
Israels Landnahme um 1200 vor der Zeitrechnung soll durch Ausrottung der vorherigen Bewohnerschaft erfolgt sein – doch solche Fiktionen haben Bibelautoren erst Jahrhunderte später ersonnen.
Die Hebräische Bibel, eine Sammlung höchst unterschiedlicher, z.T. geradezu gegensätzlicher Bücher, gehört für mehr als zwei Milliarden Menschen zum anerkannten Kanon „Heiliger Schriften“. Sie enthält eine zivilisatorische Friedensperspektive für die Menschheit, die angesichts der Möglichkeit eines selbstmörderischen Weltkriegs der Gattung „Homo sapiens“ mehr denn je höchste Beachtung verdient: Schwerter sollen zu Pflugscharen umgeschmiedet werden („Brot statt Bomben“); auf dem ganzen Erdkreis wird man das Kriegshandwerk nicht mehr lernen (Micha 4,3; Jesaja 2,2-4).
Andererseits enthalten die „Heiligen Schriften“ archaische, wirklich abgründige Vernichtungsszenarien – angeblich ins Werk gesetzt unter Mitwirkung und Wohlgefallen des Allerhöchsten. Es gehören besonders „die Landnahmeerzählungen zu den ethisch anstößigsten Texten der Hebräischen Bibel, erzählen sie doch von völkermörderischen Aktionen, die im Auftrag und mit Billigung des Gottes Israels durchgeführt worden sein sollen“ (R. Kessler: Der Weg zum Leben. 2023, S. 303). „Die ersten zwölf Kapitel des Josuabuches, die von der Eroberung des Landes handeln, scheinen durchweg einer Linie zu folgen: eine von Gott legitimierte Eroberungspolitik verbunden mit der Vertreibung der Bewohner und Vernichtung allen nichtisraelitischen Lebens“ (M. Görg: Der un-heile Gott. 1995, S. 34).
Zwei Beispiele im Wortlaut: „Aus den Städten dieser Völker jedoch, die der HERR, dein Gott, dir als Erbbesitz gibt, darfst du nichts, was Atem hat, am Leben lassen.“ (5. Buch Mose / Deuteronomium 20,16) – „Geh und schlage Amalek und unterwirf sie dem Bann, alles was zu ihm gehört! Verschone ihn nicht! Töte Männer und Frauen, Kinder und Säuglinge, Rinder und Schafe, Kamele und Esel.“ (1. Buch Samuel 15,3).
Ergänzend zu einem jetzt erschienenen Sammelband der Schalom-Bibliothek haben wir die bedeutsamsten Bibelstellen zum Thema in einer auch im Netz aufrufbaren Textdokumentation zusammengestellt.
Gewaltkritik der abrahamitischen Religionen – ohne zweierlei Maß
Beim Feld ‚Gewalt- und Kriegskomplexe in Heiligen Schriften‘ denken die meisten Menschen hierzulande überwiegend sofort an die fundamentalistische Koran-Auslegung der ‚Islamisten‘ (oder generell an ‚den Koran‘). Geradezu inquisitorisch wurden (werden) Muslime und ihre Vertretungen im öffentlichen Raum seit Beginn des neuen Jahrtausends immer wieder aufgefordert, sich von ‚Gotteskriegern‘ – die man ihren Reihen zuordnete – zu distanzieren. Gleichzeitig mussten (und müssen) sie erleben, dass Millionen muslimische Opfer, getötet von Militärs aus überwiegend noch christlich geprägten Ländern, vor dem Hintergrund einer rassistischen Weltbetrachtung als ‚Kollateralschäden‘ eines sogenannten Antiterrorkrieges abgehakt und vergessen wurden (werden). Die passenden Feindbilder zu diesem abgründigen Komplex gehörten – wie ich u.a. in der Studie „Kino der Angst“ (2005/2007) zeige – schon vor vier Jahrzehnten zum Repertoire der unterhaltungsindustriellen Massenkultur. – Tötende Gewalt, so müssen wir schlussfolgern, gilt nur dann als verwerflich, wenn sie aus dem Kulturkreis der ‚Anderen‘ heraus ins Werk gesetzt wird. Nur in diesem Fall sind auch Opferzahlen und Opfergedächtnis von Interesse.
Die selektive Blickrichtung, welche die Gewaltfrage nur an den jüngsten Spross im abrahamitischen Kreis adressiert, hat allerdings schon lange jede Plausibilität verloren. Nicht nur Hamas und Hisbollah folgen einer Ideologie der Menschenverachtung. Ein beträchtlicher Teil der Evangelikalen besonders in den USA betreibt eine abgründige fundamentalistische Bibelauslegung, ist förmlich versessen auf katastrophische Szenarien als Vorboten des Endes aller Tage und bekennt sich unverhohlen zu tötender Gewalt. Dieser ‚faschistoide Christenkomplex‘ plädiert für Theokratie und hegt keinerlei Skrupel, an einem Weltenbrand mitzuwirken. (Im Gegensatz zu vielen polnischen Katholiken unserer Tage sind die meisten Anhänger aber nicht offen antijudaistisch oder antisemitisch.)
Eine fundamentalistische Auslegung von Texten der Hebräischen Bibel, die z.T. mit archaischen Ausrottungsszenarien verknüpft sind, verfolgen sodann jene rechtsextremen Nationalreligiösen, die gegenwärtig die Regierungspolitik in Israel mitbestimmen (vgl. z.B. die Schlussabschnitte im Wikipedia-Eintrag „Amalekiter“). Während die seit zwei Jahrtausenden tradierte rabbinische Richtung des Judentums sich durch eine ausgeprägte Liebe zum Leben (Biophilie) auszeichnet, huldigen diese – wiederum theokratisch ausgerichteten – Kräfte in ihrem öffentlichen Wirken einem regelrechten Kult des Todes (u.a. Menschenerniedrigung als mediale Inszenierung, Foltervoten, Feldzug für Hinrichtungen durch eine selektive Militärgerichtsbarkeit, Rassismus, Entmenschlichung der ‚Anderen‘, Vernichtungsphantasien).
Ungezählte Menschen waren in einem Zeitraum, der sich fast über ein ganzes Jahrtausend erstreckt, am Werdegang der Bibel beteiligt: betend, erzählend, dichtend, schreibend, überliefernd, übersetzend, redigierend, korrigierend, streichend, kombinierend, anreichernd, ausdeutend …, bewertend und auswählend (Kanon). Wer ganz allgemein nur von „der Bibel“ spricht, der bleibt so vage oder nichtssagend wie jene, die von „dem Judentum“, „dem Christentum“ oder „dem Islam“ reden. Wenn unter den Namen der drei abrahamitischen Religionen jeweils geradezu konträre, mithin sich einander ausschließende theologische Standorte anzutreffen sind – und solche ‚Pluralität‘ auch in den Heiligen Urkunden anzutreffen ist, so verbietet es sich von selbst, alles über einen Leisten zu ziehen. Andererseits dürfen unbequeme ‚Befunde‘ bezogen auf die abrahamitischen und andere Religionen in Bewertungen nie mit zweierlei Maß gemessen werden.
Scharfe laizistische und humanistische Religionskritik
Der unheilvollen Wirkungsgeschichte „gewalthaltiger Bibeltexte“ in vielen Jahrhunderten und ihrer fundamentalistischen Indienstnahme stehen die „schützenden und rechtfertigenden Filter der talmudischen Tradition“ gegenüber: „Talmud-Studenten wussten immer schon und wissen auch heute noch, dass die hebräische Bibel nicht ohne Anleitung zu lesen ist, ohne vermittelnde und abfedernde Auslegung der erbarmungslosen und ‚unverständlichen‘ Worte Gottes.“ (Shlomo Sand; dies und nachfolgende Aussagen werden nach dem o.g. neuen Band zitiert.)
Mit einer Rückbindung an das überkommene rabbinische Judentum, das sich in zwei Jahrtausenden durch eine weithin pazifistische Exegese auszeichnet, wäre an dieser Stelle schon viel gewonnen. Grundsätzlich sollten wir alle frommen Auslegungen, die der fundamentalistischen Lesart von Totmachkomplexen in der Bibel wehren, begrüßen. Doch gegenüber atheistischen bzw. ausdrücklich religionsfeindlichen Kritikern jeglicher ‚Gewalt im Namen Gottes‘ kann die exegetische Besänftigung noch keinen Dialog auf Augenhöhe anbahnen.
Der britische Biologe Richard Dawkins meint: „Der Gott des Alten Testaments ist – das kann man mit Fug und Recht behaupten – die unangenehmste Gestalt in der gesamten Literatur.“ Heinz-Werner Kubitza (Beirat der Giordano-Bruno-Stiftung) sekundiert mit folgendem Fundamentalangriff: „Nach heutigen Maßstäben ist Jahwe, der Gott des Alten Testaments […], nicht nur ein Kriegsgott, sondern auch ein Kriegsverbrecher. Und zwar einer von der übelsten Sorte. Er betreibt in großem Stil Vernichtungskriege und ethnische Säuberungen. Er verstößt aus heutiger Sicht in erheblichem Umfang gegen Völker- und Menschenrechte, ist rücksichtslos und ohne Mitleid mit seinen Opfern. So jedenfalls die biblische Darstellung, wenn man die geschilderten Kriege und die Erzählungen einmal nüchtern daraufhin befragt, was hier eigentlich geschildert wird. Gläubige sind in der Regel zu einer solchen Analyse kaum fähig, weil sie sich, ohne tiefer nachzudenken, natürlich auf die Seite ihres Gottes gestellt haben und selbst schlimmste und menschenverachtendste Erzählungen glaubenskompatibel umdeuten, nur in Teilaspekten wahrnehmen oder gleich gänzlich ignorieren“ („Der Glaubenswahn“, 2016).
Die „kirchliche Interpretationshilfe“ und mannigfache Apologien der Gottesgelehrten überzeugen Kubitza nicht – und in vielen Fällen bringt er – als promovierter Theologe – sehr ernstzunehmende Argumente vor.
Fiktionen über den Vorgang der Landnahme
In der Forschung werden die biblischen Ausrottungsnachrichten im Zuge der sogenannten ‚Landnahme‘ heute ganz überwiegend als Fiktionen betrachtet, so vom israelischen Historiker Shlomo Sand: „Da archäologische Befunde immer eindeutiger belegen, dass der Auszug aus Ägypten [so] niemals stattfand und das Land Kanaan in dem Zeitraum, von dem die biblische Erzählung berichtet, auch nicht auf einen Schlag erobert wurde, darf zu Recht davon ausgegangen werden, dass die grauenvolle Geschichte über den Massenmord [bei einer Landnahme, pb] pure Erfindung ist. Es waren, allem Anschein nach, einheimische Bevölkerungselemente, die in einem langwierigen, stufenweisen Übergang vom Nomadentum zur Landwirtschaft zu einem bunten Gemisch aus Kanaanitern und Hebräern wurden, und aus dieser autochthonen Bevölkerung erwuchsen im weiteren Verlauf zwei Königreiche – das größere Israel und das kleinere Juda.“
Es ist, so meint etwas vorsichtiger Andreas Michel, „der allergrößte Teil der biblischen Literatur, in der die Praxis der Vernichtungsweihe vorkommt – nämlich in der sogenannten Landnahmezeit bzw. der frühen Königszeit, also dem 12. bis 10. Jahrhundert – nicht zeitgenössisch, das darin Erzählte beruht auch nur zum geringsten Teil auf historischer Erinnerung. Nach ziemlich einhelliger Überzeugung der christlichen Exegetinnen und Exegeten stammen diese brutalen Landnahmetexte mit dem terminus technicus ḤRM [cherem] in Josua 6-11, dazu der Programmtext in Deuteronomium 7, frühestens aus dem Ende des 7. Jahrhunderts, wahrscheinlicher aus dem 6. Jahrhundert, also aus der Zeit des sogenannten babylonischen Exils, als solche grausamen Praktiken für die militärisch unterworfenen Israeliten bzw. Judäer nur noch ins Reich des allenfalls gedanklich Möglichen fallen konnten. Im Josuabuch wird also offensichtlich aus dem Rückblick von mindestens einem halben Jahrtausend (!) später die Landnahme als gewalttätig dargestellt, vielleicht mit Blick auf die damals und bis heute beeindruckenden großen Ruinenhügel oder auf die eigenen befestigten Städte der Gegenwart, aber jedenfalls nicht mit irgendwie validen historischen Kenntnissen“ (2014).
Heinz-Werner Kubitza betont in seinem streitbaren Werk (s.o.): „Nun, der Gott des Alten Testaments kann an dieser Stelle entlastet werden, denn die geschilderten Massaker hat es fast alle historisch nicht gegeben. Sie sind meist reine Erfindungen der deuteronomistischen Redaktoren, die es für eine gute Idee gehalten haben, ihren Gott als Schlächter und Vernichter von Ungläubigen darzustellen.“
Nachdrücklich konstatiert Rainer Kessler: „Es ist heute außer bei Fundamentalisten eine unbestrittene Erkenntnis, dass eine militärische Eroberung in der Art, wie sie das Josuabuch beschreibt, nie stattgefunden hat. Die so genannte Landnahme war ein überwiegend friedlich verlaufener Vorgang der Ansiedlung in bis dahin unbesiedelten Gebirgsgegenden in den Zwischenräumen der alten kanaanäischen Städte. […] Israel wäre zu keiner Zeit seiner Geschichte in der Lage gewesen, solche völkermörderischen Kriege zu führen. Wenn sie trotzdem erzählt werden, handelt es sich dabei ‚um israelitische Adaptionen altorientalischer Propagandatexte‘. Bei der Darstellung, dass die Vorfahren mit Hilfe des eigenen Gottes in der Lage waren, selbst solche Gewalt auszuüben, handelt es sich um Rachephantasien der Opfer, die für diese eine befreiende, entlastende und stabilisierende Funktion haben“ (2023).
Hans-Michael Haußig führt mit Blick auf biblische ‚Gewaltnarrative‘ summarisch aus: „Die Mehrzahl der im Tanach beschriebenen Gewalthandlungen findet sich in den Büchern Deuteronomium, Josua, Richter, Samuel und Könige, die von der Mehrheit der Forschung der deuteronomistischen Schule zugeordnet werden und deren Entstehung zum überwiegenden Teil erst in der Zeit des Exils anzusiedeln sein dürfte. Insofern handelt es sich nicht um zeitgenössische Berichte der in ihnen beschriebenen Auseinandersetzungen, sondern um nachträglich verfasste Schilderungen, in denen sich eher der Zweck erkennen lässt, bestimmte theologisch-ideologische Grundauffassungen zu übermitteln. Dementsprechend war Israel immer dann erfolgreich gegenüber anderen Völkern, wenn es sich auf Gott verlassen und die Gebote der Thora eingehalten hat …“ (2024).
Der Bann – die sogenannte „Vernichtungsweihe“
Das Skandalöse an den betreffenden biblischen Schilderungen von der Ausrottung ganzer Städte bzw. Menschengemeinschaften ist – theologisch betrachtet – nicht etwa eine ausgesprochene Einzigartigkeit, sondern im Gegenteil der Umstand, dass sie sich trotz mancher Eigentümlichkeiten problemlos einreihen in den Bilderbogen der bronze- und eisenzeitlichen Kriegsideologie bzw. Kriegspropaganda Westasiens (vgl. im neuen Band die Seiten 297-313 und 324-344). Die seit fünf Jahrtausenden auftauchenden kriegslüsternen Staatsgottheiten gehören zum Überbau einer unheiligen Dreifaltigkeit von Aneignung, Herrschaft und Krieg. Sie sind ein Fall für die materialistische Religionsgeschichtsforschung, aber ganz sicher nicht für eine „Offenbarungstheologie“.
Das kleine ‚Israel‘ (zwei Königreiche) war kein mächtiger Akteur im Kreis der Militärstaaten und Imperien des 1. Jahrtausends vor der Zeitrechnung, sondern ein Opfer der Kriegsgewaltigen: „Ein versprengtes Schaf war Israel, von Löwen gehetzt. Zuerst hat es der König von Assur gefressen, zuletzt hat ihm Nebukadnezzar, der König von Babel, die Knochen abgenagt.“ (Jeremia 50,17) Der Gott Israels – ein Gott der Nomaden, der entlaufenen Slaven und der jeglicher Königsmacht abgeneigten Stämme – ist anders, ganz anders als all die anderen (Staats-)Götter ‚ringsum‘. So lautet der theologische Anspruch. Wie konnten dann aber Autoren der Bibel auf die Idee kommen, Selbstrühmungen der imperialen Massenmörder und die heidnische Kriegspropaganda aggressiver Staaten als Vorlagen heranzuziehen?
Für den besonders berüchtigten Bann („Vernichtungsweihe“) gibt es mit der Mescha-Stele aus der Mitte der 9. Jahrhunderts v. Chr. ein außerbiblisches Zeugnis, in dem Israel als Opfer desselben genannt wird. Durch die Inschrift bekundet der König von Moab, der die Gunst des Gottes der Moabiter zurückerlangt hat, folgenden Militärschlag gegen die vormaligen Bedrücker: „Und [unser Gott] Kemosch sprach zu mir: Geh, nimm Nebo (im Kampf) gegen Israel. Da zog ich bei Nacht los und kämpfte gegen es von Tagesanbruch bis Mittag. Und ich nahm es ein und tötete alles: 7000 Männer, Klienten, Frauen, [Klien]tinnen und Sklavinnen, denn ich hatte es dem Aschtar-Kemosch (durch Bann) geweiht. Und ich nahm von dort die [Gerät]e (?) Jahwes und schleppte sie vor Kemosch.“
Der Alttestamentler Walter Groß meinte 2011: „Die voll ausgebaute Theorie des Jhwh-Krieges als Eroberungskrieges Israels im Kontext der ‚Landnahme‘ setzt die Auseinandersetzung mit der assyrischen Kriegspraxis und mit der assyrischen Kriegsideologie voraus, der zufolge der assyrische König als Stellvertreter und Repräsentant des Königsgottes Assur verpflichtet ist, die Feinde als Repräsentanten des Chaos zu unterwerfen und das Staatsgebiet Assurs zu erweitern. Die Ausbildung bzw. literarische Verwendung des Motivkomplexes ‚JHWH-Krieg‘ gänzlich erst Deuteronomisten des 6. Jahrhunderts [v.Chr.] zuzuschreiben, kann schon wegen der unverdächtigen Parallele in der moabitischen Mescha-Inschrift aus der Mitte des 9. Jahrhunderts nicht überzeugen.“ Hier scheint es nun nicht mehr so gesichert zu sein, dass eine der Gottheit geweihte Ganzopferung fremder Kollektive für Israel/Juda zu keinem Zeitpunkt der Geschichte möglich gewesen wäre.
Selbstredend ist es Aufgabe der theologischen Forschung zu ergründen, warum späte Theologenschulen bzw. biblische Autoren mehrere Jahrhunderte nach einem Besiedlungsprozess die von ihnen angenommene Landnahme als ein Geschehen mit abgründigen Gewalt- und Tötungsszenarien schildern. Mit Blick auf den Anspruch einer Offenbarungsurkunde ist das theologische Problem der entsprechenden Bibelinhalte mitnichten gelöst, wenn wir diese unter die Überschrift stellen: ‚Alles nur Fiktionen!‘
Wie man die biblischen Texte nicht verteidigen sollte
Denn auch eine fiktionale – erfundene – Massentötung auf himmlisches Geheiß hin bleibt verbunden mit einem unannehmbaren Gottesbild, von der unseligen Wirkungsgeschichte ganz zu schweigen. Der Bibel zufolge entkommt das Volk Israel dem Sklavenhaus Ägypten. Sein Gott verheißt ihm das – schon besiedelte – Land Kanaan als das Gelobte Land. Damit die Israeliten sich dort ansiedeln können, ist es vorgesehen, dass sämtliche Vorbewohner jeglichen Geschlechts und Alters ausgelöscht werden; nichts, was Atem hat, darf am Leben bleiben.
Vor dem Hintergrund der bronzezeitlichen Anschauungen sind bei Ausrottungen drei Grundvarianten vorstellbar, die allerdings für die Toten auf den Leichenfeldern weniger bedeutsam sind als für die bezahlten Kriegstheologen: 1. Die Gottheit befiehlt, ihr Schützling erweist sich als würdiger und fähiger Ausführender. 2. Gottheit und Schützling gewinnen im guten Zusammenspiel gemeinsam die Schlacht. 3. Allein die Gottheit bewirkt (für den jeweils geliebten Schützling) durch ihre überirdische Wundermacht den Sieg. (Bisweilen wird der von Jahwe im Alleingang bewerkstelligte Sieg – trotz evtl. entgegenstehender Befunde in der altorientalischen Kriegstheologie – geradezu als Alleinstellungsmerkmal des Glaubens Israels dargestellt, und es kommt der Verdacht auf, dies könne gar als entlastendes ‚Motiv‘ zugunsten der Bibel dienen. Warum aber, so die Fragestellung der Humanisten heute, sollte der kriegerische Massenmordapparat menschlicher Machtgebilde irgendwie annehmbarer erscheinen, wenn man ihn schamlos Gott – noch dazu als dem alleinigen Akteur – zuschreibt? Ja: warum?)
Die von Bibelautoren geschilderte Landnahme geht davon aus, dass Gott – ganz der altorientalischen Kriegsideologie entsprechend – nur auf einer Seite steht und parteilich ist. Sie bringt dann nicht nur wenigen Herrschern den Tod, sondern ganzen Bevölkerungen. Schon deshalb überzeugt es nicht, den Kriegsgott der ‚Landnahmezeit‘ entschuldigend als den Anwalt der Rechtlosen, Versklavten und Armen zu identifizieren. Es soll vermutlich besonders ‚theologisch‘ klingen, wenn die angenommene Landnahme als Land-Gabe (an befreite Sklaven, umherziehende Halbnomaden und egalitäre Bauernstämme) bezeichnet wird. Doch das lindert kaum den Schmerz darüber, dass die Besitzergreifung eines bereits bewohnten und bewirtschafteten Territoriums in biblischen Berichten mit der Auslöschung seiner gegenwärtigen Bewohner verbunden ist: „Ich gab euch ein Land, um das ihr euch nicht bemüht hattet, und Städte, die ihr nicht erbaut hattet. Ihr habt in ihnen gewohnt und ihr habt von Weinbergen und Ölbäumen gegessen, die ihr nicht gepflanzt hattet. Fürchtet also jetzt den Herrn und dient ihm in vollkommener Treue!“ (Josua 24,13-14)
Israels Erwählung wird heute auch vom rabbinischen Judentum so verstanden, dass sie – eher Bürde als Bevorzugung eines sehr kleinen Volkes – so etwas ist wie ein göttliches Experiment, das allen Völkern als Licht und Wegweisung dient (vgl. Jesaja 49,6). Die Erwählten zeigen aller Welt, wie Menschen in einem vorbildlichen Gemeinwesen gottwohlgefällig und gerecht auf dieser Erde das (Zusammen-)Leben meistern können. Wer aber könnte irgendeinem unschuldigen Kind oder einem suchenden Sünder vermitteln, dass solch ein wunderbares – obendrein mit fundamentaler Herrschaftskritik verbundenes – Unternehmen, um Raum zu bekommen, mit einem Genozid beginnen müsse? Sämtliche Beschwichtigungen und Rechtfertigungen, die hierauf keine Antwort geben, sollten besser in der Schublade verbleiben.
Hüten sollten wir uns auch vor unsachgemäßen Idealisierungen, etwa hinsichtlich der deuteronomistischen ‚Kriegsgesetze‘, ebenso vor allen apologetischen Beschwichtigungen und ‚Fortschrittshypothesen‘, die nur vor Zirkeln frommer Bibelleser ‚standhalten‘. Einer Stadt z.B., die man tributpflichtig machen – also ausbeuten will, wird man zunächst schon aus purem ökonomischem Eigeninteresse eine ‚friedliche Unterwerfung‘ anbieten (5. Mose 20,10-13). – Ein gewisser Schutz von Frauen der feindlichen bzw. angegriffenen Kollektive (5. Mose 21,10-14) scheint zumindest kein Alleinstellungsmerkmal der biblischen Bestimmungen zu sein, wenn man den Autoren der Studie „Die Evolution der Gewalt“ (2024, S. 270-271) folgt: „Ein Vasallenvertrag der Hethiter etwa untersagte sexuelle Gewalt gegen Frauen. Das findet Eingang in die Bibel und belegt damit die Dringlichkeit.“
Innerhalb der „Heiligen Schriften“ wird um das Gottesbild gerungen, aber es gibt kein zielgerichtetes, konstant fortschreitendes Streben hin zu jenem Gott, „der alle Kriege zerschmettert“ (Septuaginta: Judit 16,2). Mitunter werden nämlich bestimmte alte Überlieferungen erst durch viel jüngere Redaktionen mit Gewalttendenzen angereichert.
Die Bibel als Bibliothek: Streitgespräch statt Zensur
Die rabbinische Theologie eröffnet eine große Freiheit und Pluralität bei der Bibelauslegung, doch sie sieht selbstredend keine Streichungen im kanonischen Text vor. Die Bibel ist erschütternder Spiegel einer Kriegswelt des ersten Jahrtausends vor unserer Zeitrechnung und enthält selbst ein Übermaß an kriegstheologischer Ideologie. Uns begegnen „Projektionen des Glaubens an den Mythos erlösender Gewalt auf Gott hin“ (Thomas Nauerth): die Todeskulte, Leiden und Zerstörungen im Gefolge der staatlichen Gewaltkomplexe seit der Bronzezeit.
War nun der Gnostiker Marcion im Recht, als er im 2. Jahrhundert n. Chr. die Hebräische Bibel und alles mit ihr Harmonisierende aus dem Bibelkanon der Christen herausstreichen wollte – um nur noch einen vermeintlich durch und durch ‚guten Gott‘ gelten zu lassen? Nein, Marcion und alle ihm bis heute nachfolgenden Verfechter einer die Bibel verunstaltenden Zensur liegen falsch. Dies gilt gerade auch mit Blick auf die Friedensbotschaft der Hebräischen Bibel, die wir im Anschluss an das hier vorgestellte Werk in einem weiteren Band der Schalom-Bibliothek möglichst breit erschließen wollen. Schon die ‚Hausordnung der Tora‘ werden wir darin würdigen müssen, denn auf wirksame (rationale) Weise lässt sich eine Gesellschaft gegen Gewalt von innen und außen nur verteidigen durch ein soziales Gemeinwesen, in dem die Gleichberechtigung aller Glieder, Solidarität und Gerechtigkeit walten – und Menschen gestärkt (nicht klein gemacht) werden. Zur Friedenstheologie gehören auch all jene Texte, die es innerhalb der Bibel angehen, Gewaltszenarien abzumildern, umzudeuten oder durch Gegenbilder zu kritisieren.
Weisheitslehrer und Staatstheologen, Krieger und Botschafter des Friedens kommen in höchst unterschiedlichen Schriften zu Wort. Die Bibel – als Bibliothek verstanden – bietet Raum für ein großes Streitgespräch: „Nie … wird der Krieg verdrängt und die ihn tragende Mentalität durch eine andere, auf Ausgleich und Frieden gerichtete ersetzt. Immer bleiben beide Standpunkte als Spiel und Widerspiel bestehen“ (Bernhard Lang). Nur deshalb können wir auch die Friedenskunde im ‚Buch der Bücher‘ in ihrer ganzen Dringlichkeit aufnehmen bzw. verstehen.
Der von keinem ‚Pazifisten‘ zensierte Kanon ist somit wirklich ein Glücksfall! Kein Jota dürfen wir herausschneiden aus den ‚gewalthaltigen Anteilen‘, auch wenn eifrige ZeitgenossInnen möglicherweise schon bald ein ‚Canceln‘ der Hebräischen Bibel einfordern – was keineswegs außerhalb aller Wahrscheinlichkeit liegt.
Hinweis zum neuen Band ǀ Gewalt und Kriegstheologie in der Hebräischen Bibel. Ein Lesebuch der Schalom-Bibliothek – Mit Texten von Peter Bürger (Hg.), Friedrich Erich Dobberahn, Jürgen Ebach, Bruno Kern, Ansgar Moenikes, Bernhard Lang, Thomas Nauerth, Egon Spiegel und Jochen Vollmer. (edition pace ǀ Regal: Pazifisten & Antimilitaristen aus jüdischen Familien, 16). Hamburg: BoD 2026. (ISBN: 978-3-6963-9675-6; Paperback; 400 Seiten; 16,99 Euro).
Ergänzende Dokumentation im Netz ǀ Bibelstellen zu Gewalt und Kriegstheologie
Bibliotheksportal | Alle Publikationen des Regals „Pazifisten & Antimilitaristinnen aus jüdischen Familien“ erscheinen zunächst als Digitale Erstausgaben und sind frei abrufbar auf dem Projektportal – dort auch weitere Beiträge und alle Informationen zu den bisherigen Buchangeboten.
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Schwieriges Thema.
Ja, warum hat man im Zuge von inhaltlichen Revisionen diese üblen Passagen nicht entfernt?
Vermutlich deshalb, weil bis in die frühe Neuzeit hinein niemand daran Anstoß nahm.
Okay, Marcion nahm Anstoß.
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Wie der Autor schon sagt: Die Bibel ist in Wahrheit nicht EIN Buch, sondern eine ganze Bibliothek. Sie ist eben gerade nicht ein Buch aus einem Guss – sie unterscheidet sich insofern stark vom Koran – sondern eine bisweilen seltsam und fast schon willkürlich anmutende Zusammenstellung verschiedenster Texte, die sich auch teils widersprechen und auf unterschiedlichsten geistigen Entwicklungsstufen der Menschheit stehen.
Hinzu kommt, dass gar nicht der Anspruch erhoben wird, dass alle Autoren der Bibel in stärkerem Maße göttlich inspiriert gewesen seien.
Man sollte auch nicht annehmen, dass die im AT geschilderte oder zumindest befürwortete Handlungsweise gegenüber unterlegenen Gegnern damals etwas krass Abweichendes oder gar Einmaliges bzw. spezifisch Jüdisches gewesen sei. Der Autor erwähnt daher auch ganz richtig die Orientierung an der Praxis der Assyrer. Noch zu Zeiten der späten Mongolen – etwa unter Timur Lenk – war es doch in bestimmten Gebieten üblich, die besiegten Gegner über die Klinge springen zu lassen. Da konnte schon froh sein, wer bloß zum Sklaven wurde.
Wir haben es also keineswegs mit einer besonderen jüdischen Praxis zu tun, sondern lediglich mit dem Umstand, dass eine üble Praxis, die vor 3000 oder 4000 Jahren aber allgemein verbreitet war, durch ihre Erwähnung in den Geschichtsbüchern der Bibel bis heute bekannt bleibt. Die ganz ähnlich üble Praxis der nichtjüdischen Moabiter, Mongolen, Ägypter, Assyrer usw. usf. ist hingegen längst vergessen, da es nicht in vergleichbarem Maße aufgeschrieben wurde. Auch die Römer haben sich in Gallien oder Karthago nicht als ethische Größe gezeigt und die Athener gegenüber der griechischen Insel Melos bekanntlich auch nicht.
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Wenn es in diesen Büchern überhaupt eine größere Schnittmenge gibt, dann besteht sie im Suchen nach dem herbeigesehnten und oftmals fernen Gott.
Es spiegelt sich in diesen Büchern auf fast 2000 Seiten ein langer Prozess geistigen Wachsens, geistiger Entwicklung und Reifung und geistiger Auseinandersetzung: von archaisch-gewaltsamen Anfängen und Geschichtserzählungen sowie aufgeschriebenen mündlichen Überlieferungen aus noch älterer Zeit bis hin zu ethisch weitaus höher stehenden Konzepten. Nur so kann und sollte man sie lesen und deuten.
Übrigens finden sich auch schon in einigen Spätschriften des Alten Testaments – etwa im Buch Jesus Sirach – höherstehende Gedanken, die etwas ans Neue Testament erinnern.
Von daher wäre es dann aber verkehrt, das heutige Judentum mit dem Denken im Buch Deuteronomium in Verbindung bringen zu wollen – von einigen Extremisten und Ultraorthodoxen vielleicht mal abgesehen.
Übrigens gibt es in diesen bewussten alten Passagen – besonders im Rahmen der Gesetzgebung und der verordneten Strafen – auch vieles, was dann in den Koran übernommen wurde.
Anders gesagt: Was unterscheidet das religiös orthodoxe Makkabäerreich der jüdischen Spätzeit um 150 v.Chr. eigentlich vom sog. „Islamischen Staat“ (IS) um 2015 in Syrien??