
Ihr Lieben! Ich habe Angst. Angst vor dem Krieg. Angst um die Kinder, die Enkel. Jesus sagt: „Selig sind, die Frieden stiften.“ (Mt 5,9) Frieden ist unser Auftrag! Nach meiner Kenntnis ist das sofort, unverzüglich. [1] Aber die evangelische Kirche hält Atomwaffen jetzt für eine „Übergangslösung.“ [2] Halt! Stehenbleiben! Nur das Gewissen eines einzelnen Menschen hat bei einem Fehlalarm im September 1983 unsere atomare Vernichtung verhindert. [3] Da war ich 24 und frisch verheiratet. Von jener tödlichen Gefahr wussten wir da nichts, das kam erst viele Jahre später heraus.
Über das Schicksal unserer Kinder und Enkel entscheidet demnächst eine KI, eine kalte Intelligenz. Die hat kein Gewissen und keine Angst. Auf 10% schätzen Fachleute die Wahrscheinlichkeit, dass die Menschheit auf diese Weise ausgerottet werden wird. [4] Wir haben einen Revolver in der Hand. Die Trommel hat 10 Kammern und in einer davon steckt die Kugel. Weg damit und Jesus nach! Auf zum Frieden mit uns selbst!
Als unsere Kinder klein waren, haben sie aus dem Kindergarten der Michaelsgemeinde ein Tischgebet nach Hause gebracht: „Lieber Gott ich danke dir, dass du uns zu essen gibst.“ Das machen wir bis heute so, denn es erinnert uns daran, dass wir in Gottes Hand sind. Im Gemeindesaal haben wir damals mit der Initiative „Drogenfreier Herrngarten“ mit Junkies und der Sozialdezernentin um eine Lösung gerungen. Vorbei. Im Advent 2024 hat die Zeitung mit den fetten vier Buchstaben den Pfarrer gehetzt [5a], denn Mitfühlen mit Palästinensern ist heute Antisemitismus; Schweigen zu Israels Terror ist „Staatsräson.“
Nein! „Zerbrochene Herzen verbinden“, (Jes 61,1) „den Frieden ausbreiten wie einen Strom“ (Jes 66,12): Dafür sind wir da! Es gab Solidarität [5b], aber das Dekanat hat den Pfarrer abberufen und die Gemeinde aufgelöst. [5c] Ein guter Hirtendienst war das nicht. Auch unser Staat ist kein guter Hirte, der uns zu grünen Auen und frischem Wasser führt. (Psalm 23,2) Der Staat sieht in uns nur das Vieh, das brav die Milch liefert für seinen Krieg, bis die Euter leer gesaugt sind.
Während unseres Ferienaufenthalts Ende Juli 2023 in Allensbach ist dort gerade Dorffest, mit Gottesdienst im Freien. Eine Blaskapelle in Lederhosen macht die Musik. Der Pfarrer hat viele Glocken vor sich aufgebaut, bimmelt damit und fragt die vor ihm sitzenden Kinder nach der Bedeutung. Dann erzählt er von der Zeit, als in Deutschland die Glocken nicht mehr geläutet haben, weil man ihr Metall eingeschmolzen hat, um daraus Panzer und Granaten zu bauen. Da wird es still auf dem Dorffest am Bodensee. Solche Momente lassen hoffen.
„Nun aber.“ (1. Kor 13,13) So hat unser Pfarrer diesen Ostern die frohe Botschaft von Jesus eingeleitet. Mein „Nun aber“ Moment war im Februar 2021, ein Jahr vor Kriegsausbruch, als man bei uns rief: „Wir wollen einen Regimewechsel in Russland.“ [6] „Was haben wir da zu wollen?“ [7] Sind wir wieder die Guten? Das haben wir beim letzten Mal auch geglaubt. Wir sehen den Splitter im Auge des Bruders, den Balken im eigenen Auge (Mt 7,3) sieht meist erst die nächste Generation.
Mein Vater war Flakhelfer mit 16, Soldat an der Ostfront mit 18, 3 Jahre in Gefangenschaft. Seine Erfahrungen und Erzählungen haben mich durchtränkt und dauerhaft gegen den Krieg imprägniert. Auch für ihn stehe ich hier. Ich hoffe, dass ich euch erreicht habe, die Mauern und Denkverbote durchbrechen konnte, die die Rhetorik des Krieges überall errichtet hat.
Glauben, lieben, hoffen (1. Kor 13,13), mitleiden und vergeben, Frieden stiften und helfen: Das sind unsere sieben Aufgaben. Das ist unser Weg in eine friedliche und liebevolle Zukunft. Das ist unser Licht in dunkler Zeit. Im Vertrauen auf einen gnädigen Gott sprechen wir jetzt alle gemeinsam Vers 4 aus Psalm 23: „Und ob ich schon wanderte im finsteren Tal, fürchte ich kein Unglück; denn du bist bei mir, dein Stecken und Stab trösten mich.“
Das war die Rede, mit der ich die Gemeinde der Kreuzkirche Darmstadt-Arheilgen samt Pfarrer am 10. Mai 2026 zum Ende des Gottesdienstes überrascht habe. „Das hat nicht jedem gefallen“ sagte mir hinterher jemand beim Kaffee und fügte dann hinzu: „Das müsste es viel öfter geben.“ „Ich bin nicht mit allem einverstanden, aber vielen Dank für ihre Courage“, meinte ein anderer. „Übergestülpt“ sei das gewesen, fand eine ältere Dame. „Was sollen wir jetzt machen?“, hörte ich eine andere fragen. Zurück zu Jesus. Zurück zur Bergpredigt. Das wäre ein guter Anfang.
Im Gottesdienst haben wir das Lied gesungen: „Wohl denen, die noch träumen.“ [8] Da heißt es: „Die noch Gefühle zeigen und gegen Unrecht sind, die an der Welt noch leiden und weinen wie ein Kind, die, guter Gott, lass nicht allein. Wir brauchen ihre Wärme. Lass sie uns Vorbild sein!” Das ist meine Hoffnung.
[1] Schabowski, Günter (9.11.1989) Pressekonferenz. Ost-Berlin. https://www.youtube.com/shorts/kt_c396euYc
[2] Evangelische Kirche Deutschland (2025) Welt in Unordnung – Gerechter Friede im Blick. Evangelische Friedensethik angesichts neuer Herausforderungen, Vorwort, S. 9. 2. Aufl., Leipzig: Evangelische Verlagsanstalt. https://www.ekd.de/ekd_de/ds_doc/denkschrift-welt-in-unordnung-EVA-2025.pdf
[3] Petrow, Stanislaw (18.02.2013). Der rote Knopf hat nie funktioniert. Interview, geführt von Stefan Locke. https://www.faz.net/aktuell/gesellschaft/menschen/offizier-petrow-im-gespraech-der-rote-knopf-hat-nie-funktioniert-12084911.html Frankfurter Allgemeine Zeitung: Frankfurt.
[4] Krueger, David Scott (Univ. of Montreal) (29.4.2026) „Most AI experts, publishing in the top AI news, think that there is at least a 10% chance of human extinction or something equivalent bad coming from AI.“ Panel Discussion: The Existential Threat of AI and the need for international cooperation mit Bernie Sanders, Max Tegmark (MIT), Xue Lan (Tsinghua Univ) und Zeng Yi (Beijing Inst. For AI Safety)
https://www.youtube.com/watch?v=wjBfS3AEk2c (ab Minute 23:00)
[5a] Detsch, Claudia (17.12.2024) Antisemitismus-Skandal in Darmstadt. Judenhass auf dem Kirchen-Weihnachtsmarkt. https://www.bild.de/regional/hessen/antisemitismus-in-darmstadt-judenhass-auf-dem-kirchen-weihnachtsmarkt-676161b7020f6f676c242829
[5b] Wilde Friedenskirche (März 2025 ) Solidarität mit den Veranstaltern „Anti-kolonialistischen FRIEDENSweihnachtsmarkts Michaelsgemeinde“ https://www.openpetition.de/petition/online/solidaritaet-mit-den-veranstaltern-anti-kolonialistischen-friedensweihnachtsmarkts-michaelsgemeinde
[5c] Stellungnahme der Evangelischen Kirche Hessen und Nassau (17.12.2025) https://www.ekhn.de/artikelvorschau/stellungnahme-weihnachtsmarkt-der-michaelsgemeinde
[6] Felbermayr, Gabriel (11.2.2021) im Gespräch mit Katharina Peetz. „Wir wollen nicht weniger als einen Regimewechsel in Russland.“ https://www.deutschlandfunk.de/neue-eu-sanktionen-gegen-russland-europa-allein-kann-nicht-100.html Audiomitschnitt ab 0:1:50. Deutschlandradio: Köln
[7] Nold, Stefan (24.3.2021) Mit friedlichen Grüßen. Zeitgeschehen im Fokus Jg 6, Nr 4/5- Dietlikon.
[8] Rahn, Uwe (2007) Wohl denen, die noch träumen. Melodie: Heinrich Schütz (1661). Lied Nr 41, Gesangbuch Egplus (3. Auf.l 2017) Ev. Kirche in Hessen-Nassau und die Ev. Kirche Kurhessen-Waldeck.



(Zitat aus Ihrem Text:) „Als unsere Kinder klein waren, haben sie aus dem Kindergarten der Michaelsgemeinde ein Tischgebet nach Hause gebracht: „Lieber Gott ich danke dir, dass du uns zu essen gibst.““
Bei uns war es „Komm Herr Jesus, sei unser Gast, und segne, was du uns bescheret hast“.
Die Gastlichkeit spüre ich bis heute noch als Bestandteil meiner „privaten Person“ 😉 Vielleicht nicht schlecht, sowas als mögliche Prägung schon früh anzubieten.
Im Buddhismus kennt man das als erstrebenswertes Geistesmerkmal „Großzügigkeit“ …
Vielen Dank, Herr Stefan Nold, für Ihre Beiträge hier!