Reflexhaftes Verhalten oder Selbstgespräche im Wald zählen hingegen nicht als soziales Handeln.
Oberflächlich betrachtet sind Handlungstheorien insofern im Sinne eines „methodologischen Individualismus“ an individuellen Menschen orientiert. Es gilt, die subjektiven Sinnzusammenhänge einzelner Handelnder zu rekonstruieren. Das Problem dabei ist: Dies kann nicht bezogen auf die tatsächlichen Grundlagen menschlicher Individualität geschehen – also hinsichtlich der individuellen neuronal-bewussten Konstitution von Handelnden. Es geschieht ausschließlich mittels eines Instrumentariums, das charakteristischerweise überindividuell und gerade deshalb sozialen Charakters ist: nämlich der, mindestens zwei Personen voraussetzenden Kommunikation, etwa in Form von Umfragen, Interviews oder Fragebogenstudien.
Genau beobachtet ist es der Handlungstheorie auf diese Weise unmöglich, ihren eigenen Anspruch zu erfüllen – nämlich die subjektiven, individuellen Sinnzusammenhänge von Handelnden zu rekonstruieren. Da dies ausschließlich kommunikativ erfolgen kann – etwa mittels Interviews – rekonstruiert die Handlungstheorie nicht subjektive, individuelle Sinnzusammenhänge, sondern stets nur sozialen, überindividuellen Sinn, etwa spezifische, kommunikable Motivlagen.
Soweit die Handlungstheorie – oft vermutlich unreflektiert – voraussetzt, dass sich die individuelle psychische bzw. gedankliche Verfasstheit von Menschen mittels Kommunikation rekonstruieren oder gar identifizieren lässt, dann in der fragwürdigen Gleichsetzung von gedanklichen und kommunikativen Operationen, ist festzustellen: Sie meint es mit der Berücksichtigung der Individualität offenkundig nicht ernst, schließlich gilt diese Prämisse überindividuell und nicht individuell.
Systemtheorie: Die operative Geschlossenheit des Bewusstseins
Die Systemtheorie geht hingegen davon aus, dass die Individualität von Menschen in ihrer neurologisch-psychischen Verfasstheit fundamental asozialen, nicht auf andere bezogenen Charakters ist und sich stets nur an eigenen Operationen orientiert. Für diese These, dass sich Gedanken stets nur auf eigene Gedanken beziehen – bzw. dass neuronale Operationen nur an eigenen Operationen orientieren können –, gibt es empirische Belege. Es ist zunächst alltägliche Erfahrung: Gedanken sind ausschließlich individuell erfahrbar. Ein unmittelbarer Zugriff auf die Gedanken anderer ist unmöglich.
Von einer empirisch beobachtbaren Geschlossenheit neuronaler Prozesse gehen bekannte Forscher wie Humberto Maturana, Wolf Singer oder Gerhard Roth aus. Aktuelle Forschung dazu findet sich in den Neurowissenschaften.
Die Systemtheorie kann deshalb für sich beanspruchen, die Individualität des Menschen faktisch – und nicht lediglich vorgeblich, wie bei der Handlungstheorie – ernst zu nehmen. Die Gesellschaft und jegliches soziale Geschehen, also alles, was auf Kommunikation beruht, erscheint Menschen in ihrer jeweiligen individuellen gedanklichen Verfasstheit als Umwelt, die nicht direkt zu beobachten, sondern nur individuell gedanklich zu rekonstruieren ist.
Die Gesellschaft mit ihren kommunikativen, überindividuell konstituierten Strukturen – etwa Familie, Freundschaften, Schulen und Ausbildungsstätten – ist für Menschen in ihrer neuronal-psychischen Verfasstheit eine unerlässliche Voraussetzung, um spezifische, gedanklich erfahrbare Individualität herausbilden zu können. Empirisch zeigt sich dies an aus heutiger Sicht höchst fragwürdigen Experimenten zur sozialen Deprivation.
Die Systemtheorie behauptet, dass sich die Soziologie als ein auf Kommunikationen beruhendes Unternehmen nicht mit faktischer Individualität befassen kann – zumindest nicht, wenn diese auf ihr empirisches Fundament bezogen wird, also auf die spezifische, nicht abstrahierbare neuronale und psychische Konstitution von Menschen. Diese bleibt dem Zugriff der Kommunikation entzogen.
Das soziologische Konstrukt der Individualität
Was der Soziologie möglich ist – und nur dies ist für beide Paradigmen praktikabel –, ist, Individualität als soziales, überindividuell Gültigkeit beanspruchendes Konstrukt zu konzeptualisieren. Auf diese Weise ist es möglich, paradox anmutende Thesen wie die, dass es in der Moderne gesellschaftlich (also überindividuell) zu einer „Individualisierung“ gekommen sei, als soziales, wahrheitsfähiges Wissen zu etablieren.
Zum Abschluss bleibt, von der Handlungs- und Systemtheorie selbst zu abstrahieren. Was im Theorievergleich verdient als glanzvolle oder elendige Abstraktion zu gelten? Eine Perspektive, die vorgibt, die Individualität „des Menschen“ durch ihre Einbindung in soziologischer Theorienbildung ernst zu nehmen, sie aber faktisch in ihrer konkret-individuellen, also psychisch-neuronalen Bedingtheit außer Acht lässt?
Oder eine Perspektive, die behauptet, dass Individualität – wenn sie in ihrer neuronal-psychischen Verfasstheit ernst genommen wird – zwar eine unerlässliche Voraussetzung für die Konstitution der sich kommunikativ konstituierenden Gesellschaft ist, für die Gesellschaft selbst, also auch für die Soziologie als Wissenschaft, jedoch unerreichbar bleibt?
Oder ist dem (nun eingeschlossenen) ausgeschlossenen Dritten selbst, nämlich dem Vergleichenden, eher glanzvolle oder elendige Abstraktion zuzurechnen?



Das Machwerk bedarf eines Beipackzettels: Wer es unternehmen wollte, den Text irgendwie „verstehen“ zu wollen, riskiert ernstlich, demselben zugespitzten akademistischen Irrsinn zum Opfer zu fallen.
Es ist ungefähr 50 Jahre her, daß ich ähnlich sakralem Umgang mit Worten begegnet bin, in Stichproben in die mönchische Literatur des 13. und 14. Jhd., und das ist kein Zufall. Denn wenn man sich die Schlusswendungen stocknüchtern vorlegt, so ist es eine akademische Neuauflage eines „Hin und Her“, mit dem sich Thomas von Aquin die Zeit vertrieben hat und dessen noch halbwegs rationeller geistesgeschichtlicher Kern fast 2000 Jahre zuvor von Aristoteles ventiliert worden ist: Analogia entis.
Nur für den Fall, daß es jemand wissen will …
„Worte“? Ich sehe da nur Wörter.
@Qana
Hier muss ich dir einmal zustimmen. Obwohl, deine Ausdrucksweise ist soviel anders nicht. Hast wohl auch Soziologie studiert.
Nö, hab ich nicht, und wenn einer konkret, soll heißen „gegenständlich“, meine Ausdrucks- und Darstellungsweise kritisiert, oder auch nur bemeckert, ohne damit für „Nichtbefassung“ zu werben, ist mir das willkommen. Ist mir klar, daß meine Redeweise akademisch verseucht ist, aber da ich nun mal buchstäblich so schreibe, wie ich denke, wenn ich mir nicht gesonderte Arbeit mache, bin ich auf Meckerei angewiesen.
„zunächst scheinbar Unvergleichbares unter einem vergleichenden Gesichtspunkt (hier natürlich: Obst) zusammenzuführen“
Das Sammelsurium an Fremdwörtern soll anscheinend darüber hinwegtäuschen, dass der Autor nicht mal die Begriffe „Vergleich“ und „Gleichsetzung“ beherrscht;
Richtig, aber das hättest du besser erklärt: Eine Gleichsetzung, also die Konstruktion einer übergreifenden Identität, ist Voraussetzung eines Vergleiches, der die Differenz der subsummierten Gegenstände ident-ifiziert.
Die genealogisch primäre Form davon ist – übrigens! – die sensorische Identität von Wahrnehmendem und Wahrgenommenen, in welcher sich ein Säugling bewegt, bevor er das Konzept des „permanenten Gegenstandes“ entfaltet.
Ha Ha Ha – wie geil!!
Ein guter Beitrag, danke an den Menschen für diese Publikation.
Früher navigierten Menschen ihre Schiffe nach der Sichtweise der Position der Sterne..
Heute navigiert der Mensch sein ‚Schiff‘ durch die See, mit elektronischen Apparate.
Diese Apparate sind von unzähligen Faktoren abhängig, aber der heutige Mensch, verlässt sich auf diese geschaffene Abhängigkeit.
Das kurioseste dabei ist, das die Menschen nicht einmal in der Lage sind, eine AI konstruierte Fahrtrichtung zu folgen…, aber trotzdem diese benutzen w o l l e n, damit sie, der Mensch, beweisen möchte, das diese Person die KI lesen kann….
„Welcome to the pleasure dome“