
Die jährlich anlässlich des World Economic Forums (WEF) in Davos erscheinenden Global Risk Reports geben interessante Einblicke in sich verändernde Sichtweisen zu geopolitisch relevanten Themen. Für den aktuellen Zeitraum von zwei Jahren ist das Top-Risiko „Geoeconomic confrontation“, für die nächsten Jahre sind es Umweltprobleme. Welcher Kontext ist hierbei zu sehen?
Sichtweisen auf Globale Risiken und deren Querverbindungen
Zu dem diesjährigen WEF in Davos wurde wie jedes Jahr ein Global Risk Report vorgelegt, in diesem Jahr als 21. Ausgabe. Für die sogenannten Entscheider aus Politik und Wirtschaft enthält der Bericht die Bewertung einer aktuellen Befragung von 1.300 Experten aus unterschiedlichen Bereichen weltweit („staekholder groups, International organizations, Civil society, Academia, Government, Private sector“). Auf über 100 Seiten werden die Ergebnisse nach Einzelrisiken präsentiert. In diesem Bericht wird klassischerweise zwischen kurzzeitigen Risiken über die nächsten zwei Jahre und langzeitigen Risiken über zehn Jahre unterschieden. [1] In den zahlreichen Tabellen werden Reihenfolge, Querverbindungen sowie Auf- und Abwärtstrends dargestellt, die sich von Jahr zu Jahr verändern.
In dem diesjährigen Report wird vor allem der geoökonomische Wettbewerb gesehen. So heißt es dort (aus dem englischen Original übersetzt):
„Da globale Risiken in Bezug auf Umfang, Vernetzung und Geschwindigkeit weiter zunehmen, markiert das Jahr 2026 den Beginn eines Zeitalters des Wettbewerbs. Mit dem Zusammenbruch kooperativer Mechanismen und dem Rückzug der Regierungen aus multilateralen Rahmenwerken ist die Stabilität bedroht. Es entsteht eine umkämpfte multipolare Landschaft, in der Konfrontation an die Stelle von Zusammenarbeit tritt und Vertrauen – die Währung der Zusammenarbeit – an Wert verliert.“

Aus den zahlreichen Grafiken des Reports geht auch hervor, dass die Gewichtungen je nach befragter Gruppe und Altersschichtung sehr unterschiedlich ausfallen. Zwar werden zwar die ökonomisch zu erwartenden Belastungen durch die Folgen des Klimawandels hoch gewichtet, jedoch nur für die nächsten 10 Jahre., und deutlich abgeschwächt als Themen für den Zeitraum der nächsten 2 Jahre. („Der Klimawandel kann warten“?!). Stand in den Jahren 2017 bis 2019 noch das Atomkriegsrisiko („Weapons of mass destruction“) ganz oben in der Bewertung [2], so existiert diese Kategorie im aktuellen Report überhaupt nicht mehr. Dieses erfolgt ungeachtet der Warnung renommierter Wissenschaftler, die hinter dem Magazin „Bulletin of the Atomic Scientists“ auch mit der kürzlich aktualisierten „Doomsday Clock“ die Menschheit näher denn je an einer globalen Katastrophe durch Selbstvernichtung sehen.[3]
Faktisch geht es bei der „Geoeconomic confrontation“ um die Sicherung von Ressourcen. Neben den klassischen fossilen Brennstoffen rücken dabei immer mehr die als strategisch eingestuften Metalle und Mineralien Lithium und Seltene Erden ins Blickfeld. Dabei wird jedoch weniger berücksichtigt, dass mit deren Abbau und Aufbereitung auch eine dramatische Übernutzung der natürlichen Süßwasserressourcen erfolgt, während die Menschheit einer immer sichtbarer werdenden Verknappung entgegensteuert – auch als Folge des Klimawandels. Diese Abhängigkeit und Wechselwirkung wird auch in den umfassenden Darstellungen des Global Risk Reports kaum berücksichtigt.

Seltene Erden als exemplarisches Erpressungspotenzial
Die Jagd nach der Sicherung von Ressourcen unter den Bedingungen geopolitischer Konfrontation geht zu Lasten der Umwelt. Das zeigt sich exemplarisch bei den Seltenen Erden. Diese sind zwar in einem breiten Spektrum industrieller Anwendungen erforderlich, spielen aber auch in der Rüstungsindustrie eine Schlüsselrolle. Denn das Streben nach militärischer Überlegenheit wird heute zunehmend mit einem technologischen Vorsprung verknüpft. Die militärische Aufrüstung ist damit direkt verantwortlich für die umweltschädliche Ausbeutung von Rohstoffen.
Hier besteht derzeit eine gravierende Abhängigkeit von China, die fast einem Monopol gleich kommt. Wenngleich auch an anderen Orten weltweit Lagerstätten vorhanden sind, ist deren Erschließung und die notwendige Aufarbeitung sehr aufwändig. Etwa die Hälfte der in China geförderten Seltenen Erden stammt aus der Mine Bayan-Obo [4] in der Inneren Mongolei. Der Preis für den seit Jahrzehnten dort erfolgten Abbau sind nicht nur riesige zerstörte Landschaften, sondern auch große Mengen Abwässer, die größtenteils ungereinigt mit hohen Schadstoffbelastungen in den Boden, in Flüsse und das Grundwasser gelangen. Hinzu kommen erhebliche Feinstaub- und Schadstoffbelastungen, die als Abgase emittiert werden.
In Bezug auf die Luftbelastung – vor allem in großen Städten – hat China in den letzten beiden Jahrzehnten bewiesen, dass diese aufgrund der zwischenzeitlich dramatischen Gesundheitsbelastungen für die Bevölkerung drastisch reduziert werden konnte. Die Sanierung verseuchten Grundwassers ist jedoch eine Aufgabe, die nur im Zeitraum mehrerer Generationen geleistet werden kann.
Lassen sich diese Belastungen noch regional eingrenzen, so können die damit verbundenen Konsequenzen noch wesentlich dramatischer werden, wenn aufgrund der bestehenden Abhängigkeiten an anderer Stelle die Förderung seltener Erden angestoßen wird.
Japan hat Anfang dieses Jahres mit einer Mission zum Abbau von Seltenerdmetallen in der Tiefsee begonnen, um eine von China verhängte Exportsperre zu umgehen. Damit sollen weltweit zum ersten Mail Sedimente aus einer Wassertiefe von 5.500 Metern geborgen werden. Kritik daran kommt von Umweltorganisationen, die eine dauerhafte Zerstörung von Unterwasserökosystemen befürchten. [5].
Beschleunigte Ressourcenausbeutung trotz Alternativen
Nicht nur in dem genannten Beispiel ist schwer zu definieren, wer hier wen erpresst. Ebenso wie bei militärischer Aufrüstung und kriegerischer Aggression ist das Geflecht von Aktion und Reaktion äußerst komplex. Die regionalen und globalen Umweltbelastungen werden dadurch angesichts eines als alternativlos dargestellten steigenden Bedarfs erheblich verschärft. Mit der Digitalisierung und insbesondere durch KI-Anwendungen wird ein gewaltiger Zusatzbedarf an elektrischer Energie prognostiziert.
Vor diesem Hintergrund geht es bei der „Geoeconomic confrontation“ um die Sicherung von Ressourcen, die für technologische Schlüsselbereiche derzeit als besonders relevant angesehen werden. Im Fokus steht derzeit der beschleunigte Ausbau von Rechenzentren für KI-Anwendungen mit extrem leistungsstarken Halbleiter-Chips, in denen seltene Erden verbaut werden sowie Speicherbatterien mit Lithium. Ganz obenan stehen hierbei auch militärische Anwendungen. Sanktionen und Restriktionen in der Lieferkette von den Rohstoffen bis zum fertigen Endprodukt werden deshalb immer auch hinsichtlich eines (potenziellen) militärischen Nutzens betrachtet.
Wie fragwürdig solch eingeengte Sichtweisen sind, hat sich bereits vor einem Jahr gezeigt, als das KI-Tool ChatGPT dem chinesischen DeepSeek (als weitgehend Open-Source-Software) gegenübergestellt wurde. Letzteres ist bei vergleichbarer Leistungsfähigkeit offenbar erheblich günstiger, sowohl was den Stromverbrauch bei Rechenoperationen als auch die Hardware-Anforderungen betrifft. Ebenfalls führend ist China in der Entwicklung ressourcenschonender Hardwarelösungen durch Analogrechner und Quantencomputer.
Ein anderes Beispiel ist der Bedarf an Lithium, das derzeit für Batterien in Elektroautos noch als unverzichtbar gilt. Auch hier werden vor allem in China, dem Hauptproduzenten von Elektrobatterien, Entwicklungen mit dem vergleichsweise unproblematischen Rohstoff Natrium vorangetrieben. Damit kann der extrem umweltbelastende Abbau von Lithium zumindest stark reduziert werden – ebenso wie bei den Seltenen Erden.
Die derzeitige globale Konfrontation führt jedoch vor allem seitens der US-Digitalkonzerne zu blindwütigen Bedarfsanmeldungen für neue Kohle- und Atomkraftwerke, um den Strombedarf für Rechenzentren, der das Vielfache des derzeitigen Bedarfs beträgt, zu decken.
Ressourcenschonung nur durch internationale Kooperation
Eine von militärischen Ambitionen getriebene Strategie, die darauf abzielt, bei „Schlüsseltechnologien“ Spitzenreiter zu werden, erweist sich aufgrund bestehender Abhängigkeiten von Ressourcen als unsinnig. Da diese auch bei hauptsächlich ziviler Nutzung als „Dual Use“ militärisch relevant sind, führt dies zu einer Abschottung der anwendungsorientierten Forschung und behindert somit Innovationen auf kooperativer Basis. Insbesondere die deutsche Wirtschaftspolitik wird gemäß der seit Jahren vorhandenen Strategiepapiere von diesem Ziel angetrieben. Dies nimmt zunehmend absurde Züge an, wie die Rüstungskooperation zwischen Deutschland und Frankreich zeigt. Großprojekte wie das ohnehin unsinnige Kampfjet-Projekt FCAS sind unter anderem aufgrund der deutschen Bestrebungen nach Technologieführung seit Langem in der Schwebe.
Ressourceneffizienz statt Ressourcenausbeutung ist insbesondere bei der Digitalisierung weltweit notwendig. Dazu muss die mittlerweile vorhandene wissenschaftlich-technologische Führungsrolle Chinas anerkannt werden, statt anhaltende ideologische Blockaden gegenüber China als „systemischen Rivalen“ aufrechtzuerhalten.
Um globale Ressourceneffizienz zu erreichen, sind wissenschaftliche Kooperation nach dem UNESCO-Konzept „Open Science“ bzw. „Open Access“ [6] sowie die Reaktivierung von internationalen Wissenschaftskontakten notwendig [7]. Letztere werden derzeit durch geopolitische Konflikte massiv behindert.
Betrachtet man die Relevanz der Beiträge beim zurückliegenden WEF in Davos, so könnte genau dieses ein wichtiger Anstoß gewesen sein. Denn abseits der Schlagzeilen über die Landnahmepläne von Donald Trump und den Abgesang auf die offen als solche deklarierte Ideologie der „westlichen Wertegemeinschaft“ durch den kanadischen Premierminister Mark Carney war es eher die Rede des chinesischen Vizepremiers He Lifeng und seine ausführlichen Gespräche mit internationalen Wirtschaftsvertretern, die von Bedeutung waren.
In seiner Rede betonte er, dass man unbeirrt an den Prinzipien des freien Handels festhalten müsse, um gemeinsam eine allgemein wohlhabende und inklusive wirtschaftliche Globalisierung voranzubringen. Ebenso wichtig sei die entschlossene Wahrung des Multilateralismus sowie der Aufbau einer faireren und vernünftigeren internationalen Handelsordnung.
Meinungsverschiedenheiten sollten gemäß den Prinzipien Kooperation, gemeinsamem Nutzen, gegenseitigem Respekt und gleichberechtigter Konsultationen durch Dialog angemessen gesteuert und relevante Fragen konstruktiv gelöst werden, so He Lifeng. Chinas Entwicklung werde der Welt weiterhin bedeutende Chancen eröffnen.[7]
In Zeiten der sich entwickelnden Multipolarität stehen die Chancen für eine Rückbesinnung auf globale Kooperation (Multilateralismus) deshalb nicht schlecht. Vorerst gilt es jedoch, den militärisch geprägten globalen Konfrontationskurs zu beenden und Freiräume für wissenschaftliche Zusammenarbeit zu schaffen, was letztlich auch für das Überleben der Menschheit notwendig ist.
Fußnoten und Anmerkungen
[1] Quelle: https://www.weforum.org/stories/2026/01/global-risks-over-the-past-5-years-what-s-changed-and-what-hasn-t/ bzw. als PDF zum Download: https://reports.weforum.org/docs/WEF_Global_Risks_Report_2026.pdf
[2] Zu den Global Risk Reports siehe früheren Beitrag des Autors anlässlich des WEF 2019:
https://weltnetz.tv/story/1749-atomkriegsgefahr-kein-thema-auf-dem-weltwirtschaftsforum-davos/
[3] siehe https://weltuntergangsuhr.com/
[4] siehe Wikipedia: https://de.wikipedia.org/wiki/Bayan-Obo-Mine
[5] Quelle zu den Tiefseebohrungen z.B. https://orf.at/stories/3416894/
[7] Ein Beispiel für die Einschränkung der wissenschaftlichen Zusammenarbeit durch den Ukrainekrieg und die Sanktionen gegenüber Russland siehe hier: https://umwelt-militaer.org/groenland-reflexionen-einer-arktisforscherin/
[8] Quelle: https://german.people.com.cn/n3/2026/0121/c209052-20416951.html
siehe dazu auch den Kommentar: https://seniora.org/politik-wirtschaft/politik/pepe-escobar-der-eigentliche-bruch-in-davos




Für den Hegemon wird es eng. Die USA müssen sich beeilen um China klein zu kriegen.
https://huabinoliver.substack.com/p/china-to-get-ready-for-war-with-the
Schaut man sich die jeweiligen Führungen an, scheint es den USA dafür an natürlicher Intelligenz zu mangeln. Für einen an wirklichem Fortschritt interessierten Rest der Welt ist das ein Segen.
Wie resourcenschonend war die Anreise der Protagonisten zu dieser Showveranstaltung?
Einige raunen, rund 1.000 zusätzliche Flüge.
Damit sind dann wohl diejenigen Unterpriviligierten, die per Linienmaschine statt mit Privatjet kommen müssen, noch gar nicht erfaßt,
Klingt für mich nach „Wasser predigen, Wein saufen“.