
In der Financial Times hat Max Seddon eine Story mit dem Titel „Die Putin-Flüsterer“ über den Ukraine-Krieg platziert, die es in sich hat. Nach seinen Quellen hat die Selenskij-Regierung nicht nur einmal, im April 2022, ein in russisch-ukrainischen Verhandlungen weit gediehenes Friedensabkommen ausgeschlagen. Es hätte auch die Chance bestanden, den Krieg 2023 unter aus jetziger Perspektive ziemlich günstigen Bedingungen zu beenden. Beides Mal glaubten wohl Selenskij und sein Team, wahrscheinlich unter dem Rat von „Unterstützern“, sie könnten die russischen Truppen zurückdrängen und aus überlegener Position den Krieg beenden.
Vorneweg muss man sagen, es ist eine exotische Geschichte, in deren Zentrum der amerikanische Anwalt Richard Conn und der Banker Bob Foresman stehen, beide mit Beziehungen zu russischen und amerikanischen Regierungsvertretern. Dazu kommt der ehemalige DDR-Spion Matthias Warnig, der seit 2006 mit der Leitung von Nord Stream zu tun hatte, von 2015 bis 2023 Geschäftsführer Nord Stream 2 war und als Vertrauter von Putin gilt.
Zunächst geht die Geschichte so, dass Conn nach Kriegsbeginn Anfang März 2022 von einem russischen Bekannten die Warnung erhielt, dass es zu einem Atomkrieg kommen könne, weil die russische Invasion nicht nach Plan verlaufen ist. Conn tat sich mit Foresman und schließlich mit Warnig zusammen, um mit Unterstützung von Eric Green vom US-Sicherheitsrat einen nicht-formalen Kommunikationskanal mit der russischen Führung aufzubauen. Nach Green, so Conn, gab 2022 es keine wirklichen Gespräche (mehr) zwischen Moskau und Washington. Im Oktober traf Conn in Zürich auf Warnig, der auch Sorge hatte, dass der Krieg eskalieren könnte und helfen wollte, mit dem Kreml einen Kanal einzurichten, um deeskalierend zu wirken.
Beim nächsten Treffen im Schwarzwald erklärte Conn gegenüber Warnig, dass er jetzt eine Botschaft aus dem Weißen Haus habe, die an den Kreml weitergegeben werden sollte: „Die USA streben keinen Regimewechsel an. Wir versuchen nicht, Russland zu zerstören. Es gibt keine existenzielle Bedrohung. Wir versuchen, die internationale Ordnung und die UNO zu unterstützen. Wir wollen Frieden.“ Es war die Zeit, in der Washington Sorge vor der Verwendung von Atomwaffen hatte und Putin davor warnte.
Warnig war nach Moskau geflogen hatte angeblich eine schriftliche Antwort von Putin mitgebracht: „Ich habe keine andere Wahl, als militärische Operationen durchzuführen“, schrieb er, aber er sei „sehr offen für Verhandlungen. Ich möchte über Lösungen sprechen. Ich möchte Frieden für die Ukraine.“ Die Ergebnisse der gescheiterten Friedensverhandlungen in Istanbul könnten ein Ausgangspunkt sein. Putin drängte auf eine Lösung: „Das muss gelöst werden. Ich möchte, dass die Lösung hundert Jahre Bestand hat. Wenn es keine andere Wahl gibt, werde ich weitermachen, wohl wissend, dass es schmerzhaft sein wird. Aber ich kann nicht zurück und bin bereit zu kämpfen.“
Das klingt so, wie Putin auch jetzt auftritt, auch wenn im Westen die Devise ist, Putin jede Verhandlungsbereitschaft abzusprechen. Die scheint aber 2022 und vielleicht auch 2023 noch ausgeprägt gewesen zu sein, auch was den Status des Donbass, also von Donezk und Lugansk, betraf. Nur bei der Krim und dem Nato-Beitritt wollte er nicht mit sich handeln lassen. Obgleich die USA nicht mit Russland über dessen Sicherheitsinteressen vor Kriegsbeginn sprechen wollte und die Selenskij-Regierung die Friedensverhandlungen in Istanbul abgebrochen hat, scheint er für weitere Verhandlungen bereit gewesen zu sein. Angeblich hatten die Sicherheitsberater Sullivan und Ushakov nach der von Warnig überbrachten Botschaft wiederholt miteinander gesprochen und Putin hatte erklärt, niemals daran gedacht zu haben, Atomwaffen einzusetzen.
Selenskyj und Yermak schienen zu hoffen, die russische Armee würde wie Saurons Heer verschwinden
Conn und Foresman sollen dann übereingekommen sein, Friedensverhandlungen anzubahnen. Warnig war auch dabei, seltsamerweise war der Anschlag auf Nord Stream anscheinend kein Thema. Sie kamen auf den ukrainischen Filmproduzenten Alexander Rodnyansky, der bei den Friedensverhandlungen in Istanbul beteiligt war. Ausgearbeitet wurde ein Vorschlag, der von heute aus gesehen, sehr vorteilhaft für die Ukraine gewesen wäre:
„Russland würde sich aus weiten Teilen der Regionen zurückziehen, die Putin gerade annektiert hatte, und die Grenze auf das Gebiet festlegen, das es vor dem Krieg auf der Krim und in Teilen des Donbass kontrollierte. Die Ukraine würde die russische Kontrolle über die Krim anerkennen und Russland freien Durchgang über eine ‚Landbrücke‘ zur Halbinsel gewähren. Um die Einhaltung des Waffenstillstands zu gewährleisten, würde die Ukraine Schutz von den NATO-Staaten erhalten.“ Putin habe dem Entwurf, der auch nach Kiew ging, Anfang 2023 zugestimmt, hieß es bei einem Treffen der Gruppe am 1. Februar 2023. „Wenn wir uns in der Frage der Grenze und der NATO einigen können“, soll er Warnig gesagt haben, „dann können wir über alles andere sprechen.“
In der Ukraine war man aber nach militärischen Erfolgen im Herbst 2022, die etwa zum Rückzug der russischen Truppen aus Cherson und zu Geländegewinnen in Donezk und Charkiw führten, siegesgewiss geworden. Dazu verhalf auch die Beschädigung der Krim-Brücke. Rodnyansky berichtete, er habe Selenskij und Yermak kaum dazu bringen können, auch nur einen Blick auf den Entwurf zu richten. Seddon schreibt: „Sie sagten ihm, sie würden Putin in Bezug auf die Grenzen der Ukraine keinerlei Zugeständnisse machen und seien der Ansicht, dass sie einen Großteil des restlichen Plans der Gruppe umsetzen könnten, ohne Gebiete aufzugeben. Rodnyansky, der der Meinung war, die USA müssten Druck auf die Ukraine ausüben, damit diese einem Abkommen zustimme, sagte, sie täten so, als würde sich die russische Armee plötzlich auflösen wie die von Sauron am Ende von Der Herr der Ringe. Die Ukrainer lachten und stimmten zu.“
Putin soll seinem außenpolitischen Berater Juri Uschakow und anderen Regierungsmitarbeitern den Gesprächskanal mit der Gruppe mitgeteilt und den Friedensvorschlag diskutiert haben. Uschakow sollte mit Sullivan darüber sprechen, der aber abgewunken und gesagt hätten, dass die US-Regierung diesen Kommunikationskanal nicht genehmigt hätten, die offiziellen Kanäle seien ausreichend. An Verhandlungen war man in Washington wie schon vor dem Krieg und zu Beginn des Krieges nicht interessiert.
Damit war ein Versuch, den Krieg zu beendigen, gescheitert. Kiew plante mit Unterstützung der Amerikaner eine Großoffensive, die im Juni 2023 begann, aber im Herbt gescheitert war. Warnig wurde von Selenskij mit Sanktionen belegt, Uschakow soll ihm sarkastische Grüße über die Dankbarkeit der Ukraine für seine Friedensbemühungen geschickt haben.
Seddon hat bei Sullivan, Selenskij, Uschkow und Peskow zu der Geschichte angefragt, aber keinen Kommentar erhalten. Es scheint nicht klar zu sein, inwieweit Sullivan die Gespräche abgewürgt hat oder ob dies auch von Uschkow ausgegangen sein könnte. Von Seddon befragte frühere Regierungsmitarbeiter meinten, die von Conn und Co. aufgebaute Plattform sei nur eine von vielen gewesen, die angeblich über Putins wirkliche Absichten Bescheid wussten.
Green, der im Sicherheitsrat des Weißen Hauses für Russland zuständig war, bestreitet Conn gesagt zu haben, dass die USA und Russland in dieser Zeit keine ernsthaften Gespräche geführt hätten: „Es herrscht die Auffassung, dass wir keinerlei Kontakt zu den Russen hatten, und das ist nicht der Fall. Wenn Putin also wirklich an so etwas interessiert gewesen wäre, hätten seine Leute uns das auf vielfältige Weise mitteilen können. Es wäre doch ein wirklich verkehrter Ansatz, wenn man als Putin wirklich an einem Deal interessiert wäre und diesen dann über einen ehemaligen DDR-Spion abwickeln würde, der mit einem New Yorker Anwalt spricht.“
Seit der gescheiterten ukrainischen Großoffensive – und vielleicht auch wegen des gescheiterten Versuchs, auf unkonventionellem Weg den Krieg zu beenden? – ist jedenfalls die Kompromissbereitschaft bei Putin noch einmal zurückgegangen und die Kriegsführung härter geworden.
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Ist da was dran an der Story? Kann sein oder auch nicht, bin eher skeptisch. Dass Nordstream nicht erwähnt wird, ausgerechnet mit Warnig als Vermittler, trägt auch nicht gerade zur Vertrauensbildung bei.
Bin gespannt, was Alex Mercouris dazu sagt, die Analyse solcher Artikel ist sein Spezialgebiet.
Das stellt sich die Frage ⁉️ Wer lügt und wer sagt die Wahrheit? Gelogen wird vor dem Krieg und im Krieg, gelogen wird auf allen Seiten und das war vermutlich schon immer so in der Geschichte des „Homo sapiens“.
Wer erinnert sich noch an die Brutkastenlüge 👶🍼🏥🤥? Das Problem dabei ist, selbst dann, wenn diejenigen, die gelogen haben, nach dem Krieg offen zugeben und bestätigen, dass es eine Lüge war, dann interessiert das 20 Jahre später nur noch ein paar Historiker.
Historische Tatsache ist jedenfalls: Die russische Armee hat ihre Truppen nach dem Fall der innerdeutschen Mauer 1989 aus der ehemaligen DDR abgezogen, der Warschauer Pakt, das Militärbündnis des „Ostens“, hat sich kurz danach aufgelöst. Das Militärbündnis des „Wertewestens“ aka NATO mit der USA als Generalfeldmarschall hat sich nicht aufgelöst, die NATO besteht weiterhin, die NATO hat sich seit dem Mauerfall ausgebreitet und zwar nach Osten bis an die russische Grenze.
Tatsache ist auch: Deutschland als Teil dieser NATO rüstet derzeit massiv auf, aber nicht, um verteidigungsbereit, sondern um „kriegstüchtig“ zu werden. Schließlich hat der amtierende CDU-Bundeskanzler Friedrich Merz 2008 ein Buch veröffentlicht mit dem Titel: „Mehr Kapitalismus wagen.“ Krieg ist die Krönung 👑 der kapitalistischen Marktwirtschaft 💰. Die Kapitalisten verdienen sich mit der Produktion der Waffen vor dem Krieg und im Krieg eine goldene Nase, die Kapitalisten profitieren davon, falls der Krieg erfolgreich sein sollte, aber sie profitieren auch vom Wiederaufbau, falls der Krieg mit einer Niederlage endet. Das ist für die Aktionäre, Manager der Rüstungsindustrie und ihre politischen Lobbyisten eine WIN-WIN-WIN-Situation.
Man darf als Kapitalist und/oder Politiker nie persönlich an der Front kämpfen. Man muss die sogenannten kleinen Leute bzw. Bürger für sich kämpfen und sterben lassen. Man sollte auch weit weg sein, wenn Raketen das eigene Land treffen. Kapitalisten sorgen deshalb vor und kaufen sich rechtzeitig eine (Ferien-)Villa mit privatem Hubschrauberlandeplatz in Florida, Neuseeland oder Kanada. Aber auch in Australien gibt es schöne Villen. Man kann sich selbstverständlich auch in Florida und Kanada eine Villa kaufen.