
Der Veranstalter sahnt ab, der Ausrichter feiert sich und die Mannschaften kämpfen für die Ehre ihrer Nation – also alles wie gehabt auch bei der nun zu Ende gehenden Fußballweltmeisterschaft mit dem Finale Spanien gegen Argentinien. Doch manchen Kritikern und Fans ging das dieses Mal zu weit. Sie sahen den ehrbaren Wettstreit in einem Sumpf von Politik und Kommerz versinken. Ein „Best Of“ der schönsten nationalen Kapriolen, mit einem „Happy End“.
Was solch eine Fußballweltmeisterschaft alles sein soll: ein herausragender sportlicher Wettkampf, ein freudiges Treffen der Völker dieser Welt, zu Gast in einem freundlichen Land, ein Fest für alle Fans des Fußballs – kurzum eine Veranstaltung, die alle Menschen unterschiedslos begeistert, sie so zusammenbringt und damit zwischen allen Konflikten und Kriegen ein wenig Zeit für Frieden auf Erden schafft.
Bei nüchterner Betrachtung bleibt davon allerdings wenig übrig, und das gilt nicht nur für die aktuelle WM. Obwohl, das muss schon bemerkt werden, diese Weltmeisterschaft in einigen Aspekten ihre Vorgänger getoppt hat:
„USA gegen den Rest der Welt“
„Nach dieser Entscheidung heißt es nun USA gegen den Rest der Welt, denn jede Unterstützung, Sympathie oder Vertrauensvorschuss sind damit einfach über Bord geworfen worden. Aber wisst ihr was? Das spielt keine Rolle. Die USA gegen den Rest der Welt – das ist in Ordnung.“
Das sagte Alexi Lalas, ehemaliger US-amerikanischer Fußballnationalspieler, zur Rücknahme der Rotsperre gegen Folarin Balogun, Stürmer von „Team USA“ (zit. nach: Holger Gertz: Der befleckte Ball, in: Süddeutsche Zeitung 8. Juli 2026). Bekanntlich hatte US-Präsident Donald Trump vor dem Achtelfinale gegen Belgien bei FIFA-Chef Gianni Infantino um „Überprüfung“ der vorgeschriebenen Sperre gebeten. Die dann auch prompt aufgehoben wurde.
Ein Aufschrei folgte nicht nur bei den betroffenen Belgiern. Die ließen sich zwar nicht davon beeindrucken und fegten die Amis auch mit Balogun weg. Aber die Empörung über einen „ramponierten Weltfußball“ beherrschte die Schlagzeilen, auch hierzulande. Tatsächlich war die unverhohlene Einflussnahme eines Staatsoberhaupts auf das Turniergeschehen so bisher noch nicht dagewesen.
Warum Donald Trump das getan hat? Weil er es kann. Er führt die USA „gegen den Rest der Welt“ – und er ist stolz darauf, wie sein Anhänger Alexi Lalas. „Make America great again“ (MAGA) lautet ja seine Ansage an alle anderen Staaten: Erst kommen die Interessen der USA. Interessen der Restwelt – von Konkurrenten um die Weltmacht wie Russland, China und Europäische Union bis zu „Failed States“ aus Afrika, Asien und Südamerika – sind nur berechtigt, wenn sie zu MAGA ihren Beitrag leisten. Ansonsten gehören sie bekämpft.
Merz ist halt nicht Trump
Natürlich finden diese Auseinandersetzungen außerhalb des Fußballs oder anderer Sportarten statt. Was die Intervention von Trump aber zeigt: Es ist der Weltmacht Nr. 1 wichtig, auch auf dieser Ebene buchstäblich Flagge zu zeigen. Die FIFA knickte ein vor dem Druck des Hauptveranstalters. Einem so großen Finanzier mit einem so vielversprechend wachsenden Fußballmarkt wollte man diese Bitte nicht abschlagen.
Anderen Staaten steht ein solcher Weg aber nicht offen. Ein Bundeskanzler Friedrich Merz würde das Ausscheiden seiner deutschen Kicker nicht mit einem Anruf bei Gianni Infantino rückgängig machen können. Wenngleich die Meldung des Satiremagazins „Postillon“ recht authentisch klang: „Aus FIFA-Fairplay-Gründen, die wir nicht näher darlegen wollen, ist Deutschland doch wieder dabei“, erklärte FIFA-Chef Gianni Infantino. „Das bedeutet, dass Deutschland morgen statt Ägypten, das dafür rausfliegt, gegen Argentinien im Achtelfinale spielen darf.“ Laut dem Weltfußballverband wurde diese Entscheidung völlig unabhängig getroffen und steht in keinster Weise mit einem Anruf Merz‘ in Zusammenhang, in dem dieser Gianni Infantino eine Überweisung von 10 Milliarden Euro angeboten und im Fall einer Ablehnung mit dem Ausstieg Deutschlands aus der FIFA gedroht hat.“
„Das beteuern wir!“
„Ich vertraue diese Flagge, die unsere Unabhängigkeit, die Ehre, die Institutionen, unser Volk und die Integrität unseres Landes symbolisiert, eurem Patriotismus an. Beteuert ihr, sie mit Treue und Standhaftigkeit zu ehren und zu verteidigen?“
Dergestalt stimmte Mexikos Staatspräsidentin Claudia Sheinbaum ihr Fußballnationalteam auf die Weltmeisterschaft ein. Und sie bekam auf ihre Frage die erwünschte Antwort: „Ja! Das beteuern wir!“ (zit. nach: Javier Cáceres: Moral gegen den Stillstand, in: Süddeutsche Zeitung, 11. Juni 2026) Dabei hielten die Kicker, wie es sich für Patrioten geziemt, ihre rechte Hand vor die Brust. „Viva México!“ rief daraufhin die Präsidentin, und sie sah, dass es gut war.
„Nationalistisches Pathos, nachgerade karikaturesk, militärisch angehaucht“ urteilte die Süddeutsche Zeitung (ebenda). So sind sie halt, die Staaten der zweiten und dritten Reihe in der Welt, müssen es mit dem Einschwören auf die hohen Werte der Nation immer übertreiben! Hierzulande achten wir zwar schon sehr darauf, dass „unsere“ Jungs bei der Nationalhymne strammstehen und mitsingen. Und dass sie es zu schätzen wissen, Deutschland würdig zu vertreten; also sich entsprechend verantwortungsvoll benehmen, auf dem Platz alles geben. Aber solch eine militärische Zeremonie und die Ansage des Staatsoberhaupts braucht es selbstverständlich nicht.
„Nacht der Schande“
Unser Nationalismus kommt ohne solch ein Pathos aus. Gut, das Ausscheiden des deutschen Teams als „Nacht der Schande“ (BILD) zu bezeichnen und dies als ein Zeichen für den allgemeinen Niedergang dieses Landes zu nehmen (diverse Medien, auch auf Overton), zeugt schon von einer gewissen nationalistischen Übertreibung einer eigentlich schlichten sportlichen Niederlage.
Da haben nicht einfach deutsche Fußballer ein schlechtes Spiel abgeliefert. Sondern sie haben dem Land eine Schmach zugefügt. Wo einem Deutschland doch Erfolg zusteht – der aktuell skandalöserweise bei den wirklich entscheidenden Wettbewerben, nämlich denen um Macht und Geld, immer mehr ausbleibt. Da hätte doch ein WM-Titelgewinn wenigstens die Stimmung wieder etwas drehen können! Wenn auch sonst nichts. (Mehr zum Ausscheiden der Deutschen hier auf Overton)
„Sauberes Weltmeisterschaftsbild“: keine Demos und weniger Tote als üblich
Doch zurück zu Mexiko: Dass das Nationalteam das Turnier gewinnen würde, daran glaubte wohl selbst die Präsidentin Sheinbaum nicht. Der Anspruch lag eine Etage tiefer als bei den globalen Führungsnationen – man wollte das „sechste Spiel“ erreichen, was bis dahin nie gelang. England zerstörte den Traum von angeblich allen 133 Millionen Mexikanern plus weiteren 40 Millionen in den USA. Das meinten jedenfalls die Medien zu wissen, die stets ganz nonchalant davon ausgehen, dass der Erfolg eines Nationalteams wirklich für alle Staatsbürger eine Herzensangelegenheit ist.
Von zahlreichen Demonstrationen in Mexiko-City beim Eröffnungsspiel gegen Südafrika berichteten sie weniger, kaum überraschend (aber die junge Welt am 13. Juni 2026: Mexiko: Proteste zum WM-Auftakt). Das hätte den Eindruck der schieren Begeisterung schließlich getrübt. Anwohner des Stadions protestierten „gegen steigende Mieten, Verdrängung und Wasserkonzessionen zugunsten des Stadionbetriebs sowie gegen die Vertreibung von Straßenhändlern und Sexarbeiterinnen im Namen eines ‚sauberen‘ Weltmeisterschaftsbildes“ (ebenda). Lehrer demonstrierten für eine Rücknahme der Rentenreform und höhere Löhne, Mütter machten erneut auf rund 130.000 Menschen aufmerksam, die offiziell als „verschwunden“ gelten, darunter viele Kinder. Indigene protestierten gegen sie bedrohende Megaprojekte, Umweltgruppen unterstützten sie.
Ein Gutes hatte die WM für Mexiko auf jeden Fall: Die Zahl der Mordopfer sank im Juni 2026 im Vergleich zum Vorjahresmonat um sage und schreibe 34 Prozent, von 1818 auf nur noch 1209. Ob das nun tatsächlich am Friedensbringer WM lag, muss allerdings bezweifelt werden. Zumal es bei den Feiern nach dem Sieg gegen Ecuador Tote gegeben hatte. Todesopfer nach der Niederlage gegen England waren nicht zu beklagen, zu feiern gab es ja nichts. In Mexiko-City herrschte Totenstille.
„Mit kanadischer Ehrlichkeit“
„Wir haben mit kanadischer Ehrlichkeit und Resilienz gespielt, so wie es den Menschen zuhause zusagt. Wir haben gezeigt, aus welchem Holz Kanadier geschnitzt sind, das ganze Land haben wir angemessen repräsentiert. Jeder auf der Welt weiß jetzt, wofür wir Kanadier stehen.“
Da rennen elf Sportler auf dem Platz rauf und runter und versuchen, den Ball ins Tor einer gegnerischen Elf unterzubringen. Sie schaffen es zwar nicht, bekommen sogar ihrerseits drei Bälle ins eigene Tor und scheiden damit als Mit-Gastgeber der WM frühzeitig aus. Doch was sagt der kanadische Verteidiger Alistair Johnston? Man habe nicht nur trotzdem eine gute Leistung gezeigt, sondern viel mehr: nämlich der Welt die überragenden Tugenden aller Menschen mit kanadischem Pass. Und Trainer Jesse Marsch, ein wohlgemerkt US-Amerikaner, sekundiert: „Meine Spieler hätten nicht mehr tun können, um das Land stolz zu machen.“ (zit. nach: Thomas Hürner: Auch die Eishockeyfans können stolz sein, in: Süddeutsche Zeitung, 6. Juli 2026).
Nun sollte man die Worte von Profikickern und Profitrainern sicher nicht auf die Goldwaage legen. Für die Unbilden in der Welt und den Zustand ihres Heimatlandes interessieren sie sich normalerweise herzlich wenig. Ihr Job ist es, für ihren Club, zuhause oder im Ausland, die erwartete Leistung zu bringen; für die sie, jedenfalls in den Top-Ligen, bestens entlohnt werden. Was diese Leute allerdings mitbekommen, wenn sie in die Nationalmannschaft berufen werden: Das ist eine Ehre mit dem Nebeneffekt, dass der eigene Marktwert steigt. Sie spielen dann für Größeres, vertreten einen ausgewachsenen Staat mit seinem Anspruch, in der Welt Respekt und Anerkennung zu erhalten.
Kap Verde auf dem Weg zur Weltmacht, Argentinien rächt sich
Dadurch verändert sich für diese Nation zwar nichts zum Besseren. Jedoch werden gerade die weniger erfolgreichen Länder oder die notorischen Verlierer unter ihnen „sichtbar“. Zum Beispiel die Kapverdischen Inseln nach der knappen Niederlage gegen das eigentlich übermächtige Argentinien: „Diese Leistung werde ‚in die Geschichte unseres Landes eingehen‘. Und vielleicht, sagte Nationaltrainer Brito, „gibt sie auch anderen kleinen Nationen Hoffnung, dass man mit Organisation, Charakter und harter Arbeit Großes erreichen kann„. Wir dürfen also gespannt sein auf den Weg der Kapverdischen Inseln zur Weltmacht…
Im Fußball ist Argentinien immerhin schon lange Weltmacht, ansonsten in der entscheidenden Konkurrenz der Staaten weit abgefallen. Was die nationale Seele selbst nach Jahrzehnten schmerzt: die Niederlage im Krieg gegen England um die Falkland-Inseln 1982. Beim Halbfinale gegen die englische Auswahl ging es deshalb nicht nur um den Einzug ins Endspiel gegen Spanien. Auf dem Rasen holzten die Argentinier gegen die Engländer derart, dass man an eine Fortsetzung des Kriegs mit anderen Mitteln glauben konnte.
Als sie dann – mit weniger Fouls, dafür mit spielerischer Überlegenheit – den Gegner besiegten, zeigte Mittelfeldspieler Giovani Lo Celso ein Banner, das zuvor argentinische Fans hochgehalten hatten: „Las Malvinas son argentinas“ – die Malvinas (Falkland-Inseln) sind argentinisch. Aufgeheizt wurden Fans und Spieler zuvor von Vizepräsidentin Victoria Villarruel: „Wir spielen gegen die Piraten-Usurpatoren. Das ist kein Spiel wie jedes andere (…) Gegen die Engländer geht es um mehr.“ (Ebenda) Da war sie wieder, die „nationale Ehre“. Für die starben 1982 rund 1000 Soldaten, ohne sie erfolgreich zu verteidigen. Nun gab es nur einige Blessuren – und einen Sieg. Allerdings in einer Auseinandersetzung, die nichts an den realen Gewaltverhältnissen ändert.
„Das unterdrückteste Team“
„Wir sind das unterdrückteste Team der ganzen WM. Wir müssen gegen alles kämpfen hier. Und ja, aus unserer Perspektive: Als würden sie wollen, dass wir ausscheiden.“
Irans Trainer Amir Ghalenoei hatte dafür einige stichhaltige Argumente: Sein Team durfte nicht das Quartier in den USA aufschlagen. Zu den ersten beiden Spielen dort durften sie nur am Spieltag anreisen und mussten sofort wieder das Land verlassen. Zahlreiche wichtige Mitglieder des Teams rund um die Nationalmannschaft wurde die Einreise verwehrt. Es gab stundenlange Grenzkontrollen. Alles zusammen beeinträchtigte die erforderliche Regeneration der iranischen Fußballer erheblich. Trotzdem sie in den drei Begegnungen in der Gruppe gegen Belgien, Ägypten und Neuseeland ungeschlagen blieben, schieden sie tatsächlich aus.
Ein mögliches Spiel im weiteren Verlauf des Turniers gegen den aktuellen Kriegsgegner USA wurde damit vermieden. Das hätte das Novum dieser WM noch einmal getoppt: Zum ersten Mal nahmen Nationen teil, die sich im Krieg gegeneinander befanden. Und eine Kriegspartei war auch noch der maßgebliche Gastgeber. Genauer: Die Partei, die den Krieg mit einem völkerrechtswidrigen Angriff begonnen hatte. Gemeinsam mit Israel hatten die USA Iran überfallen. Das führte aber nicht zu einem Ausschluss der USA vom Turnier. Wie auch, FIFA-Präsident Infantino hatte doch Donald Trump erst einen „Friedenspreis“ überreicht. Und ohne die USA wäre die schöne WM geplatzt. Hingegen wurde Russland wegen des Kriegs in der Ukraine ausgeschlossen, und Nepal traf der FIFA-Bannstrahl ebenfalls). Zweierlei Maß? Selbstverständlich. Das zum Thema der im FIFA-Statut verankerten politischen Neutralität des Fußballs.
Verständnis für die Probleme der Iraner zeigten die hiesigen Medien durchaus. Schließlich hat sich das deutsche Verhältnis zu den USA seit der zweiten Amtszeit von Präsident Donald Trump merklich abgekühlt. Es ist so eine Art Hassliebe entstanden: Auf der einen Seite klagt man über die Degradierung Deutschlands und das unabgesprochene Zuschlagen der USA in aller Welt. Auf der anderen Seite weiß man, dass Deutschland ohne die USA und die von ihr getragene NATO ziemlich machtlos dasteht.
Vorsicht: Nicht die USA mit dem Iran verwechseln!
Sehr differenziert schrieb deshalb die Süddeutsche Zeitung: „Denn natürlich ließen sich auch die Fußballer und ihr Verband das Turnier über nicht einfach von einem Regime trennen, das in seiner Heimat seit Jahren mit brutaler Gewalt gegen Gegner und Demonstranten vorgeht.“ (Felix Haselsteiner: Abschied von einem Turnier der Widerstände, in: Süddeutsche Zeitung, 29. Juni 2026) Stimmt, die Nationalmannschaft der USA ließ sich von dem Trump-Regime nicht trennen. Und dieses Regime geht ständig gegen Gegner und Demonstranten vor, mit brutaler Gewalt, auch gegen vermeintliche oder tatsächliche Nicht-US-Amerikaner. Ach nein: Der Journalist meinte gar nicht den Gastgeber, sondern den Iran! Da kann man schon mal bei der Unterscheidung zwischen geachteten Regierungen und geächteten Regimes durcheinander kommen…
Einer Fußball-Nationalmannschaft vorwerfen, sie würde ihre Nation vertreten? Das leuchtet nur ein, wenn man der Herrschaft dieser Nation die Legitimität abspricht. Also beobachteten die Medien mit Interesse, wie sich bei den Spielen des Iran stramme Nationalisten mit ebenso strammen Nationalisten von der Opposition beharkten. Kein Geheimnis, wem die Sympathien galten. Das Schwenken von Flaggen des einstigen iranischen Kaiserreichs, Buhen während der Nationalhymne und Plakate von inhaftierten oder getöteten iranischen Fußballern vor dem Stadion zeigen – das war mehr Erwähnung wert als die Unterstützung der ganz normalen iranischen Fans für ihre Mannschaft.
„Millionäre mit Nahbarkeit und Bodenhaftung“
„Wir sind einfach unheimlich stolz auf unser Land (…) Auch wenn sie (die Fußballer – B.H.) Millionäre sind – sie haben sich eine Nahbarkeit und Bodenhaftung bewahrt. Auch das gemeinsame Rudern mit den Fans ist für mich ein wichtiges Signal. Man sieht einfach: Da ist eine Mannschaft, die viel Rückendeckung vom ganzen Land haben will – und bekommt.“
Ein feines Bild, das Kjetil Rekdal zeichnete, Verteidiger in der norwegischen Nationalmannschaft vor gut einem Vierteljahrhundert, jetzt Trainer des Erstligisten FK Aalesund: Millionäre sitzen gemeinsam mit dem normalen Volk in einem imaginären Boot (zit. nach: Javier Cáceres: „Wir haben einen krassen Vorteil: Haaland ist nicht zu stoppen“, in: Süddeutsche Zeitung, 4. Juli 2026). Da machen sich tatsächlich stinkreiche Menschen mit dem einfachen armen Volk gemein, das mit seinen paar Kröten die Grundlage ihres Reichtums bildet, Respekt! Und diese Fans stehen nicht nur für ihren Fanatismus, sondern für die Begeisterung aller Norweger.
Dieser sicher nicht durch repräsentative Umfragen belegten Behauptung widerspricht jedoch niemand. Denn eines ist gewiss: Wie in jedem Staat auf dieser kapitalistisch dominierten Welt drückt auch ein norwegischer Bürger „seinen“ Fußballern bei der WM die Daumen – mit und ohne Rudern. Denn die Jungs kicken bei einer WM in erster Linie nicht fürs Geld. Vielmehr vertreten sie die herausragenden Eigenschaften ihrer Nation. Und diese Nation kennt bei dieser Veranstaltung kein arm und reich – sondern die von der herrschenden Elite sorgsam und immer wieder gepflegte Einbildung, das Eine habe mit dem Anderen nichts zu tun.
Eigentlich eine einzige Erfolgsgeschichte: Die WM bringt Milliarden ein…
Allerdings hat sich bei dieser Fußball-WM dann doch das Geld in bisher ungekanntem Ausmaß eingemischt. Genauer gesagt: Der Weltfußballverband FIFA hat mit der größten WM aller Zeiten auch entsprechend viel Geld eingespielt. Etwa acht Milliarden Euro sollten zusammenkommen: „44 Prozent davon bringen die Fernseh- und Übertragungsrechte ein, Ticketverkäufe und Hospitality machen gut ein Drittel, Marketing und Sponsoring 20 Prozent aus.“ (Uwe Ritzer: Das Milliardenspiel, in: Süddeutsche Zeitung, 8. Juni 2026) Die 16 Ausrichterstädte verzichteten überdies auf Steuereinnahmen und folgten teuren FIFA-Auflagen für die Spieltage.
So weit, so normal bei solchen Veranstaltungen. Die Einnahmen schüttet die FIFA an die Fußballverbände aus, wie bisher. Dieses Mal indes deutlich mehr insgesamt. Schließlich waren statt 32 nun 48 Nationalmannschaften dabei, die in sage und schreibe 104 Begegnungen um den Titel kämpften. Die Preisgelder haben es ebenfalls in sich: Der Weltmeister bekommt 43 Millionen Euro, der Zweite 28,2 Millionen Euro, und jeder Teilnehmer erhält ein Basisstartgeld von insgesamt gut 10 Millionen Euro. Selbst die Profivereine der WM-Kicker nehmen vom Turnier etwas mit. Sie werden mit Ausgleichszahlungen honoriert. Auf diese Weise landen noch zwischen einer und zweieinhalb Millionen Euro auf den Konten beispielsweise von Borussia Dortmund, Mainz 05 und TSG Hoffenheim. Die Bayern aus München sind mit 3,8 Millionen Euro auch bei der WM Top-Mitverdiener (vgl. Ritzer, ebenda).
Eigentlich also eine Erfolgsgeschichte: Der Ausrichter scheffelt Geld und die Teilnehmer und ihre Mitgliedsverbände profitieren davon. Auch die Sponsoren zeigen sich hochzufrieden. Für sie ist die WM ein „kulturelles Großereignis mit einer enormen Anziehungskraft“. Das Engagement von Marken bewerteten gerade jüngere Zielgruppen „signifikant positiv“, so Nicole Pike, Chefin der Sportsparte des Marktforschungsinstituts Yougov (zit. nach Ritzer, ebenda). Ausrüster wie Adidas wollen in den USA mit dem Rückenwind der WM ihren Umsatz verdoppeln und damit den Abstand zum Marktführer Nike verringern. Die Werbewirtschaft zeigte sich desgleichen zufrieden. Wobei Magenta TV mehr profitierte wegen der meisten Anstoßzeiten nach 20 Uhr. Denn ARD und ZDF dürfen nur bis zu dieser Uhrzeit Werbung ausstrahlen. Die Werbeblöcke von Magenta waren selbst bei den Spielübertragungen in der Nacht gut gefüllt (https://www.dwdl.de/magazin/107116/fuer_die_vermarkter_von_ard__zdf_ist_die_wm_schon_vorbei/?xing_share=news).
…aber die teuren Tickets und künstlichen Werbepausen!
Aufregung über die „Profitmaschine FIFA“ (Ritzer, ebenda) gab es dennoch. Wenn „Profit“ im Kapitalismus zum Vorwurf taugt, muss da anderes im Spiel sein als die Bemerkung, in diesem Wirtschaftssystem geht es darum, aus Geld mehr Geld zu machen, auf Kosten derer, die diesen Gewinn mit ihrer Arbeit ermöglichen. Vielmehr empörten zu hohe Ticketpreise und zu viele Werbeunterbrechungen durch die sogenannten „Hydration Breaks“ jene, die das an sich schöne Turnier dadurch gefährdet sahen. Also von beidem über ein akzeptables Maß hinaus: Dass WM-Eintrittstarife deutlich über einem Ticket für ein Bundesliga-Spiel liegen, klar. Aber doch nicht vier- bis fünfstellige Preise! Und Werbung, auch in Ordnung. So geht halt die Finanzierung von großen Sportkämpfen in diesem System. Jedoch bitte schön nicht auch noch „künstlich“ eingeschoben durch zwei zusätzliche Unterbrechungen während des Spiels!
Je länger das Turnier dauerte, desto mehr legte sich die Aufregung. Die „Hydration Breaks“ waren dann doch ganz sinnvoll, wurden immer weniger ausgebuht. Zum einen, weil bei vielen Begegnungen die hohen Temperaturen tatsächlich Wasserpausen erforderten. Zum anderen erkannten Fußballexperten, dass die Trainer ihre Teams in den drei Minuten wichtige taktische Änderungen mitteilen konnten, mithin dem Spiel ein belebendes Element hinzufügten.
Der Skandal sündhaft teurer Tickets und eines sehr undurchsichtigen und unsicheren Vergabeverfahrens (mehr dazu siehe https://overton-magazin.de/top-story/konkurrenz-und-patriotismus-so-lieben-wir-den-leistungssport/) löste sich ebenfalls im Wohlgefallen auf: Die Stadien waren trotzdem sehr gut gefüllt. Und die Fans feuerten wie üblich fanatisch ihre Nationalmannschaften an. Die Sorge um „Edelfans“, die sich die tausenden Euros fürs Zuschauen zwar leisten können, es ihnen aber an dem ordentlichen Fanatismus fürs eigene Team gebricht, erwies sich als unbegründet. Offenbar schaffen es auch wohlhabende Menschen, sich der Verrücktheit einer unbedingten Anhängerschaft für Kicker mit dem gleichen Personalausweis hinzugeben.
Das „Happy End“: Edelfans können singen und nicht alle Amis sind wie Trump
„Der Fußball mischt Alt und Jung, Arm und Reich, gebildet und ungebildet, Männer und immer mehr Frauen. Meist bleibt es friedlich, immer ist es ein soziales Ereignis, und auf internationaler Ebene kommt noch so etwas wie Völkerverständigung hinzu.“ (Silke Wichert: Können Edelfans auch singen? in: Süddeutsche Zeitung,16. Mai 2026)
In der Tat war diese Fußballweltmeisterschaft wie stets ein soziales Ereignis. Es kamen doch wirklich Menschen zusammen! Meist blieb es friedlich, die Verletzten und Toten blieben außerhalb der Stadien – in den USA, in Mexiko, im Iran. Die Mischung zwischen Arm und Reich stimmte vielleicht nicht so ganz. Aber die Völker haben sich toll miteinander verständigt: Die Fans feierten sich, sangen zahlreich, hatten Spaß mit den anderen Fans und freuten sich generell einfach, bei der WM dabei zu sein.
Sie entwickelten sogar eine eher unübliche Begeisterung für andere Völker: Die US-Amerikaner benehmen sich doch nicht alle so wie Trump, die Kanadier sind unglaublich freundlich und entspannt, und die Mexikaner können feiern, wow! Da blieben die sonst gepflegten Vorurteile und Abneigungen gegen die Lebensweisen anderer Völker für einen Moment außen vor. Rassistische Auswüchse gegen Spieler mit nicht weißer Haut und noch dazu mit Herkunft aus den Verlierernationen in Afrika nahmen dennoch sogar zu: „Elf Prozent aller als beleidigend eingestuften Beiträge im Kontext der XXL-WM in den USA, Kanada und Mexiko seien auf eine Art rassistisch (berichtet die FIFA – B.H.). Ein Zuwachs um drei Prozent im Vergleich zum gleichen Zeitpunkt bei der vorherigen Auflage in Katar im November und Dezember 2022. Auch die Spielergewerkschaft Fifpro berichtete von ‚einem zunehmenden Muster von Übergriffen‘. Man könne nicht mehr von Einzelfällen sprechen.“
Unerwünschte Nichtweiße und Fans aus „shithole countries“
Dass Politiker auch Rassismus beherrschen, wenn die falschen Nichtweißen für den Gegner spielen und gewinnen, zeigte Celeste Amarilla de Boccia, Senatorin aus Paraguay. Nach der Niederlage ihres Nationalteams gegen Frankreich schrieb sie über den französischen Stürmer Kylian Mbappé: Er sei ein „kolonisierter Kameruner, voller Minderwertigkeitskomplexe, neureich, arrogant und hässlich (…) Statt Muttermilch hat er Kokosnüsse ausgesaugt, und das Gebildetste, was er je gehört hat, waren Schimpansen“. Was nicht einfach eine Beleidigung des Fußballers war, sondern eine Frankreichs. Also empörte sich die dortige Herrschaft bis hoch zum Präsidenten Macron – der bekanntlich ein großes Herz für seine Migranten hat. Jedenfalls für die, die für die Nation viele Tore schießen und ihr Geld bringen, statt zu kosten.
Die Fans, die die USA ins Land ließen, vergaßen außerdem geflissentlich all jene, die nicht einreisen durften. Weil sie aus „shithole countries“ kommen, mit denen die Amis nichts zu tun haben wollen, wie Haiti, Afghanistan oder Somalia. Eine Aufregung darüber hätte den Fans schließlich ihre ach so tolle WM-Stimmung vermiest. Schlimmer – sie wären vielleicht dann ebenfalls abgewiesen worden. Die Grenzbeamten der USA verstehen bekanntlich keinen Spaß.
Die richtige Konkurrenz der Nationen findet nicht auf dem Spielfeld statt
Die Fans des Siegers kehren nach dem Finale heim und machen, so wie die Fans der 47 Verlierer-Mannschaften, weiter mit dem vor der WM-Pause: Arbeiten und arbeiten lassen für den Reichtum der Nation. Sich mit ihrem Staat identifizieren, der das mit seiner Gewalt absichert – nach innen, aber auch nach außen gegen die vielen anderen Staaten, die etwas gegen den Erfolg der eigenen Nation einzuwenden haben. Schließlich konkurrieren alle Nationen um Macht und Geld auf der Welt. Entsprechend ungemütlich geht es zu.
Dagegen ist solch eine Fußball-Weltmeisterschaft beinahe ein Hort des Friedens. Jedenfalls gibt es weniger Tote, und Reparationen nach verlorenen Spielen werden auch nicht fällig. Sind halt keine richtigen Kriege. Die Ehre der Nation wird hier nicht auf dem Schlachtfeld verteidigt, sondern auf dem Spielfeld. Und weil sich dort die Konkurrenz der Staaten nicht entscheidet, sind die Konsequenzen weniger hart. Dann wird halt der Bundestrainer entlassen und über die Spieler ein Kübel Spott ausgeschüttet. Aber beim nächsten Turnier muss es besser werden!




OFF
Jens Spahn ist zurückgetreten. Eine gekonnte Inszenierung vom Fachmann für
Frauenzeitschriften, Home Storys und Ehemann Daniel Funke, Journalist und Lobbyist beim
Burda Verlag. Viel Spaß im Erziehungsurlaub mit staatlichem Elterngeld und den übrigen Millionen.
Solange in Schland die Justiz gegen den Sänger des Kinderliedes „Kleine Weise Friedenstaube“ ermittelt und den Menschenhändler Spahn in Ruhe lasst, ist das für mich eine Nicht- Nachricht.
Wie schon jetzt mehrfach seit Dekaden erwähnt, ist Fußball schon immer auch Teil des Problems gewesen.